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‘Biografien & Erinnerungen’

James Joyce: Dubliner – Hörbuch

: Dubliner –

Progressives Meisterwerk

James Joyce hat mit den Dubliners im Jahre 1914 nicht einfach 15 triviale Kurzgeschichten präsentiert, die sich alle zumindest auf die Stadt Dublin und ihre brüchigen Protagonisten bezogen.

Es ist keine einfache, zusammenhangslose Sammlung eines aufstrebenden Literaten gewesen, sondern ein hochkomplexer, in sich schlüssiger Reigen literarischer Motive der Jahrhundertwende, die das fin siecle mit der Moderne des 20. Jahrhunderts verbanden und die eine völlig neue Art des Beschreibens beim Schreiben initiierten.

Deren Perfektion, die inneren Monologe ohne Interpunktion, die realistische Darstellung des zerrissenen Entfremdeten – minutiös und doch karg und klar – findet sich später im Ulysses wieder, einem der größten Romane aller Zeiten; eben weil er so konterkarierend, so revolutionär, so einzigartig war und – Erstaunen auch knapp einhundert Jahre später – es immer noch ist.

Solche Genialität ist also – man denke an die Monderoberung in den 1960er Jahren, die 40 Jahre später aufgrund der Weiterentwicklung der Technik nicht mehr möglich ist! – weniger dem Strom der Zeit und der Evolution zuzuschreiben, sondern der Kraft eines einzelnen Genius: James Joyce. Geboren 1882, schulisch und universitär gut gebildet, hegte den Wunsch in Paris Medizin zu studieren und musste diesen Plan aufgrund des Todes seiner Mutter 1904 aufgeben.

Es verwundert nicht, dass just in diesem Jahr der Reigen der Erzählungen der Dubliner begann und dass das zentrale Motiv jenes des gestockten Aufschwungs, des vermeintlichen (aber nicht exekutierten) Neubeginns ist. Joyce selbst hebt sich von seinen Protagonisten ab, gestaltet zeitlebens eine rege Mobilität in Europa und Übersee.

Die Hassliebe, die sich in den Themen seiner Stadt ausdrückt, und die er auch damit institutionalisiert, dass er schon 1912 das letzte Mal den Fuß auf irischen Boden setzt, kommt nirgendwo deutlicher zum Ausdruck als in den Erzählungen, deren handelnde Personen am Ende der Geschichte meist zum Ausgangspunkt zurückkehren.

Sinnbildlich in dem Stück Eveline, wo sich die Protagonisten, beflügelt von neuem Mut und Aufbruch, nach Buenos Aires einschiffen will, aber kurz vor der Abreise ihres Dampfers am Gitter des Hafens festkrallt und dort bleibt, wo sie die ganze Zeit schon gewesen ist.

Im urbanen, grauen, verschleierten, von sozialen Missständen und lebensverneinend gelangweilten Irland.

Auch wenn das Thema der Paralyse, der statischen Beklemmung und Ausweglosigkeit sich wie ein roter Faden durch den prinzipiell streng chronologischen Reigen (die ersten Geschichten portraitieren die Kindheit, Jugend bis hin zum Alter des Endes) zieht, ist Joyce kein Fatalist, sondern vielmehr Realist, der es dem Leser erlaubt, sich aufgrund der reichen und existentiellen Darstellung sein eigenes Urteil zu bilden – und selbst zu entscheiden, so wie er es auch tat.

Inwieweit die Dubliners, deren Veröffentlichung ein – Synchronizität des Gebärenden – langwieriger, sozialpathologischer Kampf zwischen Verlegern und Autor war, eine hochkomplexe Parabel, eine mit Metaphern, Sinnbildern und Analogien geschwängertes Kaleidoskop ist, überlassen wir jedem Einzelnen und im speziellen den Philologen.

Das es sich um ein frühes Meisterwerk, ein bestechend scharfes und außergewöhnliches Literaturprojekt handelt, wird aber auch den Meisten ohne akademische Bildung bewusst.

Darauf aufbauend hat der Hörverlag nun eine äußerst interessante Vertonung herausgebracht. Mit Ulrich Lampen als Regisseur ist es gelungen, die Stimmung der Geschichten in einer sehr reduzierten Form der Inszenierung aufrecht zu erhalten. 

