‘Politik & Geschichte’
Silke Burmester: Beruhigt euch!
„Danke, Silke Burmester!“ – Laut und um Tonnen herzerleichtert möchte ich ihr das zurufen. Sie hat ja so recht, die Kriegsreporterin von der taz, die mit diesem dünnen Pamphlet ein dickes Fragezeichen in das allgegenwärtige Sicherheitsdenken, in unser aller zentimeterdicke Speckschicht aus Besorgnis und Zweifel bohrt. Ein lustiges, erstaunliches, geistreich-freches Büchlein ist es, das da mit dem Titel „Beruhigt euch“ bei Kiepenheuer & Witsch erschienen ist und das als verlegerischer Abgucker ins Horn der Ullstein-Reihe bläst, an deren Anfang der französische Schriftsteller und Ex-Résistance-Kämpfers Stéphane Hessel sein „Empört euch!“ in die Gesellschaft schleuderte.
In Silke Burmesters Buch geht es zweiunddreißig Seiten lang um Banales. Genau gesagt: Es geht um Eigentlich-Banales, „Keime, Viren, Bankencrash“. Das medial jedoch derart hochgekocht, eingefärbt und hingebogen wird, dass es das Überleben jedes Einzelnen jeden Tag aufs Spiel setzt: „Nichts ist abstrakt oder fern genug, als dass es sich nicht eignen würde, um das Gefühl zu schüren: Das Unheil ist ganz nah. Es ist nur noch eine Frage der Zeit. Dann ist es da. Dann packt es dich. Dann ist alles aus.“
Es macht Spaß, Silke Burmesters Gedanken und Beschreibungen zu folgen und festzustellen: Die Frau hat recht. So, wie sie es beschreibt, so ist es. Nur nehmen wir es gemeinhin nicht so wahr, weil wir den medial oder politisch vorgekauten Schnellfraß, den wir vorgesetzt bekommen, ohne weiteres Nachdenken herunterschlucken.
So bricht etwa ein Vulkan aus, und sofort bricht gefühlt die Welt zusammen: BILD betreibt „Aschemonster“-Berichterstattung, die ARD ändert ihr Programm und sendet endlose Brennpunkte. Dabei wäre die Lösung, wie mit der Naturgewalt Vulkan umzugehen ist, mit dem Burmesterschen Pragmatismus doch so einfach: „Man muss hinnehmen, dass er ab und zu aktiv ist. Hinnehmen heißt abwarten.“ Stimmt. Wär gut. Kann aber keiner mehr. Und bei aktiver Panikmache oder Endlos-Grübeln hat man einfach das gute Gefühl, etwas getan zu haben.
Oder die Hochzeit. DIE Hochzeit. Als das britische Thronfolgerpaar William und Kate im April 2011 vor den Altar trat, waren die Menschen 1000 Kilometer weiter östlich im Kollektivrausch. Aber nicht nur dort, in Deutschland. Silke Burmester hält fest: „Andere Sender hatten gleichfalls Menschen nach London geschickt, die, nachdem sie die eine oder andere Schraube gelockert hatten, in die Mikrofone kreischten, was sich in den Windungen ihres Hirns Bahn brach, auf dass bitte alle begreifen: Eine Eheschließung ist so unglaublich, da wird der Ausfall des Hirns zum Teil der kollektiven Happenings.“
Sie analysiert messerscharf, die letztjährige „Journalistin des Jahres im Bereich Kultur“, und sie analysiert witzig. Schließlich ist sie im laufenden Jahr auch „Journalistin des Jahres im Bereich Unterhaltung“, gekürt kurz vor Erscheinen ihres Beruhigungs-Büchleins. Mitglied der Grimme-Preis-Jury ist sie auch noch – was ihr eine gewisse inhaltliche Sattelfestigkeit verleiht. Stellt sich eigentlich nur noch die Frage, ob man sich ihren Analysen anschließen oder ob man nicht doch lieber auf die so beruhigend beunruhigende Berichterstattung vertrauen möchte.
