Earl Derr Biggers: Charlie Chan und die verschwundenen Damen

Rezension von: AndreasRuedig | Rezensionsdatum:

: Charlie Chan und die verschwundenen Damen

Das Buch kam 1982 im Wilhelm Heyne Verlag München auf den Markt. Es ist 254 Seiten dick.

Die Inhaltsangabe

Sir Frederic Bruce ist ein pensionierter Polizeibeamter von Scotland Yard. Doch auch nach seiner Pensionierung läßt ihn das Verschwinden einiger junger, hübscher Damen keine Ruhe. Nachforschungen führen ihn bis ins kalifornische San Franzisco. Dort trifft er auf Charlie Chan, einen berühmten Detektiv aus Honolulu / Hawaii. Sir Frederic ist der Lösung des Falles sehr nahe. Doch bevor er die Lösung präsentieren kann, wird er ermordet. Jetzt kann nur noch Charlie Chan helfen.

Ein Wort zum Autoren

Earl Derr Biggers wurde am 24. August 1884 in Warren, Ohio, geboren. Er schloß 1907 sein Studium an der Harvard Universität ab. In der Folgezeit arbeitete er als Journalist. Seinen ersten Krimi („Seven Keys to Baldpate“) veröffentlichte er 1913. Die Charlie-Chan-Bücher kamen in den 1920er Jahren hinzu. Den Erfolg der Verfilmungen dieser Kriminalromane erlebte er aber nicht mehr. Biggers starb am 5. April 1933 in Pasadena, Kalifornien, an einem Herzinfarkt.

Die Figur Charlie Chan

Biggers schuf die Figur des Charlie Chan. Sie kommt zwischen 1925 und 1932 in 6 Romanen vor. Biggers ließ sich bei dieser Figur von Chang Apanas inspirieren. Apanas war ein chinesisch-hawaiischer Polizeiermittler in Honolulu.

Doch wie kommt es zu dem Erfolg des frühen Klassikers der Kriminalliteratur? Die Internetenzyklopädie Wikidia führt ihn auf die „oft neuartige, für den westlichen Kulturkreis damals fremde Logik und Weisheit zurück, mit der Chan seine Fälle löst“, um nur ein Beispiel zu nennen.

Die Buchbesprechung

„Ein klassischer Kriminalroman aus dem Jahre 1928“ – so lautet der Untertitel dieses Buches. Beide Bestandteile des Untertitels stimmen.

„Behind the curtain“ heißt das Buch im englischsprachigen Original. Es kam tatsächlich im Jahre 1928 auf den Markt. „Hinter jenem Vorhang“ heißt eine andere deutsche Übersetzung des Titels.

Und der Klassik-Anteil? Nun, er zeigt sich in vielerlei Hinsicht. Wie in vielen US-amerikanischen Krimis üblich, steht hier nicht ein Privatdetektiv im Vordergrund. Eine Bezirksstaatsanwältin, gleich zwei Polizisten von Scotland Yard, also aus der englischen Hauptstadt London, sowie Polizeibeamte aus Kalifornien und Hawaii treten an, um den Fall zu lösen. Hier kommt also die geballte Staatsmacht zum Zuge.

Ein weiterer klassischer Punkt: Die Vergangenheit spielt eine wichtige Rolle. Der Mord, den es aufzuklären gilt, geschieht zwar in der Gegenwart. Doch die Motive für das Verbrechen liegen schon 15 Jahre zurück.

Zur Klassik gehört auch die Erzählweise. Es gibt den klassischen kriminalliterarischen Dreisprung. Die Detektive bekommen eine Aufgabe gestellt: Löst den Mord, fangt den Mörder! Sie machen sich an die Arbeit – zweiter Teil des Dreisprungs. Und wie es sich für einen ordentlichen Krimi gehört, setzten sie sich am Ende zusammen und präsentieren die Lösung. Natürlich bedarf es dazu gewisser Kunstkniffe.

Viele Informationen sind zwar scheinbar für den Leser offensichtlich (er soll ja bekanntlich selbst auf die Lösung kommen können); gleichzeitig stellt sich aber am Ende heraus, daß die alles entscheidenden Informationen doch nur dem Star-Detektiv Charlie Chan vorgelegen haben. Und der hat sie an einigen Stellen in der Geschichte prompt nicht preisgegeben – aber ein solches Verhalten kennen wir ja von vielen anderen berühmten Detektiven in der Literatur auch.

Vierte Beobachtung hinsichtlich der Klassik: Die Handlung wird nicht nur mit einer Prise Liebesgeschichte gewürzt. Der vornamenlose Captain Flammery ist der kalifornische Gegenspieler von Charlie Chan. Sehr nervös, aufbrausend, impulsiv – so könnte man ihn charakterisieren. Viele andere Kriminalschriftsteller kannten dieses Duo der Detektive ebenfalls – siehe Hercule Poirot und Hastings bei Agatha Christie oder Sherlock Holmes und Dr. Watson bei Arthur Conan Doyle.

Flammery sagt die Literaturwissenschaft auch eine Spiegelbildfunktion nach. In den 1920er Jahren soll die amerikanische Bevölkerung sehr chinesenfeindlich eingestellt gewesen sein; ob es tatsächlich so war, kann ich nicht sagen, ich bin damals nicht dort gewesen. Flannery vertritt diese Positionen am Ende sehr deutlich. Chan gerät so zwischenzeitlich in eine Position der Schwäche, kann ihr aber durch den erfolgreichen Abschluß des Falles entrinnen.

Eine persönliche Bemerkung

Wieso beschäftige ich mich an dieser Stelle so intensiv mit einem Autor, der in der breiten Öffentlichkeit so unbekannt ist? Nun, diese Frage kann ich leicht beantworten.

Zum ersten Mal mit Biggers in Kontakt kam ich noch in Jugendtagen. Etwa zu Beginn der 1980er Jahre strahlte der Westdeutsche Rundfunk in seinem Fernsehen die alten Charlie Chan-Filme aus. Sie gefielen mir damals ganz gut. So weit ich mich erinnere, waren es die klassischen Filme aus den 1930er und 1940er Jahre.

Sie enthalten die Besonderheit, daß hier die erwachsenen, tolpatschigen, vornamenlosen, dafür aber durchnummerierten Söhne Chans auftauchen. SIe sind die Stichwortgeber für ihren Vater und verliehen den Filmen einen gewissen Humor. Die Filme sind leider nie wiederholt worden.

Bedingt duch Sachen wie Berufsausbildung und Eheschließung las ich zwar immer wieder Krimis, habe mich aber aber weder journalistisch noch literaturwissenschaftlich mit ihnen beschäftigt. Diese Beschäftigung setzt erst vor rund 10 Jahren ein. Dabei traten einige Auffälligkeiten zu Tage. Biggers ist momentan bestenfalls im Büchertrödel zu finden. Im normalen Buchhandel fehlt er in der Regel.

Die Literaturwissenschaft scheint sich nie mit Biggers beschäftigt zu haben. In den Universitätsbibliotheken im Ruhrgebiet habe ich bislang noch keine Sekundärliteratur über ihn gefunden. Hier scheint es einen gewissen Nachholbedarf zu geben.

Das Fazit

Hier liegt ein angenehm lesbarer Kriminalroman aus den Kindertagen dieses Genres vor. Wer die Möglichkeit hat, die Bücher von Biggers zu lesen, sollte sie auch wahrnehmen.

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