‘Biografien’
Auf den Spuren meines Vaters oder Die Sehnsucht nach Heimat von Stefanie M. Rautenberg
Inhalt
Auf der Suche nach ihrem Vater erlebt die Autorin Stefanie M. Rautenberg wunderbare und traurige Momente. Sie erinnert sich an ihre Kindheit in Niederschlesien, ihre Jugend in der Nähe von Salzgitter und nimmt den Leser mit auf eine interessante Reise.
Was ist Heimat?
Heimat – was ist das? Heimat – das ist Liebe, Geborgenheit, Freiheit, Erdverbundenheit, Verpflichtung. Es ist das Gefühl, hier gehöre ich hin. Mit diesen Worten beginnt die Autorin Stefanie M. Rautenberg ihre Biographie und die Suche nach dem Schicksal Ihres Vaters und damit verbunden die Sehnsucht nach der Heimat der Autorin, Niederschlesien am Riesengebirge. Sie hat sich oft gefragt, warum ihr Vater nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht nach ihr und ihrer Mutter gesucht hat. Wollte er sie nicht finden ? Lebte er noch ?
Vertreibung aus Schlesien
1942 geboren, erlebte die Autorin die letzten Kriegsjahre und die Nachkriegszeit bewusst genug, um den jüngeren Lesern ein nüchternes Bild zu zeigen von der Vertreibung der Schlesier durch die Verschiebung der polnischen Grenze bis an die Oder. Die Erzählungen und Erinnerungen ihrer Mutter und Großmutter über das Leben in Breslau, die Arbeit in der Landwirtschaft oder als Schneiderin bzw. Hauswirtschafterin lässt den Leser diese Zeit miterleben, denn sie schreibt in der Ich-Form sehr gefällig und man kann die Gefühle nachvollziehen.
Im ersten Teil beschreibt die Autorin ihre Kinder- und Jugendzeit und die Geschichte ihrer Großmutter und Mutter, die vom niederschlesischen Liebau im Riesengebirge vertrieben und schließlich in Groß Elbe bei Salzgitter aufgenommen wurde. Nach anfänglichen Schwierigkeiten konnte sie nach der Schulzeit bei VW in Salzgitter eine Arbeit finden und blieb dort bis zu ihrer Rente 2002.
Auf den Spuren des Vaters
Im zweiten Teil begibt sich Stefanie M. Rautenberg mit ihrem Mann auf die Suche nach dem Verbleib ihres Vaters bis zu seinem Tod. Jeder Urlaub brachte neue Erkenntnisse und überraschende, aber auch traurige Momente. Die Beobachtungen während der Reisen zeigen dem Leser Bilder des heutigen Ober- und Niederschlesien mit schöner Landschaft am Riesengebirge, renovierten Kirchen und Basiliken, alten Straßenzügen und mal verschlossenen und mal freundlichen Menschen. Viele von ihnen freuten sich, deutsch sprechen zu können. Zur Zeit leben in Polen rund 300.000 Bürger deutscher Nationalität, rund 160.000 davon in Ober- und Niederschlesien.
Rückschläge und Erfolge
Auf der Suche nach Informationen lernt die Autorin einige sehr interessante Gesprächspartner kennen, die ihr teilweise gut weiterhelfen konnten. Nach langen Recherchen, die sie manchmal zurückwarfen, oft aber weiterbrachten, kam sie schrittweise den Rätseln um ihren Vater auf die Spur und lernte dadurch sogar Cousins kennen, die inzwischen in Berlin leben. So konnte Stefanie M. Rautenberg mit der Hilfe ihres Mannes, der aus Ostpreussen stammte und inzwischen sehr gut polnisch gelernt hat, dem Bild Ihrer weiteren Familie bei der Spurensuche einige Mosaiksteinchen hinzufügen.