Für mich ist ersteres die bessere Lösung; Nachrichten hören – aber sich nicht hineinziehen lassen „in den Sog, den die Journalisten vor der Etablierung der neuen Medien täglich, seither mitunter im Minutentakt verstärken: neue Zahlen, neue Fakten, neue unglaubliche Ereignisse“. Und dann irgendwann ausmachen, „sich entspannt zurücklehnen und in aller Ruhe eine schöne Tasse Tee genießen. Und zwar wirklich genießen. Denn, wer weiß, vielleicht ist es die letzte.“
Und selbst wenn es meine letzte Tasse Tee sein sollte – ich werde eines tun. Ein dankbares Prost in Richtung taz-Kriegsreporterin schicken. Danke, Silke Burmester!
FAZIT:
Unser Alltagsleben – einmal aus einer anderen Perspektive erzählt. Aus der, die in den klassischen Medien und in der von ihnen geprägten öffentlichen Wahrnehmung meist untergeht: humorvoll, aber mit Anspruch, dazu ohne erigierten Zeigefinger oder sonstige übliche Drohgebärden - und daher wahrscheinlich umso treffender. Genau das macht das Buch so wertvoll.
Deshalb: Kaufen. Lesen. Beruhigen. Und Beherzigen, statt der Glotze oder des Rechners doch öfter mal wieder das eigene Hirn einzuschalten.
Postlagernd: Algier – Ein zorniger und hoffnungsvoller Brief an meine Landsleute von Boualem Sansal
Was tut ein Mann, der zwar in einer guten Position ist, einen sicheren Arbeitsplatz hat, aber anfängt, das System des Landes, in dem er lebt, zu hinterfragen? Was tut ein Mann, der seine Analysen aber nicht einfach in der Öffentlichkeit sagen darf? Er beginnt sich Notizen zu machen und er schreibt sich seinen Frust so gekonnt von der Seele, dass er im Herbst 2011 für seine schriftstellerische Arbeit den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt. Es ist Boualem Sansal, der in Algerien lebt und seinen Arbeitsplatz wegen seiner kritischen Bücher verloren hat, der aber in Frankreich, Deutschland und Europa sehr geschätzt wird und dessen Romane außerhalb Algeriens verlegt werden, damit sie gelesen werden können.
Diese Rezension bezieht sich auf sein gerade neu aufgelegtes Buch „Postlagernd Algier“ und ist der Versuch mit seinen Landsleuten ins Gespräch zu kommen, denn auch dies ist in dem größten Land Afrikas nicht leicht. Es werden mehrere Sprachen gesprochen: Arabisch, Französisch, Tamasirt, Tamahaq und die Sprache des Staates, der alles und jeden beeinflusst und sich in das private Leben der Bürger so sehr einmischt.
Ein zorniger und hoffnungsvoller Brief
Boualem Sansal schreibt in „Postlagernd Algier“ einen „zornigen und hoffnungsvollen Brief“ an seine Landsleute, um sie aufzurütteln, sie zum Gespräch zu animieren, über ihre politische und wirtschaftliche Lage in Algerien nachzudenken.
Er greift Themen auf, die das Volk von jeder Regierung zu hören bekommt und die gebetsmühlenartig immer die gleichen Phrasen wiederholt, die keiner mehr hören will: „Das algerische Volk ist arabisch“, „Das algerische Volk ist muslimisch“, „Arabisch ist unsere Sprache“ usw.
In einfachen Sätzen erinnert er seine Landsleute daran, dass 82-84% der Algerier, Berber sind, dass der Islam erst im 7. Jahrhundert mit den Arabern nach Nordafrika und Algerien eingeführt wurde und dass Arabisch für viele eine Fremdsprache geblieben oder nur die Sprache der Religion ist.
