Letzte Liebe

Autorenwertung
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Letzte Liebe

Dorothea Razumovsky. Weissbooks 2009, Gebundene Ausgabe, 150 Seiten, € 0,60

Rezension von: Ratte | Rezensionsdatum:

Letzte Liebe von

Hintergrund
Ein schmales Buch, 151 Seiten im klassischen Weiß des weissbook Verlags. Eigentlich schade, dass dieses Buch so schmal ist, denn das Lesevergnügen steht im umgekehrten Verhältnis zur Seitenzahl. Ein wunderbares Buch – und die Autorin arbeitet, so sagte sie bei einer Lesung in Frankfurt, bereits an einer Fortsetzung – Gott sei Dank, mögen viele Leser nach der Lektüre von „Letzte Liebe“ wohl sagen.

Alt werden, als sein
Die Ich-Erzählerin des Buches ist freiwillig in ein Seniorenheim umgezogen. Nicht etwa, weil sie sich nicht mehr selbst versorgen könnte oder weil ihr Verstand nicht mehr richtig arbeitet, der ist noch sehr wach und scharfsinnig, sondern weil sie die Machenschaften ihrer Stieftochter fürchtet, fürchten muss. Nach dem Tod ihres Mannes zieht dessen Tochter aus erster Ehe zu der Witwe in das schöne Haus. Nach und nach wird die Heldin des Romans immer weiter ins Abseits gedrängt, muss in den ersten Stock ziehen – keiner fragt nach der schmerzhaften Arthrose in ihren Knien, und sie wird immer mehr wie ein langsam senil werdender Störfaktor behandelt, sogar ein Facharzt wurde schon heimlich bestellt.

Die Frau erkennt, dass das junge Paar, das nun unten wohnt, sie gerne los würde, möglichst unter Hinterlassung nicht nur des Hauses, sondern auch noch ihrer schönen Rente – und, viel schwerwiegender, der Aufgabe ihrer Selbstbestimmung. Da zieht sie doch lieber selbst dorthin, wo es ihr noch am erträglichsten erscheint und wo sie ihre Foxterrierhündin Cora mitnehmen kann. Bissig und scharfsichtig kommentiert sie das Leben im Altersheim – auf einem Notebook! Denn die alte Dame hat einen EDV-Kurs für Senioren absolviert, in dem es hieß, dass sie so viel als möglich üben solle: „Schreiben Sie einfach alles auf, was Ihnen so durch den Kopf geht, irgendwas, vielleicht ein Tagebuch …“

Aus einem Moment der Verärgerung heraus hat die ausziehende Heldin den neuen, teuren Laptop des Lebensgefährten ihrer Stieftochter einfach mit eingepackt und sozusagen „entwendet“. Der Laptop liegt nun unter ihrem Bett, und auf ihm übt sie und schreibt sich ihre Wut über ihre Stieftochter vom Herzen, ihre Verärgerung über so einiges im Seniorenstift, was im Argen liegt, über die Grenzüberschreitungen und den Mangel an Achtung, wenn etwa gefragt wird, ob „wir“ heute schon Stuhlgang gehabt hätten, über ihre Angst, der Demenz irgendwann einmal nicht mehr entgehen zu können und über ihre Erinnerungen.

Dann kommt mehr dazu, denn sie lernt jemanden näher kennen, der so gar nicht in ihre Welt passt: Waldemar, Wowa genannt, 15, Russlanddeutscher, einer von den jungen Männern mit Migrationshintergrund, die nirgendwo zuhause sind, in der Schule scheitern und nichts mit sich anzufangen wissen. Wowa liebt Tiere, er erzählt, früher hätte er auf einer Kolchose auf dem Land in Sibirien gelebt, sich um Kühe gekümmert, jetzt findet er sofort einen Draht zu Cora. Jeden Tag tobt er mit der Hündin durch den Park und so bleibt es nicht aus, dass sich Wowa und die alte Frau näher kommen, auch wenn sie erst einmal nicht in das Leben eines anderen hineingezogen werden will.

Aber sie entdeckt in dem Rüpel eine eigentlich empfindsame Seele. Ein einsames Leben führt Wowa, er spart eisern für seinen Traum, über den er nicht spricht. Eines Tages ist er fort. „Frau Professor“, wie sie von allen genannt wird, beginnt zu suchen, erfährt von einem Leben, das so anders ist als ihres und von einem Schicksal, das ihr sehr nahe geht. Und eines Tages ist auch sie verschwunden. Nur ihr Laptop liegt noch unter dem Bett – wenn man im Heim nur das Passwort wüsste…

Die Autorin
Dorothea Razumovsky hat einen guten Namen als Journalistin. Viele Jahre hat sie für den Rundfunk und für eine Reihe namhafter Tageszeitungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz geschrieben, war Korrespondentin in Prag, Den Haag, Belgrad, Paris und Johannesburg. Sie veröffentlichte mehrere Sachbücher, unter anderem ein viel beachtetes über den Balkankrieg und ein ebenfalls hochgelobtes Fachbuch über die politischen Gegebenheiten in Südafrika. Ihre Themen sind eigentlich Geschichte und Außenpolitik, „Letzte Liebe“ ist ihr erster Roman.

Fazit
Die Geschichte einer Junggebliebenen, die sich mit List, Neugier und klarem Verstand in jeder Situation behaupten kann und die trotz ihres Alters immer noch offen ist für Neues macht viel Mut. Man kann durchaus „anders“ alt werden, neugierig und wach bleiben. Die alte Frau, manchmal vergesslich, aufmüpfig und manchmal zornig ist ein wunderbarer Gegenentwurf zu den jungen, blassen Helden so vieler moderner Romane. Der prägnante Stil, kurz, aber sehr treffend, macht „Letzte Liebe“ zu einem außergewöhnlich schönen und leicht lesbaren Roman. Jeder Satz ist ein Kleinod. 40 kurze Kapitel lesen sich schnell, und man kann sie auch gut noch das eine oder andere Mal erneut lesen – ein empfehlenswerter Roman!

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