Die Strudlhofstiege

Autorenwertung
  • Poesie
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  • Verstrickungen
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  • Charaktere
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  • Humor/Ironie
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  • Dialoge
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  • Gesamt
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Rezension von: Schock Marlene | Rezensionsdatum:

Die Strudlhofstiege

Ein Roman, über den eine Inhaltsangabe fast nicht möglich ist

Warum „Die Strudlhofstiege“ von lesen? Ein umfangreicher Wälzer von fast 1000 Seiten, 1951 in Erstauflage erschienen, also keine Neuerscheinung. Hört man den Titel, so drängt sich einem eine von Apfelstrudelduft umwehte Treppe inmitten eines pittoresk altertümlichen Bauerngehöftes auf – also Heimatromansentimentalität.

Bei der Strudlhofstiege handelt es sich jedoch um eine von Terrassen unterbrochene Treppenanlage in Wien, die übereinanderliegende Straßen miteinander verbindet. Sie spielt für die Protagonisten des Romans eine zentrale Rolle als reale und imaginierte Lebensbühne. Hier treffen sich 1911 zufällig fast alle Hauptbeteiligten des Romans, so laufen bei dieser zufälligen Zusammenkunft bereits alle wichtigen Fäden zusammen, die sich immer wieder verwirren und entflechten. Mehrere Erzählstränge verschiedener „Zeitzonen“ verlaufen parallel oder verschränken sich durch  Erlebnisse, Orte, Geräusche, Gerüche, Farben, Licht.

Die Erzählung setzt ein im Jahr 1923, von da wird zurück- und vorausgeblickt, wichtige Zäsuren für   das Leben der  handelnden Personen sind die Jahre 1909 und 1925. Mit dieser Zeitspanne verbindet man : Erster Weltkrieg, Zusammenbruch der europäischen Ordnung, Revolution. Hat man die Lektüre des Romans beendet, reibt man sich verdutzt die Augen und fragt sich: War da nicht noch was? Von all dem ist in dem Buch nicht die Rede. Es handelt sich um einen Gesellschaftsroman, in dem das Leben der adligen Oberschicht porträtiert wird.

Verknüpfung von Innenwelt und Außenwelt

Das Heraufbeschwören wunderbarer Stimmungsbilder ist faszinierend an diesem Roman. Der von dem Autor immer wieder betonte „genius loci“ ermöglicht dem Leser auf sehr poetische Weise Einblicke in das Innenleben der Figuren, in die Atmosphäre gesellschaftlicher Zusammenkünfte, Vorausschau auf künftige Ereignisse sowie Rückblicke auf bereits Geschehenes. Orte sind in diesem Roman Kristallisationspunkte, an denen , „…die Tiefe der Jahre“, so ein Teil des Untertitels, verdeutlicht werden. Nun lautet der vollständige Untertitel „Melzer und die Tiefe der Jahre“. Dies könnte dazu verleiten, Melzer für den Hauptakteur zu halten. Dies ist mitnichten der Fall. Melzer dieser gutaussehende Leutnant a.D. „im zivilen Denken schwach“, im Laufe der Jahre macht er jedoch Fortschritte, taucht immer mal wieder als Nebenfigur unter dominanteren Akteuren auf. Er ist der Mann der verpassten Gelegenheiten. An ihm und mit ihm tauchen Augenblicke aus „der Tiefe der Jahre“ empor. Auch René, dem Sohn der Familie Stangeler, stoßen solche flash backs zu.
Meist handelt es sich dabei um Wendepunkte im Leben, an denen verschiedene Entscheidungen möglich gewesen wären. Solche Ereignisse, die immer mal wieder aufblitzen und Verbindungslinien zwischen Gegenwart und Vergangenheit herstellen, bezeichnet der  Autor  mit dem Begriff „Trópoi“.

Bildungsbürgerlicher Habitus und dezidiertes Standesbewusstsein

Die häufige Verwendung griechischer und lateinischer Begriffe sowie sich auftürmende unübersichtliche Satzkonstruktionen bilden eine Barriere für potentielle Leser. Abschreckend wirkt möglicherweise auch das von von Doderer bevorzugt dargestellte Milieu der sogenannten besseren Gesellschaft. Zwar werden mit Paula, einer Jugendfreundin Renés, auch die unteren Schichten mit einbezogen, jedoch auf auf eine sehr idyllisch anmutende Art und Weise, wenn man das Gärtlein, diesen ´locus amoenus`, in dem Paula sich mal gerne ausstreckt, als ihren „genius loci“ und damit Ausdruck ihrer Welt ansieht. Das ist jedenfalls sehr, sehr weit weg von den realen Wohnverhältnissen der überwiegenden Zahl der Menschen zur damaligen Zeit.
Unterhaltsame Charakterisierungen und ironische Brechungen

Was den Roman  ´nichtsdestotrotz` lesenswert macht, sind die sehr plastischen Charakterisierungen. Dies gilt auch für Nebenpersonen wie zum Beispiel eine Angelika Scheichbeutel, so dass man trotz der immer unübersichtlicher werdenden Personenzahl gut unterhalten wird. Dazu tragen natürlich auch die Dialoge der betreffenden  Figuren bei.
„Im Grunde sind das lauter Gemeinheiten.“ Mit dieser Schlussfolgerung entlässt der Erzähler den Leser häufig. Damit nimmt er ihn augenzwinkernd ins Boot und schafft gleichzeitig eine Distanz.
Diese ironische Brechung findet sich auch bei der Schilderung von Orten, bei denen manchmal ein zu hoher Ton angeschlagen wird, der dann ins Gegenteil umschlägt. So ist an einigen Stellen von „spinatgrüner Erhabenheit“ die Rede, insbesondere dann, wenn Unstimmigkeiten zwischen Innen und Außen aufziehen. Dieser zwar spöttische, aber sehr versöhnliche Blick auf die Figuren des Romans ist das  Äußerste, was man an kritischer Distanz zu dem geschilderten Personenkreis finden kann.

Fazit

Wer einen Gesellschaftsroman erwartet, der die wichtigsten Ereignisse der damaligen Epoche miteinbezieht, wird enttäuscht sein. Wer bereit ist, über die Sprachbarrieren hinüber zu klettern, taucht ein in eine versunkene Epoche, begegnet sehr unterschiedlichen Charakteren, begleitet sie bei ihren amourösen Verstrickungen, lässt sich gefangen nehmen von der Sprache des Autors, mit der er das an der Oberfläche nicht Sichtbare aus der Tiefe hebt.
Es bleibt jedoch die Frage, ob man von dem Autor eines solch umfangreichen Werkes nicht ebenso viel Aufmerksamkeit für die von den gesellschaftlichen Umbrüchen betroffenen Menschen erwarten kann wie für  die von ihren seelischen Leiden gebeutelten Mitglieder der Oberschicht, insbesondere wenn man berücksichtigt, dass dieser Roman nach dem Zweiten Weltkrieg geschrieben wurde.
Also doch eine Art Heimatroman? Ein „Wien-Roman“ ist es auf jeden Fall. Von einer heimlichen Nostalgie für die gute alte Zeit in der k.u.k. Monarchie und die von ihr privilegierte Oberschicht kann man den Autor jedenfalls nicht freisprechen.

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