Abgesehen von Stereo-Effekten, die den Sprecher mal links, mal rechts, mal hinten, mal vorne, erklingen lassen, wurde auf nahezu sämtliche Utensilien verzichtet –der reine Text, die Konzentration auf just das Rezitieren steht im Vordergrund.

Zehn verschiedene Interpreten (nach Alter und Geschlechtern, nach Timbre und Typus bunt gemischt) nehmen der bewusst nicht offensichtlichen Chronologie einen entscheidenden Unterboden. Es bleibt geheimnisvoll, unklar und doch wächst hier zusammen, was zusammen gehört.

Fazit:

In der Mischung aus Weltliteratur und auditiver Inszenierung eine großartige, acht CDs dauernde Metamorphose von Staub zu Staub. Und dazwischen ist Leben.

Mein erstes Schuljahr

Mein erstes Schuljahr erschienen bei ars Edition

In der hübschen Geschenkpackung sind ein Album, ein Freundschaftsheft und Aufbewahrungsschachteln enthalten. Es ist ein Erinnerungsstück an die Einschulung und das erste Schuljahr, dass sicher nicht nur für den Erstklässler sondern auch für seine Eltern und die ganze Familie eine aufregende Erfahrung ist. Schöne Erinnerungen ruft man sich später immer wieder gern beim Durchblättern, Lesen und Betrachten der gesammelten Werke ins Gedächtnis zurück.

Goethes Zitat
Johann Wolfang von Goethe sagte einmal: “Wenn man seine Kindheit bei sich hat, wird man nie älter.” Da ist viel Wahres dran. Man sollte sich daher die schönen Kindheitserinnerungen bewahren, wozu dieses Set beitragen kann.

Das Album
Das Erinnerungsalbum “Mein erstes Schuljahr” ist für das Schulkind gedacht und didaktisch auch so angelegt, dass es selbstständig bearbeitet werden kann. Es wird einiges an Kreativität gefordert. Zu beginn sollte vor allem gemalt und gezeichnet oder Bilder und Fotos eingeklebt werden. Später kommen dann kleine Texte hinzu. So wird auch der Lernfortschritt des ABC-Schützen im Laufe seines ersten Schuljahres festgehalten.

Am Ende ist ein schönes Erinnerungsalbum entstanden, dass die für das Kind bedeutendsten Augenblicke hervorhebt, egal ob es sich dabei um besonders schöne Erinnerungen oder auch erste Ärgernisse des Schullebens handelt.

In dem Erinnerungsbüchlein sollte auf keine Fall ein Bericht über den ersten Schultag, die Einschulungsfeier fehlen. Daneben kann die Schule vorgestellt und Informationen zu den ersten Schulstunden oder dem Stundenplan gegeben werden. Erinnerungen an die einzelnen Fächer sollten nicht fehlen. Feste des ersten Schuljahres, zum Beispiel die Weihnachts- oder die Faschingsfeier sollten vermerkt werden.

Daneben können Schulausflüge Anlass zum Eintragen oder auch die Projektwochen mit einem Foto oder anderer Dokumentation des eigenen Ergebnisses sein. Auch der letzte Schultag im ersten Jahr ist ein ganz besonderer und hat sich eine Notiz verdient.

Das Freundschaftsheft
Im Freundschaftsheft, können sich alle Freunde und Klassenkameraden verewigen, so dass der Erstklässler sich noch nach Jahren an die Mitmenschen seines Schulbeginns zurückerinnern kann. Wie in einem Freundebuch stellen sich die Kinder steckbriefartig vor, können ihre Seite noch mit einem Bild illustrieren oder ein Foto einkleben.

Schachteln
Die Geschenkbox dient gleichzeitig als Aufbewahrungsbox, die mehrfach unterteilt ist. Darin sollen kleine Erinnerungsstücke gesammelt werden. Es kann ein Andenken an die Schultüte sein, etwas aus dem Unterrichtsalltag oder aber Auszeichnungen, Abzeichen oder Fotos. Natürlich sollten die Kinder auch dazu angeregt werden etwas selbst zu basteln oder gestalten, dass dann in der Kiste seinen Platz findet.

Fazit
Das ist ein sehr passendes und schönes Geschenk zur Einschulung. Erlebnisse und Erinnerungen des gesamten ersten Schuljahres werden in Bild, Wort und “Souvenieren” gesammelt.

