Der schwarze Handschuh

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Der schwarze Handschuh

Peter Urban (Nachwort). Manesse Verlag 2013, Gebundene Ausgabe, 384 Seiten, € 19,95

Rezension von: Ragan Tanger | Rezensionsdatum:

Vladimir Odoevskij: Der schwarze Handschuh: Erzählungen

Große Literatur des Fürsten O.

Was man an russischen Novellen oder Romanen einfach lieben muss, sind die dezenten, geheimnisvollen, fast schon mystischen Hinweise auf Orte und Personen. Denn die Gräfin W. oder der Ministerialdiener M. wohnen in der Nähe des schönen Städtchens K. So ist (nicht nur, aber besonders) sie, die russische Literatur des 19. Jahrhunderts, egal welcher Autor auch dahinter steht. Bevor dieser Gedanke zur Petitesse als Randnotiz verkommt, soll darauf hingewiesen werden, dass diese subtile Andeutung der Realität doch auch immer symbolisch zum tatsächlichen Schreibstil und Weltbild jener – nimmt man sie alle zusammen – wohl größten Schriftstellerepoche der Weltgeschichte gehört hat. Größte Epoche der Weltgeschichte mag manchen sehr hoch gegriffen, doch zählt man Gogol, Puschkin, Turgenjew, Dostojewski, Gorki und Tolstoi in einer Reihe auf, dann schlackert man schon schön mit den Ohren. Und einen dürfen wir nun noch hinzufügen: den Fürsten O. oder komplett: Vladimir Fjodorowitsch Odoevskij.

Sieben Novellen und Erzählungen, teilweise erstübersetzt ins Deutsche, hat der zusammengestellt und im Rahmen einer sehr frischen Übersetzung von Peter Urban in seine Bibliothek der Weltliteratur aufgenommen. Und das zu Recht: Psychologische Erzählstrukturen, prosaischer Genuss, philosophisches Weltsicht: all das liest sich nicht umsonst bei Puschkin oder Gogol recht ähnlich, schließlich bilden jene drei das sogenannte blühende Dreigestirn der frühen russischen Literatur im . Warum dann jener Fürst bislang so wenig bekannt, fast schon vergessen in unseren Landen ist? Vielleicht, weil er der märchenhafteste, phantastischste aller ist? Und weil diese Form in der bürgerlichen Moderne nun so gar nicht gebraucht worden ist? Vielleicht waren es aber auch ganz andere Winkelzüge und Intrigen, die dahinter stecken; man weiß es nicht, es ist jedenfalls erfreulich, solch hohe Kunst entdecken zu dürfen.

Der große Vorteil Odoevskijs ist sein Insider-Blick, sein Wissen um die Scharmützel der aristokratischen Gesellschaft, der er in all seinen Erzählungen den grotesken und bitterbösen, meist abstrusen Spiegel vorhält. Höchst modern mutet es an, wenn er in den einer seiner bekanntesten Erzählungen (Prinzessin Mimi) die Verlogenheit und Exaltiertheit der Protagonistin als Ausdruck der pädagogischen, rohen und gesellschaftlich verkorksten Sitten bezeichnet. Wenn er sich eindeutig gegen die Abrichtung (Zitat) der Frau als reine Hausfrau wendet. Große Worte in edler Form.

Odoevskij war darüber hinaus nicht nur Adeliger und Literat, sondern auch Museums- und Bibliotheksvorsteher, Mitglied in zahlreichen Gesellschaftsbunden und obendrein Musikkomponist, obwohl er dort nicht die Erfolge feiern konnte wie in der Literatur. In seinen Schriften hinterlässt er jedenfalls ein sprachlich sehr ausgeklügeltes (man beachte die massive Spielerei mit der Interpunktion) und inhaltlich tiefgründiges und subversives Werk, das der edlen Aufmachung des Manesse-Verlages gerecht wird.

Fazit:

Neu entdeckt, wieder entdeckt. Es gab, vor allen Dingen in der ehemaligen DDR, bereits reges Interesse und Übersetzungen an den Schriften des vergessenen Mitglieds der russischen Meistergilde. Mit den wunderbar frischen Schriften von Peter Urban ist die sehr hübsch aufgemachte Kompilation ein notwendiger und sehr empfehlenswerter Literaturgenuss. Ein Hoch auf den Fürsten O.

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