Rechte Karrieren in München

Autorenwertung
  • Kreativität
    ein Buchein Buchein Buchein Buchkein Buch
  • Anspruch
    ein Buchein Buchkein Buchkein Buchkein Buch
  • Ausstattung
    ein Buchein Buchein Buchein Buchkein Buch
  • Lesbarkeit
    ein Buchein Buchein Buchein Buchkein Buch
  • Sorgfalt
    kein Buchkein Buchkein Buchkein Buchkein Buch
  • Gesamt
    3 Sterne3 Sterne3 Sterne3 Sterne3 Sterne

Rechte Karrieren in München

Marita Krauss (Herausgeber). Volk Verlag 2010, Gebundene Ausgabe, 416 Seiten, € 29,90

Rezension von: Erich Kuss | Rezensionsdatum:

(Hrsg.): Rechte Karrieren in München.

Von der Weimarer Zeit bis in die Nachkriegsjahre. München, 2010.

„Eine ganze Reihe dieser NS-Karrieren lassen die Autoren in den gut recherchierten Beiträ­gen Revue passieren. Ob sie nun Franz Xaver Ritter von Epp heißen, Heinrich Eymer oder Her­mann Pfannmüller – sie alle dienten dem NS-Regime. …“ schrieb die Süddeutsche Zei­tung am 21.12.2010 zum oben genannten Buch.

Waren diese Beiträge tatsächlich gut recherchiert? „Der Teufel steckt im Detail“, mit anderen Worten „in den Fußnoten“, was uns die Feuilletons und Talkshows nach der Recherche von  Fischer-­Lescano, Bremen, zur Zeit täglich vorführen.

Der Rezensent prüfte Details des im oben gerühmten Buch unter

Profiteure

erschienenen Artikels von

Pavla Albrecht:

Prof. Dr. Heinrich Eymer – eine ärztliche Karriere zwischen Ehrgeiz, Eugenik und Nationalsozialismus.

Die Autorin skizziert in ihrem Artikel das Verfahren der Berufung Eymers nach München als Vorgriff auf die zu erwartende Zwangssterilisierung, erwähnt aber nicht, daß die von der Fa­kul­tät favorisierten Kollegen zu der Zeit – anders als Eymer – bereits Mitglieder der NSDAP waren und Eugenik öffentlich propagiert hatten. (Seite 298 – 300) Sie behandelt, anders als die Bundesregierung noch in den fünfziger Jahren, die Zwangs­sterilisation in der NS-Zeit als ein unge­sühntes Verbrechen auch von Heinrich Eymer (Seite 300 –303), und bezeichnet ihn fälschlich als „Mitglied des Sachver­ständigen­bei­rats für Bevöl­kerungs- und Rassen­politik“. Sie geht auf seine „Entnazifizierung“, also auf seine Spruch­kam­­­mer­­ver­fahren ein, ohne die weitgehende Entlastung Eymers durch den Spruch der Be­ru­fungskammer angemessen zu be­rücksichti­gen. (Seite 303 – 308). Im abschließenden Kapitel „Nach­kriegszeit – eine Kar­riere setzt sich unbeschädigt fort“ (Seite 308 – 309), geht es um arbeits­rechtliche Maß­nahmen der Militär­regierung und um die erneute Berufung Eymers auf den Mün­chener Lehrstuhl für Frau­enheilkunde. Die Autorin ver­mutet hinter die­sen Vor­gängen das Wirken von Reinhard Demoll (Bayerische Heimat- und Königspartei, 1.10.45 – 30.04.46 Leiter des Referats für die Univer­sitäten im Bayerischen Staats­ministerium für Erziehung und Kultus) und von sinistrem Netzwerk, von dem damals H. Geßner sprach, der bald darauf in die sowjetische Besatzungs­zone / DDR wechselte.

