Das stille Mädchen

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Das stille Mädchen

Peter Høeg. Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG 2007, Gebundene Ausgabe, 464 Seiten, € 21,90

Rezension von: merryferry | Rezensionsdatum:

von

„Alles ist subjektiv“ kann man gleich hinter dem Titelblatt in den Umschlag klemmen, und nach der Lektüre dort noch mal suchen. Das stille Mädchen erzählt von Essenz, von der Übersetzung dessen, was nicht beweisbar, aber dennoch zu spüren ist. Hoegs Versuch, diese Überzeugung in leicht verdaulichen Determinismus umzuwandeln, endet manchmal bemüht. Zumindest in der deutschen Übersetzung ist Hoeg kein Erzähler-Kapitän, der den Lesern Wellengang erspart. Das macht nichts, denn sein Wille die Geschichte ernst zu nehmen ist trotzdem ansteckend und macht Lust auf mehr.

Wie in allen Leidenschaften schwingt auch in dieser ihr Gegensatz mit: Klang braucht Stille. Die Welt des Clown Kaspar besteht aus Tönen, Klängen, Lauten, die andere Menschen auch dann nicht zu deuten wüssten, wenn sie sie hören könnten. Kaspar hört die vielfältigen Wesen seiner Mitmenschen. Er hat nie nichts zu sagen und bringt seine Geige gerne zum Singen, aber dennoch ist es der Klang seines Zuhörens, der die Geschichte erzählt. Als er zum ersten Mal einen Menschen trifft von dem allein Stille ausgeht, bringt ihn die Begegnung aus dem Gleichgewicht. Er kann dieses würdevolle Mädchen nicht erhören – wieso nicht? Als das Kind verschwindet, begibt er sich auf die Suche, die sich zu einer Begegnung mit Verdrängtem und Unerhörten entwickelt. Kraft als Weiblichkeit in Seele und Körper ist neben den Klängen das Thema der Suche. Kaspar selbst besitzt einen intensiven weiblichen Teil, dazu kindischen Trotz, und die nicht zu unterschätzend attraktive Fähigkeit zu fordern. Dem ist schwer zu widerstehen – Stine, die Geologin mit den breiten Füßen, tut es trotzdem, dafür liebt er sie.

Außer in der Weiblichkeit ist das Gute bei den Tieren zu finden, den Kindern, den Instinkten und der Kunst. Böses erscheint in Gestalt von Bewohnern gläserner Büros oder denen, die Wissenschaft als Lebensinterpretation missverstehen. Gefährlich sind Verkopfte mit verstümmeltem Körperbewusstsein und alle, die ihres dazu verwenden, kleine Knochen zu brechen. Wie in Fräulein Smillas Universum sind die Menschen in Kaspars Umgebung sensibel, intelligent, stark, menschlich und übermenschlich; mit Selbstironie und Hoffnung sind sie in ihren Klischees diesseits und in ihren Wesen jenseits des Durchschnitts. Sie sind schon ahnend, aber noch nicht weise, sie suchen und versuchen.

„Hier, dein Wohnungschlüssel…“

In Kaspars aphoristischer Sprache kommt etwas Verletzliches und Schönes zu Tage. Es hat mit der Freundlichkeit zu tun, dem kleinen Komplizen, der noch nicht schreiben kann, seinen Füller zu schenken sowie mit der Kreativität dem Killer ein hennarotes Köpfchen zu färben. Und mit dem Charme, einer Festnahme zu entkommen durch ein Drama, das die nie vorhanden gewesene Beziehung zu der Amtsmännin beendet. „Dieses Doppelspiel! All diese demütigenden Treffen. Ohne dass wir einander berühren dürfen. Das schaffe ich nicht. Dazu habe ich keine Kraft mehr.“ … Kaspar zieht seinen Schlüsselbund aus der Tasche, macht irgendeinen Schlüssel los und lässt ihn vor der Frau auf den Boden fallen. „Hier, dein Wohnungschlüssel. … Meinen Körper, Asta, kannst du trotz allem nicht zum Pfand nehmen.“

Entwaffnung ist möglich, immer wieder: wenn die Geschichte eine Botschaft hat, dann ist es diese. Entwaffnung des Bösen durch Liebe, Entwaffnung der Exgeliebten durch Ausdauer, Entwaffnung der Bürokratie durch Charme, Lügen, Komplimente, Entwaffnung der Welt durch Hinhören, Entwaffnung der Selbstkritik durch Kontext.

Entwaffnung des Klangs durch Stille

Die Verschränkung muss gegenseitig sein, nur durch Klang ist Stille möglich, und umgekehrt, denn erst Widerstand macht Entwaffnung möglich. Dass Freude an der Entwaffnung deshalb Freude an Widerstand bedeutet, kann Augen öffnend sein, und tatsächlich Sinn geben. Unter anderem dieses unmissverständliche Angebot der Sinnstiftung hat dem Autor international haufenweise schlechte Kritiken eingebracht: penetranter Pathos, Missionarismus, Pseudo-Religiösitat, New Age-Botschaften, Glorifizierung des Weiblichen, flache Figuren, unlogische Konstruktion. Es ist durchaus möglich, die literaturpolitisch unkorrekte Geschichte als esoterisches Hollywoodstückchen zu lesen, in dem NullNullKaspar noch mit Bauchschuss klugscheisst.

Der Berg von Dingen die man dem Roman übelnehmen kann, ist groß, aber größer ist der Genuss, sich von ihm entwaffnen zu lassen.

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