Die Briefe die nicht ankamen

Autorenwertung
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Die Briefe, die nicht ankamen (Famen und Esperanzen)

Willi Zurbrüggen (Übersetzer). Edition Köln 2003, Gebundene Ausgabe, 160 Seiten, € 12,85

Rezension von: Ratte | Rezensionsdatum:

Die Briefe die nicht ankamen von

Inhalt
Ein Kind erzählt von seiner Kindheit in einer jüdischen Familie in Montevideo. Zentrum des Lebens ist der Patio, der Innenhof des Hauses. Moishes Familie ist erst kurz vor seiner Geburt aus Polen eingewandert. Moishes Erzählungen beschreiben nahezu eine Idylle, eine Idylle, die jüdisch ist, man hält sich an die religiösen Gebote und spricht jiddisch – aber sie ist auch sozialistisch. Der Vater ist Kommunist, sonntags trifft man sich in einem Komitee zur Unterstützung der spanischen Republik. Außerhalb der jüdisch-polnischen Enklave ist Montevideo, der Stadtteil Palermo. Moishe entdeckt auch diese Welt, zusammen mit seinem Freund Fito. Die Idylle ist für die Erwachsenen jedoch nicht wirklich eine. Die Eltern warten immer auf Briefe aus Polen.

Die Briefe werden immer trauriger, das Beschriebene immer furchtbarer. Eines Tages kommen keine Briefe mehr. Der erwachsene Moishe schreibt die Briefe, die nicht mehr ankommen, diese Briefe werden eingestreut zwischen die Beschreibung des Lebens in Montevideo. Sie setzen den Kontrapunkt. Was sie beschreiben, ist bekannt, aber gerade die persönlichen Schicksale, die kleinen Begebenheiten, die besondere Perfidität des KZ-Lebens anhand von Einzelschicksalen lässt uns dieses Buch atemlos lesen, voller Verzweiflung, da man ja das Ende kennt. Kaum auszuhalten ist zum Beispiel die Episode um das Stück Seife, so heiß ersehnt als etwas, das wieder menschliche Würde zurückgeben kann und das dann doch unbenutzt bestattet wird, als klar wird, woraus es besteht. Kaddisch für ein Stück Seife. Der letzte Brief berichtet nicht vom Tot aller, das wäre nicht zu ertragen. Der letzte Brief beschreibt eine Widerstandsaktion, ein Aufbegehren und die Schreie der Menschen. Schreie sollen nicht sterben, sie sollten sich festsetzen in den Kopfkissen der Überlebenden und sie erinnern.

Der Autor
Mauricio Rosencof, geboren 1933, ist der Nachkomme jüdischer Auswanderer aus Polen. Das Schicksal seiner Verwandten in Auschwitz und im Warschauer Ghetto hat ihn nachhaltig geprägt, wie auch das politische Engagement seines Vaters. Beides sensibilisierte den jungen Journalisten und Schriftsteller für die Ungerechtigkeiten und sozialen Missstände seiner Heimat Uruguay. Sein sozialpolitisches Engagement wurde durch die Ereignisse um den Aufstand der Zuckerarbeiter noch einmal radikalisiert und führte zur Gründung der „Nationalen Befreiungsbewegung Tupamaros“, der Stadtguerilla. Für Rosencof gipfelten die Auseinandersetzungen mit den damals herrschenden Militärs in seiner Gefangennahme und Inhaftierung. Unter kaum vorstellbaren Bedingungen blieb er 13 Jahre in Haft, wurde gefoltert und blieb die meiste Zeit über in Isolationshaft. 1985 wurde er freigelassen. Seither arbeitet er als Schriftsteller und schreibt Lyrik, Erzählungen, Kinderbücher, Theaterstücke und Romane. Drei seiner Stücke wurden bisher auch in Deutschland aufgeführt, eines auch als Hörspiel bearbeitet und gesendet. mehrere seiner Bücher wurden ins Deutsche übersetzt, zuletzt „Die Briefe die nicht ankamen“.

Fazit
Moishe/Mauricio schreibt seine Geschichte, teils autobiographisch, teils als Roman. Die nie geschriebenen, nie angekommenen Briefe sind Fiktion. Nur in der Mischung aus Wahrheit und Roman lässt sich die Geschichte lesen und aushalten. Wie viel Wahrheit ist, zeigt Rosencof uns auch noch in den Familienbildern, die dem Buch angehängt sind. In Uruguay stand „Die Briefe die nicht ankamen“ auf der Sachbuch-Bestenliste. Auf einem Foto sieht man Moishe und Fito und liest, dass Straßenbahnen etwas ganz Schreckliches sind. Sie nehmen die Leute mit und man weiß nicht wohin. Moishe und Fito werfen Steine auf die Straßenbahn. Ein großartiges Buch, es sollte Pflichtlektüre werden in den Schulen.

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