Räuberleben

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Räuberleben

Lukas Hartmann. Diogenes 2012, Gebundene Ausgabe, 352 Seiten, € 3,90

Rezension von: Ratte | Rezensionsdatum:

: Räuberleben

Inhalt

Lustig ist das Räuberleben ganz und gar nicht Ende des 18. Jahrhunderts – und das Zigeunerleben ebenfalls nicht. Denn um eine Zigeunersippe handelt es sich bei dem gefürchteten Räuber Hannikel, seinen Kumpanen, Frauen und Kindern. Hannikel, eigentlich Jakob Reinhardt, zieht durch den Schwarzwald und das Elsass, überschreitete die Grenzen der kleinstaatlichen Fürstentümer wie er will und ernährt seine Sippe durch Wilderei und Raub. Bevorzugt raubt er die Juden aus, er selbst ist wie seine ganze Sippe katholisch und so glaubt er sich der Unterstützung der Seßhaften sicher, denn die Juden sind ja verhasst. Hat man nicht erst den Oppenheimer, Jud Süß, hingerichtet und in seinem Käfig ausgestellt, bis die Leiche ganz zerfiel? Aber trotzdem lieben die Seßhaften auch die Zigeuner nicht, deren Freiheit, ihre Gebräuche und ihr enger Familienzusammenhalt sind ihnen suspekt. Das Pack gehört ausgerottet.

Doch eine neue Zeit bricht an, der Oberamtmann Jacob Schaeffer aus Sulz schafft es, Hannikel und seine Bande auch über die Grenzen hinweg zu verfolgen – welch ein Hickhack, wer nun für welche Kosten aufzukommen habe – und stellt ihn in Chur, in Graubünden. Hannikel hatte nämlich nicht nur Juden dransaliert und Gut und Geld geraubt, er hatte den Grenadier Pfister ermordet, der seinem Bruder die Freundin ausgespannt hatte. Dafür musste der Grenadier sterben, ein Ehrenmord, aber Herzog Karl Eugen mag es gar nicht, wenn ihm seine Soldaten ermordet werden, lieber verkauft er sie selber auf alle Kriegsschauplätze dieser Welt, um seinen aufwändigen Lebensstil zu finanzieren, seine Lustjagden und Gastereien.

Hannikel wird gefangen und zur Aburteilung nach Sulz am Neckar geschafft. Aber Jacob Schaeffer erhält nicht die Beförderung, die er erwartet hatte und sein immer geforderter Schreiber Grau, ein Subalterner, der eigentlich nichts zu sagen hat, nur zu gehorchen, erzählt uns nun in seinen Briefen von der Sintigruppe, von Käther, der „Beischläferin“ des Hannikel und von Dieterle, dem 11jährigen Sohn des Räuberhauptmanns. Das Schicksal des Jungen rührt Grau, der Junge, klein, schmal, scheu, der seinen Vater abgöttisch liebt und alle, die ihm Übles wollen,mit seinem Hass verfolgt. Solch ein Verstocktsein passt nicht zur christlichen Reue und Demut und Dieterle hat es schwer im Zuchthaus und im Waisenhaus, in das er dann gebracht wird. Die Verhöre ziehen sich hin, wir lernen den Räuberhauptmann gut kennen, der meint, keine große Wahl gehabt zu haben im Leben, da er als Zigeuner doch nie akzeptiert wurde.

Aber so einfach macht es sich Lukas Hartmann nicht.  Die Personen sind vielschichtig und lebensnah geschildert. Parallelen zur heutigen Zeit, zu Ausgrenzung und Unduldsamkeit heutzutage dürfen wir ziehen, aber in erster Linie ist es ein gut fundierter historischer Roman, Hannikel hat wirklich gelebt, die Verhörprotokolle sind überliefert und was Dieterle voller Hoffnung erzählt, was sich da in Frankreich abspiele, wenn das Volk sich gegen dieObrigkeit erheben. das glaubt kaum einer im behäbigen Krähwinkel in Württemberg. 1787 wird Hannikel samt dreier Kumpane gehängt, seine Sippe in Zuchthaus oder Waisenhaus eingewiesen. Grau, der lieber Insekten sammelt und erforsch tund oft an seine ihm entfremdete Tochter denkt, die nach dem Tod der Mutter bei fremden Menschen aufwächst, findet zwar einen neue Frau, aber doch nicht das Glück. Und der Junge und seine Familie geht ihm nicht mehr aus dem Kopf.

Fazit

Ein sehr gut recherchierter historischer Roman, spannend und vielschichtig erzählt. Glaubhaft erscheinen Graus leise Zweifel an der Unmenschlichkeit und Gottferne der Verbrecher und sein eigenes Ausgeliefertsein, dass sich von dem der Sinti letztendlich gar nicht so weit entfernt.

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