Kafkas Komische Seiten

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Rezension von: rakoushan | Rezensionsdatum:

Astrid Dehe – Achim Engstler

Kafkas Komische Seiten

Eines Morgens, nach einer langen Zugfahrt über Nacht, waren Max Brod und Franz in Paris angekommen. Der kulturhungrige Brod drängte darauf, sich doch gleich ins Zentrum der Seinemetropole zu stürzen, doch bevorzugte es, sich zumindest noch „ein wenig zu waschen“.

Brod stand also nach einer angemessenen Frist wieder vor Kafkas Türe, der sich aber immer noch am Waschen war. Der aufgrund der Zeitersparnis ungewaschene Brod musste sich auf das Bett Kafkas setzen und weitere ungenützte Momente auf ihn warten, während draußen Paris aufwachte.

Kafkas selbstvergessene Körperpflege und die „Freuden des Badezimmers“ waren nur ein paar Marotten, des wohl größten Schriftstellers seiner Zeit. Allein mit der Pflege seiner Haare, hätte er ganze Nachmittage verbringen können, so Max Brod.

Sein Bestehen auf vegetarischer Kost, seine chronische Unpünktlichkeit, die er damit begründete, dass er „die Schmerzen des Wartens“ nicht fühle sind weitere Zeugnisse dafür, dass sich auch ein Kafka „im Urlaub befinden“ konnte.

oder kom-isch?

Es bestehe kein Zweifel, dass Kafka auch andere zum Lachen bringen wollte, schreiben die beiden Herausgeber im Geleitwort, aber das obige „Pariser Missverständnis“ zwischen Brod und Kafka – letzterer hatte das Waschen lokal aber nicht zeitlich begrenzt – war wohl weniger lustig, sondern eher komisch.

Das Wort „komisch“ ist in seiner Bedeutung im Titel dieser Publikation aber nicht unbedingt im Sinne des im 15. Jahrhundert von lateinisch comicus, dem Französischen comique oder dem dem Lateinischen vorausgehenden griechischen Wort κωμικός (kōmikós) – „zur Komödie gehörig“ – definiert.  Die Ableitung von mit dem Derivat oder Ableitungsmorphem -isch weist aber etymologisch auf die Komödie hin.

Komisch bedeutet im Deutschen aber vor allem auch seltsam und kann im Falle Kafkas sicherlich auch als tragisch interpretiert und verstanden werden, eben, wie hier ein paar Beispiele illustrieren sollen.

Kafka,  Sportler und Vegetarier

Mit 24 Jahren hatte Kafka 61 kg und eine Größe von 182 Zentimetern, also was man gemeinhin als eine leptosome Statur bezeichnet. Körperlich für eine Sportlerkarriere nicht unbedingt prädestiniert, betätigte sich Kafka aber – entgegen aller Erwartungen – sehr wohl sportlich, denn er schwamm, ritt und ruderte, zumindest im Rahmen eines selbst verordneten Sommersportprogramms, was ihn bald zu der Aussage bringen sollte: „Jemand hat einmal gesagt, dass ich wie ein Schwan schwimme“.

Aber das sei kein Kompliment gewesen, teilt er seiner Geliebten Milena Jesenska mit. Bald reduzierte er sein „Sportprogramm“ aber wieder auf ausgedehnte Spaziergänge, die er „unter Hochdruck“ absolviert hätte, wie er selbst in einem Brief an eine andere Geliebte, Felice Bauer, 1912 schrieb. Da Franz Kafka bei der Arbeiter-Unfallversicherung (AUVA) nur von 8-14 Uhr zu arbeiten hatte, nahm er alle seine Mahlzeiten mit seinen Eltern ein, doch weigerte er sich, die tschechische Hausmannskost aus Fleisch und anderem Deftigen zu sich zu nehmen.

Kafka war aber kein ideologischer Vegetarier, er hatte den Vegetarianismus für sich selbst eher durch Probieren und Experimentieren entdeckt. Wenn auch nicht ideologisch, so konnte er dennoch radikal darin sein, andere Menschen für ihre Eßgewohnheiten zu kritisieren: „Wie können Sie nur das ganze Fett hinunterschlingen, das beste Nahrungsmittel ist eine Zitrone“, soll er einmal zu einem AUVA-Kollegen gesagt haben, als dieser dabei war ein Butterbrot zu essen.

Fazit: „Jede Zeit hat ihren Kafka“

Der berühmte Schriftsteller wird in vorliegender Publikation in allen seinen Facetten gezeigt, zumindest aber in 36 Kapiteln, die in sich abgeschlossen sind und deswegen auch kreuz und quer gelesen werden können. Die „komischen“ Seiten Kafkas sind aber sehr oft eher seltsam, also komödienhaft, wie auch seine Ansichten über das Heiraten gut veranschaulichen.

Was ihn daran am meisten stört, ist, dass nur das Junggesellendasein es ihm ermöglicht, seine ungeliebte Arbeit jederzeit kündigen zu können. In einem Brief vom 14.4.1914 an Felice Bauer schreibt er:  „Alles Recht, das mir die Sitte aus der Tatsache des Verlobtseins gibt, ist für mich widerlich und völlig unbrauchbar. (…) Möglichst asketisch leben, asketischer als ein Junggeselle, das ist die einzige Möglichkeit für mich, die Ehe zu ertragen.“

Die Ehe sei ein „Kontrakt zur Preisgabe des Körpers, zur Öffnung der Grenzen nach dem Muster eines `gewaltsamen Stromschlusses´“, so Kafka in einem Brief an Max Brod. Nach drei Entlobungen und der gescheiterten Beziehung zu Milena Jesenska lautet sein eigenes Fazit: „Eine Frau lieben und unangefochten von Angst sein oder wenigstens der Angst gewachsen und überdies diese Frau als Ehefrau zu haben, ist ein mir derart unmögliches Glück, dass ich es – klassenkämpferisch – hasse.“

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