Die Weite fühlen

Pia Solèr: Die Weite fühlen. Aufzeichnungen einer Hirtin

Inhalt

Pia Solèr ist Hirtin. Seit 2002 ist sie sommers mit ihren Schafen auf der Alp, hütet sie zusammen mit ihrem Hund und lebt allein dort oben. Auch mit Ziegen und Kühen war sie schon droben, sonst vertritt sie Bauern im Urlaub und pflegt deren Tiere.

Ein Leben mit und in der Natur. Aber Pia Solèr ist keine jugendliche Aussteigerin oder eine Frau auf Sinnsuche in der Midlifecrisis. Sie ist 1971 in Vrin in der Schweiz, in Graubünden, geboren, also nicht mehr so ganz jung, und obwohl sie auch gereist ist, auch Zürich kennt, doch ganz verwachsen mit ihrer schweizerischen Bergheimat.

Sie lebt in Vrin, in Vanescha und auf der Alp Scharboda. Muttersprache ist eigentlich das Romanische, aber auch ihr Deutsch ist schweizerisch gefärbt- somit gibt es sogar ein kleines Glossar.

Die Aufzeichnungen dieser Frau, die dachte, sie hätte eigentlich nichts zu sagen, sind nur kurz: knapp über 100 Seiten und in vielen Absätzen.

Doch Pia Solèr hat viel zu sagen. Über ein Leben in der Natur, das zwar hart ist, aber auch viele wunderbare Momente bietet, über den Wandel durch die Moderne, die auch vor abgelegenen Schweizer Bergtälern nicht halt macht, auch wenn das Handy nur an ganz bestimmten Orten ein Netz findet, über die Gefährlichkeit der Natur, die immer mal wieder in Erscheinung tritt, wenn Lawinen abgehen oder ein Wanderer plötzlich verschwunden ist und nur noch tot geborgen werden kann, oder wenn der geliebte Hund, eigentlich der Gefährte einsamer Tage, stirbt und nichts zu machen ist, auch kein Arzt zu erreichen.

Andererseits sind da die Momente, in denen man die Weite fühlen kann, die Momente, die für alles zu entschädigen scheinen.

Ähnliche Momente erlebt die Autorin in der afrikanischen Wüste in Marokko.

Die vertraute Nähe zu Tieren lässt sich auch mit kamelen herstellen, die Weite und Schönheit der Natur ist in den bergen wie in der Wüste zu erfahren.

Fazit

Ein Leben in 2000 Meter Höhe, naturnah, doch alles andere als leicht, viel Arbeit – aber auch Zeit zum Kräuter sammeln und Tee aufgießen, zum gemeinsamen Kochen und sogar für die Liebe.

Pia Solèr ist oft gern allein, hat manchmal auch ein recht gespaltenes Verhältnis zu aufdringlichen Touristen, aber mit Freunden ist sie auch gern zusammen.

 Lebensumstände, die trotz ihrer Fremdheit uns doch sehr nah sind.

Und wiederum ein wunderbares kleines Buch des weissbooks Verlages. Und hier passt das traditionelle Weiß der Cover besonders gut zum Weiß der Berge!

Die Mechanik des Himmels

Die Mechanik des Himmels – Tom

Vom Hörrohr zum Fernrohr

Adjektive sind laut Sprachvatikan und Ausdrucksgöttern sparsam und möglichst als geschickte Tupfer im Text einzusetzen.

Diametral, nahezu verschwenderisch, geht Tom Bullough mit den attributiven Farbklecksen um, wenn er die Landschaft, die Städte, die Menschen und das Leben an sich ausführlich und in aller Tiefe in seinen Romanen seziert.

Geboren in Wales, studiert in London, gearbeitet unter anderem in Afrika, muss er irgendwie auch mal eine Seelenreise ins verschneite Russland des 19. Jahrhunderts gemacht haben oder wie sonst soll man sich diese detaillierten Beschreibungen erklären?

Die Mechanik des Himmels lebt neben dem Inhalt vor allen Dingen von der sprachlichen Virtuosität und der atmosphärischen Dichte der historischen Betrachtungen.

Der den meisten Menschen wohl unbekannte Gründungsvater der russischen Raumfahrt, Konstantin – Kostja – Ziolkowski, ist Held, Vorbild und Hauptperson dieses historischen Romans, der auf eben jener realen Person, seiner Familie und seiner Heimat fußt.

