Die Engelspuppe

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Die Engelspuppe

Eduard Kotschergin. persona verlag 2009, Gebundene Ausgabe, 250 Seiten, € 22,00

Rezension von: Brigitte | Rezensionsdatum:

Die Engelspuppe von

Inhalt
Im gemischten Chor des deutschen Literaturbetriebs ist die Sehnsucht nach echten literarischen Stimmen groß. Dass es sie noch gibt, zeigt eine Neuerscheinung des Mannheimer Persona Verlags:
„Die Engelspuppe“ von Eduard Kotschergin. Mit diesem Erzählband ist der Verlegerin Lisette Buchholz und der Dolmetscherin Elena Tsesis ein herausragendes Buch gelungen, welches alle Kriterien für Weltliteratur erfüllt: Authentizität und Lebendigkeit der Figuren, Schönheit der Sprache, Neutralität des Blicks, Übereinstimmung in Zeit und Raum und zeitlos meisterhafte Gestaltung des Inhalts.

Eduard Kotschergin ist in seiner Heimat ein bekannter und gefeierter Bühnenbildner am Großen Dramatischen Theater in St. Petersburg. Seine Erzählungen handeln von seiner Flucht aus einem Kinderheim des Geheimdienstes von Sibirien bis Leningrad, wo er nach vielen Jahren im Milieu der Diebe seine 1939 verhaftete Mutter wieder fand. Diese Flucht war abenteuerlich und sehr gefährlich. Sein künstlerisches Talent half dem verwaisten Minderjährigen zu überleben. Aus Draht bog er die Führer der Nation und verkaufte die beeindruckend ähnlichen Lenin- und Stalinporträts an Soldaten und andere Zufallsbekanntschaften. Dies brachte ihm nicht nur Bewunderung und Sympathien ein, sondern auch das notwendige Brot und den Schutz des Militärs.

Doch Eduard Kotschergin wäre nicht Kotschergin, wenn er allein seine Geschichte in den Mittelpunkt der durch den autobiographischen Rahmen locker miteinander verbundenen Erzählungen rückte. Auch als er bereits wieder in sicheren Verhältnissen lebte, zog es den Autor immer wieder in den russischen Norden, wo er einzigartigen Menschen begegnete, deren eindrucksvolle Porträts uns staunen lassen: Platon und Platonida, der Lichtbildner, die botanische Giselle, der Hühnerzüchter, die Einspännerin Schnupfe, um einige Beispiele zu nennen.

Alles in allem betrachten wir atemberaubend schöne Bilder, in denen sich der Alltag von unbekannten, einfachen Menschen im Russland der 1940er bis 1970er Jahre spiegelt: Kinder auf der Flucht, Huren, Soldaten, Krüppel, Kriegsinvaliden, Kräuterhexen, Künstler, Taschendiebe. Immer ist es ein neutrales Auge, das hinsieht und beschreibt. Nie nutzt der Autor die eitle Pose des Schriftstellers oder des Leid erprobten Menschenkenners, um uns fühlen zu lassen, was das Kind, um zu überleben, dort im fernen, uns nahen Russland erfuhr und was den Erwachsenen zu einem schöpferischen, mit der Wirklichkeit vertrauten Künstler geformt hat.

Auch die Übersetzerin Ganna-Maria Braungardt sowie Renate und Thomas Reschke leisten Außergewöhnliches: „Haben Sie, liebe Leser, schon einmal etwas von frisch gewaschenen Mösen im Seidengeschirr gehört? Nein – dann reisen Sie mit der Petrograder Prosituiertengemeinschaft ins Kirow-Theater und leihen der Verdorbenen Arischka beim Anblick der hübschen Ballerinas ihr Ohr“. Diese Reise lohnt sich in jedem Fall!

Fazit
Ein leidenschaftlicher Beobachter der Menschheit, ein Seher, lässt uns teilhaben an den tragisch-komischen Abgründen unserer Existenz und maßlos staunen über die Liebesfähigkeit Einzelner. Die Figuren erwachen vor unseren Augen zum Leben, schenken uns Weisheit, Stille, Witz, Humor, Weinen und Lachen – ganz einfach das Glück, trotz allem ein liebender Mensch zu sein.

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