Freiheit von Jonathan Franzen

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Freiheit - Roman

Bettina Abarbanell (Übersetzer). Rowohlt 2010, Gebundene Ausgabe, 736 Seiten, € 26,95

Rezension von: ulrike goldenblatt | Rezensionsdatum:

Franzen erzählt in seinem 700-Seiten Roman eine Dreiecksgeschichte zwischen zwei Männern und einer Frau. Patty, einst ehrgeizige  Sportskanone auf dem College, ist hin-und hergerissen zwischen Walter, dem zielstrebigen Intellektuellen und pragmatischen Gruenen, der ihr eine moralisch sichere Zukunft verspricht und Richard Katz, dem sexsüchtigen nihilistischen Rockmusiker. Über einen Zeitraum von etwa 20 Jahren spinnt Franzen den Faden, der die drei verbindet.

Es braucht ungefähr 100 Seiten bis man sich mit Franzen’s amerikanischen Protagonisten anfreundet, doch wer diese  Hürde nimmt, wird belohnt mit einem grossartigen Roman, wie ihn nur das Leben schreibt.

Die Frau als ewige Muse

Eine Frau zwischen zwei Männern, das ist der Idealfall. Ein Partner für die intellektuelle und einer für die sexuelle Befriedigung, darauf können sich viele Frauen einigen, so auch Patty. Das ist nicht neu aber immer wieder effektvoll. In Franzen’s Version, lässt er Patty auf zwei beste Freunde los und wie im richtigen Leben, ist sie dabei die grosse Verliererin. Der Autor hat uns hier keine moderne Frau gegeben sondern eben eine Patty, eine für amerikanische oder eben auch deutsche Generation typische Hausfrau, die statt Karriere nach dem College das Leben zwischen K und K wählt, dennoch belesen und am Anfang auch noch humorvoll ist. Nach langen Ehejahren mit Walter leidet sie jedoch zunehmend an ihren eigenen Unzulänglichkeiten, ihrer Berufs-und Chancenlosigkeit und an Nichterfüllung ihrer Träume, die sie schnell mit fehlender Liebe gleichsetzt. In ihrer Unfähigkeit Gefühle zu kommunizieren oder ihre Probleme anzugehen, verfällt sie in Depressionen, die sie wegzutrinken versucht. Ihr Befreiungsschlag setzt ein, als sie ihrer heimlichen wahren Liebe Richard nachgibt und ein hemmungsloses Verhältnis mit ihm beginnt und dadurch aber nicht zu seiner Partnerin sondern ungewollt zu seiner Muse wird. So wie sie scheinbar seinen Sex als Lebensmotor braucht, blüht unter ihrer Hingebung und Leidenschaft seine zeitweise verwelkte Kreativität auf und er schreibt die Balladen seines Lebens.

Franzen’s Frauenfiguren, sowohl Patty, ihre Tochter und sogar Walter’s spätere eher emanzipierte Partnerin, sind, obwohl liebevoll ausgestaltete Individuen, keine starken Persönlichkeiten. Mancher Leserin wird es daher aufstossen, dass Franzen’s ‚wahre Rebellen‘ eben Maenner sind und die Frauen allenfalls als emotionale weichbusige Krücke daherkommen.

Sachte Kapitalismuskritik

Während Patty sich Walter entzieht und gleichzeitig Richard an den Hosenbund wirft, macht ihr Mann Karriere als Kopf einer Naturschutzorganisation. Getrieben von seinem Irrglauben durch Finesse und Intelligenz die Fäden ziehen zu können, gerät er zunehmend in den Strudel der Machtspiele zwischen Umweltorganisationen und geldhungrigen Korporationen. Franzen baut hier den Skandal um den sogenannten Gipfelabbau ein, über den man wenig in den Medien liest. Dabei werden über eigens von den Bergbaugesellschaften gegründete Stiftungen moderate Umweltschützer angeworben, um den Gipfelabbau grünzuwaschen. Walter also soll den Firmen dabei helfen das mineralreiche Land von seinen Einwohnern zu befreien, indem er als Vermittler auftritt, ihnen ihre urigen Ländereien abkauft, sie dann umsiedelt und gleichzeitig zum Schweigen darüber unterzeichnet. Somit können die Korporate ihren Raubbau betreiben, Schneisen schlagen, die Ländereien verstümmeln und die Heimat von vielen Spezien auf immer zerstören. Im Gegenzug verpflichten sich die Firmen, das Land nach der Vergewaltigung durch Bagger und Bulldozer zu ‚renaturisieren‘. Der pragmatische Walter lässt sich hier benutzen, um sein eigentliches Projekt,  die Rettung von raren Singvögeln voranzutreiben. Als er jedoch den Deal mit einer Lobrede bekränzen soll, dreht er sprichwoertlich durch. Sein Gewissen spielt ihm einen Streich und er ergeht sich in zynischen und radikalen Ergüssen, die ihn daraufhin den Job kosten. Einer der tragischsten und zugleich komischsten Momente des Buches. Walter ist Franzen’s stärkste Figur und wer Spass hat an verschrobenen Intellektuellen kommt hier ungemein auf seine Kosten.