Und wie nah man dem Schneegestöber, dem zaristischen Abfall, den Werften, den Pferdeschlitten, dem Eis auf Russlands mächtigen Strömen nahekommt, ist schon fast unheimlich.

Als ob Anton Cechov wieder auferstanden wäre. Aber Achtung: Wie ein russischer Großliterat liest sich Bullough nicht, denn erstgenannte zeichnet diese unbändig tiefschürfende Charakterdarstellung aus, Bullough hingegen arbeitet mehr mit Farben, Gerüchen, Situationen und, wie eingangs erwähnt, Attributen.

Da wird das Getöse pulsierend und schimmernd, die Rauchsäulen schräg und die Instrumente rumpelnd. Alles bewegt sich, nichts steht still.

Vielleicht passt diese Technik deshalb so gut zur Physik des Himmels, die der fast schwerhörige Kostja im Laufe seines Lebens kennen und lieben lernt.

Der Sohn eines Mathematikers wird von Bullough in Kindheit, Jugend und Studienzeit begleitet, seine legendären Aufsätze zur Erforschung des Himmels, die Manuskripte zur Weltraumfahrt, von der die Russen noch in den 1950er profitierten, bleiben im offenen Ende denken- und wünschenswert.

Genau jene Astronauten der Ära nach dem zweiten Weltkrieg bilden dann auch den Abschluss – den krönenden, nach vielen Entbehrungen und Schmerzen, die der Held erleiden muss.

So geht es dann mit den Astronauten in die unendliche Schwärze des Alls, einen Raumspaziergag, basierend auf den Überlegungen solch kreativer Menschen wie Ziolkowski.

Fazit:

Kostka zittert, feiert, hört nichts, wird verleumdet und von seinen Cousins malträtiert, die allliebende Mutter stirbt weg, der Vater bleibt streng und unnahbar, und doch wird am Ende gelächelt.

Und ganz nebenbei noch eine ganze Menge über Physik, und zwar grundlegende, verstanden.

Ein Mann der seiner Zeit voraus war, ein Autor, der diese Zeit auf unnachahmliche Weise wieder lebendig werden lässt. Melancholisch schwer, russisch kalt und hochmelodisch.

Poesie wird  auf diese Art und Weise wissenschaftlich.

Die Capitana

, Die Capitana

Elsa Osorio erzählt aus dem Leben der Micaela Etchebéhère, eine gebürtige Argentinierin, die im spanischen Bürgerkrieg kämpfte und dabei  als einzige Frau jemals eine Einheit führte,  Capitana war. Befreundet mit fast allen revolutionären Gestalten des 20. Jahrhunderts, aktiv in vielen Kämpfen und bis zu ihrem Tod mit über 90 Jahren politisch interessiert und aktiv, ist diese wichtige Zeitzeugin heute nahezu vergessen. Osorios will das ändern.

Inhalt

Micaela, kurz Mika genannt, wurde in Moises Ville in Argentinien als Tochter einer Familie jüdische-russischer Einwanderer geboren. Sie trotzt ihrer Familie die Erlaubnis ab, in Buenos Aires Zahnmedizin studieren zu dürfen. Mit nicht einmal 18 Jahren taucht sie ein in die Welt der politisch interessierten, revolutionär gesinnten Studenten, der jungen Weltverbesserer ein, wird selbst Anarchistin, steht in ihren Anschauungen Trotzki nahe.

In diesem Kreis lernt sie den Franzosen Hipólito Etchebéhère kennen, heiratet ihre große Liebe. Ihre Ziel, aktiv an den Kämpfen des sich stark verändernden jungen Jahrhunderts teilzunehmen, werden von Hippos Krankheit überschattet. Er leidet an Tuberkulose. Aus der Kommunistischen Partei werden beide wegen ihrer Nähe zu Trotzki bald wieder ausgeschlossen. In ihrer Gesinnung sind sie jedoch unerschütterlich.

Nach dem Abschluss ihrer Studien reist das Paar durch Patagonien, den rückständigen Süden Argentiniens. Mika arbeitet als Ärztin, eigentliches Ziel ist jedoch die Dokumentation eines blutig von der Reaktion niedergeschlagenen Aufstandes der Schafhirten. 1931 zieht es beide nach Europa, 1932 sind sie in Deutschland und erleben den Aufstieg der Nationalsozialisten mit, 1933 leben sie in Frankreich, 1936 in Spanien.

