Fräulein Hallo und der Bauernkaiser

Autorenwertung
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Fräulein Hallo und der Bauernkaiser

Hans Peter Hoffmann (Übersetzer). S. Fischer Verlag 2009, Gebundene Ausgabe, 544 Seiten, € 30,00

Rezension von: Ratte | Rezensionsdatum:

Fräulein Hallo und der Bauernkaiser: Chinas Gesellschaft von unten von

Inhalt
Liao Yiwu wird in China selbst nicht veröffentlicht – zu sehr zeigen seine Reportagen von den vergessenen und benachteiligten Menschen in der Volksrepublik die Kehrseite der glitzernden Entwicklung Chinas zur neuen Wirtschaftsmacht. Und damit auch wirklich möglichst kaum jemand von den Armen und Entrechteten erfährt, darf Liao Yiwu auch nicht das Land verlassen. Auf der litCologne hätte Liao Yiwu in diesem Jahr seine Reportagen vorstellen sollen, eine Einladung war ausgesprochen, doch die beleidigte Staatsmacht holte ihn aus dem Flugzeug und verweigerte ihm die Ausreise. Auch zur Frankfurter Buchmesse hatte Liao Yiwu nicht kommen dürfen.

Was hat er denn so Schreckliches geschrieben, dass er mit der schlimmsten Strafe bedroht wird, die es für einen Literaten geben kann, mit dem Stillschweigen über sein Werk, dem Publikations- und Redeverbot? Zuerst einmal viel – in der deutschen Übersetzung umfasst die Zusammenstellung einiger seiner Interviews unter dem schönen Titel „Fräulein Hallo und der Bauernkaiser“ 539 Seiten. Nacheinander lesen kann man die einzelnen Interviews nicht, nicht nur, weil eine Abfolge von 29 Portraits und Interviews so nicht lesbar ist, sondern auch, weil das Leid der Menschen, die ertragenen Ungerechtigkeiten, die Not bis zum schieren Verhungern, weil das, was Weltgeschichte für den einzelnen bedeutet, in der Summe nicht auszuhalten ist. Liao Yiwu ist Chronist, er klagt nicht an, er kommentiert nicht, er lässt die Menschen in ihrer eigenen Sprache sprechen, sie entscheiden, was sie sagen wollen: Liao Yiwu lässt ihnen ihre Würde.

Schicksale werden da erzählt, von denen wir auf der anderen Seite des lange Zeit so undurchdringlichen eisernen Vorhanges nur wenig Ahnung hatten. Der „große Sprung nach Vorne“ und die damit verbundene Hungersnot zu Beginn der 60er Jahre, die die unvorstellbare Zahl von 20 Millionen Toten gefordert hat, die zehnjährige Kulturrevolution (1966 bis 1976) und das Massaker auf dem Platz des himmlischen Friedens 1989. All diese Ereignisse haben bestimmenden Einfluss auf das Leben des Einzelnen, zumal in einer Gesellschaft, die auf das Individuum und seine Wünsche Jahrhunderte lang nur sehr wenig Rücksicht genommen hat. Liao Yiwu lässt den Einzelnen zu Wort kommen, und der oder die hat durchaus etwas zu erzählen.

Da ist beispielsweise der zum Tode verurteilte Ausbrecherkönig, der sachlich und „cool“ von seiner Karriere erzählt, der 103-jährige Mönch, der nach Jahren der Unterdrückung, der schlimmsten Repressalien wieder da weitermacht, wo er wegen der Kulturrevolution aufhören musste oder das Animierfräulein, das einfach nur ein Stück vom Kuchen abhaben will, Moral kann sie sich nicht leisten. Oder der Grundbesitzer, dessen Klassenstatus ihm über Jahrzehnte nur Not und Unterdrückung einbrachte, während sein opiumsüchtiger Bruder, der sein Erbteil durchgebracht hatte, als landloser Bauer plötzlich deutlich besser dastand als er. Dabei gibt es auch noch Reste des vorrevolutionären Chinas, man glaubt es kaum, etwa dann, wenn ein Totenrufer von seiner schauerlichen Profession erzählt.

Fazit
Liao Yiwus Reportagen vom Rand der Gesellschaft zeigen schmerzlich die Fehlentwicklungen der Jahre unter Mao Tse-tung und seinen Nachfolgern. Sie lassen uns erschrocken und erschüttert zurück nach der Lektüre dieses äußerst wichtigen Buches. Nicht überall gibt es die Kultur, die eigene Vergangenheit aufzuarbeiten – umso wichtiger, dass es Menschen gibt, die sie zu bewahren wissen, auch wenn sie selbst davon nur Nachteile haben.

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