Die Geschichte Algeriens ist nicht arabisch
Phönizier, Römer, Vandalen, Byzantiner, Araber, Osmanen, Franzosen; alle haben Nordafrika besiedelt und ihre Spuren bei der einheimischen Urbevölkerung, den Masiren, den freien Menschen, hinterlassen, die bei uns besser als Berber bekannt sind. Den größten Einfluss hinterließ Frankreich, dass Algerien hundertzweiunddreißig Jahre als Kolonie beherrschte und sich als französisches Departement angeeignet hat. Auch nach der Unabhängigkeit 1962, die in diesem Jahr zum 50. Mal gefeiert wird, ist der Einfluss Frankreichs noch vorhanden.
Staatliche Überwachung überall
Boualem Sansal schreibt über seine Erfahrungen als Schriftsteller, der mit Zensur und den ständigen staatlichen Überwachungen lebt, so wie viele seiner Mitbürger, die von den sogenannten „selbsternannten Tempelwächtern“ denunziert werden. Dass er noch nicht ausgewandert ist, wie viele seiner Kollegen, wird ihm in der Fachwelt hoch angerechnet, doch er lebt in und mit einer gewissen Angst in seinem, trotzdem geliebten Land.
Freiheit und Wahrheit, Würde und Menschenrechte
Seine Analysen sind scharf formuliert, aber freundlich. Jedes Kapitel endet mit einem Vorschlag zum Aufbruch, Anregung zur Diskussion, zum Anpacken, aber nicht mit Gewalt, sondern im Dialog. Es gibt genügend Themen, die in diesem Buch zur Sprache kommen. Natürlich kennt jeder Algerier die Geschichte seines Landes, aber Boualem Sansal bringt die Tatsachen auf den Punkt. Freiheit und Wahrheit, Würde und Menschenrechte wünschen sich auch die Algerier, so wie jedes Volk auf der Welt, aber durch die Jahrzehnte lange Unterdrückung eines Staatsapparates, der unsichtbar im Hintergrund agiert, ist der „Feind“ kaum angreifbar.
Interview mit Boualem Sansal zur Lage in der arabischen Welt
Am Ende des Buches werfen vier Essays einen Blick auf die aktuelle Situation im Maghreb und in der arabischen Welt, die die „Jasminrevolution“ in Tunesien ausgelöst hat, den „Islam im Wandel der Zeiten“, „50 Jahre unabhängige Länder Afrikas“, ein Ausblick auf das „Morgen in der arabischen Welt“, gefolgt von einem Interview über die Jugend, ihre Visionen und Aktivitäten und ihre aktuelle Lage im Maghreb und Arabien.
Autor:
Boualem Sansal ist 1949 in dem kleinen Berberdorf Teniet el-Had in Algerien geboren und schreibt seit 1999. Davor arbeitete er im Staatsdienst als Generaldirektor im Ministerium für Industrie und Umstrukturierung. Er studierte in Algier industrielle Ökonomie. In Deutschland wurde er hauptsächlich bekannt mit seinem Roman „Das Dorf des Deutschen“. Sein neuestes Werk „Rue Darwin“ ist gerade in Frankreich erschienen.
Fazit:
Ein wichtiges Buch in unserer heutigen Zeit und ein Buch, das zum Nachdenken anregt, nicht nur für Algerier, sondern gerade auch für den interessierten Leser, der nicht in Algerien lebt. Es ist ein aufklärender Beitrag über die heutige politische und wirtschaftliche Situation des Landes und die Meinung eines Mannes, der die Lage kritisch, aber nicht hoffnungslos sieht.
