James Joyce: Dubliner – Hörbuch

Autorenwertung
  • Realismus
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  • Charaktere
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  • Sound
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  • Authentizität
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  • Booklet
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  • Gesamt
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Dubliner

Sylvester Groth (Sprecher). der Hörverlag 2012, Audio CD, € 30,95

Rezension von: Ragan Tanger | Rezensionsdatum:

: Dubliner –

Progressives Meisterwerk

James Joyce hat mit den Dubliners im Jahre 1914 nicht einfach 15 triviale Kurzgeschichten präsentiert, die sich alle zumindest auf die Stadt Dublin und ihre brüchigen Protagonisten bezogen.

Es ist keine einfache, zusammenhangslose Sammlung eines aufstrebenden Literaten gewesen, sondern ein hochkomplexer, in sich schlüssiger Reigen literarischer Motive der Jahrhundertwende, die das fin siecle mit der Moderne des 20. Jahrhunderts verbanden und die eine völlig neue Art des Beschreibens beim Schreiben initiierten.

Deren Perfektion, die inneren Monologe ohne Interpunktion, die realistische Darstellung des zerrissenen Entfremdeten – minutiös und doch karg und klar – findet sich später im Ulysses wieder, einem der größten Romane aller Zeiten; eben weil er so konterkarierend, so revolutionär, so einzigartig war und – Erstaunen auch knapp einhundert Jahre später – es immer noch ist.

Solche Genialität ist also – man denke an die Monderoberung in den 1960er Jahren, die 40 Jahre später aufgrund der Weiterentwicklung der Technik nicht mehr möglich ist! – weniger dem Strom der Zeit und der Evolution zuzuschreiben, sondern der Kraft eines einzelnen Genius: James Joyce. Geboren 1882, schulisch und universitär gut gebildet, hegte den Wunsch in Paris Medizin zu studieren und musste diesen Plan aufgrund des Todes seiner Mutter 1904 aufgeben.

Es verwundert nicht, dass just in diesem Jahr der Reigen der Erzählungen der Dubliner begann und dass das zentrale Motiv jenes des gestockten Aufschwungs, des vermeintlichen (aber nicht exekutierten) Neubeginns ist. Joyce selbst hebt sich von seinen Protagonisten ab, gestaltet zeitlebens eine rege Mobilität in Europa und Übersee.

Die Hassliebe, die sich in den Themen seiner Stadt ausdrückt, und die er auch damit institutionalisiert, dass er schon 1912 das letzte Mal den Fuß auf irischen Boden setzt, kommt nirgendwo deutlicher zum Ausdruck als in den Erzählungen, deren handelnde Personen am Ende der Geschichte meist zum Ausgangspunkt zurückkehren.

Sinnbildlich in dem Stück Eveline, wo sich die Protagonisten, beflügelt von neuem Mut und Aufbruch, nach Buenos Aires einschiffen will, aber kurz vor der Abreise ihres Dampfers am Gitter des Hafens festkrallt und dort bleibt, wo sie die ganze Zeit schon gewesen ist.

Im urbanen, grauen, verschleierten, von sozialen Missständen und lebensverneinend gelangweilten Irland.

Auch wenn das Thema der Paralyse, der statischen Beklemmung und Ausweglosigkeit sich wie ein roter Faden durch den prinzipiell streng chronologischen Reigen (die ersten Geschichten portraitieren die Kindheit, Jugend bis hin zum Alter des Endes) zieht, ist Joyce kein Fatalist, sondern vielmehr Realist, der es dem Leser erlaubt, sich aufgrund der reichen und existentiellen Darstellung sein eigenes Urteil zu bilden – und selbst zu entscheiden, so wie er es auch tat.

Inwieweit die Dubliners, deren Veröffentlichung ein – Synchronizität des Gebärenden – langwieriger, sozialpathologischer Kampf zwischen Verlegern und Autor war, eine hochkomplexe Parabel, eine mit Metaphern, Sinnbildern und Analogien geschwängertes Kaleidoskop ist, überlassen wir jedem Einzelnen und im speziellen den Philologen.

Das es sich um ein frühes Meisterwerk, ein bestechend scharfes und außergewöhnliches Literaturprojekt handelt, wird aber auch den Meisten ohne akademische Bildung bewusst.

Darauf aufbauend hat nun eine äußerst interessante Vertonung herausgebracht. Mit Ulrich Lampen als Regisseur ist es gelungen, die Stimmung der Geschichten in einer sehr reduzierten Form der Inszenierung aufrecht zu erhalten. 

Abgesehen von Stereo-Effekten, die den Sprecher mal links, mal rechts, mal hinten, mal vorne, erklingen lassen, wurde auf nahezu sämtliche Utensilien verzichtet –der reine Text, die Konzentration auf just das Rezitieren steht im Vordergrund.

Zehn verschiedene Interpreten (nach Alter und Geschlechtern, nach Timbre und Typus bunt gemischt) nehmen der bewusst nicht offensichtlichen Chronologie einen entscheidenden Unterboden. Es bleibt geheimnisvoll, unklar und doch wächst hier zusammen, was zusammen gehört.

Fazit:

In der Mischung aus Weltliteratur und auditiver Inszenierung eine großartige, acht CDs dauernde Metamorphose von Staub zu Staub. Und dazwischen ist Leben.

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