Her­bert Geß­ner erklärte am 16.06.46 im Radio Eymers Klinik zum „Sammel­punkt nazis­tisch-all­deutsch-militaristisch-deutsch­-natio­­­­naler-antisemitischer Kreise von ehedem, d. h. jener Krei­­­se, die Hitler und dem Nazistaat im Jahre 1932 – 33 den Boden bereiteten und ihn prote­gier­ten und unterstützten.“ Die Autorin nahm diese Äußerung für bare Mün­­ze (Seite 304) und beachtete nicht, daß der Kultusminister Franz Fendt (SPD) am 17.06.46 im Brief an den In­nenminister Josef Seifried (SPD), ebenso wie die Be­rufungs­instanz der Spruch­kammer in ihrem Spruch vom 17.12. 1947, die Be­hauptung Geß­ners ad absurdum führten, schlicht des­wegen, weil zu der Zeit nicht Eymer, der nur kom­mis­sari­sche Direktor der Klinik, son­dern die US-Militärregierung für das Personal der Klinik zu­stän­dig und verantwortlich war.

Außer­dem hatte Fendt am 17.06.46 im Brief an das Ministerium für Sonderaufgaben, Minister Heinrich Schmitt (KPD), die „Presse- und Radioan­griffe“, also die Unterstellungen, Eymer und oder „seine Kreise“ seien nazistisch, …, antisemitisch“ als Teil des Kampfes um die Stelle des Direktors der I. Unv. –Frauen­klinik  bezeichnet. Und er hatte damit Recht.

Der Beweis dafür, daß die Denunziation angeblicher natio­nal­sozialistischer, militaristischer, antisemitischer Tendenzen an der Münchener Universitäts­frau­enklinik tatsächlich, wie Fendt schrieb, als Teil des Kampfes um die Stelle des Direktors der I. Unv. –Frauen­klinik verstan­den werden muß und nicht, wie die Autorin vorgibt, als Ausdruck der Sorge um das demokra­tische Bayern, erfordert, wie unten gezeigt wird, kleinteiliges Arbeiten am Text der Quellen.

Im Absatz „Der Spruchkammerprozeß …“, schreibt die Autorin auf Seite 307 „Da das Fest­halten an den politisch belasteten Mitarbeitern42 von Eymer immer wieder mit dem enormen Mangel an Ärzten begründet wurde, erscheint es mehr als verwunderlich, warum gleichzei­tig den jüdischen Medizinern jegliche ärztliche Tätigkeit an der Klinik untersagt blieb43

  • 42Als Beispiel seien hier nur einige von Eymers „Protegés“ aufgegriffen, wie Dr. Wilhelm Stepp … Verwandter SS-Gruppenführer und krimineller Richter …. Oberschwester Frau Henriette von Schirach … Ehefrau des Reichsjugendführers … Walter Dr. Rech …mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Eisernen Kreuz … ließ sich von seiner ersten Frau, die Jüdin war, aus Rassegründen 1934 scheiden, woraufhin die Frau und die gemeinsame Tochter ins Kz kamen.
  • 43StAM SpkA K 382: Prof. Eymer, Heinrich: eidesstattliche Erklärungen von Dr. Heller, Dr. Koerting und Dr. Tremel.

Es folgt ein appellativer Text über die jämmerlichen Verhältnisse, in denen Eymer seine jü­di­schen Kollegen vegetieren ließ „die Benachteiligung der Menschen, die Jahre in Konzen­tra­tionslagern verbracht und z. T. die komplette Familie verloren hatten“ wird von der Autorin beschworen und als eine „im besten Fall eine geradezu geschmacklose Taktlosigkeit“ Eymers klassifiziert.

Die Autorin hat in ihrer Anmerkung 42 ihre Vorwürfe gegen Eymer konkretisiert, deswegen konnten diese Vorwürfe ge­prüft werden. Sie lassen jeden ratlos, der die Münchener medizini­sche Fakultät auch nur halbwegs kennt: Otto Wilhelm Stepp, war Ordinarius für Innere Me­di­­zin in Jena und Breslau, bevor er 1934 nach München berufen wurde. Weder das noch die Eigen­­­schaften seiner Ver­wandtschaft können Eymer angelastet werden. Frau Henri­et­te von Schi­rach war – soweit der Rezensent die Überlieferung kennt – in Eymers Kli­nik weder als Ober­schwester noch in einer ande­ren Funk­tion angestellt. Walther Rech war in jenen Jahren mit Zustimmung der Besatzungsmacht kom. Klinikdirektor in Erlangen, vor- und nachher tatsächlich Eymers Oberarzt, seine Kriegs­aus­zeich­nungen sind aber für das Thema der Auto­rin ohne Belang; die Gründe für seine Scheidung konnte ich nicht erfahren, die Kau­­­sal­be­ziehung „worauf­hin“ ist auch aus den Re­ferenzen der Autorin nicht ableitbar. Auf ihr dies­bezügliches Zitat “StAM SpkA K382“ komme ich unten zurück.

