Gabor Steingardt: Das Ende der Normalität

Autorenwertung
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Rezension von: Andreas Kurth | Rezensionsdatum:

Gabor Steingardt: Das Ende der Normalität

Der Chefredakteur des Handelsblatts hat sich einmal mehr mit einem wichtigen Debatten-Buch zu Wort gemeldet. In seinem neuen Werk geht es Gabor Steingardt um das Thema Normalität – vormals das wirklich Verlässliche in der Gesellschaft. Der Autor definiert nachvollziehbar, was er mit dem Begriff verbindet. Es geht um die Zeit, als die Familie in aller Regel noch eine lebenslange Schicksalsgemeinschaft war. Der viel zitierte Ernst des Lebens begann nach dem Ende der Ausbildung, jetzt fängt meistens das nächste Praktikum an. Steingardt hat weitere Vergleiche parat, das ganze Buch ist förmlich voll davon. Man traf noch vor wenigen Jahren drei Freunde im Café, heute sind es 500 Freunde bei Facebook. Banker bekamen noch einen Schreck, wenn sie das Wort Risiko hörten, heute bekommen sie eher glänzende Augen.
Für den Autor ist das Verschwinden der vielen   Selbstverständlichkeiten ein Zeichen des Beginns einer neuen Zeit. Und nach seiner Auffassung spüren das die Menschen und fühlen sich überfordert, denn immer dann,    wenn sie alle Antworten gelernt haben, wechseln schon wieder die Fragen. Dennoch muss der Gezeitenwechsel kein Drama sein, schreibt Steingart. Das Gefühl der Fremdheit und die Vorfreude auf ein Leben, das anders sein wird als unser bisheriges, schließen sich nicht aus.

Ein echter Lesegenuss

Wenn ein Journalist ein guter Schreiber ist, dann sind nicht nur seine Artikel, sondern in aller Regel auch seine Bücher ein echter Lesegenuss. Für Gabor Steingardt gilt das nach meiner Auffassung in jedem Fall. Er ist ein Meister des geschriebenen Wortes, und seine Beobachtungen und Analysen sind zuweilen verblüffend einfach, aber man muss auch erst mal darauf kommen, bestimmte Zusammenhänge tatsächlich herzustellen.
Die Vergleiche des Autors sind häufig so einfach wie treffend. Ein Beispiel. Zur gestiegenen Lebenserwartung und dem dadurch nicht mehr tragfähigen Rentensystem schreibt Steingardt: „Das Rentensystem kollabiert, aber die Rentner sind rüstig. Kaum einer muss vorzeitig sterben. Wer seinen Körper ähnlich pfleglich behandelt, wie es Steve Jobs für das iPhone verlangt (direkte Sonneneinstrahlung meiden, nachts die Batterien aufladen), dem wird in aller Regel ein langes Leben beschert.“
Der Autor legt den Finger in die Wunde und hält dem Leser den Spiegel vor. Die negativen Entwicklungen in der Wirtschaft habe jeder von uns als Kunde selbst mit provoziert. Denn als Verbraucher suche jeder seinen eigenen Vorteil, wolle billig kaufen, und denke nicht an die Folgen – Kostendruck, Niedriglöhne, Auslagerung der Produktion. Überhaupt trügen viele Verhaltensweisen dazu bei, die bisherigen Selbstverständlichkeiten überflüssig zu machen oder von innen auszuhöhlen.

Treffende Charakterisierung der Kanzlerin

Amüsant und treffend zugleich ist eine Passage am Ende des Buches, die ich deshalb zitieren möchte, denn Steingardt zeigt, dass die weit verbreitete Zögerlichkeit von der Politik vorgelebt wird: „Angela Merkel ist die Kanzlerin von Zauderland. Sie hat schon zu DDR-Zeiten auf ihrem Schemel gesessen und gewartet. Ihre Torsteher hießen Honecker und Krenz. Hätten nicht die tapferen Bürgerrechtler das Tor zur Freiheit aufgestoßen und sie mit hinübergetragen, säße sie da heute noch. Jetzt sitzt sie im Berliner Kanzleramt und wartet dort, dass mit dem Land was passiert. Alles sieht nach Regieren aus, aber es ist Warten in seiner aufgeregten und angestrengten Form. Wir sehen allabendlich die An- und Abfahrten ihres Dienstwagens, wie sie irgendwo hin oder irgendwo weg eilt, aber in Wahrheit umkreist sie nur hochtourig ihren Bundeskanzlerinnenschemel.“

Fazit
Dabei müsste das Zaudern, auch bei den Bürgern, nach Auffassung von Gabor Steingardt nicht sein. Denn das Ende der Normalität, wie es in diesem Buch eindrücklich beschrieben wird, bedeute nicht das Ende der Geschichte. Die beginnende neue Zeit werde keine leichte Zeit sein, stellt der Autor abschließend fest, aber „es könnte unsere glücklichste werden.“  Wie gewohnt ist Steingardt ein wichtiges, gut lesbares und nachdenklich machendes Buch gelungen. Wenn er damit – was ich mir wünsche – eine intensive Debatte anstößt, dürfte diese hochinteressant werden.

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Ein Kommentar to “Gabor Steingardt: Das Ende der Normalität”

  1. ChristopherGeissler schreibt:

    Das klingt einmal mehr nach einem Buch was beobachtend nur aufzählt aber keine wirklichen Verbesserungsvorschläge mit sich bringt. Warum, stelle ich mir die Frage, schreibe ich dann ein solches Buch, wenn doch jeder normal denkende, bzw sehen wollender Mensch einfach tagtäglich in seine Ummgebung hineinblicken muss. Die Antwort auf den Nutzen des Buches ist so einfach, wie die seinigen Erklärungen – Profit, den er ja nach ihren Ausführungen als Problem auffasst: Schöne Doppelmoral im übrigen.
    Und die Kanzlerin des, man möchte sagen, nichts-tuens zu bezichtigen ist die Krönung. Soll sich doch Steingart auf den Schemel einmal setzen und dann wird er schnell feststellen, dass es nicht nur rumfahrerei ist.
    Kritisieren ist schön und gut aber bitte doch wenigstens ein Vorschlag fürs besser machen bieten

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