Der Kinderkreuzzug

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Der Kinderkreuzzug

Gernot Krämer (Nachwort). Elfenbein 2012, Taschenbuch, 48 Seiten, € 12,00

Rezension von: Ratte | Rezensionsdatum:

: Der Kinderkreuzzug

Der aus Berlin, ein kleiner, feiner Verlag, hat sich auf die Herausgabe historischer Texte und vergessener Kleinode spezialisiert. Der Kinderkreuzzug von Marcel Schwob gehört auf jeden Fall dazu.

Der Autor

Marcel Schwob (1867 – 1905) galt in der letzten Dekade des 19. Jahrhunderts in Frankreich als einer der wichtigsten Vertreter der literarischen Avangarde. Der Kinderkreuzzug, erschienen 1895 in der französischen Zeitschrift Le Journal,  ist sein zweites Buch, vier Jahre zuvor erschien Das gespaltene Herz. Innerhalb weniger Jahre schrieb Schwob fünf Bände mit Erzählungen, um dann, nach einer schweren und rätselhaften Krankheit  zu verstummen. Schwob wurde in die Klinik eingewiesen und insgesamt fünf Mal operiert, obwohl sich die Diagnosen widersprachen. Vielleicht litt er an Tuberkulose. Auch die Angriffe, denen er als assimilierter Jude plötzlich nach der Dreyfuss-Affäre wieder ausgesetzt war, haben sicher nicht zu seiner Gesundung beigetragen. Plötzlich traten Kritiker auf, die an Schwobs Stil mit einem mal eine ganze Menge auszusetzen hatten. Auch deshalb veränderte Schwob den Text seines Kinderkreuzzuges für eine Bühnenfassung des Stücks. Drei Wochen nach der Uraufführung verstarb er.

Inhalt

Wie sich der Kinderkreuzzug im 13. Jahrhundert wirklich zugetragen hat, ist nicht bis in alle Einzelheiten geklärt. Es gibt jedoch eine Reihe verlässliche Quellen, die folgendes feststellen: Mehrere Züge von tausenden von Kindern machen sich um das Jahr 1212 herum auf, um nach Jerusalem zu ziehen. Die Kinder stammen zumeist aus armen und ärmlichsten Verhältnissen, die Züge finden zu Fuß statt, geplant und organisiert ist nichts. Die Kinder stammen aus dem Rheinland und aus Frankreich, geführt werden sie von Jugendlichen wie etwa Stefan von Cloyes und Nikolaus von Köln. Sie führen weder Waffen, noch nennenswerte Vorräte mit sich. Ihr Ziel ist es, das heilige Grab Jesu in Jerusalem von den Sarazenen zu befreien. Nach verlustreichen Wanderungen und besonders der Alpenüberquerung erreichen nur wenige das Mittelmeer. Hier werden die meisten aufgegriffen und in Pisa oder Marseille als Sklaven in den Vorderen Orient verkauft.

Marcel Schwob nähert sich dem Thema aus sehr ungewöhnklicher Perspektive. Acht Monologe von sowohl historischen, wie auch erfundenen Personen, beschreiben von ihrem jeweiligen Standpunkt aus das Geschehen, an dem sie beteiligt sind. Manche Monologe erzählen einfach, andere sind eher philosophisch-theologische Diskussionen. Aus verschiedenen Perspektiven wird dabei der Frage nachgegangen, wer Schuld trägt an dem Tod so vieler unschuldiger Kinder und wie es zu dieser Katastrophe kommen konnte. Zwei Päpste widmen sich besonders dieser Frage konträr, Innozenz III und sein Nachfolger Gregor IX, dazu kommen ein Goliard (ein liederlicher, weltlich orientierter Mönch) und sein muslimisches Gegenstück, ein Kalandar, ein armer Bettelmönch, der auf die versklavten Kinder trifft. Eine weitere Stimme des eigentlich gleichzeitigen Geschehens stammt von einem Aussätzigen, der mit seinem Schicksal hadert, dem folgt die Erzählung des Schreibers Longuejoue, eigentlich die Verlesung eines Schriftstückes, dass der Schreiber im Auftrag eines Marseiller Reeders verfasst hat und das die sublime Aufdeckung des Verrats der geldgierigen Kaufleute an den Kindern darstellt. Und letztendlich kommen noch die Kinder selbst zu Wort, in zwei Gruppen, zuletzt Allys, die einen blinden Jungen führt.

Fazit

Mit verschiedenen Stimmen, in unterschiedlicher Sicht auf ein historisches Geschehen wird hier in ultimativer Kürze, inklusive kenntnisreichem Nachwort kaum 100 Seiten, ein historisches Geschehen ausgebreitet und über Beweggründe und Schuld diskutiert. Viel Stoff zum Nachdenken, ein wirkliches Kleinod.

 

 

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