Eine Erklärung der konkreten, aber zunächst unverständlichen Vorwürfe der Autorin könnte der inter­essierte Leser jedoch in den Akten der Militärregierung fin­den. Die Akte „Anti­semi­tische Ten­denzen“ enthält alle Na­men im oben genannten Kontext: Demoll und seine Ma­chen­­schaften, Heller, Goldberg, Lohmer, die vermeintlich schlecht be­handelten Juden, Stepp mit seiner anrüchigen Ver­wandtschaft, und auch Frau von Schirach wird genannt. Nachdem der vermutlich von Walter Koerting verfaßte und Anfang Mai 1946 der US-Militär­regierung zu­gespielte Bericht „Antisemitische Tendenzen“ übersetzt worden war („Transla­tion No 975“, Intelligence Historical & Reports Branch, Documents & Trans­lation Section) wurde sein Inhalt wiederholt zitiert, z. B. in der Zeitschrift, Trend No 1, 5.06.46, und in Berichten diverser German Informants (v. Otting, Freedman, Sternberg sowie Geßner und Graf; auch das oben genannte Zitat der Autorin „StAM SpkA K382“ steht vermutlich für einen anony­men Zettel mit dem Rech-Extrakt aus „Antisemitische Tendenzen“) und nun auch in dem, wie der SZ-Rezensent meint, gut recherchierten Beitra­gen der Frau Pavla Albrecht.

Dem ist aber nicht so!

Abgesehen davon, daß der Bericht ab ovo falsch war (was, wie oben berichtet, schon Fendt wußte und der rechtskräftige Spruch der Berufungs­kammer bestätigte) unterlag der „gut re­cher­chierte“ Beitrag der Frau Albrecht auch noch dem „Stille-Post-Effekt“: Das „faule Ei“, die Akte „Antisemitische Tendenzen“ enthielt tatsächlich den Namen „Stepp“ und verwies auf seine fragwürdige Verwandtschaft, ordnete den Ordinarius aber korrekt der Medizinischen Poliklinik zu und nicht, wie die Autorin, der Eymerschen Frauenklinik. Der Name der „Frau von Schirach“ wurde auch in jener Akte, aber wie folgt erwähnt: „die Oberin der Eymer´­schen Klinik, die seinerzeit die hingebende Pflegerin der Frau von Schirach … gewesen ist ..“, was die Autorin offenbar als „die Oberschwester Frau Henriette von Schirach“ verstand. Und auch ihr Beleg angeblich dubioser Vorkommnisse im Spruch­kammer- und Beru­fungsver­fah­ren –  „Achtung Fußnote!“ – Nr. 35, mißlingt ihr: sie verweist auf Stefan Wiecki und der – auf den Rezensenten, der aber auch an jener Stelle genau dem wider­spricht, was Albrecht zu bele­gen meint.

Und das nennen Historiker „Bewältigung der Vergangenheit“?

„Um die gewünschten Ziele zu erreichen fühlte sich ICD [also der Geldgeber der oben ge­nannten German Informants] nicht zwingend an objektive Darstellung gebunden.“ heißt es in Wikipedia. Das sollten auch Historikerinnen wissen.

Fazit

Kenntnisreiche Leser finden im Artikel von Frau Albrecht zahlreiche Beispiele manipulativer Geschichtsschreibung, von denen einige oben aufgeführt sind. Unbefangenen Lesern ver­mit­telt der flüssig geschriebene Text ein falsches Bild von der ideen-, mentalitäts- und rechts­ge­schicht­­lichen Entwicklung der Eugenik, von der Persönlichkeit Heinrich Eymer und von der Realität der Entnazifizierung in Bayern.

Wie bewerten Sie dieses Produkt?

Ihre Bewertung
1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne
Loading...

Schreiben Sie einen Kommentar