Allein zu Hause

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Allein zu Hause

Susanne Scholl. Ecowin Verlag 2011, Gebundene Ausgabe, 176 Seiten, € 21,90

Rezension von: B.Agada | Rezensionsdatum:

Allein zu Hause von

Sie kommen aus dem Kosovo, aus Aserbeidschan, Afghanistan, Tschetschenien, dem irakischen Kurdistan, Nepal, Chile, Nigeria, Ghana und Côte d’Ivoire (Elfenbeinküste). Sie haben unmenschliche Leiden, Vergewaltigung und grausame Folter erlebt, bevor sie sich auf den schwierigen Weg machten, um ihren Kindern ein menschenwürdiges Leben zu suchen. Nach schwierigsten Umwegen, verfolgt und von Hunger und Krankheit erschüttert und ausgemergelt kommen sie in Europa an und freuen sich schon über eine alte Decke und eine warme Suppe. Doch in Österreich haben sie nicht mit körperlicher Folter zu kämpfen sondern mit der „Paragraphen- und Behörden-Folter“.
Die schlimmsten dieser Schicksale werden in den Nachrichten gezeigt, aber dann ist es für die Leidenden oft schon zu spät, Anschläge auf Asylantenheime, Tod bei der Abschiebung, unmenschliches Vorgehen der Polizei, die einem Abgeschobenen Mund und Nase mit Plastikband verklebt, so dass er grausam erstickt.

Flüchtlinge stören die „öffentliche Ordnung“
In diesem Buch geht es um zehn ausgesuchte Schicksale von Familien mit Kindern, jungen Leuten, Frauen und Männer, Müttern mit Babys und Kleinkindern, die in Österreich arbeiten und ein normales Leben führen möchten. Doch sie können oder dürfen nicht arbeiten bzw. ein normales Leben führen, denn die Behörden lassen sie nicht leben wie normale Bürger, denn sie sind Flüchtlinge.
Es wird ihnen Asylmissbrauch vorgeworfen, Betrüger zu sein. Familien werden getrennt mit dem Hinweis, sie seien weniger wichtig als die „öffentliche Ordnung“. Es wird ihnen das Recht abgesprochen, sich in Österreich integrieren zu wollen, obwohl sie Deutschkurse erfolgreich abgeschlossen haben, sich den österreichischen Lebensgewohnheiten anpassen und vielleicht schon jahrelang erfolgreich in ihren Berufen arbeiten.

Hilfesuchende werden als Lügner bezeichnet
Äußerste Not, Hunger, Elend, Krieg, Verfolgung zwangen diese Menschen ihr Heimatland zu verlassen und in dem freien, offenen, freundlichen Österreich glaubten sie neu anfangen zu können. Doch dies gelingt nur den wenigsten. Sie sind nicht willkommen.
Viele werden nur geduldet, werden nach langem Warten, Hoffen und Bangen doch abgeschoben. Die Asylbehörden kümmern sich nicht darum, wie es den Abgeschobenen in ihren Ländern gehen wird, ob sie nicht wieder verfolgt oder gar ermordet werden, weil sie Kurden im Irak sind, Homosexuelle in Äthiopien oder Nigeria, Flüchtlinge aus Eritrea, die nach ihrer Rückkehr ermordet werden, weil sie als Flüchtlinge Staatsfeinde der Diktatur wurden, an schweren Krankheiten leiden, die in ihrem Heimatländern nicht behandelt werden können und den sicheren Tod bedeuten und politischer Willkür ausgesetzt sind. Und sie bezichtigen die Hilfesuchenden als Lügner, wenn sie aus einem Dorf in Ghana in dem Bürgerkrieg herrscht, flüchten, das die österreichischen Beamten nicht kennen.

Menschen mit Zivilcourage helfen Asylsuchenden
Es müssen die einfachen Menschen sein, Leute mit Zivilcourage, die die Schicksale der Asylsuchenden kennen und diese als freundliche, hilfsbereite Leute kennen gelernt haben, auf die Gerichte zu und auf die Straße gehen, um für ihre Nachbarn zu kämpfen, damit die zuständigen Behörden aufwachen und nochmal über das nachdenken, was sie den hilflosen Menschen und Familien mit kleinen Kindern angetan haben.

Fazit
Ein Buch, das deutlich macht, mit welcher Ignoranz die Behörden ihre Paragraphen durchsetzen (zum Wohl Österreichs) und die kein Herz für das Schicksal Einzelner haben. Keiner verlässt sein Land aus Not, wenn es einen Ausweg gäbe und lässt sich wie einen Verbrecher behandeln wenn er nur ein menschliches Leben führen möchte, ohne Gewalt und Diktatur. In seiner Not erreicht er Österreich (oder Deutschland, Frankreich, Schweiz) und wird empfangen als würde er Österreich mit seiner Anwesenheit in den Ruin treiben.
Ein Buch, das bewegt und aufrüttelt. Dies kann nur jemand schreiben, der sich durch den eigenen Lebensweg in diese beschriebenen Leben der Flüchtlinge hineinversetzen kann.
Allein zu Hause, der Titel zeigt nicht die ganze Problematik auf, um dem erschütternden Inhalt gerecht zu werden.

Die Autorin Dr. Susanne Scholl führte Interviews und setzte sich für die Flüchtlinge ein, die Hilfe brauchen. Die Auszüge ihrer Korrespondenz mit dem österreichischen Innenministerium, dem österreichischen Bundeskanzler zeigen deutlich, dass es für einen mit der deutschen Sprache aufgewachsenen Einheimischen bereits schwierig ist, dieses Beamtenhochdeutsch zu entschlüsseln. Wie sollte es dann einem gerade Angekommenen gehen, der um Hilfe bittet?
Sie kehrt nach zwanzigjährigen Auslandsaufenthalten, unter anderem in Russland nach Österreich zurück. Natürlich heißt man sie nach all den Jahren der Abwesenheit willkommen in Österreich, ihrer Heimat, doch die Flüchtlinge und ihre Kinder, die letztendlich in Österreich ein neues Leben begannen, deren Kinder in Österreich geboren wurden und österreichische Staatsbürger sind, werden auch noch nach Jahrzehnten als Ausländer betitelt.

Autorin
Die Journalistin Dr. Susanne Scholl hat Slawistik studiert und arbeitete ab 1985 als Auslandskorrespondentin des ORF in Osteuropa, ab 1989 in Bonn und ab 1991 in Moskau. Sie lebt seit 2009 mit ihrer Familie wieder in Wien und arbeitet als freie Journalistin. Für ihre journalistische Arbeit hat sie mehrere Preise und Auszeichnungen erhalten. Von Susanne Scholl wurden bisher drei Romane und ein Gedichtband veröffentlicht.

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