Bilal – Als Illegaler auf dem Weg nach Europa

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Bilal

Fabrizio Gatti. Kunstmann, A 2010, Gebundene Ausgabe, 460 Seiten, € 1,15

Rezension von: B.Agada | Rezensionsdatum:

Bilal – Als Illegaler auf dem Weg nach Europa von

Inhalt
In einer packenden und spannenden Erzählweise berichtet der italienische Journalist und Chefredakteur des „Espresso“, Fabrizio Gatti, von seiner Reise von Senegals Hauptstadt Dakar nach Dirkou im Nordniger. Hier endet seine erste große Etappe, weil eine Einreise nach Libyen für ihn zu riskant ist. Wieder zurück in Italien, schifft er sich nach Lampedusa ein, der ersten europäischen Insel, die über das Mittelmeer von Libyen aus erreichbar ist, das Ziel der afrikanischen Flüchtlinge.

Afrikaner haben feste Vorstellungen vom Leben in Europa
Fabrizio Gatti fliegt nach Dakar. Von hier aus reist er mit einem Überlandtaxi nach Kidira, um von dort mit dem Zug nach Bamako, die Hauptstadt Malis, zu gelangen. Unterwegs trifft er immer wieder Menschen, die ihn bitten, sie nach Europa mitzunehmen. Sie versprechen ihm bis zu drei Monatsgehälter, haben aber keine Vorstellung, was sie in Italien bzw. Europa erwartet und ob sie überhaupt eine Arbeit bekommen. Sie träumen von einem besseren Leben wie so viele Afrikaner, die versuchen mit den kleinen überfüllten Booten auf die kanarischen Inseln, nach Spanien oder Italien zu kommen. Einige ihrer Verwandten oder Bekannten haben es bereits geschafft und nun hoffen auch sie auf Erfolg.

Aus Vergnügen wird die Sahara nicht durchquert
In ihren Heimaltländern Liberia, Ghana, Senegal, Nigeria und anderen Ländern waren sie meistens der Korruption oder anderen Umständen, die sie nicht zu verantworten hatten, ausgesetzt und deshalb gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Anfangs hatten sie Arbeit und ein ausreichendes Einkommen, sie waren Lehrer, Studenten, Ladenbesitzer und hatten genügend vorgesorgt, um eine Familie zu gründen und sie zu ernähren. Die wenigsten versuchen nur aus Schwärmerei nach Europa zu kommen.

Aber oft geraten sie ohne Verschulden in Not, entweder durch schwere Krankheiten in der Familie, die viel Geld für eine Operation erfordert oder sie verlieren ihre Arbeit, weil der Arbeitgeber sie nicht mehr bezahlt oder durch ähnliche Dinge. Aber niemand kommt auf die Idee, die Sahara zu durchqueren, wenn es nicht einen wichtigen Grund gibt. Alles Geld wird zusammengespart oder geliehen, um dem Sohn, der Tochter, dem Ehemann, dem Vater oder Bruder die Reise zu finanzieren, in die so viel Hoffnung auf ein neues Leben in Europa gesetzt wird. Und damit fängt das Drama an.

Weiterreise ist nur durch Bestechung möglich
Schon an der Grenze zum Niger wird ihnen das erste Geld abgenommen. Der Grund sind korrupte Beamte, die von den Durchreisenden profitieren wollen, „Wer reisen kann, muss reich sein“ (Dieser Spruch von früher gilt also nicht mehr nur für Touristen). In Agadez, am Südrand des Air-Gebirges, gibt es eine Sammelstelle für die Weiterreise auf den völlig überladenen Lastwagen, die die Tenere nach Dirkou und weiter bis zur libyschen Grenze durchqueren. Auch hier werden die Afrikaner wieder um ihr Erspartes gebracht, oft bestohlen. Wer nicht zahlen kann, der wird um sein Gepäck „erleichtert“, manchmal geschlagen, das bedeutet Agadez ist für viele Endstation, weil sie kein Schmiergeld für die Weiterreise zahlen können.