Fazit
Es ist ein beeindruckendes Buch, gerade für jüngere Leser, die so etwas über die Region Nieder- und Oberschlesien erfahren. Schlesien liegt im Riesengebirge am westlichen Ufer der Oder, im heutigen Südpolen an der tschechischen Grenze und gehörte früher einmal zu Deutschland. Interessant ist es bestimmt auch für die Schlesier, die sich an ihre Heimat erinnern möchten. Vielleicht hilft dieses Buch denjenigen, die ein ähnliches Schicksal erlitten haben und auf der Suche nach Verwandten sind dabei, nicht aufzugeben. Und es ist lesenswert für die Behörden, die sich die Kritik gefallen lassen müssen, oft zu langsam oder gar nicht reagiert zu haben, denn mit jedem Anruf oder Brief, mit jeder Mail ist eine Hoffnung verbunden, doch noch eine hilfreiche Auskunft zu erhalten.
Fräulein Hallo und der Bauernkaiser: Chinas Gesellschaft von unten von Liao Yiwu
Inhalt
Liao Yiwu wird in China selbst nicht veröffentlicht – zu sehr zeigen seine Reportagen von den vergessenen und benachteiligten Menschen in der Volksrepublik die Kehrseite der glitzernden Entwicklung Chinas zur neuen Wirtschaftsmacht. Und damit auch wirklich möglichst kaum jemand von den Armen und Entrechteten erfährt, darf Liao Yiwu auch nicht das Land verlassen. Auf der litCologne hätte Liao Yiwu in diesem Jahr seine Reportagen vorstellen sollen, eine Einladung war ausgesprochen, doch die beleidigte Staatsmacht holte ihn aus dem Flugzeug und verweigerte ihm die Ausreise. Auch zur Frankfurter Buchmesse hatte Liao Yiwu nicht kommen dürfen.
Was hat er denn so Schreckliches geschrieben, dass er mit der schlimmsten Strafe bedroht wird, die es für einen Literaten geben kann, mit dem Stillschweigen über sein Werk, dem Publikations- und Redeverbot? Zuerst einmal viel – in der deutschen Übersetzung umfasst die Zusammenstellung einiger seiner Interviews unter dem schönen Titel „Fräulein Hallo und der Bauernkaiser“ 539 Seiten. Nacheinander lesen kann man die einzelnen Interviews nicht, nicht nur, weil eine Abfolge von 29 Portraits und Interviews so nicht lesbar ist, sondern auch, weil das Leid der Menschen, die ertragenen Ungerechtigkeiten, die Not bis zum schieren Verhungern, weil das, was Weltgeschichte für den einzelnen bedeutet, in der Summe nicht auszuhalten ist. Liao Yiwu ist Chronist, er klagt nicht an, er kommentiert nicht, er lässt die Menschen in ihrer eigenen Sprache sprechen, sie entscheiden, was sie sagen wollen: Liao Yiwu lässt ihnen ihre Würde.
Schicksale werden da erzählt, von denen wir auf der anderen Seite des lange Zeit so undurchdringlichen eisernen Vorhanges nur wenig Ahnung hatten. Der „große Sprung nach Vorne“ und die damit verbundene Hungersnot zu Beginn der 60er Jahre, die die unvorstellbare Zahl von 20 Millionen Toten gefordert hat, die zehnjährige Kulturrevolution (1966 bis 1976) und das Massaker auf dem Platz des himmlischen Friedens 1989. All diese Ereignisse haben bestimmenden Einfluss auf das Leben des Einzelnen, zumal in einer Gesellschaft, die auf das Individuum und seine Wünsche Jahrhunderte lang nur sehr wenig Rücksicht genommen hat. Liao Yiwu lässt den Einzelnen zu Wort kommen, und der oder die hat durchaus etwas zu erzählen.
