1Q84

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1Q84. Buch 1&2

Ursula Gräfe (Übersetzer). DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG 2012, Gebundene Ausgabe, 1024 Seiten, € 24,90

Rezension von: Verena80 | Rezensionsdatum:

“ von Haruki

Inhalt:

Japan im Jahr 1984: Die junge Aomame ist nicht nur gefragte Fitnesstrainerin, sie ist auch als Auftragsmörderin äußerst erfolgreich. Als Opfer dienen ihr hierbei ausschließlich Männer, die gewalttätig gegen Frauen wurden. Auf einer Taxifahrt zu einem solchen Termin gerät sie in einen Verkehrsstau, verlässt aus Zeitmangel zu Fuß die Autobahn – und marschiert geradewegs hinein in die seltsame Parallelwelt „1Q84“.

Zur selben Zeit hilft der Mathematiklehrer und angehende Schriftsteller Tengo, das vielversprechende Manuskript der 17jährigen Fukaeri fertigzustellen – und sieht sich auf einmal konfrontiert mit einer Welt, die nicht mehr die ist, in der er zu leben glaubte. Wohin ist seine Geliebte verschwunden? Was hat es mit seinem Vater auf sich? Und woher kommen die zwei Monde, die Nacht für Nacht am Himmel stehen? Immer stärker reift in Tengo der Verdacht, selbst Teil des ominösen Manuskriptes zu werden…

Obwohl sich Aomame und Tengo in der ganzen Erzählung nicht persönlich begegnen, sind ihre Geschichten schicksalshaft miteinander verwoben: Unfähig zu tiefer gehenden emotionalen Bindungen, bewältigen sie ihren jeweiligen Alltag allein. Die Leere in ihrem Leben kompensieren sie mit Arbeit und unpersönlichem Sex. Und doch erinnern sich beide über die Einsamkeit hinweg an den einen Moment ihrer gemeinsamen Schulzeit, als sie sich für an den Händen hielten – nur, um sich danach für immer aus den Augen zu verlieren.

Haruki Murakami erzählt die Geschichte von Aomame und Tengo in parallelen, sich nicht berührenden Handlungssträngen. Über 1000 Seiten lang verfolgt der Leser in abwechselnden Kapiteln die Suche der beiden nacheinander und gerät dabei in eine wahrhaft abgründige Welt, in der sexuelle Abhängigkeiten, Missbrauch, familiäre Vernachlässigungen und religiöser Wahn den Alltag bestimmen.

Entweder mit der Welt stimmt etwas nicht oder mit mir, dachte sie. (…) Liegt es am Topf oder am Deckel?“


„1Q84 – so werde ich die neue Welt nennen, entschied Aomame. Q für question mark – Fragezeichen.“

Dieser Satz von Murakami beschreibt sehr treffend den Zustand, in dem sich auch der Leser zunehmend befindet. Gab es im Orwellschen Kosmos „1984“ noch den „Big Brother“, der sein totalitäres Auge auf die Menschen richtete, ruft Murakami kontrastierend die „Little People“ auf den Plan. Diese mysteriösen Wesen, deren Absichten bis zum Ende des Buches nicht eindeutig klar werden, nutzen verschiedene Durchgänge, um in die Welt zu gelangen. Dass dies schon einmal das Maul einer toten Ziege sein kann, führt den Leser nur noch tiefer in die abgründige Welt des Haruki Murakami.

Fazit:

Trotz aller Mysterien, trotz aller Konstruktionen und schwer zugänglichen Welterklärungen, ist „1Q84“ ein poetisch und ruhig erzähltes Werk, welches von der ersten Seite an zu fesseln weiß. Die Identifikationsmöglichkeiten mit den handelnden Figuren sind mitunter gering und auch die Lesersympathien müssen sie sich erarbeiten. Und dennoch wartet und hofft man zusammen mit diesem einsamen Pärchen darauf, dass die Rätsel der Welt sich lösen lassen und die wahre Liebe ihren Weg findet.

Murakami erweist sich einmal mehr als Meister des Doppelbödigen und Tiefgründigen, an dem auch ein David Lynch seine helle Freude haben würde. Der oftmals ratlose Leser wiederum weiß sich in guter Gesellschaft, schließlich kommen auch Aomame und Tengo im Verlauf der Handlung immer wieder an die Grenzen ihres Verstandes. Der Roman verlangt dem Leser einiges ab, nicht zuletzt die Fähigkeit, Unklarheiten auszuhalten. Wer sich jedoch einlässt auf Murakamis mysteriöses „1Q84“, wird reich belohnt mit einem Text voller zurückhaltender Sprachschönheit und Momenten intensiver Seelenschau.

Schwierig wird es allerdings, den Roman einem Genre zuzuordnen. Es lässt sich von allem etwas finden: Die Liebesgeschichte wird kontrastiert durch verbrecherische Machtausübung, Familiendramen haben ebenso ihre Berechtigung wie fantastische Elemente. Dennoch ist der Roman nie willkürlich, alles hat seinen Platz, geht in einem stimmigen Rhythmus nebeneinander oder miteinander einher.

Einziges Manko: Das vorliegende Buch besteht aus zwei Teilen, der dritte und letzte Teil erscheint erst gegen Ende des Jahres. Um dann erneut in die Geschichte einzusteigen, bedarf es entweder einer wiederholten Lektüre oder eines immensen Gedächtnisses.

Am Ende des Romans angelangt, taucht man selbst nur mühsam aus den verschobenen Welten auf, und wagt vielleicht einen heimlichen Blick hinauf zum Himmel, um sich zu vergewissern, dass es nicht doch so sein könnte: „Am Himmel standen zwei Monde. Ein großer und ein kleiner. Nebeneinander.“

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