Der Robin Hood von San Fernando

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Der Robin Hood von San Fernando

Cristian Alarcon. Rotpunktverlag, Zürich 2006, Taschenbuch, 215 Seiten, € 18,80

Rezension von: Ratte | Rezensionsdatum:

Der Robin Hood von San Fernando: Victor Vital und die Slum Kids in Buenos Aires von
Cristian Alarcon

Inhalt
Das Thema Gewalt, besonders Gewalt von Jugendlichen, ist immer noch und immer wieder ein Dauerthema in den Medien. In der lateinamerikanischen Variante des Themas kommt zur Jugendgewalt noch die Gewalttätigkeit, die von einer korrupten Polizei und von den Drogen- und Verbrecherkartellen ausgeht. In Alarcons Buch treffen wir ebenfalls auf diese unheilige Dreieinigkeit: Jugendliche, oft noch Kinder, mit Diebstählen, Beschaffungskriminalität, Drogensucht beschäftigt – wenn sie denn überhaupt etwas tun und nicht nur herumhängen – treffen mit den gefürchteten, äußerst brutalen Sicherheitskräften zusammen, oft und gerade, wenn sie für die Kartelle arbeiten. Die Rolle von Spitzeln übernehmen dabei oft die Dealer. Das Resultat ist im besten Fall Knast, worin einige Jungs auch noch ihren Stolz setzen, und im schlimmsten Falle, wie in dem von El Frente, Mord.

El Frente Vital, den die Leute wegen seiner schönen Stirn so nannten, starb mit 17. Während seines kurzen Lebens inszenierte er sich als eine Art Robin Hood, jedoch nicht als „Rächer der Armen und Entrechteten“, eher als ein etwas launenhafter Verschleuderer, mutig bis zur Tollkühnheit, der noch fast kindlich eigentlich nur geliebt werden will. Aber El Frente, der eigentlich Victor hieß, glaubte auch an Regeln und einen Ehrenkodex und das macht ihn in der Erinnerung der anderen zu einem Idol in einer Zeit, in der die moralischen Hürden, die die süchtigen Youngsters von immer rücksichtsloser Beschaffungskriminalität zurückhalten, zunehmend niedriger werden. Legendär war El Frentes Raub der Ladung eines Kühltransporters. Milchprodukte, sonst viel zu teuer für die Armen in den Slums, ließ die Gang an Kinder im ganzen Viertel verteilen. „El Frente hatte die fixe Idee, dass Kinder Joghurt essen sollen und keine Süßigkeiten“, erzählt seine Mutter. Das Grab des von der Polizei niedergeschossenen Jungen wird zum Wallfahrtsort für die Kids aus dem Slum, hier treffen sie sich auf ein Bier und einen Joint und bitten den Toten um Schutz vor den Kugeln, denen er selbst nicht ausweichen konnte.

Der Journalist Cristian Alarcon, fasziniert von diesem neuen Heiligenkult um einen kleinen Kriminellen, recherchierte zwei Jahre lang in den Armenvierteln von Buenos Aires, beobachtet, redet und schaffte es nach und nach, das Vertrauen der Jungen, der Mädchen und, besonders wichtig, der Mütter zu gewinnen. Nach und nach erfährt er Geschichten, versteht Zusammenhänge und setzt Lebensgeschichten zusammen von jungen Männern, deren Dasein sich zwischen Familie, Erziehungsanstalt und Gefängnis bewegt. Allen gemeinsam ist ihr Hass auf die Polizei, jeder kennt einen, den die Polizei erschossen hatte und bewahrt diesen Schmerz sorgsam auf.

Fazit
Alarcon gelingt es trotz seiner Nähe zu seinen „Studienobjekten“ die Fallen der Idealisierung, der Sentimentalitäten zu vermeiden. Er schreibt meist im Stil eines allwissenden Reporters, subtil, kühl und faktenreich und überlässt es dem Leser, Wertungen vorzunehmen. Facettenreich setzt sich ein Bild der kriminellen Jugendszene zusammen. Für sein Buch, eigentlich eine literarische Reportage, erhielt Alarcon 2005 in den USA den Samuel Chavkin-Preis für integeren Journalismus.

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