Jonathan Littell – Die Wohlgesinnten

Autorenwertung
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Die Wohlgesinnten

Hainer Kober (Übersetzer). Berlin Verlag Taschenbuch 2009, Taschenbuch, 1392 Seiten, € 18,00

Rezension von: Christopher | Rezensionsdatum:

Perversität – Authentizität – Absurdität
Claude Lanzmann nannte sein Werk nicht glaubwürdig, doch erklimmt seine fiktive Erzählung des -Offiziers Max Aue alle Bestsellerlisten: Jonathan Littells – ! Im Februar 2008 erschien das Werk mit 1.400 Seiten auch in Deutschland. Bis dahin hatte Littell bereits den renommierten Prix Goncourt erhalten, den er schlichtweg ablehnte.

Jahrelange Vorbereitung
Le Monde bezeichnete sein Werk als eines der „eindrucksvollsten Bücher, das je über den Nazismus geschrieben“ wurde. Vergleiche mit Tolstois Krieg und Frieden wurden angestellt, doch ließen die Lobhudeleien den Autor kalt. Das negative Echo fand eher sein Gehör: Ungenauigkeiten und ergötzen am Leid wurde ihm vorgeworfen. Die Angriffe stammten von Historikern, was jedoch als Indiz für die große Authentizität des Werkes angesehen werden kann. Die Wirklichkeitsnähe erreichte Littell durch jahrelanges Literatur und Quellenstudium, was dazu führte, dass er seinen Roman in nur 120 Tagen niederschrieb.

Katharsis eines Täters
Fast alle hohen Nazi-Chargen der Zeit kommen in Littells Roman zu Wort. Seihen es Speer, Eichmann, Himmler oder auch die kleineren Rädchen der Mordmaschinerie: Höß, Globocnik oder Mengele. Dabei schildert er detailliert ihre Moral und ihre nationalsozialistische Gesinnung und entlarvt dabei ihr vermeintliches Ariertum. Durch seinen Zugang zum inneren Zirkel der Mordmaschinerie wird Aue Beobachter bzw. Teilnehmer am Massenmord der europäischen Bevölkerungen. Die Einsicht in die Erlebnisse aus Tätersicht sind dabei eine Neuheit, die lediglich von Robert Merle ansatzweise erreicht wurde. Diese fiktive Auskunftsfreude der Täter stellt den Kritikpunkt Lanzmanns dar, der durch sein Jahrhundertwerk Shoah gelernt hatte, dass Täter schweigsam sind. Doch nach einem Gespräch mit Littell revidierte Lanzmann seine Aussage, denn wie er feststellte kann Aues Auskunft als persönliche Katharsis gesehen werden.

Was hätte der Leser getan?
Diese Reinigung scheint insofern für Aue nötig, da ihn die gesehenen Gräueltaten schon zum damaligen Zeitpunkt nicht kalt ließen. Nach getaner Arbeit ergab sich Aue meist in sein daraus resultierendes Magenleiden und seine Zweifel. Littell ermöglicht damit einen Einfühlungspunkt für den Leser, dem er indirekt die Frage stellt: Was hätten sie getan? Als Über-Arier kommt Aue weiterhin nicht daher. Vielmehr bedient er das Klischee des intelligenten Offiziers, der homosexuell ist und ein gestörtes inzestuöses familiäres Verhältnis hat. Das Verhältnis zu seiner Schwester ist dafür am prägnantesten. Bereits seid Kindesalter ergehen die Geschwister sich in einvernehmlichen sexuellen Handlungen, doch mit zunehmendem Alter und der Aufdeckung des Verhältnisses muss sich Aue immer mehr in seine Phantasie flüchten und dort seiner Sucht frönen. Dabei stilisiert Aue seine Schwester zur Heilsfigur und möchte ihr nacheifern in jeglicher Art, so dass er bei seinen homosexuellen Abenteuern stets den passiven Partner einnimmt um ihre Empfindungen während des Sex’ nachzuempfinden – er möchte so sein und fühlen wie sie.

Der Wahn bringt die Absurdität
Die menschlichen Abgründe werden durch Aues Wahnvorstellungen vervollständigt, die durch einen erlittenen Kopfschuss in Stalingrad horrende Ausmaße annehmen. Die Skurrilität und Absurdität der Exkurse lassen Realität und Wahn verschwimmen und erinnern den Leser an Szenerien von Marquis des Sades Die 120 Tage von Sodom. Die Teils 130 Seiten langen Ausflüge müssen aber nach der Auffassung von Littell sein, denn sie geben der Persönlichkeit Aues die nötige Tiefe um Authentizität zu schaffen.

Fazit
Das Buch ist insofern keine leichte Kost aber das will es aufgrund seiner angestrebten Komplexität gar nicht sein. So sind die Vergleiche mit Krieg und Frieden nicht weit hergeholt, denn Tiefe und Authentizität lässt sich nur darüber erreichen, auch wenn ein bisschen weniger Wahn die Schwere bereits genommen hätte. Hinzukommend muss Littells Werk als ein Versuch gesehen werden der die Täter-Perspektive auf uns projiziert und uns fragt was hättest du getan, was neben dem bereits genannten Robert Merle einer der wenigen Versuche in dieser Sparte darstellt.

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