Der Geschmack von Apfelkernen

Autorenwertung
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  • Gesamt
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Der Geschmack von Apfelkernen

Katharina Hagena. Kiepenheuer & Witsch 2009, Taschenbuch, 254 Seiten, € 4,99

Rezension von: sorin.munteanu | Rezensionsdatum:

„Der Geschmack von Apfelkernen“ von
Von mir aus hätte ich diesen Roman in aller Wahrscheinlichkeit nicht zu Ende gelesen. Geschichten über das bloße Leben, über die Labyrinthen der Leidenschaft, dazu auch in der weiblichen Seele, erinnern mich sehr stark an das Buch, an dem ich gerade arbeite. Es ist kein Werk im ordentlichen Sinne, keinen Text auf Papier oder auf dem Bildschirm: es ist eigentlich mein Leben selbst als Buch, das Drehbuch zu meinem Alltag. Wenn ich damit allzu beschäftigt bin, finde ich zu den Versuchen anderen sehr schwer. Und trotzdem …

Eine ganz persönliche Rezension
Den Titel habe ich einer Pflichtlektüreliste entnommen. Grund genug, Geduld bis zum Ende zu haben und dem Text Aufmerksamkeit zu verschenken. Der äußerlichen Motivation folgte schnell die innerliche, eine die mich gefangen hielt. Es lag an der Stimme der Schauspielerin (ich habe zunächst die Hörbuchfassung gehört), an der Stimme der Nacht (als ich zum Beispiel nachts das E-Book auf einem Lesegerät, mit weißer Schrift auf dunklem Hintergrund las) und an der Stimme der ecriture selbst. Das Buch erzählt über mehrere Schiksale aus drei Generationen, aber darin geht es hauptsächlich um Frauen. Um junge Frauen, die sich wehrlos verlieben, mit der damit verbundenen Gefahr spielen und daran anschließend sterben, um somit der ersten Liebe nicht überlebt zu haben. Es geht um erwachsene Frauen die sich verlieben, um die Früchte dieser Liebe zu genießen, oder am Ende auch nicht. Es geht um eine Frau, die im Alter stirbt, aber vorher alles vergisst, und endlich um eine Frau, die sich alles ganz genau erinnert und erzählt. Die letzte weiß auf einmal nicht mehr mit ihrem Leben wohin, zieht sich für einige Tage zurück um ihrer eigenen Erinnerungen aber auch der Erinnerungen eines Hauses eine Stimme zu geben, und findet am Ende zu sich selbst und zu einem glücklicheren Leben.

All das hätte trotzdem nicht dazu beigetragen, dass ich dieses Stück Prosa in meiner persönlichen Galerie mit Lieblingsbüchern einschloß, gäbe es ein ganz merkwürdiges Erlenbis nicht. Die Rede ist über eine eher seltene Erfahrung, deren Ursachen und Ursprünge, deren Bedingungen der Möglichkeit und der Erscheinung mir weiterhin unergründlich bleiben. Jedoch kann ich sie nicht leugnen und bleibe hilflos bei der einfachen Beschreibung.

Es ist abends. Der Tag neigt sich, mit seinem endlosen Druck, ein ganz neuer und perfekter Mensch zu sein, einem gewöhnlichen Ende zu, ich höre die letzten Teile des Hörbuchs. Bei einem Hörtext ist die letzte Seite nicht wahrnehmbar und man weiß nicht genau, wann er endet. Ich höre der Stimme der Erzählerin zu, begreife, dass wir uns schon im Epilog befinden, werde aufmerksamer, schließe eventuell die Augen. Und dann plötzlich diese Stille, die Stimme hört auf.

Allerdings hallt der letzte Satz immer noch im ansonsten taub gewordenen inneren Ohr. Er wirkt auf mich wie ein Betäubungsmittel: das analytische Denken, die Beharrlichkeit des Zeitempfindens, der Sinn von Anwesenheit sogar, alle werden gelähmt und für einen auch so schnellen Augenblick, der sich ein paar Mal wiederholt aber leider dann auch verging, darf es wieder passieren. In diesem Fall wird der Ichleser aus seiner Welt gerissen und versetzt, Seite an Seite mit der Icherzählerin: zwei Untergrundkämpfer gegen das hochnäsige Schicksal. Jenes Schicksal, das heimtückisch versucht, aus ihnen Sklaven der Vergangenheit und eines bedrückenden Geheimnisses zu machen, ihm es aber nicht gelingt. Es ist ein Augenblick der vollkommenen Selbstvergessenheit und der Teilhabe an dem immateriellen Reich der Erzählung. Die Dramaturgie wiederholt sich im Raum der letzten Wörter: dichter, ubermächtig, zerreißender. Der „Endeffekt“. Ein Gefühl der Abdankung vor diesem abschließenden Moment überkommt mich.

Fazit
Jetzt, dass ich zurückdenke und darüber schreiben muss, weiß nicht, welchem Ziel diese Rezension dienen soll: ich kann das Buch nicht weiterempfehlen – das Erlebnis war sehr persönlich. Ich kann es mir selbst nicht empfehlen, in der Hoffnung, ich hätte das Kriterium für den ersehnten „Endeffekt“ gefunden. Dass mir am Ende eines Romans ein deartiger Coup widerfährt, bleibt auch bei intensiverer Beschäftigung mit Werken der Fiktion recht selten. Vermutlich darf ich es nicht vergessen, was für Kräfte durch die Adern von guter Literatur fließen. Und dieses Buch hat mich gerade daran erinnert.

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