Franzen ist ein Meister des Erzählens, ausführlich, langsam vorwärts kriechend, Spannung auf-und abbauend, stülpt er die Charaktere von Innen nach aussen. Die unglaubliche Nähe zu seinen Figuren macht das Buch so lesenswert. Franzen bohrt in ihrer Gefühlswelt, zeigt sie nackt, verletzlich und vor allem allein. Dadurch gelingt es ihm, die ansonsten als kommunikativ bekannte amerikanische Gesellschaft zu sezieren und ihre hochgeradige Individualisierung und damit einhergehende Verrohtheit aufzuzeigen. Der Austausch beschraenkt sich auf Rationales und kann nicht auf das Mitteilen von Emotionen ausgedehnt werden. Das schafft Leiden.

Auch der Generationenkonflikt, ein Parallelstrang im Roman, wird durch diese Unfähigkeit verstärkt. Wiederum beschränkt sich Franzen auf die Darstellung des Sohnes und lässt die Tochter in einer unbedeutenden Nebenrolle, obwohl das Amerika von Judith Butler und Co doch hier hätte Zeichen setzen können. Der Sohn, ein Leben auf der materiellen Gewinnspur suchend, findet sich in zwielichtigen Deals mit neo-konservativen Kriegstreibern wieder. Er ist der wahre Gewinner des Romans: ideologielos, gefühlskalt und am Ende sogar reich, genau wie das Amerika der Bush Ära, in dem der Roman endet.

Fazit

Der intellektuelle Leser ab 35 wird sich in ‚Freiheit‘ zweifellos wiedererkennen, auf der ständig wechselnden Irrfahrt von Rationalität und Emotion. Es sind unsere eigenen Neurosen, Träume, verpassten Gelegenheiten, Sehnsüchte nach Liebe, Partnerschaft und sexueller Erfuellung, die Franzen da beschreibt und mit ihm tappen wir in die Fallen, die das Leben bereithält: privat, beruflich und gesellschaftlich.

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2 Kommentare to “Freiheit von Jonathan Franzen”

  1. Waldo schreibt:

    liebe ulrike, ich hab nach 200 seiten aufgegeben (s. meine Rez. oben…): findest du nicht, dass F. seine „unglaubliche Nähe“ zu den personen immer wieder zurücknimmt, durch eine stets ironische distanzierung, die ich nur HERABLASSEND finden kann? das schlimme ist, mir ist der Mann WICHTIG, weil ich mich selten so durchschaut gefühlt habe…………..und ist das bergbau-kapitel nicht FURCHTBAR LANGWEILIG??
    eine freundin nennt das ganze zynisch und die wendung gegen ende eine lerlogene idylle. wie gesat, ich hab nicht weitergelsen;;; soll ich??
    gruß! waldo

  2. U. Goldenblatt schreibt:

    Lieber Waldo,
    wie ich schon sagte, es hat auch bei mir 100 Seiten gedauert, um in das Buch einzutauchen, da ich bis dahin wenig Identifikationspotential entdeckt habe. Danach aber war ich doch ueberrascht, wie Franzen es doch noch schafft, seine Protagonisten so nahezubringen, eben weil die Dynamiken in den Beziehung so wechseln. Ich glaube nicht, dass er eine ironische Distanzierung von den Charaktern selbst vorantreibt. Ueber dem Buch liegt eine Ironie als Ganzes, die mir persoenlich sehr zugesagt hat, denn ist das Leben nicht eine tragische Komoedie? Ich in meinem Alter und meinen eigenen Erlebnissen bin jedenfalls bei diesem von Dir angefuehrten Zynismus angekommen und viele andere auch. Auch das Thema Gruenwascherei und der Irrglaube, aus katastrophalen Zustaenden (Gipfelabbau, moderne PR Kampagnen fuer soz. Bewegungen, Ueberbevoelkerung) noch eine Wende zum Positiven hervorzurufen, hat mich sehr angesprochen. Es ist doch zutiefst menschlich, die Welt verbessern zu wollen, aber auf Grund der vielen Dynamiken scheinen wir doch zum Scheitern verurteilt…Lies mal zu Ende, da kommen noch einige sehr schoene Stellen, vor allem die mit Walter und den Katzen! Lg, ulrike

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