Briefe in die chinesische Vergangenheit

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Rezension von: Kokoro | Rezensionsdatum:

Briefe in die chinesische Vergangenheit von

Inhalt
Der Roman ist als eine Art Tagebuch geschrieben, nämlich in Briefen, die der fiktive Chinese Kao-tai aus dem 10. Jahrhundert, der sich mithilfe einer selbstgebauten Zeitreisemaschine in das 20. Jahrhunderts versetzt hat, schreibt. Geplant war die Unternehmung eigentlich nur als eine Reise in die Vergangenheit, aber durch einen Fehler ist er auch vom Kurs abgekommen und nun ist er nicht am gleichen Ort in China – nur tausende Jahre später – gelandet, sondern er findet sich in München wieder. Nun muss Kao-tai „dank“ der Maschine 8 Monate in Bayern verbringen.

Seinem Freund, der zurückgeblieben ist, schreibt er regelmäßig Briefe über seine Abenteuer und Eindrücke, die er in der Gegenwart erlebt. Diese 37 Briefe bilden die Kapitel des Buches. Seine ersten Eindrücke zeigen, dass er die Landschaft und Gebäude, die er erwartet hat, nicht wiedererkennt – er ist ja am falschen Ort, auch verstehen die Menschen seine Sprache nicht und haben riesige Nasen! Dennoch nimmt sich ein Einwohner, von ihm Shi-Shmi (Schmidt) genannt, seiner an, bringt ihn in seine Wohnung und wird für die nächste Zeit sein Begleiter und Helfer.

Kao-tai schildert seinem Freund in der (chinesischen) Vergangenheit ausführlich, was er jeden Tag erlebt, natürlich aus historischer und chinesischer Perspektive. So wundert er sich darüber, dass die Menschen in München (Min-chen) immer so schreien, als würde gleich eine Prügelei ausbrechen, dass beim Straße-Überqueren plötzlich ein „großes Tier“ (Auto) auf ihn zurast, einen „grässlichen Heulton“ ausstößt, aber seine Richtung nicht so schnell ändern konnte und deshalb auf einen Baum „hinaufsprang“. Nach diesem Unfall lernt er, dass diese Ungetümer A-tao heißen und Eisenwägen sind. Von nun an wird er vorsichtig sein, die Straßen zu betreten, weil die „Teufelsdinger“ so schnell da seien.

Ähnlich einem heutigen Studenten, der ein Jahr im Ausland studiert, nimmt er seine neue Umgebung mit großer Neugier, manchmal Unglauben und etwas Ekel, aber immer positiv wahr: Er habe die Reise ja schließlich gemacht, um zu lernen. So isst er denn auch sein erstes deutsches Essen (hellgrauer körniger Brei mit schwärzlichen Stücken) und diskutiert so gut wie möglich mit den Polizisten nach dem Unfall.

Seinem Helfer in der Not, Herrn Shi-shmi, ist Kao-tai sehr dankbar, auch wenn dieser in einem Haus, das eigentlich kein Haus ist (sondern eine Wohnung), die so klein sei wie die Bude eines Bettlers (auch hat er weder Frau noch Konkubine und keinen Diener) und den er vom Rang nicht einschätzen kann, weil dieser seine Verbeugungen immer „exakt in gleicher Weise“ erwidere. Er hoffe nur, dass er nicht zu tief im Rang unter ihm stehe.

Nach wenigen Tagen genießt Kao-tai sein neues Leben, lernt immer mehr Vokabeln (z.B. Schai-we-ta = langandauernder Regen, Ma-l-ch = D-Mark, Ta-mam = Straßenbahn), obwohl er noch nicht weiß, ob die Farben der Regenschirme irgendwelche Rangstufen anzeigen. Immerhin erkennt er, dass „Weiber“ farbige Regenschirme und Männer schwarze Schirme benutzen, so dass er von nun an, wenn es regnet, schnell erkennen kann, welches Geschlecht er vor sich hat. In jedem Brief schildert er weitere Abenteuer, wie etwa den ersten Besuch eines Ladens, die Fahrt mit einer Straßenbahn mit automatisch öffnenden Türen („Nun ist es aber offenbar so, dass die Leute, denen diese Ta-mam-Häuser gehören, den Mechanismus nicht richtig beherrschen. Die Türen schließen sich oder öffnen sich, wie die Türen wollen, habe ich den Eindruck, nicht wie die Gäste des Hauses wollen.“).

