Auftauchen, um Luft zu holen

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Auftauchen, um Luft zu holen

Helmut M. Braem (Übersetzer). Diogenes Verlag 2013, Taschenbuch, 304 Seiten, € 10,90

Rezension von: Ragan Tanger | Rezensionsdatum:

George Orwell: Auftauchen, um Luft zu holen

Ein Schrei wider der Moderne

Great Britain – Großartiges Britannien. Admiral Nelson, James Watt, Maschinen, Industrie, Philosophie und Religionsfreiheit. John Locke, Isaac Newton, Adam Smith. Seit über 200 Jahren Empire. Nicht nur Königreich, sondern Weltreich. Großartiges Britannien eben. Wer schon einmal dort war, der wundert sich vielleicht ob der infrastrukturellen Bescheidenheit. Die Landgutshäuser sind im Besitz der wenigen Eliten, der Großteil der Bevölkerung lebt in kasernenähnlichen Backsteinhäusern. Heute wie vor 200, wie auch vor 80 Jahren. Genau zu jener Zeit spielt der Roman Auftauchen, um Luft zu holen von George Orwell.

Fatty Bowling, der Ich-Erzähler, lebt in einer dieser roten Backsteindoppelhaushälften und portraitiert sich, sein Leben, seine Arbeit und eben auch seine englische Gesellschaft der 1930er Jahre in schonungsloser Art und Weise. Abhängigkeiten vom Arbeitgeber sowie der politischen und juristischen Exekutive, genervt von Frau und Kindern und von Armut im angeblichen Wohlstand. Wie Orwell die Minizimmer der eigenen Wohnung oder den angeblichen Garten als synthetische Zuchtstelle für degenerierte Erdbewohner anprangert: das ist Sozialdrama, das aktueller nicht sein könnte.

In jeder seiner Zeilen atmet der Duft der Rebellion, der Hass auf die Mächtigen, die Ohnmacht und die gleichzeitig aufkeimende Kraft, sich gegen all dies zu stemmen. Mitreißend und authentisch. Wer noch nie bei der Farm der Tiere, Orwells populärstem Werk, bei der Stelle geheult und geschrien hat, als Pferd und Esel von den Schweinen zum Schlachthof gebracht werden, der ist entweder kein Mensch oder eben Teil jener Schweinebande – gibt es ja auch genügend.

Was Orwell so authentisch macht? Eigentlich ist er in gut bürgerlichen Verhältnissen aufgewachsen, hat Eton und Wellington besucht und begann eine große Militärkarriere im damaligen Kolonialstaat Burma zu machen. Was ihm da widerfahren ist, hat ihn zeitlebens geprägt und auf die Seite der Anderen verschlagen. Angewidert von Machtgehabe und Ausbeutung im Inneren wie im Außen, quittierte er seinen Dienst, beschloss Schriftsteller zu werden und lebte fortan mehr schlecht als recht; er war mehrmals kurz davor auf der Straße zu leben, um schließlich bisweilen dort auch zu landen – wohl der Grund für seinen frühen Tod 1950 aufgrund eine Tuberkulose.

All seine literarischen Produktionen sprechen gesellschaftliche Problematiken an, seien es Klassenkampf, Krieg oder Unterdrückung. Der Protagonist dieses genialen Buches erinnert sich an seine Kindheit, sein Dorf und die Natur dort, die sich so sehr von den Schloten der Städte unterscheidet. Reminiszenzen, die unerfüllt bleiben, wie sich im weiteren Verlauf herausstellt. Dennoch kein trauriges Buch, sondern ein aufrüttelndes, ein pulsierendes, das von der immensen Kraft des Autors und seines unnachahmliche Stils lebt.

Fazit:

George Orwell gilt es (wieder) zu entdecken. 1984 und Farm der Tiere sind zeitlose, unheimlich wichtige Klassiker, Coming up on air, so der Originaltitel ist nicht minder kraftvoll und bewegend. Die Reihenhäuser, die den Mensch kasernieren, sind Symbol und Einladung auf dem Buchcover der -Neuausgabe, sich diesem Wahnsinn ganz bewusst anzunähern.

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