Land der Geister

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Land der Geister

Elisabeth Müller (Übersetzer). Luchterhand 2009, Taschenbuch, 383 Seiten, € 0,75

Rezension von: Ratte | Rezensionsdatum:

Land der Geister von

Inhalt
Laura Restrepo, die selbst ins Exil gehen musste, schreibt in diesem Roman über eine gefährliche Zeit Kolumbiens. In den 80er Jahren steht Kolumbien am Rande des Chaos. Doch Restrepo ist eine versierte Autorin, Informationen über den Zustand des südamerikanischen Landes erfährt man so nebenbei, etwa wenn es darum geht, diese oder jene Straße zu befahren – besser nicht, die wird von der Guerilla kontrolliert – wenn der Drogenbaron Pablo Escobar seinen Auftritt hat oder wenn Bomben in der Hauptstadt explodieren.

Die Menschen in Kolumbien sind hineingezogen in diesen Sumpf, wie könnte man denn auch außen vor bleiben. Agustina hat es zumindest versucht. Sie ist eine Londono, ein glanzvoller Name, Grundbesitzerin, reicher Geldadel. Die Eltern weigern sich kategorisch, den Mann, den Agustina geheiratet hat, auch nur zu empfangen. Aguilar ist Literaturdozent, politisch eher links einzuordnen und hält sich zur Zeit mit dem Ausliefern von Tierfutter über Wasser, absolut nicht standesgemäß. Er liebt seine Frau von ganzem Herzen, die Ehe ist für ihn die Erfüllung eines Traumes und dass sie „ein wenig seltsam“ ist, sieht er wohl, aber eher als seine Aufgabe, nicht als ein Manko.

Agustina hatte schon als Kind das „zweite Gesicht“, ist emotional nicht sehr stabil, immer am Rande des Wahnsinns. Als Aguilar sie verlässt, um ein verlängertes Wochenende mit seinen zwei Söhnen aus erster Ehe zu verbringen, ist Agustina fröhlich, streicht gerade das Wohnzimmer moosgrün, denn das sei laut den Ideen des Feng Shui die richtige Farbe für „Paare wie uns“. Vier Tage später, als Aguilar zurückkommt, ist alles anders. Aguilar erhält einen mysteriösen Anruf, er solle seine Frau aus dem Hotel Wellington abholen. Dort findet er seine Frau auch tatsächlich, sie ist jedoch nicht mehr ansprechbar. Agustina ist wahnsinnig. In ihrer Wohnung verweigert sie jede Erklärung, stellt überall Schalen mit Wasser auf, beschimpft ihren Mann und würde nicht plötzlich Tante Sofi, eine Verwandte von Agustina auftauchen, würde Aguilar mit der Pflege seiner Frau sicher überfordert sein.

Was ist nur geschehen in diesen vier Tagen? Aguilar ist eifersüchtig, denn warum geht eine Frau in ein Hotel? Natürlich, um ihren Liebhaber zu treffen. Mit wem war Agustina nur verabredet? Aguilar macht sich auf die Suche nach der Wahrheit, die jedoch keineswegs so einfach ist, wie er – und der Leser – anfangs denkt. Laura Restrepo lässt uns ein Puzzle zusammensetzen, deren Stücke von Aguilar erzählt werden, von Agustina, von der Erzählerin oder von Midas McAllister, einem eigentlich ganz unsympathischen Mann, der sich, aus ärmlichen Verhältnissen stammend, bis hin zum „Geldwäscher“ von Pablo Escobar hochgearbeitet hat. Wenn man sich den „Luxus“ eines Gewissens nicht leistet, dann ist dieser Aufstieg gut möglich.

Als Midas die Familie Londono besucht, holt diese Baccarat-Kristall, Christofle-Silber und die beste Tischdecke hervor, ist er jetzt doch reicher als sie. Auch Midas, Agustinas Ex-Liebhaber, erzählt, aber nie sprechen die Protagonisten miteinander, man spricht übereinander, nach und nach auch über die Geheimnisse, die „Leichen im Keller“. Die hatte schon – auch das ein Erzählstrang der komplex komponierten Geschichte – der Großvater, der aus Kaub am Rhein nach Kolumbien eingewandert ist. Auch er verfällt dem Wahnsinn, er bringt sich um, weil er es nicht mehr erträgt, seine Homosexualität verheimlichen und unterdrücken zu müssen.

Diese unheilige Tradition der Verheimlichung und Vertuschung setzt sich innerhalb der Familie fort. Nichts ist so wie es scheint, daran hat auch Agustina schwer zu tragen. Wir Leser gehen als Beobachter durch die Erzählung und setzen auch Stück für Stück zusammen, Laura Restrepo wechselt dabei oft mitten im Satz den Erzähler, es gibt keine Absätze, keine wirkliche wörtliche Rede.

Fazit
In einem Rutsch lesen kann man dieses Buch nicht, denn es ist sprachlich sehr präzise und fordert Konzentration ein – trotzdem ist es extrem spannend. Eine korrupte Gesellschaft, verrottet und pervertiert, wird seziert – und das peinlich genau.

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