Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz in Auenthal: Eine Art Idylle

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Rezension von: Ragan Tanger | Rezensionsdatum:

: Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz in Auenthal: Eine Art Idylle

Selbst ist das Genie
Wo sind die Punkte? Wo das Ende des einen, wo der Anfang des nächsten Gedankens? Das mag sich manch konformierter Leser der Moderne denken, der literarisch gut gefüttert das Triviale zu schätzen weiß. Stattdessen Proust, Joyce, Büchner und Jean Paul, den Helden dieser Rezension, nehmen wir auch noch dazu. Wie abstrakte Kunst oder rückwärts gehen, Dekonstruktion oder Phantasterei – was auch immer Jean Paul getan hat, es ist – gerade in unsere Zeit – gewöhnungsbedürftig, deshalb aber noch lange nicht uninteressant.

Die Textura-Edition vom C.H.Beck-Verlag hat bislang mit einer Reihe herrlicher weltliterarischer Sensationen überzeugt; mit ansprechend buntem Layout gibt es auch von Melville, Casanova oder Dickens die feinsten, kleinen Überraschungen. So wie der Schulmeister Wutz, der elegisch intoniert vom Erzähler, sein absonderliches, vergnügliches Leben erfährt. Vom Ende bis zum Anfang, wenn man so will, begleitet der Biograph auf Bitte von Wutzens Frau Justina das Schelmenstück.

Der besondere Clou: Obwohl Schulmeister von Beruf wegen ein armer Bettelmann, will sich Wutz seine Weltliteratur selbst erdichten. Von Kants Vernunftkritik und Goethes Werther hat er mehr als gehört, doch kaufen kann er sie sich nicht. Darum schrieb er sich die Bücher selbst und macht so aus den Leiden des jungen Werthers dessen Freuden. Das drückt am ehesten die Lebensfreude des naiven, aber präsenten Wutzes aus.

Das Leben im Moment zu genießen, zu ehren, den Tod zu respektieren und sich an dem Einfachen zu vergnügen, was da ist und eventuell zu improvisieren sind die Kernbotschaften des von der Aufklärung und der jungen französischen Revolution beeinflussten Jean Pauls. Ursprünglich lag der Wutz sogar dem ersten erfolgreichen Roman, der unsichtbaren Loge bei, und würde schon 1790 geschrieben.

Da hatte Johann Paul Friedrich Richter, der sich in Ehrerbietung für das Werk Jean-Jaques Rousseaus, später Jean Paul nannte, noch keine Meriten und stand ebenfalls bettelarm zu Beginn seiner durchaus ambivalenten Karriere. Als Satiriker gefeiert, als gewiefter Interpret des zeitgenössischen Lebens gehuldigt, gab es auch immer wieder Leute, wie Goethe oder Schiller, die ihn missachteten. Genau so wie Herder oder Wieland ihn bewunderten.

Historisch, dialektisch, linguistisch und philosophisch Interessierte haben hier ein kurioses Kompendium all jener Disziplinen. Menschen, die mitdenken, nachlesen und – ja! – überfordert werden wollen, die sich mit dem Schriftsteller entwickeln wollen, sind hier gefragt. Jean Paul ist nichts für jedermann, aber etwas ganz Besonderes für den echten Kenner.

Fazit:
Die Textura-Reihe ist schon optisch ein Highlight, selbst taktil liegen die Bände einfach anschmiegsam in der Hand. Man spürt, dass man hier einen kleinen literarischen Schatz in der Hand hält, der sich von den konformen Paperbacks unserer Zeit abheben will. Mit Jean Pauls Wutz ist ein weiterer logischer Schritt getan, richtig interessante, prophetische und ungewöhnliche Schriften zu verbreiten. Dem Leben selbst eine andre Stirn bieten.

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