Hans Fallada: Jeder stirbt für sich allein
Er schrieb für sich allein
So wie jeder gute Roman mit dem ersten Satz beim Leser direkt gewinnen oder verlieren kann, wie die Kraft sich in der Geburt des Werkes ausdrücken kann, so vermag auch das Hörbuch mit dem Timbre, dem Akzent und der Artikulation des Sprechers den erfolgreichen oder weniger gelungenen Einstieg geben. Die Sensation des vergangenen Jahres, der wiederentdeckte Wahnsinn, den der große Hans Fallada 1946 als letzten Roman positionierte, gibt es bei Osterworld/Hörbuch Hamburg nun als Hörbuch. Und Ulrich Noethen, der gefragte Sprecher – wie der Begleittext etwas ungelenk formuliert – berlinert in bestem Akzent und derart gehaltvoll schon in den ersten Sekunden; im Treppenhaus eines Miethauses, deren Bewohner im dritten Stock in den Mittelpunkt rücken. Ulrich Noethen weiß einzufangen, zu verwandeln, zu begeistern. Nur wenige Augenblicke genügen. Allein das macht die Kraft dieses Hörbuches aus.
So verwundert es nicht, dass die Kombination aus genialem Schriftgut und tollem Sprecher komplett zu überzeugen weiß. Acht CDs in einem schönen Pappschieber mit feinem Booklet (unter anderem Originalfotografien der Gestapo, die das vermeintlich aufrührerische Ehepaar, das Fallada portraitiert, zeigen) überzeugen auch äußerlich; innerlich begeistert oder vielmehr bewegt und erschreckt eine authentische Geschichte, der Fallada nur andere Namen und darüber hinaus sein ganz eigenes Credo hinzugefügt hat. Seine meisterhafte Fähigkeit ist es, den Missständen des nackten Affen, des triebgestörten Tieres Mensch, des sozialdramatischen Wesens homo sapiens, so bedrückend ehrlich auf die Schliche zu kommen, dass man ganz unweigerlich, egal ob beim Lesen oder Zuhören, den Atem anhalten muss vor so viel ungeschminkter Bitterkeit.
Nun hat es mit dem Schriftstück noch eine weitere Besonderheit, denn der 1947 im Aufbau-Verlag in einer leicht gekürzten Version erschienene Roman geriet zumindest im Ausland in Vergessenheit und wurde bis ins Jahr 2009 noch gar nicht ins Englische übersetzt. Doch gerade der angloamerikanische Raum lechzt ja bekanntlich nach den Widerstandsdramen der Nazizeit, egal aus welcher Feder auch immer. So was kommt, auch heute in Hollywood, beständig gut an. Der Hype, der dann entstand, hätte Fallada wahrscheinlich wahnsinnig gemacht; jedenfalls sind die Begeisterungsstürme orkanartig über diesen nun wiederentdeckten Klassiker hereingebrochen und auch in Deutschland erschein nun eine ungekürzte Version, die ebenso für Furore sorgte.
Widerstandsbeschreibungen sind häufig meist Überlebensberichte oder aus dem Glashaus skizzierte Welten, die sich der Realität entziehen. Aber die Quangels, die in Wirklichkeit Hampels hießen, sind so echt, so unverblümt, wie die Verkäuferin auf der Straße, die dir direkt ins Gesicht sagt, dass du heute krank aussiehst und besser zum Arzt gehst. Wie damals, als wir in der Schule den Lateinlehrer mobben wollten und kleine Notizzettel mit perfiden Angriffen entwarfen, so ähnlich hoffnungslos geht es in Falladas Roman zu, ging es in er deutschbraunen Wirklichkeit zu Beginn es zweiten Weltkrieges vor; just an dem Tag, an dem Frankreich kapitulierte, geht der Roman mit dem Tod des Sohnes des Ehepaares los.
Fazit:
Fallada war ein Wahnsinniger, ein Alkoholiker, ein Drogenabhängiger, ein Vielschreiber, der es tatsächlich fertig brachte, trotz seiner Sozialkritik in Deutschland während des dritten Reiches zu leben. Im Gefängnis war er schon früher, auch während der Nazizeit kurz, doch immer wieder stand er auf. Jeder stirbt für sich allein schrieb er in einer Entzugsanstalt in, Achtung!, einem Monat runter: Cold-Turkey-Kreativität, um dennoch oder gerade deshalb drei Monate später an Herzversagen zu sterben. Ein kreativer Irrer, der dem Rausch aus den bürgerlichen Alltagsschrecken entfloh und der zumindest die göttliche Fähigkeit besaß, diese eigene Schwäche wie kein zweiter in die Wirklichkeit seiner Bücher einfließen zu lassen. Ganz stark und das Hörbuch erfüllt darüber hinaus alle Anforderungen. Antibürgerliche und(!) bürgerliche Pflicht!