Da ist beispielsweise der zum Tode verurteilte Ausbrecherkönig, der sachlich und „cool“ von seiner Karriere erzählt, der 103-jährige Mönch, der nach Jahren der Unterdrückung, der schlimmsten Repressalien wieder da weitermacht, wo er wegen der Kulturrevolution aufhören musste oder das Animierfräulein, das einfach nur ein Stück vom Kuchen abhaben will, Moral kann sie sich nicht leisten. Oder der Grundbesitzer, dessen Klassenstatus ihm über Jahrzehnte nur Not und Unterdrückung einbrachte, während sein opiumsüchtiger Bruder, der sein Erbteil durchgebracht hatte, als landloser Bauer plötzlich deutlich besser dastand als er. Dabei gibt es auch noch Reste des vorrevolutionären Chinas, man glaubt es kaum, etwa dann, wenn ein Totenrufer von seiner schauerlichen Profession erzählt.
Fazit
Liao Yiwus Reportagen vom Rand der Gesellschaft zeigen schmerzlich die Fehlentwicklungen der Jahre unter Mao Tse-tung und seinen Nachfolgern. Sie lassen uns erschrocken und erschüttert zurück nach der Lektüre dieses äußerst wichtigen Buches. Nicht überall gibt es die Kultur, die eigene Vergangenheit aufzuarbeiten – umso wichtiger, dass es Menschen gibt, die sie zu bewahren wissen, auch wenn sie selbst davon nur Nachteile haben.
Jive Talker von Samson Kambalu
Inhalt
Der „Jive Talker“, das ist der Vater von Samson in dessen autobiographischem Roman. Der Vater von acht Kindern redet gern und viel, besonders dann, wenn er zu tief ins Glas geschaut hat. Zu allem hat er eine Meinung, breitet seine Belesenheit aus und erklärt seine Philosophie. Der größte materielle Schatz im Haus Kambalu ist das „Diptychon“, das Buchregal, in dem die bibliophilen Schätze gestapelt liegen. Aber nicht nur dort liegen Bücher, überall im Haus gibt es sie und selbst Nietzsche, Lieblingsautor von Vater Kambalu, liegt auf dem Klo.
Zwar muss der Jive Talker seinen Traum, ein richtiger Arzt zu werden, bald begraben und seine immer größer werdende Familie als Hilfsarzt über die Runden bringen, aber sein auch von den Wendungen des Schicksals nicht zu brechender Optimismus und seine Philosophie bestimmen das Leben in der Familie. Als schwarzer Arzt (auch wenn er nie sein Studium abschloss) gehört der Jive Talker zur Zeit des Diktators Hastings Kamuzu Banda in Malawi zur Elite seines erst vor kurzem selbständig gewordenen Landes, trotzdem ist das wirtschaftliche Auf und Ab der Familie besorgniserregend. Und – natürlich – wird ihm im entscheidenden Moment ein weißer Arzt vorgezogen.
Samson wächst in diesem Chaos auf, mal in einer Villa in der Stadt, mal abseits von allem in einer heruntergekommenen Behausung, mal mit eigenen Möbeln, mal mit Betten aus dem Krankenhaus. Die Literatur ist eine der wenigen Konstanten in diesem Leben, und schon das Kind Samson zitiert die Bibel – und Nietzsche. Mit zwölf entwickelt er gar seine eigene Religion, dessen wichtigstes Insignium ein mit herausgerissenen Bibelseiten rundherum beklebter Ball ist, der „Holy Ball“.
Der Autor
Kambalu lebt heute als gefeierter Künstler in London, sein Holy Ball existiert wirklich und er ist mit einer Schottin verheiratet. Aber sechs Angehörige seiner Familie, auch sein Vater der Jive Talker, starben an AIDS – auch das ist leider afrikanische Wirklichkeit.