Beide werden Mitglied in der POUM und greifen aktiv in den Kampf gegen die Diktator Franco ein. Im bewaffneten Kampf ist Mika zuerst in der üblichen Rolle der Frau als Melderin, in der Küche und bei der Wäsche. Nach dem Tod ihres Mannes übernimmt sie trotz ihrer großen Trauer nach und nach dessen Aufgaben als Befehlshaber. Sie wird zur Capitana.

Nach dem Sieg der Faschisten flieht sie zuerst nach Frankreich und von dort zurück nach Argentinien. Nach dem Krieg wird Frankreich ihre Heimat und noch einmal sieht man die nun ältere Dame auf den Straßen, auch im Mai 1968 kann sie nicht von den Barrikaden lassen. Mit über 90 Jahren stirbt Mika in Frankreich, ohne ihrer Gesinnung und ihrem Glauben an eine bessere und gerechtere Welt jemals untreu geworden zu sein.

Fazit

Eine Zeitzeugin des an Umbrüchen und Kriegen so reichen 20sten Jahrhunderts, eine Kommunistin, eine emanzipierte Frau, eine mutige Kämpferin, Schriftstellerin, Journalistin, Freundin so vieler großer Männer und Frauen  – und doch nahezu vergessen.

Elsa Osorio erzählt – nicht chronologisch – Begebenheiten aus dem Leben dieser Frau, lässt sie selbst zu Wort kommen, zeichnet ihr Porträt aus vielen Begebenheiten und vermittelt uns so ganz nebenbei auch die geschichtlichen Fakten, die wir eigentlich wissen müssten. Kein Krimi, kein Blockbuster, nur mäßig spannend – aber durchaus ein lesenswerter biographischer Roman.

Ein Haus in der Wildnis

: Ein Haus in der Wildnis. Erinnerungen

Inhalt

Die bekannte amerikanische Schriftstellerin beschließt mit 70 Jahren noch einmal ein Haus zu bauen, sich ihren Traum von einer Bleibe ganz nach ihren Wünschen zu erfüllen. Sie wählt Wyoming, eine landwirtschaftlich geprägte, recht einsame Gegend an einem Kliff.

Wie jeder weiß, der schon einmal gebaut hat, läuft so ein Projekt immer aus dem Ruder, ein unvorhergesehenes Ereignis jagt das nächste. Dass zum Beispiel die Zugangsstraße zu ihrem Bauplatz nicht, anders als versprochen, winters geräumt wird, ist nur ein Beispiel.

Letztendlich heißt das, dass Annie Proulx ihr über Jahre mühsam erbautes Haus in einigen Wintermonaten nicht bewohnen kann, da es komplett eingeschneit ist. Eine rauhe Gegend eben. Weiter gibt es Probleme mit den Handwerkern, der gegossene Betonfußboden ist rauh, staubig und schmutzig bräunlich und auch der zweite Handwerker schafft es nicht, eine glatte, ebenmäßige, warm leuchtende Fläche hinzubekommen.

Letzendlich wird der Boden gefliest, was natürlich, auch das kennt jeder Bauherr, den finanziellen Rahmen sprengt. Nun ist eine erfolgreiche Schriftstellerin nicht unbedingt eine arme Frau, aber auch Aktien zu verkaufen ist oft ein schmerzlicher Prozess. Immer wieder kommt etwas dazwischen, wird Material nicht geliefert, Wetterextreme bringen die Arbeiten vorübergehend zum Erliegen oder andersherum, eine Notlösung entpuppt sich als Glücksgriff, einige Handwerker werden gar zu Freunden.

Mehr als vier Jahre dauert es, bis das Haus in der Wildnis annähernd als fertig zu bezeichnen ist. Aber Annie Proulx wird auch belohnt für ihren Einfall und ihr Beharrungsvermögen: Durch neue Freunde, durch wunderbare Naturschauspiele, durch Tier- und besonders Vogelbeobachtungen, die anders nie möglich gewesen wären. Ein Weißkopf- und ein Goldadlerpaar nisten in der Nähe des Hauses, sie füttert Schwärme von Gimpeln, beobachtet Gänse, Enten, Eulen, einen Uhu, Wapitis, einen Puma mit Jungem und jede Menge anderes Getier.