John Locke: Über die Regierung
Dieses Buch ist 1974 im Philipp Reclam jun. Verlag aus Stuttgart erschienen. Es gehört zu Reclams-Universal-Bibliothek und trägt dort die Nummer 9691.
Das Buch
Das Buch Two Treaties of Government, wie das englischsprachige Original heißt, wurde 1689 anonym von John Locke veröffentlicht. Es ist ein Werk der politischen Philosophie. Der zweite Teil der Abhandlung wird in der Sekundärliteratur als “Manifest für die liberale Demokratie und den Kapitalismus” angesehen.
Gehört der vorliegende Text zu den “Zwei Abhandlungen über die Regierung”? Bekommen wir als Leser hier vielleicht nur die zweite Abhandlung als Einzeltext präsentiert? Die Frage läßt sich nicht so einfach beantworten. Es ist nämlich nicht sofort ersichtlich, ob eventuell ein Teil des Originals weggelassen wurde und warum dies geschah.
Das Buch
Zuerst gibt es den umfangreichen historischen politikwissenschaftlichen Text. Auf 2 Seiten äußert sich dann Dorothee Tidow “Zur Übersetzung”. Hier wird dann ersichtlich, daß es sich beim dem Reclamheft nur um die zweite Abhandlung handelt. Tidow beschreibt nicht, wie eine Übersetzung bewerkstelligt wird, sondern eher, welche unterschiedliche Übersetzungen die beiden Abhandlungen es im deutschen Sprachraum bislang gab.
Peter Cornelius Mayer-Tasch liefert in seinem Nachwort (einschließlich der dazugehörigen Anmerkungen) eine doch sehr umfangreiche Einordnung des Textes. Dies geschieht auf einem politischen, literaturgeschichtlichen, geistesgeschichtlichen und allgemein geschichtswissenschaftlichem Niveau, das schnell verdeutlicht, daß hier Fachleute angesprochen werden. Wer sich nicht mindestens in englischer Nationalgeschichte auskennt, ist sowohl bei dem Nachwort wie auch dem Reclamhef schnell verloren.
Nach Lockes Biographie folgt das Literaturverzeichnis.
Ausgehend von der Einsicht, daß alte Texte – hinsichtlich Wortwahl, Grammatik und Rechtschreibung – doch für heutige Leser ungewohnt und schwierig sind, kann die Übersetzung von Lockes Text durchaus als gelungen bezeichnet werden.
Ein(e) Locke
John Locke wird am 29. August 1632 geboren. Sein Vater ist Gerichtsberater in Wrington (Somerset). John Locke wird 1647 in die Westminster School aufgenommen. Sie steht unter der Leitung eines Royalisten und gilt als eine der angesehensten Schulen ihrer Zeit.
Thomas Hobbes veröffentlicht 1651 den Leviathan, sein politisches Hauptwerk. Ob und inwieweit Locke davon beeinflußt wird, können Literaturwissenschaftler, Historiker und Politikwissenschaftler besser beurteilen als ich. FOlgt man der in diesem Buch enthaltenen Biographie, gibt es diesen Einfluß durchaus.
1652 wechselt Locke an das hochangesehene Christ Church College, wo er 1656 den Baccalaureus Artium als akademischen Grad erwirbt. Studierte er bislang Fäche wie klassische Sprachen, Metaphysik und Logik, wendet er sich nun den Naturwissenschaften, bevorzugt der Medizin, zu.
