Mathinna

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Mathinna

Peter Knecht (Übersetzer). Atrium Zürich 2009, Gebundene Ausgabe, 304 Seiten, € 14,90

Rezension von: Ratte | Rezensionsdatum:

: Mathinna – Barbarei der Zivilisation

Tasmanien, damals noch Van-Diemens-Land, wird ab etwa 1800 von den Briten kolonisiert. Nur etwa 30 Jahre später sind fast alle Eingeborenen von Tasmanien ausgerottet. Die wenigen Überlebenden werden auf eine kleine Insel verfrachtet und vegetieren dort unter „Aufsicht“ der Weißen, die sie „zivilisieren“ wollen, dahin. Die meisten der Angesiedelten sterben an Krankheiten. Tasmanische Aboriginies wurden vollständig ausgerottet.

So viel zum benötigten Vorwissen. Flanagan, selbst auf Tasmanien geboren, erzählt die Geschichte eines Aboriginie-Mädchens, Mathinna. Neben Mathinna spielen auch Lord und Lady Franklin (er Polarforscher, später Gouverneur von Tasmanien, nach Abberufung wieder in London) und Charles Dickens eine Hauptrolle, besonders letzterer. Mathinna wird mit sieben Jahren in das Haus von Sir Franklin geholt, dem einstigen Gouverneur von Van-Diemens-Land, der als Polarforscher ruhmreich in die Geschichte eingehen wird. Charles Dickens erhält der Jahre später von Lady Jane Franklin, der Frau des Polarforschers, den Auftrag, das böse Gerücht zu widerlegen, ihr inzwischen im Eis verschollener Mann – Inbegriff aller Tugend und Größe der englischen Kultur – sei dem Kannibalismus verfallen und damit nichts als ein barbarischer Wilder. Aber eigentlich ist „Begehren“ das Hauptthema des Romans, vor allem das unterdrückte Begehren.

Die Europäer im Roman sehen ihre kulturelle Höherwertigkeit gegenüber den Wilden gerade darin, dass sie ihr Begehren, ihr Verlangen kontrollieren können – Engländer werden niemals, unter welchen Umständen auch immer, zu Kannibalen. Lady Jane Franklin unterdrückt ihr Verlangen nach Mutterliebe und behandelt Mathinna, die sie adoptiert, besonders kalt und abweisend. Das siebenjährige „wilde“ Mädchen soll als Testfall dienen, ob man die Eingeborenen überhaupt zivilisieren könne. Sir Franklin begehrt Mathinna, weil er sie als die Verkörperung des Wilden sieht, das er so gar nicht hat. Charles Dickens entdeckt die Liebe und stellt fest, überrascht, dass er sein Begehren nach Nell nicht kontrollieren kann.

Robinson, Jäger der Schwarzen, möchte gern ein guter Mensch sein, doch alles, was er tut, kehrt sich gegen ihn – weil er das Falsche tut in religiöser Verblendung. Sein Begehren, ein guter Mensch zu sein, wird zu seiner Qual. Mathinna wiederum ist keineswegs die Wilde, die ihre Wünsche auslebt, sie hat gar keine Möglichkeit dazu, ihr geschieht Unsägliches. Es gibt ein Gemälde von der Siebenjährigen, das man im Internet reproduziert findet. Es ist nicht, wie im Roman behauptet, verloren gegangen. Flanagan wollte auch keineswegs einen historischen Roman schreiben, er nimmt nur die historische Geschichte um das Kind Mathinna zum Aufhänger für seine Reflexionen zum Thema Begehren. Trotzdem ist die Geschichte dieses Kindes, der im Namen der Zivilisation unglaublich Furchtbares angetan wurde, zutiefst ergreifend. Vereinsamt, vom Alkohol zerstört, aus ihrer Kultur und Familie herausgerissen, lebt sie zuletzt vom Verkauf ihres Körpers und stirbt, hier sind die verschiedenen Quellen ungenau, etwa mit 17 Jahren.

Fazit

Das Buch ist keine einfache Lektüre, die verschiedenen Geschichten, die einander abwechseln und nur lose verknüpft sind und die elaborate Sprache verlangen konzentriertes Lesen.  Trotzdem lohnt es sich die Mühe auf sich zu nehmen. Wir können so eine vergangene Epoche viel besser verstehen. Und auch das Schicksal von Mathinna sollte nicht vergessen werden.

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