Einen Großteil des Buches nimmt neben der Hausbau-Geschichte und den Naturbeoachtungen auch die erforschte Geschichte diesen Teiles der Welt ein. Annie Proulx, wen wundert das bei einer Schriftstellerin, forscht der Geschichte von Bird’s Cloud nach bis in die Phasen der frühesten Besiedlung durch steinzeitliche Sammler und Jäger, erzählt von den Indianern, die hier gelebt hatten, von frühen Viehzüchtern und den Auswirkungen der rücksichtslosen Ausbeutung durch Jäger, Rancher und andere Frühkapitalisten. Und sie erforscht auch gleich ihrer eigenen Familiengeschichte nach. Die Autorin stammt von damals wenig angesehenen Franko-Amerikanern ab, einfachen Menschen, die aus Frankreich eingewandert waren.

Fazit

Annie Proulx bezeichnet ihr Buch selbst als “Erinnerungen”, das ist richtig. Nicht eben sehr strukturiert, bilden Geschichten aus der Vergangeneheit Wyomings, der Familie Proulx, Geschichten von den Problemen, ein Bauherr zu sein und ein Haus nach eigenen Wünschen bauen zu wollen und Beobachtungen der grandiosen Natur und ihrer Tier- und Pflanzenwelt ein Konglomerat aus Einblicken, Einsichten und Erzählungen. Spannung fehlt, eine durchgängige Geschichte auch. Ein Haus in der Wildnis ist eher ein Buch, dass man jeden Abend vor dem Einschlafen lesen kann, Seite um Seite. Daraus kann man durchaus Vergnügen ziehen und mit schönen Bildern dann einschlafen.

Erdbeeren mit dem Führer

Helga Tiscenko: Erdbeeren mit dem Führer

Helga Tiscenko gibt ihren Memoiren zwei Untertitel bei, die beschreiben, um was es hier geht: “Erinnerungen der Tochter eines SS-Offiziers” und “Eine Reise aus Hitlers Drittem Reich ans andere Ende der Welt”, das andere Ende meint hier Neuseeland.

Inhalt

Helga Höfle ist die Tochter des SS-Obergruppenführers sowie General der Waffen-SS und Polizei, der ab September 1944 als höherer SS- und Polizeiführer in der Slowakei tätig war. Er ist nicht zu verwechseln mit dem österreichischen SS-Sturmbannführer Hermann Höfle, der maßgeblich an der Judenverfolgung beteiligt war. Dieser Hermman Höfle ist in den Augen seiner Tochter Helga ein integrer Militär, der verführt wurde vom Nationalsozialismus – immerhin trat er erst spät und auf ausdrücklichen Wunsch Himmlers der SS bei – und diesen Fehler mit dem Leben bezahlte, er wurde 1947 in Bratislava hingerichtet.

Inwieweit Höfle in die Machenschaften der SS verstrickt war, mag dahin gestellt sein, ob er wirklich ein so integrer Mensch war, wie ihn seine Tochter sieht, kann der Leser dieser Biographie nicht klären. Interessant ist es auf jeden Fall, die Erinnerungen der Tochter nachzulesen, die beschreibt, wie ungemein normal das Leben in einem großbürgerlichen Haushalt zu dieser Zeit war, bis der verlorene Krieg alles änderte. Helga heiratet nach dem Krieg ausgerechnet einen Russen, wenn auch einen staatenlosen Antikommunisten.

Eine Deutsche und ein Russe, nicht die beliebtesten Nationalitäten Ende der 40er Jahre. Ein neues Zuhause und eine Zukunft fand die Familie in Neuseeland. Helga Tiscenko beschreibt die Zeit des Anfangs als Pioniere, das Eingewöhnen in das fremde Land und den langsamen Aufstieg zu geachteten Bürgern mit gutem Auskommen.

Fazit

Die Memoiren von Helga Tiscenko bestehen aus den beiden Teilen, die die Untertitel beschreiben. An deutscher Geschichte Interessierten ist der erste Teil ungleich interessanter als der zweite, der eine “normale” Einwanderergeschichte beschreibt. Wie lebte es sich als Kind bekennender NSDAP-Eltern und Tochter eines hohen SS-Generals.