Im Jahre 1658 erwirbt Locke den akademischen Grad eines Magister Artium. Als “Senior Student” wir er im selben Jahr Mitglied des Lehrkörpers von Christ Church, eine Stellung, die er bis zum Jahre 1684 halten kann; “in Abwesenheit und auf ausdrückliche Anordnung des Königs” wird er 1684 aus seinem Amt entfernt, wie es in der Sekundärliteratur heißt. Seit 1661 tritt Locke, der im folgenden Jahr Dozent für Rhetorik und Philosophie wird, immer wieder mit Veröffentlichungen in Erscheinung. 1666 triff John Locke erstmals Anthony Ashley Cooper, Earl of Shaftesbury, der sein politisches Denken und seine politische Karriere beeinflußt und fördert. So ist es auch kein Wunder, daß Locke 1672 “Secretary of Presentation” und damit in der Regierung für kirchliche Fragen zuständig wird.
Der nächste Karriereschritt folgt dann im folgenden Jahr, also 1673, also Locke Sekretär des Rates für Handelsfragen wird. Auch wenn er auch weiterhin literarisch aktiv ist, nimmt die politische Karriere 1683 ein jähes Ende. Shaftesbury ist in eine Rebellion verwickelt, die Karl II vertreiben und seinen illegitimen Sohn auf den Thron bringen soll; als Shatesbury nach Holland flieht, folgt ihm Locke für kurze Zeit ins Exil. Locke stirbt am 28. Oktober 1704 in Masham.
Natürlich ließe sich noch viel mehr aus dem interessanten Leben erzählen. Diese Informationsflut würde hier aber zu weit führen. Interessant ist hier schon die Erkenntnis, daß sich bei Locke theoretische Grundlagenarbeit und praktische Erfahrung in der täglichen Arbeit miteinander verbinden. Ob es sich ein Politiker von heute erlauben kann, seine Arbeit literarisch zu reflektieren, wenn nicht sogar moralische, philosophische und politikwissenschaftliche Grundsätze aufzustellen?
Eine Beurteilung
Die Zielsetzung des Buches ist eindeutig. Es wendet sich an ein wissenschaftlich interessiertes Publikum, das wissenschaftliches Arbeiten gewohnt ist.
Nur zum Vergleich: Wikipedia heißte eine populärwissenschaftlich orientierte Internerenzyklopädie. Der dortige Beitrag “Zwei Abhandlungen über die Freiheit” würde nur etwa 1 Seite im Reclam-Heft ausmachen und damit formal und inhaltlich nur einen Bruchteil der dortigen Erläuterungen ausmachen. Nimmt man die qualitativen Unterschiede hinzu, ist der Reclam-Text wesentlich anspruchsvoller.
Bei der Biographie sieht es dagegen ganz anders aus. Reclam beschränkt sich auf eine tabellarische Übersicht; der 24seitige Wikipedia-Text führt auch umfangreich in sein Denken ein, wobei hier eine Gesamtschau der Locke`schen Veröffentlichungen erfolgt.
Legt man beide Quellen nebeneinander, ergibt sich ein gutes Bild von Buch und Person.
Ein Fazit
Reclam veröffentlicht hier eine historisch wichtige Quelle auf hohem Niveau.
William Dalrymple: Neun Leben. Unterwegs ins Herz Indiens
Inhalt
William Dalrymples stellt neun Menschen vor, die im modernen Indien leben, deren Leben aber ganz dem Göttlichen gewidmet ist bzw. von der Religion bestimmt wird. Es sind neun ganz unterschiedliche Menschen, aus ganz Indien, mit sehr unterschiedlichen Lebensläufen.