Fazit
Mit viel Humor und einigem Irrwitz erfährt man in diesem immerhin 346 Seiten starken Buch so einiges über das unbekannte Malawi, über afrikanische Diktatur und über das Aufwachsen in einer Umgebung, die nur sehr wenig Sicherheit bietet. Samson Kambalu macht sich auf, Künstler zu werden, er besucht die renommierte Kamuzu Academy mit einem Stipendium und organisiert die erste Konzeptkunstausstellung in Malawi. Es folgen ein Kunststudium an der University of Malawi und der Nottingham Trent University in Großbritannien.Seine Beschreibung des Lebens auf einer staatlich geförderten Eliteuniversität, der Aberwitz schießt hier wildeste Bocksprünge, ist äußerst vergnüglich zu lesen, auch wenn hinter dem Witz manches Mal Tränen aufblitzen.
Ich dachte, mein Leben ist vorbei von Crystal Woodman Miller
Inhalt
Wir schreiben den 20. April 1999: Littleton, Colorado, eine Kleinstadt vor den Toren der Millionenstadt Denver. Ein ruhiges Nest. Bis die Schüler Eric Harris und Dylan Klebold schwer bewaffnet und von blindwütigem Hass getrieben die Columbine High School stürmen und 12 Mitschüler sowie einen Lehrer ermorden. Haupttatort des grausamen Geschehens ist die Bibliothek der Schule, in der sich auch die 16-jährige Crystal Woodman befindet. Wie durch ein Wunder kommt sie mit dem Leben davon, doch psychisch ist sie in den Folgemonaten und -jahren ein Wrack. Bis sie einen neuen Sinn in ihrem Leben findet: Gott…
Von der Partymaus zur „gelebten Christin“
Wie für jedes junge Mädchen zählen auch in Crystals Leben als Teenager die „wichtigen Dinge des Lebens“: Party machen, Jungs küssen – Schule und Kirche sind eher lästige Pflicht. Doch dann geschieht das Unfassbare und Crystal muss zusehen wie einige ihrer Schulkameraden und -kameradinnen im Kugelhagel der Amokläufer sterben. Während sie sich zunächst ins Privatleben zurückzieht und am liebsten von allem und jedem in Ruhe gelassen werden will, beginnt sie einige Jahre später, sich Gedanken über ihren bisherigen Werdegang und die Prioritäten in ihrem Leben zu machen. Sie findet eine ganz neue Beziehung zu Jesus und Gott und beschließt, ab sofort auf Parties und exzessives Leben zu verzichten und ihre Erfahrungen mit anderen zu teilen und so sich selbst und anderen Mensch helfen, solch schreckliche Eindrücke zu verarbeiten.
So beginnt das Buch mit ihrer Reise nach Beslan – eine russische Stadt im Krisengebiet Tschetschenien, in dem 2004 Terroristen eine vollbesetzte Grundschule überfielen und über mehrere Tage hinweg Kinder und Lehrer eng zusammengepfercht in der mit Bomben gespickten Turnhalle gefangen hielten. Bei der Befreiungsaktion der russischen Armee kamen über 330 Menschen ums Leben. So behandelt die erste Hälfte des Buchs den Amoklauf aus ihrer Sicht und ihr Gefühlsleben währenddessen und danach, während sich die zweite Hälfte der Biografie eher um die Läuterung zur christlichen Lebensweise dreht.
Fazit
Das Buch beginnt wirklich spannend und man erfährt einiges über das Schulmassaker aus der Sicht der Betroffenen. Auch das Gefühlschaos in der Folgezeit ist sehr eindrücklich geschildert und man meint, sich in die Opfer des Schulmassakers hineinversetzen zu können. Leider driftet das Buch gegen Ende hin des öfteren in eine Art „Missionierungsprogramm“ ab, das dem Leser gebetsmühlenartig den richtigen Weg zu Jesus Christus aufdrängen will. In manchen Phasen spürt man als Leser tatsächlich den Drang, das Buch wegzulegen und es erfordert einige Disziplin, sich durch die theologischen Seiten hindurchzukämpfen.
