Die Hintergründe zu den Helsinki-Roccamatios

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Rezension von: Ratte | Rezensionsdatum:

Die Hintergründe zu den Helsinki-Roccamatios – Stories von

Inhalt
Yann Martel, ein bisher eher unbekannter kanadischer Autor, machte vor einigen Jahren Furore mit seinem ungewöhnlichen Roman „Schiffbruch mit Tiger“. Der Roman wurde in 36 Sprachen übersetzt und gewann 2002 den Booker Prize. In dem Taschenbuch „Die Hintergründe zu den Helsinki-Roccamatios“ sind vier ältere Kurzgeschichten des Autors versammelt. Martel scheint einen Faible für ungewöhnliche Titel zu haben, „Life of Pi“ der Originaltitel von „Schiffbruch mit Tiger“, ist noch relativ „im Rahmen“, die namensgebende Erzählung dieses Bandes „Die Hintergründe zu den Helsinki-Roccamatios“ reiht sich ein in „1096 Arten zu sterben“ und „Der Tag, an dem ich das Soldat-Donald-J.-Rankin-Streichkonzert mit einer dissonanten Violine des amerikanischen Komponisten John Morton hörte“, die Titel zweier weiterer Erzählungen in diesem Band. „Spiegel für die Ewigkeit“, der Titel der vierten Erzählung, ist hingegen fast normal.

Die Erwartungen, die diese Titel wecken, kann Martel jedoch erfüllen. Die vier Stories sind durchkomponierte, wunderbare Kabinettstückchen. Die Roccamatios aus Helsinki sind eine fiktive Familie, die sich ein junger Mann ausgedacht hat, um seinem an AIDS sterbenden Freund über die langen Tage und Stunden des Sterbens durch ein intellektuelles Abenteuer hinwegzuhelfen. Sechsundachtzig Episoden, die dem Lauf des Jahrhunderts folgen, wollten der Ich-Erzähler der Geschichte und sein erkrankter Freund Paul im Wechsel erzählen, pro Jahr ein wichtiges historisches Ereignis auswählen und sich dazu passend eine Geschichte der fiktiven Einwandererfamilie ausdenken. Natürlich kann niemand mit Tod, Sterben, Ungerechtigkeit und dem Sinn des Lebens beschäftigt sein und sich nebenbei harmlose Geschichtchen ausdenken.

Mit dem zunehmenden Verfall des Körpers, dem Näherrücken des Todes verändern sich auch die Geschichten. Das Erzählen, plötzlich unendlich wichtig, gewinnt ein Eigenleben. Die Geschichten sollten die Schatten bannen, das tun sie auch – und wieder nicht. Faszinierend zu lesen.
Auch die zweite Geschichte um ein Konzert für einen in Vietnam gefallenen Soldaten bleibt nicht an der Oberfläche. Die Szene, in der sich nachts zwei Menschen über das Konzert unterhalten und dabei die Schreibtische einer Bankfiliale putzen, schreit geradezu nach einer Verfilmung. (Die Titelgeschichte und „1096 Arten zu sterben“ wurden indes bereits verfilmt).

„1096 Arten zu sterben“ berichtet immer wieder anders über die letzten Stunden eines zum Tode Verurteilten, so, wie der Gefängnisdirektor es in einem Brief der Mutter des Hingerichteten berichtet. Jedes mal anders, obwohl die nackten Fakten sich kaum ändern, doch jedes mal erschütternd, gerade weil sich die Handelnden so strikt an das Protokoll halten. 1096 Arten zu sterben, Yann Martel spielt neun davon durch. „Spiegel zur Ewigkeit“ stellt uns einen Apparat vor, der Spiegel fertigt aus erzählten Erinnerungen. Manche dieser Spiegel haben trübe Stellen, manches Mal, besonders am Rand, kann man noch einzelne Silben, auch ganze Worte lesen. Der Ich-Erzähler hat nur wenig Besitz, hängt nicht an Dingen, aber einen dieser Spiegel, den hält er in Ehren und erinnert sich an die unentwegt erzählende alte Dame, von der er ihn hat. Erzählen, erst langweilig und ermüdend, ist doch wichtig und „produktiv“, es bedeutet Leben.

Vor den Stories lesen wir in dieser Anthologie jedoch noch ein Vorwort, ebenfalls der unüblichen Art. Yann Martel erzählt vom Schreiben, von seinen ersten Versuchen, die offenbar grottenschlecht waren, warum er beim Schreiben blieb und immer weiter macht: „Aber ich würde mit dem Schreiben weitermachen, bis sich etwas anderes ergab. „Es ergab sich nie etwas anderes, bis heute nicht – und ich bin froh darüber.“

Fazit
Auch wenn die Geschichten sehr konstruiert sind, besonders die letzte ist überdeutlich in dem, was sie aussagen will, sind es doch nicht bloß Fingerübungen eines jungen Schriftstellers. Vier junge Männer im Übergang zum Erwachsensein sind die Helden, und man folgt ihnen gern ein Stück auf ihrem Weg. Erzählen schafft es zwar nicht, den Tod zu bannen wie in der ersten Geschichte, aber es ist schon wichtig, wichtig wie das Atmen. Absolut lesenswert!

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