Der Traum meines Großvaters

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Der Traum meines Großvaters

Ulrich Kautz (Übersetzer). Ullstein Hardcover 2009, Gebundene Ausgabe, 368 Seiten, € 7,49

Rezension von: Ratte | Rezensionsdatum:

: Der Traum meines Großvaters
Die wahre und – man erwartet es ja fast – vertuschte Geschichte eines Skandals in China lässt die Funktionäre und Politiker gar nicht gut aussehen. In Yan Liankes Roman wird einer von ihnen, Ding Hui, der korrupt und geldgierig Gewinn aus der Tragödie zieht, vom eigenen Vater erschlagen. Mit dem Mord an seinem letzten überlebenden Sohn lässt der alte Mann seine Familie aussterben und beraubt sich selbst eines in China so wichtigen ehrenvollen Begräbnisses, aber der Hass war stetig angewachsen und zuletzt nicht mehr tragbar gewesen.

Inhalt
Im Dorf Dingzhuang in der Provinz Henan eröffnet sich in den 90er Jahren für die armen Bauern erstmals eine Chance auf Teilhabe am Reichtum. Durch den Verkauf ihres Blutes erhalten sie schnelles, leicht verdientes Geld, genug, sich Steinhäuser leisten zu können, asphaltierte Straßen, Waschmaschinen und Kühlschränke.

Blutgeld ist schnell und leicht zu bekommen und der anfangs vom Staat massiv geförderte Handel läuft bald aus dem Ruder. Einer der Gewinner ist Ding Hui, der sich als erfolgreichster „Blutchef“ etabliert. Doch die Zeit des Glücks ist schnell vorbei, immer mehr Bauern erkranken am Fieber. Dass es sich dabei um AIDS handelt wissen sie zunächst nicht, ist das doch eine Krankheit des dekadenten Westens und in China offiziell nicht existent. Der Versuch, dem Untergang des Dorfes mit Menschlichkeit und gegenseitiger Hilfe zu begegnen, scheitert an Missgunst und der Gier, die selbst noch die Totgeweihten beherrscht. Die Gemeinschaft der Kranken in der Schule des Ortes zerbricht und mit ihr auch die gesellschaftliche Ordnung überhaupt. Ding Hui, reich geworden durch den Handel zuerst mit Blut, dann mit Särgen, zuletzt mit der Stiftung von Ehen unter den unverehelicht Gestorbenen, wohnt inzwischen in einer Villa in der Stadt. Noch einmal kehrt er ins Dorf zurück, um die Leiche seines Sohnes ausgraben zu lassen. Er hat den 12-Jährigen karrierefördernd posthum verheiraten können, nun müsse seine Leiche zu der der Ehefrau hinzugebettet werden. Der Junge war nicht am Fieber, er war an einer vergifteten Tomate gestorben – die Rache des Dorfes an der gesunden Familie des korrupten Parteikaders, dem man, als Vertreter der Staatsmacht, ja nicht direkt etwas antun konnte. Es ist dieser unschuldig gestorbene Junge, der aus dem Grab heraus seinem Großvater die Geschichte des Sterbens erzählt. Er nutzt dazu die Träume, die den Großvater immer wieder heimsuchen.

Zum Buch
Der Erzähler, eigentlich der 12Jährige, berichtet allwissend und keineswegs kindlich seine Geschichte. Die Sprache ist jedoch einfach, geradlinig und ohne Experimente. Yan Lianke vertraut der Macht der Geschichte, die er mit Herzblut geschrieben hat, er lässt den Leser fassungslos und verstört zurück.  Als der Großvater aus dem Gefängnis heimkommt, ist das Dorf Dingzhuang ausgestorben, von den letzten Überlebenden verlassen.

Fazit
Yan Lianke stellt den Aids-Skandal der 90er Jahre anhand des Mikrokosmos eines Dorfes dar, seine Kritik ist dabei eher moralischer Natur, nicht politischer – obwohl das offizielle China da wohl nicht so deutlich trennt. Es ist sehr bedauerlich, dass Der Traum des Großvaters in China verboten ist. Für den Leser am schwersten zu ertragen ist womöglich der moralische Niedergang der Gemeinschaft: einem Liebespaar wird mit moralinsauren Vorschriften das bisschen Restleben schwer gemacht, die niedersten Instinkte haben Oberwasser – als gäbe es auch ein AIDS der Seele.

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