Das Fehlen von Dienstboten fällt ihm immer wieder auf und auch das Essen bleibt ihm lange Zeit suspekt: „Hundefleisch gilt als ungenießbar, ja abstoßend. Dafür essen die Großnasen Kühe und Ochsen, und sie trinken Milch von Kühen, wenn ich zuschaue, und essen Derivate aus dieser Milch…, (die) Bu-ta und Kai-ße (heißen)…Kai-ße ist auch gelb und riecht stark nach ungewaschenen Füßen.“ Verständnisvoll schreibt er dann, dass es den Großnasen ja offenbar auch vor ihren eigenen Speisen ekele, denn sie fassten sie ja nicht mit den Händen an, sondern spießen sie mit „Gan-bal“ und „Tischsäbeln“ auf. Schließlich wird ihm klar: Die Welt wandelt sich… und Kao-tai schreibt philosophisch: „Sie nennen es Fort-Schritt. Schon ein sehr entlarvendes Wort (…) – der Schritt, der fort führt. Man möchte meinen, das sei etwas Bedauerliches, wenn man sich aus der gewohnten (…) Umgebung fortschreitet. Aber nein – (…) die Großnasen hier finden ihren Fort-Schritt wünschenswert und sogar tugendhaft. (…) sie schreiten fort. Wohin schreiten sie? Ich habe den Verdacht, sie wissen es nicht. Jedenfalls, scheint es mir, sie schreiten fort von sich selbst.“

Fazit
Die Schilderungen der Abenteuer und Verwunderungen, die sich Rosendorfer für seinen chinesischen Protagonisten ausdenkt, sind unglaublich treffend und komisch. Jeder, der schon einmal eine andere Kultur etwas länger erleben durfte, findet sich hier wieder: Die anderen sind komisch, man selbst ist der Nabel der Welt und die Beobachtungen und Einsichten basieren auf dem eigenen sozio-kulturellen Hintergrund. Das Buch ist sicherlich für jeden Leser etwas: Für Freunde Asiens ist es eine interessant geschriebene Geschichte mit von Rosendorfer sorgfältig recherchierten, aber nicht aufdringlichen Details zu Chinas Vergangenheit – angefangen von Maßeinheiten über Höflichkeitsgebräuche bis hin zu Sitten und dem täglichen Leben im alten China.

Der Leser bekommt auf sehr lustige Weise die Hektik und Schnelllebigkeit unserer heutigen Zeit wie einen Spiegel vorgehalten – man lacht sich über die Schilderungen halbtod, weiß aber gleichzeitig, wie wahr das alles ist und dass man wohl trotz dieser Einsichten nach Lektüre dieses Buches wieder auf die Straße tritt und genau diesen Lebensstil weiterpflegen wird. Freunde sprachlichen Ausdrucks werden ihre wahre Freude an der pointierten Ausdrucksweise Rosendorfers haben. Dieses Buch sollte bei jedem Leser zu Hause stehen, man kann auch nach dem Lesen des gesamten Buches ab und an ein kleines Kapitel lesen und sich aufheitern lassen. Und wem es gefällt: Rosendorfer hat 15 Jahre später eine Fortsetzung geschrieben („Die große Umwendung – Neue Briefe in die chinesische Vergangenheit“) – in diesem Werk kehrt Kao-tai 1999 nach München zurück und stellt fest, wie sehr sich die Welt der Großnasen in der kurzen Zeit geändert hat!

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