Literarisch gibt das Buch nicht viel her, es ist geradlinig erzählt, erinnert manchmal an einen Schulaufsatz der höheren Klassen. Als ein Bericht über ein deutsches Lebensschicksal ist das Buch aber durchaus lesenswert. Ein wenig verunsichert den Leser die Erläuterungen zu Ereignissen des zweiten Weltkrieges, die jeder eigentlich kennt, aber das erklärt sich aus der Tatsache, dass dieses Buch in Englisch geschrieben wurde und in Neuseeland erschien.

Wir haben es hier tatsächlich mit einer Übersetzung aus dem neuseeländischen Englisch zu tun, eigentlich eine typische Volte, ein Salto, den viele Schicksale aus dieser Zeit aufweisen. Einige Bilder aus Familienbesitz illustrieren das Erzählte. Die titelgebende Episode hat es wirklich gegeben, das Kind Helga, geboren 1929, isst mit Adolf Hitler Erdbeeren mit Vanilleeis.

Loriot: Bitte sagen Sie jetzt nichts…

Bitte sagen Sie jetzt nichts…Gespräche von Loriot

Am 22.August verstarb Vicco von Bülow, allseits besser bekannt als Loriot. Vicco von Bülow, ein wie er selbst sagt alter Preuße, hat den deutschen Humor der Nachkriegszeit geprägt, das steht außer Frage. Sei es durch zahlreiche Sketche, die wohl jeder Deutsche kennt (zum Beispiel Lottogewinner Erwin Lindemann oder die Nudel, um nur einige zu nennen), sei es durch Cartoons (Männer im Bad, „Ja, wo laufen sie denn“ auf der Pferderennbahn). Mit seinen Filmen Ödipussi oder Pappa Ante Portas, bei deren Regie er bereits im Rentenalter war. Oder sei es mit Knollenmännchen oder Wum und Wendelin, die über Jahre im ZDF in der legendären TV-Sendung „Der Große Preis“ mit Wim Thoelke eine große Rolle spielten und zu Millionen in die Wohnzimmer kamen. Und natürlich auch mit zahlreichen Zeichnungen, mit denen in den 50’ern alles begann, als Loriot Möpse zeichnete, die sich wie Menschen benahmen, und Beschwerden von „klugen Menschen“ ihm seinen Job beim Stern kosteten, weil er den Menschen nicht als Krönung der Schöpfung zeigte.

Im Diogenes-Verlag sind bereits kurz nach Loriots Tod gesammelte Interviews von Vicco von Bülow erschienen, unter dem Titel „Gespräche“. Die Veröffentlichung wurde vorgezogen. Vier Jahrzehnte umfasst dieses lesenswerte Buch. Es beginnt mit einem 1968 geführten Gespräch mit der Neuen Ruhr Zeitung und endet 2009 mit einem Stern-Interview. 15 Interviews und zwei Fragebögen bietet „Gespräche“, darunter auch TV-Interviews, die aufgeschrieben wurden.

Wie es im Klappentext heißt: „Die besten Gespräche sind nun zum ersten Mal in einem Buch versammelt. Ganz gleich wie die Fragen lauten, ob ernst oder unfreiwillig komisch, enigmatisch oder sehr direkt – immer antwortet Loriot in unnachahmlicher Art und Weise.“ – Besser kann man es an dieser Stelle nicht ausdrücken. Die Antworten auf die Fragen der Interviewer sind klug, hintersinnig, nie zynisch oder sarkastisch. Es werden auch Themen wie Politik, Krieg, Tod oder Religion angesprochen. Die Ernsthaftigkeit wird immer schnell von witzigen Sätzen abgelöst, auf eine lockere und fröhliche Art. Sei es, dass Loriot nach der Erklärung, dass ein Diktiergerät 12 Stunden aufnehmen kann, von nun an schweigen will. Sei es, dass er einen Witz erzählt, obwohl er so etwas eigentlich nicht kann (Was heißt Shalom übersetzt? Friede. Und El Shalom? Elfriede.) Es gäbe unzählige weitere Beispiele, doch der Spaß an den Gesprächen soll an dieser Stelle nicht gemindert werden.

Fazit:

Dieses Buch ist ein Muss für Fans von Loriot, die den großen Mann des deutschen Humors schätzen gelernt haben. Es ist im eigentlichen Sinne natürlich kein Witze-Buch. Da gibt es andere Veröffentlichungen oder auch DVDs mit den oben erwähnten Sketchen und Filmen. „Gespräche“ ist eine dicke Empfehlung.

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