An Großvaters Hand von Chen Jianghong
Inhalt
„Meine Kindheit in China“ lautet der Untertitel dieses Bilderbuchs, welches eher an ein Graphic Novel als an ein „klassisches Kinderbuch“ erinnert. So erklärt der Untertitel zwar, worum es geht, lässt den Leser aber weiterhin im Unklaren darüber, ob er jetzt ein Bilderbuch in den Händen hält oder doch eher ein Graphic Novel für Erwachsene. Um diese Frage vorab zu beantworten: Sowohl Kinder als auch Erwachsene können dieses Buch lesen, es wird zweifelsohne jeder Altersgruppe gerecht.
Die Geschichte beginnt im Jahr 1966 im Norden Chinas. Die Familie des Autors, Vater, Mutter, zwei Schwestern, der Erzähler und die Großeltern, leben in ärmlichen Verhältnissen. Die Eltern arbeiten, die drei Kinder werden von den Großeltern betreut. Trotz der Armut (fast nie reicht es für neue Kleidung oder für neue Schuhe für den kleinen Jungen) lässt sich das Leben der Familie fast als idyllisch bezeichnen. Der Zusammenhalt innerhalb der Familie ist eng, die Kinder lieben ihre fürsorglichen Großeltern und diese kümmern sich aufopferungsvoll um die Familie.
Die Großmutter zieht Küken auf, um das Familieneinkommen zu verbessern und schafft es auch immer wieder, aus fast nichts ein schmackhaftes Essen zu kochen. Besonders gern geht der kleine Junge mit seinem Großvater in den Park, wo sich die alten Männer treffen. Die ältere Schwester geht schon zur Schule, da sie taub ist, besucht sie eine Gehörlosenschule. Von ihr lernt der Junge die Gebärdensprache. Am liebsten aber zeichnet er.
Da sich die Familie keine Zeichenmaterialien leisten kann, zeichnet der kleine Junge meist auf dem Fußboden. Gefährdet wird die Idylle dann aber durch den Beginn der Kulturrevolution. Freunde werden öffentlich gedemütigt, manche verschwinden ganz, Angst greift um sich und für die kleine Familie kommt es besonders schlimm, als der Vater zur Umerziehung aufs Land verschickt wird. Der Junge kommt zur Schule, was ihm zuerst gut gefällt, zumal er als Rotgardist „Chefredakteur“ der Wandzeitung wird und endlich wieder zeichnen kann.
Dann stirbt der über alles geliebte Großvater und die Großmutter versinkt in Trauer. 1976, im Jahr als Mao stirbt, kehrt auch der zwangsverschickte Vater zurück, erschöpft und gealtert. Dass der Junge zur Oberschule kommt, bildende Kunst studiert und letztendlich ins Ausland geht, wird nur noch kurz auf den letzten beiden Seiten abgehandelt – die Kindheit ist vorbei.
Fazit
Chen Jianghong hat bereits eine ganze Reihe Bilderbücher gezeichnet und geschrieben. Wer ihn auf einer Lesung oder bei einem Workshop erleben durfte, weiß um sein ganz außergewöhnliches Zeichentalent, welches klassische chinesische Zeichenkunst – einige Bilder sind auf Reispapier getuscht – und moderne Bildersprache miteinander verbindet. Bücher signiert er nicht, er zeichnet mit flinkem Pinsel ein Bild hinein. In „An Großvaters Hand“ erzählt er zum ersten Mal von seiner eigenen Geschichte. Seine Kindheit und Jugend ist so ganz anders als all das, was wir kennen.
