Der Gang vor die Hunde

Autorenwertung
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  • Gesamt
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Der Gang vor die Hunde

Sven Hanuschek (Herausgeber). Atrium Zürich 2013, Gebundene Ausgabe, 320 Seiten, € 22,95

Rezension von: Ragan Tanger | Rezensionsdatum:

Erich Kästner: Der Gang vor die Hunde

Mit Schmiss in den Abgrund

Ein sehr trefflicher Satz umschreibt die Stimmung des wunderbaren Romans Der Gang vor die Hunde von Erich Kästner gekonnt: Ich weiß ein Ziel, aber es ist leider keines .Wie hat man diese ambivalente, paradoxe Weltsicht des Protagonisten, Herrn Doktor Jakob Fabian, zu verstehen? Nicht anders, als wie man die moderne Welt mit all ihrer seelenlosen Künstlichkeit, die in der Unendlichkeit des Abfalls endet, begreifen muss. Nihilistisch und unwirklich, gefangen im Sog der oberflächlichen Berieselung. Was heute das Smartphone, waren damals die Errungenschaften des frühen 20. Jahrhunderts – schicke Klamotten, Promiskuität und wildes Gezocke an der Börse. Wenn mans recht überlegt, also – abgesehen von dem Smartphone – genau das Gleiche wie heute.

So offenbart der Roman eine süffisante, schonungslose und immer groteske Sicht auf die Zeit kurz vor der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten. Als sich die roaring twenties in Rezession und Tyrannei gerauscht hatten, als der glänzende Lack die wahre, brüchige und traurige Fassade offenbarte. In jener sinnentleerten Welt pendelt auch der Werbetexter Doktor Fabian herum und besucht just jene Orte, an denen sich diese melancholische Flucht eindringlich nacherleben lässt: in Bordellen, Kneipen und Künstlerateliers: Die schummrige Berliner Unterwelt, früher auch gerne Halbwelt genannt.

Überhaupt früher: natürlich zeigt Kästner auch ein historisches Sittengemälde, das aufgrund der Stagnation der modernen Welt ohne Einschränkungen auch in die heutige Zeit passt. Nur bei der Sprache wird es bisweilen anachronistisch, dennoch schön, dass der Leser eintauchen darf in die herbe, authentische Berliner Schnauze von vor 100 Jahren. Großes Lob an die Neuedition, in der der Schofför, der Schlucken (Schluckauf), der Pik von Teneriffa oder auch die Valuta ihren Platz behalten durften.

Gar neu hinzugekommen sind in der ersten vollständigen Auflage des Schweizer -Verlags Kapitelessenzen, die bei der Erstauflage in den 1930er Jahren noch vor den Nazis (die Kästners Bücher als Dreck bezeichneten und komplett verbrannten) vom damaligen Herausgeber zurückgehalten worden sind. Heutzutage nicht mehr so wild, aber damals eben noch ne große Nummer, wenn ein Mann die Hosen runter lässt oder wenn zwei Freunde sich über die Wahrzeichen der deutschen Hauptstadt lustig machen.

Ursprünglich erschien der Roman unter dem Namen Fabian, erst diese Edition bringt nicht nur den kompletten Text, sondern auch den von Kästner gewünschten Titel Der Gang vor die Hunde ans Licht. Jener Titel passt natürlich auch bedeutend besser zur Stimmung des Romans, der beständig zwischen Ironie, Sarkasmus und dumpfer Melancholie pendelt. Von der Schreibe her ist Kästner einzigartig und wunderbar. Der Macher großer Kinderbücher versteht es einfach, Leser zu fesseln. Das kann man, kann man nicht, oder wie Kästner sehr, sehre gut.

Fazit:

Dieses Buch kann man mit Heinrich Manns Professor Unrat vergleichen. War letzteres noch eine heitere Parodie auf die Verirrungen der Moderne, so dringt Kästners Werk – nicht ohne den ionischen Ton – tiefer in das Absurdistan verlorener, verkopfter Ich-Menschen ein. Die Neuedition ist die logische und feine Ergänzung zu dem schon großartigen Vorgänger – besser: Erstausgabe – Fabian. Ein literarischer Genuss, ein historischer Faszinosum und ein bittersüße Spiegel der Moderne.

 

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