Musik ohne Grenzen

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Musik ohne Grenzen

Hainer Kober (Übersetzer). Edition Elke Heidenreich bei C. Bertelsmann 2010, Gebundene Ausgabe, 416 Seiten, € 15,00

Rezension von: Wolfgang Mechsner | Rezensionsdatum:

“Musik ohne Grenzen” von

Der Autor
Schon der Autor ist bemerkenswert: ein in Jerusalem geborener Palästinenser christlicher Religion wächst dort muttersprachlich im Englischen und Arabischen auf, studiert später in Princeton und
Harvard; wird vergleichender Literaturwissenschaftler an der Columbia University in New York, macht sich dann – neben seiner wissenschaftlichen Karriere – als engagierter Intellektueller zum Nahost-Geschehen in zahlreichen Publikationen einen Namen – immer in Gegenposition zum oft
proklamierten “Clash of Civilizations”. Als – so er selbst – “Humanist, der sich mit Literatur beschäftigt” in europäischer Kultur, Philosophie und Kunst bestens bewandert, meldet sich der zudem ausgebildete Pianist nach dem Tode des von ihm so verehrten Glenn Gould ab 1983 immer wieder mit Texten über Musik in renommierten Zeitschriften  zu Wort.

Die Menschlichkeit der Musik
Das vorliegende Buch ist eine gegenüber der 2008 erschienenen Originalversion etwas gekürzte Sammlung von Texten, die bis 2003 vor allem in “The Nation” aber auch in anderen Zeitschriften publiziert wurden. Der Band ordnet die Texte nach der Chronologie ihres Erscheinens, gruppiert nach den Jahrzehnten.

Das Vorwort von Daniel Barenboim (ein Zweites folgt von Mariam C. Said, der Frau des 2003 verstorbenen Autors) steckt den Rahmen des Buches ab: es gehe um (“klassische”) Musik in ihrer “eigentlichen Substanz”, um die “Menschlichkeit der Musik”, den “Wert musikalischer Kontemplation und Gedanken”, deren Phänomene darzustellen Said als ein “Gelehrter mit einem bemerkenswerten Interessenhorizont” hervorragend in der Lage sei.

Später im Buch schreibt Said über den Freund Barenboim (im Jahre 2000 in der New York Times veröffentlicht). Er hatte mit ihm 1999 mit palästinensischen und israelischen Musikern das West-Eastern Divan Orchestra gegründet. Der Text gipfelt in der Beschreibung, was die Musik von Barenboim in ihm auslöse, was also ein Interpret klassischer Musik im glücklichsten Fall bewirken könne:

“Letztlich hat man das Gefühl, sich des eigenen Menschseins, seiner Liebe und Sterblichkeit stärker bewusst zu werden durch ein ästhetisches Erlebnis,das mittels eines wunderbar modellierten Klangs die Zuhörer mit anderen verbindet, mit anderen Ichs, anderen Musiken, anderen Äußerungen und Erfahrungen.”

Vom Besonderen zum Allgemeinen

Das macht die Stärke dieses Buches, dieser Essays aus. Denn das sind sie: Essays über Musik, die immer über das Besonderes eines Anlasses (eines Konzertes, eines Festivals, einer Opernaufführung, einer Musikerpersönlichkeit, eines Buches) hinaus zu allgemeinen Überlegungen führen, seien sie musikalischer, gesellschaftlicher, ja zuweilen – wenn es um die Frage “Israel – Palästina” geht (immer bei Richard Wagner) – auch politischer Art.

Gleich der erste Text – “Musik an sich: Glenn Goulds kontrapunktische Vision” – ist ein charakteristisches Beispiel. Die Eigenheiten dieses besonderen Pianisten, an dem sich immer die Geister schieden (und scheiden), bringt Said auf den Punkt: “Gould schlage, wenn er Klavier
spielt, einige komplexe, hochinteressante Ideen vor”, ja es ginge ihm wohl immer um eine “Art von Verständnis, die uns normalerweise beim Lesen oder Denken und nicht einfach beim Spiel eines Musikinstrumentes zuteil wird”. Und dann entwickelt Said Gedanken über “das Wesen des
Kontrapunkts”, und der Leser erfährt auf drei Seiten beglückende und bereichernde Erkenntnisse über dieses geheimnisvolle musikalische Phänomen.

Und so geht es weiter: ein Bericht über die Aufführung der “Ägyptischen Helena” – keinesfalls ein Werk, welches selbst Opernkennern unbedingt geläufig ist – gerät unversehens zu einer
gründlichen und tief schürfenden Einführung in die wohl formal und inhaltlich nicht unproblematische Oper von Richard Strauss und seinem Librettisten Hugo von Hofmannsthal.

Oder: Ein Bericht über zwei Konzerte von Maurizio Pollini bringt den Autor zu grundsätzlichen Überlegungen, was Pianistentum sei: nämlich Künstlertum als ein sich über die einzelnen Konzerte und Einspielungen hinaus entwickelndes künstlerisch-biographisches Projekt. Es folgen
dann zwei Seiten über die Art von Programmgestaltungen von Klavierabende. Sie seien erst dann interessant, wenn sie etwas “erzählen”, quasi zu Essays auf dem Klavier” werden.

Oder: ein eindrucksvoller Bericht über ein Konzert von Sergiu Celibidache, für Said ein Konzertereignis, welches sich nicht den Maßstäben der Eventkultur (“Ritual von Virtuosität und Applaus”) unterordnet, aber so zu “einem geschlossenen und der eigenen Dramatik gehorchenden Phänomen” wird.

Am eindringlichsten und tiefsten sind Saids Essays über Glenn Gould “Der Virtuose als Intellektueller” und Johann Sebastian Bach “Kosmische Ambitionen”, einer Buchbesprechung von Christophs Bach-Biographie. In ihnen entfaltet der Autor seinen intellektuellen Horizont, und versucht zwischen Denken und Musik eine Brücke zu schlagen, auch hier der Vermittler, wie es wohl zur Signatur seiner Persönlichkeit  gehörte.

Fazit
Auch ein bemerkenswertes Buch: Musik als sinnliches, emotionales, geistiges und intellektuelles Vergnügen und damit den Menschen in seiner Gesamtheit ansprechende Kunstform … wer sich dafür begeistern lassen will, lese dieses Buch. Es ist ein facettenreiches Buch, lehrreich und unterhaltsam (es gibt ein paar sehr amüsante Konzertverisse), es macht einen nachdenklich und vor allem es macht Lust sich mit der im Buch besprochenen Musik zu beschäftigen, die man noch nicht kennt.

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