Besonders die Zeit der Kulturrevolution ist oft das Thema einer Reihe von Büchern chinesischer Autoren. Chen Jianghong lässt keinen Zweifel an der Grausamkeit der Kommunisten in dieser Zeit, aber er klagt weder an, noch jammert er. Er stellt nur dar, beschreibt eine Kindheit voll materieller Not, aber menschlichem Reichtum. Auch wenn niemand gerne kleiner revolutionärer Rotgardist sein möchte, so einen Großvater und so eine Großmutter hätte sicher jeder gern gehabt. Die Beschreibung dieser chinesischen Kindheit in wenigen Sätzen, aber aussagekräftigen, großformatigen Bildern ist ein Augenschmaus für Erwachsene und eine liebevoll erzählte Geschichte für Kinder. Etwas ganz Besonderes – und auch schon mehrfach ausgezeichnet.
Zonenkinder von Jana Hensel
Inhalt
Die Autorin Jana Hensel, Jahrgang 1976, hat ihre Kindheit bis zum 13. Lebensjahr in der DDR verbracht. Dann, 1989, fiel die Mauer und plötzlich änderte sich alles – der Alltag, die Begrifflichkeiten, die Abläufe und nicht zuletzt auch die Politik. Hensel schildert diese Veränderungen aus der Sicht eines Kindes – „Heute sind diese letzten Tage unserer Kindheit, von denen ich damals natürlich noch nicht wusste, dass sie die letzten sein würden, für uns wie Türen in eine andere Zeit, die den Geruch eines Märchens hat und für die wir die richtigen Worte nicht mehr finden“.
Jana Hensel schildert in den einzelnen Kapiteln im Rückblick wie sich das Leben plötzlich, fast „über Nacht“ änderte – anhand neuer Begrifflichkeiten (statt „Pop-Gymnastik“ hieß es jetzt „Aerobic“, aus der Kaufhalle wurde ein Supermarkt, die „Bravo“ ersetzte die bis dato gelesene „Trommel“), aber auch anhand zahlreicher Beispiele aus dem täglichen Leben in der Schule und in der Freizeit. Anhand unterschiedlicher Schwerpunkte beschreibt Hensel ihre Kindheit, die Heimat, den DDR-Zeitgeist, die Eltern, Erziehungsmethoden, Liebe, Freundschaft und Sport.
Fazit
„Zonenkinder“ liest sich sehr leicht und angenehm, obwohl es kein Roman ist, sondern vielmehr eine Gegenüberstellung von Dingen, Erlebnissen und Worten aus der bisher erlebten Kindheit in der DDR auf der einen Seite und den neuen Begrifflichkeiten, neuen Regeln und dem neuen Leben eines Jugendlichen im wiedervereinten Deutschland auf der anderen Seite. Hensel verfällt dabei nicht in Ostalgiepolemik, sondern sie bringt dem Leser auf Basis der Schreibvirtuosität einer jungen erwachsenen Frau die Gedanken eines ostdeutschen Kindes nahe.
Dies gelingt ihr auf eine so sympathische Art und Weise, dass der Leser verstehen und nachvollziehen kann, warum es auch heute noch Menschen gibt, die eben nicht die gesamte „Ära DDR“ verdammen, sondern sich manchmal noch wehmütig in ihr altes Leben zurücksehnen. Dennoch ist das Buch sehr positiv geschrieben, und man begegnet einem Menschen, der sein neues Leben in der Bundesrepublik mit Elan angegangen ist, aber jetzt zu Papier bringt, dass der Wechsel eben doch ein sehr schneller war, dem kein richtiges “Abschiednehmen” vergönnt war.
Das Buch ist deshalb besonders interessant für Menschen, die die DDR noch miterlebt haben, die vielleicht auch das eine oder andere Mal dort zu Besuch waren und anhand der zahlreichen Beispiele sicherlich auf vielen Seiten ein Aha-Erlebnis haben werden. „Zonenkinder“ ist aber auf alle Fälle auch interessant für Leser, die die DDR nicht mehr aus eigener Erfahrung kennen – sie bekommen statt einer trockenen Dokumentation einen guten und realitätsnahen Eindruck vom Alltag in der DDR. Und für diejenigen, die einen etwas wissenschaftlicheren Zugang benötigen, ist das Buch als Ergänzung oder erster Einstieg sicherlich ebenfalls interessant – denn neben vielen Erläuterungen findet sich am Ende des Buches sogar noch ein kleines Glossar.