Sklavenarbeit in Dirkou
Fabrizio Gatti hat sich mit einigen Leuten angefreundet und so ihre Geschichten und bisherigen Leidenswege erfahren. Aber es sollte noch schlimmer kommen. Nach der Fahrt durch die Tenere mit nur wenig Wasserstellen und vielen Pannen, kommen sie ausgelaugt, oft krank in Dirkou an. Wer hier noch einigermaßen gesund herkommt, Geld und Gepäck hat, kann glücklich sein. Nun steht die Durchquerung von Libyen bevor. Natürlich warten die nächsten Schleuser auf ihren Anteil. Wer weder Geld noch Gepäck hergeben kann, wird geschlagen und versklavt. Arbeit und Ausbeutung gegen Essen ohne Bezahlung, an ein Weiterkommen ist vorerst nicht zu denken. Teilweise leben sie schon Jahre in Dirkou, viele versuchen auf eigene Faust durch Libyen zu reisen, werden bald gefunden und zurückgeschickt; als „Gestrandete“ bezeichnen sie sich selbst.

Das Leiden nimmt kein Ende
Den Leidensweg dieser armen Leute kann man sich kaum vorstellen. Für den Autor sind sie die wahren Helden, die diese Strapazen auf sich nehmen, um sich und ihren Familien helfen zu können. Zu allem Unglück für diese Leute ändert die EU ihre Politik und lässt nun in Libyen Auffanglager bauen, damit die Afrikaner nicht mehr auf europäischen Boden gelangen und direkt wieder in ihre Heimatländer abgeschoben werden können. Von diesem modernen Menschenhandel profitieren nicht wenige und so nehmen auch Zigaretten, Drogen und Waffen ihren Weg durch die Sahara, mit Lastwagen, auf denen Menschen sitzen, die ihre Hoffnung auf ein besseres Leben noch nicht aufgegeben haben.

Bilal erreicht Lampedusa

Um die Umstände im Aufnahmezentrum in Lampedusa kennenzulernen, lässt sich Fabrizio Gatti als Bilal aus Kurdistan verkleidet aufgreifen. Er wird verhört und in völlig überfüllten, schmutzigen Räume zusammen mit hunderten Ankömmlingen zusammengepfercht. Manche werden geschlagen, das Essen reicht nicht für alle. Nachdem das italienische Fernsehen ein „vorbildliches, sauberes Bild“ gezeichnet hat, war er geschockt über die tatsächliche Situation der Räume ohne Privatatmosphäre. Das Aufnahmezentrum gleicht eher einem Gefängnis, denn einem vorübergehenden Aufenthalt mit Rechten für die Ankömmlinge. Während seiner Recherchezeit kamen etliche Boote mit teilweise mehreren hundert Personen in Lampedusa an.

Der Autor
Fabrizio Gatti ist Journalist und Chefredakteur der italienischen Zeitung „Espresso“, das italienische Pendant des Spiegels. Bereits vorher hat er unter falschem Namen als illegaler Erntehelfer und im Drogen- und Mafiamilieu recherchiert. Für seine Reportagen erhielt er 2007 den Europäischen Journalistenpreis; für sein aktuelles Buch „Bilal“ wurde er 2008 mit dem Premio Terzani ausgezeichnet.

Fazit
Eine Karte von Westafrika zeichnet den Weg nach, den Fabrizio Gatti bzw. tausende Afrikaner durch die Länder Senegal, Mali, Niger, Libyen bis an das Mittelmeer nehmen. Ein packender, erschütternder Bericht über das Drama der Menschen, die versuchen ein besseres Leben in Europa zu finden. Der Autor deckt die Machenschaften der Hintermänner, Schleuser, Schmuggler, korrupter Polizisten und Zöllner auf, die an diesem schmutzigen Geschäft verdienen. Die Übersetzerinnen Friederike Hausmann und Rita Seuß haben eine einfühlsame Sprache gewählt und dieses Buch für den deutschsprachigen Leser bestens aufbereitet.

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