Als ich im Sterben lag

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Als ich im Sterben lag

Albert Hess (Übersetzer). Diogenes Verlag 2012, Taschenbuch, 176 Seiten, € 9,90

Rezension von: Ragan Tanger | Rezensionsdatum:

William Faulkner: Als ich im Sterben lag

Leichenzug der Eitelkeiten

Worum es geht, zeichnet der Autor kurzerhand selbst in seinem Roman. Auf Seite 60 oben findet sich ein sechseckiger Sarg, mitten im Text hinein gemalt. Ein Alptraum für Drucker und Setzer, wahrscheinlich auch heute noch, bestimmt aber zu Zeiten, in denen dieses Buch des Nobelpreisträgers William Faulkner zum ersten Mal erschien.

1930 war es, ein Jahr vor Veröffentlichung des Romans Die Freistatt, mit dem der Südstaaten-Autor anfangen konnte sich und seine Familie vom Schreiben zu ernähren. Bevor er später auch noch Nobelpreisträger wurde, zu dessen Verleihung er im Übrigen dringlichst überredet werden musste, ist dieser dichte Kollagenroman ein Zeugnis des frühen, eigenbrötlerischen und stilrevolutionären Weltliteraten.

Warum sich William Faulkner, der eigentlich Falkner hieß, ein zusätzliches U in seinen Nachnamen schreiben ließ, bleibt ebenso ungeklärt wie die Frage, warum Menschen wie er in sich gekehrt, öffentlichkeitsscheu und alkoholkrank werden.

Fakt ist jedenfalls, dass Faulkner eine tiefe, rabiate, irgendwie archaische Persönlichkeit gewesen ist, die in den tumben, brutalen, rücksichtslosen, aber auch so zerbrechlichen Charakteren seiner Schriften ihren Spiegel findet – vor allen Dingen in den fünfzehn Angehörigen der Familie Bundren, die sich aufmachen ihr Familienoberhaupt, Mutter Addie, in ihrer Heimatstadt Jefferson im UNS-Bundesstaat Mississippi zu begraben.

Der Leichensarg samt dem Zug der Meute hat 40 Meilen zu Fuß und per Maulesel zurückzulegen und somit genügend Zeit, Einblicke in die Abgründe der einzelnen Persönlichkeiten zu werfen.

Auch aus der Sicht eigentlichen Toten Addie Bundrens erzählt Faulkner den Plot – eine von vielen stilistischen Großartigkeiten, die seinerzeit und auch heute noch für Furore sorgen. 

Pulp Fiction in Buchform, Zeiten jonglierend, Handlungsstränge verwebend, Tote – eben Addie – in die Ich-Perspektive des Erzählgremiums einbeziehend; garniert wird das Ganze mit stets verschachtelten Sätzen, Attributivkonstruktionen in Hülle und Fülle und einer tragikomischen Grundstimmung, die besonders diesen Roman, in denen weniger der Tod der Matriarchin als der Missbrauch, die Grobschlächtigkeit und die Perversion der verbliebenen Männer, Söhne und Töchter für emotionale Spannung sorgt.

Die einzelnen Abschnitte werden schlicht mit dem Namen desjenigen  überschrieben, der nun an der Reihe ist. Keine Kapitel, keine Seitenumbrüche, es geht alles nahtlos ineinander über und ist durch die unterschiedlichen Sichtweisen doch ganz klar voneinander getrennt.

Ort der Handlung ist das für Faulkner so einzigartige Yoknapatawpha County, eine fiktive Region im Süden der USA, und Platz zahlreicher Romane des Amerikaners. Ein weiterer Kniff, der in der Geschichte der Weltliteratur relativ einzigartig ist.

Fazit:

Faulkners Psychologie ist betörend und abstoßend zugleich, einfältig und tiefsinnig. Wenn die kaputten Lederschuhe über die von der Sonne verbrannte Erde stampfen, kann man als Leser den getrockneten Lehm spüren, den Schweiß den Rücken herunterrinnen fühlen und den Atem mit stoßen.

Faulkner macht irgendetwas mit einem, das einen in die Höhle der menschlichen Urzeit nimmt, mit seinen Grundtrieben, mit seiner physischen Einzigartigkeit, mit seiner Sterblichkeit. Der Leichenwagen holpert beständig weiter, folget der Prozession und lebt.

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