Ins Freie

Autorenwertung
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  • Gefühle
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  • Cover
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  • Gesamt
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Ins Freie

Marcus Ingendaay (Übersetzer). Luchterhand 2010, Gebundene Ausgabe, 350 Seiten, € 19,99

Rezension von: Ratte | Rezensionsdatum:

: Ins Freie

Inhalt

Tim Farnsworth ist erfolgreicher Anwalt, Partner in einer renommierten Anwaltskanzlei. Er ist nahezu genial, immer fällt ihm ein, wie er einen Mandanten „heraushauen“ kann. Farnsworth ist ein Workaholic, klar, dass seine Frau Jane und die schwer in der Pubertät steckende Tochter Becka da ein wenig zu kurz kommen. Trotzdem funktioniert die Ehe noch, man wohnt in einem komfortablen Haus im Grünen, ganz in der Nähe des Arbeitsplatzes New York.

Der Roman beginnt mit dem Heimkommen des Anwalts nach einem langen Arbeitstag. Er geht durchs Haus und bedauert, dass er alles verlieren werde. Es geht wieder los, sagt er seiner Frau. Was da wieder losgeht ist ein unkontrollierbarer und unverstehbarer Wanderdrang. Tim kann nicht mehr stehenbleiben, so wie er ist, läuft er los, irgendwohin, bis zur psychischen Erschöpfung, dann schläft er irgendwo ein.

Per Handy informiert er noch seine Frau, die ihn zuverlässig irgendwo einsammelt, verdreckt, halb nackt. Anhalten kann Tim nicht, nicht einmal, als sich ihm der Mörder präsentiert, für dessen Tat sein wichtigster Mandant angeklagt ist. Tim gibt den Fall ab, prompt erhält der unschuldige Mann lebenslänglich. Hätte Tim ihn retten können? Müßige Frage, denn Tim kann nicht einmal sich selbst retten. Seine Wanderungen werden immer extremer, das Handy fliegt in einen Müllcontainer, wettergerechte Kleidung hat er nicht dabei oder zieht sie aus und wirft sie weg, das GPS vergisst er, immer weiter werden seine Wanderungen.

 

Kein Arzt weiß das Leiden einzuordnen, kein Arzt oder Scharlatan kann ihm helfen, auch wenn Tim mit einem Helm läuft, der seine Hirnströme aufzeichnet, auch wenn Tabletten zumindest seine innere Stimme, den „Bierkutscher“, den primitiven Antreiber verstummen lassen – Tim läuft weiter. Mit Handschellen ans Bett gefesselt, bewegen sich die Beine ohne Unterlass. Tim verliert seine Stellung, seine Kollegen machen sich über ihn lustig, Jane, seine Frau, träumt von einem anderen Leben mit einem anderen Mann und verfällt dem Alkohol – und Tim läuft. Mehrere Zehen erfrieren ihm, der Brand in den Händen kostet ihn mehrere Finger, er entgeht nur knapp einer Vergewaltigung – doch er läuft.

 

Fazit

Joshua Ferris Roman, sein zweiter, sprengt die üblichen Genregrenzen. Mit was hat der Leser es hier zu tun? Mit einer Krankengeschichte? Mit Zivilisationskritik? Der ausgebrannte Workaholic läuft in die Natur, um seine Balance wieder zu finden, wie der Manager, der für einen Marathonlauf trainiert oder wochenends Holz hackt? Aber Tim liebt seinen Beruf, er ist gerne Anwalt, genießt die Herausforderung und doch läuft er ohne Grenzen, verspielt alles, was er hat.

Immer wieder diskutiert Tim mit seiner inneren Stimme über Gott und die Welt, ist das der Kern des Romans oder nur Ausdruck einer psychischen Erkrankung? Wenn es denn eine ist. Oder sucht Tim denn Sinn seines Lebens abseits von all dem, was er hat? Und er hat doch alles, wovon man träumen kann. Außerdem bringt ihn diese Suche sukzessive um. Der Kriminalfall endet ebenfalls unbefriedigend, der unschuldig Verurteilte geht Selbstmord, nachdem er Tim mit dessen Versagen konfrontiert hat und neuen Indizien wird der totkranke Detective nicht mehr nachgehen können.

Ein faszinierendes Buch, das nur äußerst schwer einzuordnen ist, aber muss man denn immer eine Lösung haben? Tim hat ja auch keine, er läuft nur.

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