Reisender ohne Gewerbe: Nachtstücke

Autorenwertung
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  • Gesamt
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Reisender ohne Gewerbe

Melanie Walz (Herausgeber). C.H.Beck 2012, Taschenbuch, 128 Seiten, € 11,50

Rezension von: Ragan Tanger | Rezensionsdatum:

: Reisender ohne Gewerbe –

Investigativer Poet

Zumindest die Generationen des 21. Jahrhunderts haben diese Essays von Charles Dickens garantiert noch nicht gelesen. Die hervorragende Textura-Reihe des C.H.Beck-Verlags sucht sich nicht nur exzellente Literaten für ihr Ensemble zusammen, sondern präsentiert diese auch in besonders ansprechender und exklusiver Form. So wie die Nachtgeschichten des größten britischen Literaten der Moderne, die dieser als Reisender ohne Gewerbeschein (die typisch spöttische Selbstbeschreibung des großen Dickens) in kritischen Tageszeitungen im Rahmen seines Spätwerkes veröffentlichte. Ein kleiner, feiner, prosaisch-poetischer Feuilleton-Happen auf gerade einmal 120 Seiten, mit tollen editorischen Notizen, historiographischen Hinweisen zu Charles Dickens und einer, wie immer bei dieser Serie, souveränen Gestaltung des Layouts.

Charles Dickens, der 1812 geborene Romancier, war und ist Meilenstein in der englischen Kulturgeschichte. Shakespeare steht wie Zeus im Tempelinneren, aber Charles Dickens bewacht das Allerheiligste am Eingang und ist britischen Zeitgenossen mindestens genau so vertraut wie der größte aller Dichter. Auch weltweit ist der große Schriftseller mit Oliver Twist oder David Copperfield (um nur zwei der großen Bestseller zu nennen) mehr als nur ein Name in der Welt der Bücher. Doch Dickens war in erster Linie, und wie diese Ausgabe insbesondere zeigt, auch während seiner späten kreativen Phase Journalist. Das heißt also ein Beobachter, ein gewiefter Kenner des Lebens, ein satirischer, revolutionärer, ehrlicher, immer herausfordernder Novellist des Daseins.

Seine frühesten sketches sind auch heute noch lesenswert, und speziell zum Thema der schönen Zeit des Mondlichtes und der Dunkelheit sind einige seiner essayistischen Beobachtungen aus der Zeit zwischen 1853 und 1863 hier versammelt. Die kleinen Bonmots stammen aus Zeitungen, die immer primäres Sprachrohr waren für den Geist dieses Autors, der die Missstände der Gesellschaft, die Pauperisierung, die Industrialisierung und all die anderen Eigenschaften diese Jahrhunderts anprangerte, die das 19. eben zu demjenigen der Verwandlung machten und zwar viel stärker als zeitgenössische Facebook-Freaks das annehmen möchten. Sein Erfolg, sein Weltruhm, zur Zeit der Fertigstellung dieser Schriften, erlaubte ihm auf königlich amüsante Art und Weise, satirisch gekonnt und ohne jedes Maß an Überheblichkeit die Dinge von außen schonungslos und herrlichst zu portraitieren.

Und dabei macht er vor sich selbst nicht Halt: Schon wie die Geschichte Neujahr, der Opener der Sammlung, beginnt ist ein Paradestück für nicht ernst gemeinte Selbstverstümmelung. Sprachlich gekonnt wie kein zweiter, was auch keine deutsche Übersetzung nehmen kann (und diese von Melanie Walz schon gar nicht – dezent, originalgetreu, schachtelsatzverliebt und auch immer schön zwischen den Zeilen übersetzend), zaubert er sich durch das Universum des allsehenden Journalisten, der überall auftaucht, der alles im Blick hat und der mit und Esprit dem Leser noch so banale Alltäglichkeiten näherbringt. Und dabei immer die eigene Unwichtigkeit im Blick, oder die ganzer Städte (siehe Story Nummer Zwei).

Fazit:

Wer nicht zufällig die 1900 erschiene Ausgabe „Sämtliche Romane und Erzählungen“ des Albin Schirner Verlags zur Hand hat oder englische Originalschriften goutieren kann, hat hier die Gelegenheit in deutscher Erstveröffentlichung dieser Zusammenstellung eine grandiose Übersetzung eines noch besseren Originals zu lesen und Dickens mal abseits großer Romanwelten kennenzulernen. Als rasende Reporter, mit großen Herzen, schnellen Fingern und unnachahmlichem Sprachwitz.

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