Die Informanten

Autorenwertung
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Die Informanten

Juan Gabriel Vásquez. Schöffling 2010, Gebundene Ausgabe, 384 Seiten, € 14,79

Rezension von: christophbrolich | Rezensionsdatum:

Die Informanten von

Inhalt

„Ein Leben im Exil“: So nennt der junge kolumbianische Schriftsteller Gabriel Santoro sein erstes Buch. Es beschreibt die  Lebensgeschichte der Jüdin Sara Guterman, die in den 30er-Jahren zusammen mit ihren Eltern vor dem Nazi-Regime nach Kolumbien flieht. Dort eröffnet die Familie das Hotel „Nueva Europa“ und baut sich so Stück für Stück ein neues Leben in Südamerika auf.

Als Santoros Vater, ein renommierter Rhetorikprofessor und enger Freund Sara Gutermans, das Buch gelesen hat, kommt es zum Eklat: Er verfasst einen wortmächtigen Verriss, den er in einer der größten Zeitungen Kolumbiens veröffentlichen lässt.

Santoro verbleibt in Unverständnis und Hilflosigkeit auf die öffentliche Bloßstellung durch seinen Vater. Erst nach dessen Tod erfährt der Journalist, dass er mit seinem Buch eines der dunkelsten Kapitel der kolumbianischen Geschichte ans Licht gebracht hat – in dem sein Vater große Schuld auf sich geladen hat. Bei seinen Recherchen stößt Santoro auf immer tiefere menschliche Abgründe..

Die Vergangenheit erdrückt die Gegenwart

Die Vergangenheit nimmt in Vásquez‘ Debütroman der Gegenwart jede Luft zum Atmen, erdrückt sie förmlich mit ihrer Last und macht den Protagonisten zu ihrem Geisel. Und so durchwaltet „Die Informanten“ eine existenzielle Schwermut und Düsternis, kaum ein Hauch von Optimismus ist je zu spüren. Schon der Beginn des Romans zeichnet eine geradezu apokalyptische Atmosphäre, wenn beschrieben wird, wie ein Jahrhundertunwetter die Stadt Bogotá im Chaos versinken lässt. Das Zusammentreffen mit einem Anruf seines Vaters, dem ersten seit Jahren, deutet der Protagonist dann folgerichtig als „unheilverkündend“.

Juan Gabriel Vásquez reflektiert in seinem Roman geschickt das Thema Erinnerung: Santoros Vater verbannt jahrzehntelang die Erinnerung an seine Schuld aus seinem Leben, drängt sich selbst zum Vergessen, dichtet die Vergangenheit um – ehe sie nach seinem Tod seinen Sohn als geerbte Bürde wieder einholt.

Trotz seines formal komplexen Aufbaus mit verschiedenen Zeit- und Erzählebenen und der Schwere des Erzählten ist das Buch an keiner Stelle anstrengend geraten. Der Autor zeichnet sich als feinsinniger Beobachter aus, der geschickt die Balance zwischen sprachlicher Finesse und Lesbarkeit wahrt. Die Bildhaftigkeit seiner Sprache wirkt nie konstruiert, sondern ist immer mit großer Eleganz versehen.

Fazit

Mit „Die Informanten“ gelingt Vásquez eine eindringliche Schilderung der zerstörerischen Kraft der Lüge und ihrer generationenübergreifenden verheerenden Folgen: Gabriel Santoro, der als Chronist einer jüdischen Familie angetreten ist, wird zum ruhelosen Erforscher des dunkelsten Kapitel seines Vaters und sieht sich mit dessen Dämonen konfrontiert. Meisterhaft verbindet Vásquez in seiner Geschichte überdies Privates und Politisches. Ein tieftrauriges und verstörendes Erstlingswerk, dessen erzählerische Intensität ihresgleichen sucht.

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