Der Ritter, den es nicht gab

Autorenwertung
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Der Ritter, den es nicht gab

Oswalt von Nostitz (Übersetzer). FISCHER Taschenbuch 2013, Taschenbuch, 128 Seiten, € 9,99

Rezension von: Ragan Tanger | Rezensionsdatum:

Italo : Der Ritter, den es nicht gab

Großartige Groteske

Was in anderen Ländern zur Schulpflichtlektüre gehört und so mehr oder weniger in Richtung renommierter Weltliteratur geschoben werden darf, ist beim Nachbarn häufig unbekannt. Die französische (spätere) Revuetänzerin Colette kennt in Deutschland kaum einer; dabei sind ihre naturalistischen und realistischen Romane und Erinnerungen Teil jeder Erziehung in Frankreich. Ganz ähnlich geht es den Italienern mit Italo Calvino, der zu den wichtigsten Größen im Stiefelstaat seit Ende des 2. Weltkriegs zählt.

Liegt einerseits nahe sein Kind Italo zu nennen, wenn man Italiener ist, andererseits aber auch recht fern, wenn man sich die Biographie Calvinos zu Gemüte führt. Seine Eltern arbeiteten nämlich zur Zeit seiner Geburt in Kuba, dementsprechend darf man die Namenswahl als Hommage an die Heimat verstehen, in die die Familie dann auch schon in Italos Säuglingsjahren zurückkehrte.

Der akademische Hintergrund der Eltern sowie die Erfahrungen im zweiten Weltkrieg haben ihn geprägt. Lebendiger Teil der grausamen Partisanenschlachten zum Ende des Krieges sowie verschiedene Studienjahre im Rahmen der Agrarwissenschaft und Literatur machten aus ihm einen neorealistischen, phantastischen, linkspolitisch engagierten, aber immer italienisch denkenden Schriftsteller. In den 1950er Jahren veröffentlichte er den bis heute zum alltäglichen Hausgebrauch gehörenden Märchenschatz der Italiener. Bruder und Bruder Grimm in einer Person quasi.

Sein schmaler Roman Der Ritter, den es nicht gab, portraitiert all seine Stärken. Weit schwebende, fast schon mythische Allegorien, Kulturkenntnisse , die sich in Freiheits- und Friedenssymboliken widerpsiegeln und eine dramatisch neorealistische Sprache, die mit kurzen, knappen Sätzen, ungewöhnlich kalter Interpunktion und bisweilen stillosen Brüchen daherkommt. Der Rossellini der Literatur sozusagen.

In erster Linie ist das Werk aber humorvoll und einfach nur phantastisch. Im wahrsten Sinne des Wortes, aber auch von seinem herrlichen Plot her. Im Heer Kaiser Karls des Großen befindet sich mit Ritter Agilulf (der Name ist schon bemerkenswert komisch) ein Ritter, den es nicht gibt. Als Kaiser Karl ihn auffordert das Visier zu heben und er darunter nur in die Schwärze blickt, ist es dem damals alten Oberhaupt Zentraleuropas grad egal, ob da nun jemand ist oder nicht – die Leser aber quieken vor Freude auf.

Richtig genial ist dann die Symbolik dieses, wie er sich selbst beschriebt, rein aus dem Willen bestehenden Wesens. Ritter Agilulf ist synthetisch, perfektionistisch und extrem rationalistisch. Ein Denker, ein Höriger seiner biologischen Mathematik und Sinnbild einer Zeit, in der Calvino (1959 erschien der Roman erstmals) die Hoheit von gelehrter und vordergründig gewissenhafter Wissenschaft skizziert.

In erster Linie aber ist dieser 127 Seiten lange historische (weil sehr gut recherchierte) Phantasieroman zum Brüllen komisch.  Wenn man denn den Spaß versteht, den man an eine Gesellschaft anlegt, die versucht, mit purer Vernunft die Welt und das Sozialdrama zu beherrschen. Eine tolle Gelegenheit einen italienischen Klassiker näher kennen zu lernen.

Fazit:

Bei der Fischer-Klassik-Reihe weiß man, dass der Name Programm ist. Die Werke sind nämlich nicht nur klassisch, sondern auch klasse.  Der Spiegel schrieb 1964 in einer ersten Rezension: „Calvinos ironisch graziöse Fabulierkunst mit ernstem Unterton ist in der heutigen Literatur eine kostbare Rarität.“ Heute gilt für heute nach wie vor uneingeschränkt.

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