Das Geräusch einer Schnecke beim Essen

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Das Geräusch einer Schnecke beim Essen

Kathrin Razum (Übersetzer). Verlag Nagel & Kimche AG 2012, Gebundene Ausgabe, 176 Seiten, € 19,99

Rezension von: Ragan Tanger | Rezensionsdatum:

E.T. Bailey: Das Geräusch einer Schnecke beim Essen

Das schmeckt!

Demut kommt vor dem Fall. Oder auch schon mal danach. Die Britin musste die unangenehme Erfahrung einer komplizierten und langwierigen Viruserkrankung machen, die sie sich in einem Urlaub zuzog, und die sie fortan eine lange Zeit an Heim und Bett fesselte.

Just hier macht sie die eher zufällige Begegnung mit einer Schnecke, die zunächst der beiläufige Beilagenpart eines Geschenkes einer Freundin war – versteckt in den Blättern einer Topfpflanze, einem Veilchen.

Was sich daraus ergibt, ist beredtes Zeugnis wacher Präsenz – wenn man so will, ein Eckhart Tolle im realen Leben.

Erstaunlich mutet es schon an, wenn man gleich zu Beginn von der Autorin erfahren darf, dass sie als studierte Biologin bislang auf ihren Spaziergängen noch keine konkrete Erfahrung mit Schnecken gemacht hat, so als ob diese gar nicht in der Fauna zugegen wären.

Diese Skepsis, ein kruder Hauch von Desinteresse, überfällt Miss Bailey auch bei der ersten Begegnung. Was soll ich mit der Schnecke?,  fragt sie ihre Freundin, um hinzuzufügen, dass sie diese doch gleich wieder mitnehmen könne. Gut, dass sie es nicht getan hat und gut, dass Eilsabeth Tova Bailey ganz und gar autobiographisch einen Bericht – wenn man will eine moderne Novelle – über ihr Rendezvous mit der schleimigen Freundin verfasst hat.

Anfangs staunt man als Leser gemeinsam mit der Autorin über die Entdeckung der Langsamkeit beim Bewegen, vor allen Dingen aber beim Essen! Nicht von ungefähr und ganz bewusst ist hier die Beschreibung gewählt, die direkt an einen Klassiker der Weltliteratur erinnert.

Sten Nadolnys Entdeckung der Langsamkeit in Form eines zurückgebliebenen Jungen, der zum Kapitän aufsteigt, ist das psychologisch-emotionale Pendant zu diesem Werk. Doch Bailey macht es sich und uns einfacher als Nadolny.

Klare Worte, sinnvolle Absätze, gute Struktur, ganz und gar fesselnd, niemals langatmig bei der Besprechung des Langsamen. Knappe 170 Seiten, die runter gehen wie Butter. Klingt paradox, ist aber so. Man wird präsenter, ruhiger, entspannter und genießt jede Zeile und jeden Moment.

Nach den tatsächlichen Begegnungen und Beobachtungen werden im weiteren Verlaufe des Buches dann mehr und mehr enzyklopädische Information eingebaut. Biologische, zoologische, auch historische und geologische Hinweise in schmackhaften, herrlich unterhaltenden Passagen werden wie guter englischer Tee mit feinzarten Plätzchen dargereicht. 

Dabei geht sie – ganz akademischer Schule – sauber und recherchierend vor. Viele Zitate werden belegt, hinzu überschreibt jedes Kapitel ein Zitat bezüglich des Schneckenkosmos. Dabei hat Bailey – ebenfalls ganz die gute studierte Schule –  so ziemlich alles ausgegraben, was dazu veröffentlicht worden ist, auch aus längst vergangenen Jahrhunderten.

Fazit:

Ein sehr kurzweiliges, nachdenkliches (aber nicht melancholisches) und wichtiges Buch. Wie eingangs erwähnt, ein Eckhart Tolle für lebende Menschen. Der Theorie entkommen wird hier anschaulichste meditative Praxis, wirkliche Präsenz im Leben, an der Beobachtung einer Schnecke geübt, welche zur völligen Selbstvergessenheit führt – ob der Autorin bewusst ist, dass sie ganz nebenbei dem Ziel zahlreicher religiöser Vorstellungen nahe gekommen ist?

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