William Dalrymple beginnt seine Beschreibung vom Glauben dominierter Menschen mit der vielleicht härtesten, uns unverständlichesten Form. Er erzählt von der Jain-Nonne, die sich auf rituelle Weise langsam zu Tode hungert, in einer Form auf die Spitze getriebenen Verzichts auf alle weltlichen Genüsse. Dabei hat sie eigentlich einen sehr weltlichen Grund ihr Leben mit Mitte 30 zu beenden. Ihr gesamtes erwachsenes Leben verbrachte sie zusammen mit ihrer engsten Freundin, Nonne wie sie. Nach deren Tod hält sie nichts mehr in diesem Dasein. Das Leben dieser sehr sanften und doch gegen sich selbst sehr harten Nonne erlaubt Dalrymple, uns den Jainismus vorzustellen, eine Religion, die nur in Indien verbreitet war und ist.
Der Nonne folgen Lebensgeschichten und Lebensläufe von Sängern und Tänzern heiliger Epen, sogar solchen, die in der Hälfte des Jahres verachtete Angehörige einer niederen Kaste sind und harte körperliche Arbeit verrichten, um in der zweiten Häfte in Tänzen und Gesängen Götter zu verkörpern und in dieser Form sogar von Mitgliedern der höchsten Kaste angebetet zu werden. Dalrymple erfragt, wie dieser Spagat auszuhalten ist, ob er immer gelingt.
Dann stellt er einen Tantriker vor, erläutert tantrische Riten, die wegen ihrer sexuellen Komponente im Westen bekannt wurden. Was ist wahr, was nur westliche Projektion? Wie lebt der Bronzegießer, der in einer jahrhundetealten Tradition religiöse Figuren herstellt und dessen höchstes Ziel es ist, den alten Bronzen aus den Museen so ähnlich wie nur möglich zu werden. Fortschritt rückwärts gewandt. Dalrymple stellt uns auch einen tibetischen Mönch vor, der Freiheitskämpfer und Soldat war und, wieder buddhistischer Mönch, versucht, seine mörderischen Taten zu sühnen. Ihm an die Seite treten dann noch ein blinder Sänger, eine Mystikerin und eine Tempelhure.
Der Autor
William Dalrymple wurde 1965 in Schottland geboren, lebt aber bereits seit 24 Jahren in Indien, mittlerweile mit Frau und drei Kindern auf einer Farm in der Nähe Delhis. 2009 gründete er das Jaipur Literature Festival in Indien, das vielleicht prestigeträchtigste Literaturfest des Subkontinents. “Neun Leben” stand monatelang auf Platz eins der indischen Bestsellerliste. Dalrymple veröffentlicht auch regelmäßig Reisereportagen und schreibt für verschiedene in- und ausländische Zeitschriften.
Fazit
Dalrymple begegnet seinen Protagonisten mit Respekt, und vermeidet jede billige Effekthascherei. Er lässt sie ihr Leben erzählen, lauscht ihren Geschichten und beobachtet ihr Leben. Er berichtet, er wertet nicht, auch nicht, wenn der Sohn des Bronzegießers lieber Programmierer werden will und das alte Handwerk von immer weniger Künstlern ausgeführt werden wird oder wenn der Verkauf junger Mädchen an den Tempel bedeutet, dass immer mehr junge Frauen keine andere Wahl haben, als Prostituierte zu werden und früh an AIDS sterben.
Luis Sepúlveda: Der Schatten dessen was wir waren
Der bekannte chilenische Autor widmet sich in seinem neuesten Buch einem vergangenen Kapitel chilenischer Geschichte und dem Leben alter Männer, die “dabei” waren, die aus dem Exil zurückkamen und die nun, im modernen Chile, sich eigentlich nicht wirklich zu Hause fühlen. Aber einmal wollen sie es noch wissen, ihr Leben noch einmal in die Hand nehmen!
