Das Mädchen, das aus dem Dschungel kam

Autorenwertung
  • Spannung
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  • Story
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  • Faszination
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  • Gefühle
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  • Hörspaß
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  • Gesamt
    4.5 Sterne4.5 Sterne4.5 Sterne4.5 Sterne4.5 Sterne
Rezension von: Ragan Tanger | Rezensionsdatum:

Marina Chapman: Das Mädchen, das aus dem kam: Eine Kindheit unter Affen

Real Dschungelcamp

Wenn doch den sogenannten Gebildeten nur klar wäre, das Fakt und Fiktion der gleichen selbstreferentiellen Wahrheit entspringen. Dass Geschichte, egal von wem sie geschrieben, erläutert oder berichtet wird, immer Teil des subjektiven Universums ist, und dass sie, man erinnere sich an den großen Historiker Hayden White, nur ein Teil tropischer Schreibekunst des jeweiligen Autors ist. Wozu diese universelle Erklärung, die Wahrheit und Mythos miteinander vermengen will und muss (weil es allzu menschlich ist)? Weil sich die sogenannten Experten, die Haare ausreißen, ob der faszinierenden Geschichte, die Marina Chapman passiert ist, die sie aufgeschrieben hat und die nun als Hörbuch herausgekommen ist.

Als fast 5jährige (also konkreter: als 4jährige!) wird die in Südamerika geborene Frau entführt und aus ungeklärten Gründen in den Dschungel geschleppt. Dort lernt sie mit Hilfe von Kapuzineraffen zu überleben, bevor der zweite Teil ihres jugendlichen Lebens sie als Sklavin und Prostituierte wieder in die Welt der Menschen bringt. So viel zum Plot in aller Kürze. Doch es ist nicht wichtig, was passiert, sondern wie es passiert ist. Und dass Miss Chapman, die heute in England als Kindergärtnerin lebt, die Gelegenheit  hatte, mit Hilfe ihrer Töchter ihre eigene Geschichte zu rekapitulieren und von einer Ghostwriterin aufschreiben zu lassen.

Diese Ghostwriterin – Lynne Barrett-Lee – stellt vielleicht das einzige Problem dar, warum so mancher Experte an der Glaubwürdigkeit dieser Geschichte zweifelt. Denn diese stark intellektualisierte Sprache, die in dem großartig vorgetragenen Hörbuch-Monolog von Ulrike Hübschmann nur noch deutlicher zum Tragen kommt, passt halt eben so gar nicht zu der Lebensweise der „Tarzana“, wie ein Springer-Blatt sie dumpferweise genannt hat.

Jene literarische Stilisierung und dieser archaische Inhalt: das ist es, was den Hörer ein wenig stutzig macht. Mit 4 Jahren allein im Dschungel und überlebt? Reflektierend, kombinierend, überlegend? Geht das denn alles? Es ist gegangen und es ist ganz schön faszinierend und – betrachtet man den zweiten Teil des Buchs – auch abstoßend, welche Tortur hinter dieser Biographie liegt.

Was der Sache die Krone aufsetzt und warum man definitiv einen großen Schritt in dieses existentielle Vergnügen machen sollte, ist die Rekapitulation des eigenen Weges, das Sich-Zurückerinnern mit Hilfe von ganz verrückten Experimenten. Auch das beschreibt die Autorin und das macht die Sache nicht nur nachvollziehbarer, sondern für alle Traumatisierten (sagen wir es mit Freud: also alle!) so hilfreich; wie man sich also seiner Selbst bewusst wird und die dunklen Stellen mit Licht und Heilung füllen kann.

Fazit:

Ein spannendes, ein faszinierendes, ein heftiges Werk, das unter die Haut geht, weil wir alle (so unglaublich das erst recht für die Experten wieder klingt) in abgemilderter Form jene Sozialtraumataisierung erlebt haben. Der Umgang damit, die Erinnerung daran und die Verwandlung dessen sind großes Geschenk in einer authentischen Geschichte. Authentisch allein deshalb, weil sie so empathisch erzählt worden ist.

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