Inhalt
Drei Veteranen der 68er-Generation, die aktiv waren in der Unidad Popular, warten auf einen vierten. In alter Verschwörermanier haben sie sich verabredet, an einem Ort ihrer konspirativen Vergangenheit, einer alten Autowerkstatt, heute verfallen. Ähnlich sehen sich auch die Kämpfer von einst, nach 35 Jahren: dickbäuchig, graubärtig, kahlköpfig. Alle drei sind 35 Jahre nach dem Tod Allendes und Pinochets Putch am 11. September 1973 nur noch ein Schatten dessen, was sie mal waren. Cacho, Lolo und Lucho schwelgen in Erinnerungen, wollten sie doch einst die Welt verändern und mussten unter der Diktatur Pinochets um ihr Leben fürchten. Viele ihrer Freunde und Kampfgefährten sind tot, viele ins Exil geflohen. Eigentlich sind die drei nicht nur alt geworden, sie sind auch traumatisiert durch ihre Erlebnisse und durch die lange Zeit des Exils. Aber aufgeben liegt ihnen nicht. Man hat sich nicht versammelt nur um alter Zeiten willen, die drei haben einen Plan. Sie sind hinter der Beute eines Banküberfalls her, den eine Gruppe von Anarchisten 1925 begangen hat. Die Beute ist seither verschollen. Dieser Banküberfall ist in die Geschichte eingegangen, er war der erste in Chile, auch wenn einer der Alten schmunzelnd meint, der erste Banküberfall sei doch der von Butch Cassidy und Sundance Kidd gewesen!
Doch zur Hebung des Schatzes brauchen die drei den vierten – und der kommt nicht. Der Leser weiß, warum der vierte Mann nicht mehr kommen wird. Ein Ehekrach im ersten Stock eines Hauses endete damit, dass die Ehefrau die “Schätze” ihres Mannes aus dem Fenster wirft, darunter auch den geliebten Dual-Plattenspieler. Und dieses wertvolle Wurfgeschoss trifft mit der Kante den Kopf des alten Mannes, Pedrito, der gerade vorbeigeht, und tötet ihn. Der Ehemann erfindet abenteuerliche Erklärungen für die Polizei, die sicher bald auftauchen wird und vorsorglich meldet das Ehepaar den Diebstahl einiger Haushaltsgegenstände bei der Polizei.
Ab jetzt wird die Geschichte auch zu einem Kriminalfall, auf tritt der alte Inspector Crespo und seine blutjunge Kollegin. Crespo hat auch unter Pinochet seinen Dienst absolviert und trotzdem immer versucht anständig zu bleiben. Ein Linker ist er auch geblieben, er hört immer noch Radio Cooperativa und ein wenig beneidet er seine junge Kollegin, die unbeschadet von der düsteren Vergangenheit ihren Dienst tun kann. Als die Leiche untersucht wird, ist kein Plattenspieler mehr zu sehen, keine Bücher, die auch als Wurfgeschosse gedient hatten und auch keine Schuhe mehr an den Füßen der Leiche. Da waren andere schon schneller, die alles gebrauchen konnten. Aber Crespo findet ein inkriminierendes Teil in der Schädelwunde des Toten. Der Ehemann, Coco, war zuvor auch unter die Leichenfledderer gegangen. Er hatte die Waffe des Toten an sich genommen und das wiederum irritiert Crespo. Was wollte der gewaltlose Pedrito, Crespo kennt ihn gut von “damals”, mit einer Waffe?
Pedrito kann also nicht mehr zum Treffen kommen, dafür taucht Coco auf. Coco kennen die drei auch und eigentlich mögen sie ihn nicht, aber letztendlich machen sich die vier Alten nun doch auf zur Schatzsuche.
Fazit
Sepúlveda schreibt warmherzig die Geschichte von vier Verlierern, die einst voller Ideale waren und doch scheiterten. Ihren Glauben haben diese vier aber nie verloren, ihren leicht bissigen Humor und ihre Menschlichkeit ebensowenig – und so werden sie doch noch zu Gewinnern. Wie Coco und seine Frau mit Inspektor Crespo fertig werden, Mord ist schließlich Mord, was es mit der Waffe auf sich hat und ob das Team alter Männer tatsächlich die Beute aus dem Bankraub von 1925 findet, soll hier nicht verraten werden. Mit 156 Seiten ist das Buch schließlich schnell gelesen.
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