Im Herzen Beduinin: Eine Liebe, die alle Unterschiede überwindet
Inhalt
Es scheint eine klassische Geschichte zu sein: Zwei Freundinnen, beide Anfang 20, reisen Ende der 70er Jahre in den Mittleren Osten um einmal der zivilisierten westlichen Tristesse zu entkommen. In Jordanien angekommen, besuchen die beiden die Höhlenstadt Petra und lernen dort den Souvenirverkäufer Mohammad kennen, der ihnen die Atmosphäre der Felsenstadt Petra näher bringt. Beide Frauen möchten noch länger in Petra bleiben, und Mohammad zeigt Ihnen deshalb einen Platz zum Übernachten. Mohammad spricht sehr gut Englisch, da er lange Zeit als Touristenführer in Akaba gearbeitet hat. Marguerite verliebt sich in Mohammads sympathische, offene Art und seinen unvergleichlichen Humor. Sie beschließt, bei ihm zu bleiben.
Von nun an nimmt sie den Leser mit auf eine Reise in eine neue Kultur. Man erfährt, wie es sich in einer 2000 Jahre alten Höhle lebt, wie man als hochschwangere Frau Ausflüge in die Wüste überlebt und wie man ein Unternehmen aus dem Boden stampft. Queen Elizabeth und Königin Nur von Jordanien besuchen Marguerite und ihre Familie in ihrer Höhle. Beide Königinnen scheinen von Marguerites Lebensstil gleichermaßen fasziniert und „irritiert“ zu sein. Die Ehe von Mohammad und Marguerite verläuft trotz aller Bedenken von Marguerites Familie harmonisch, und Mohammad behandelt seine Frau gut. Marguerite muss zwar zum moslemischen Glauben konvertieren, um Mohammad heiraten zu können, weitere Zugeständnisse verlangt Mohammad jedoch nicht von ihr.
Marguerite tauscht zwar nach einiger Zeit ihre Jeans gegen lange Kleider und bindet sich ein Kopftuch um, doch das hat für Sie praktische Gründe. Für Marguerite ist es ebenfalls von Vorteil, dass Mohammads Eltern bereits tot sind, und kein Onkel als Clanchef bestimmt, was sie zu tun hat. Mohammad und Marguerite bekommen eine Tochter und zwei Söhne, die ihre ersten Jahre in der Höhle von Petra verbringen. Mohammad entpuppt sich als begabter Handwerker, der viele Dinge aus der westlichen Kultur einfach nachbaut. So ist die Höhle von Mohammad und Marguerite beispielsweise die einzige Höhle im Dorf, die mit Fenstern ausgestattet ist.
Doch die Zeit in der Höhle endet, als die jordanische Regierung ihren Beschluss langsam in die Tat umsetzt und alle Höhlenbewohner in Wohnsiedlungen umquartiert. Für Marguerite und Mohammad beginnt ein neuer Abschnitt, der seinen Anfang mit der Eingewöhnung in die neue Wohnsituation nimmt. Die Kinder werden größer, doch Marguerite und Mohammad sind glücklich miteinander und unternehmen sowohl alleine als auch mit den Kindern verschiedene Reisen – bis Mohammad im Jahr 2002 schwer erkrankt.
Die Autorin
Marguerite von Geldermalsen lebt mit ihren Eltern, zwei Brüdern und einer Schwester in Neuseeland. Nach Ihrem Schulabschluss arbeitete sie in einer Einrichtung für geistig behinderte Kinder. Seit dem Tod ihres Mannes im Jahr 2002 lebt sie teils in Sydney und teils in Jordanien. Besucht man die Touristenstadt Petra, kann man noch das Glück haben und sie am Souvenirshop der Familie treffen, wo sie ihren Sohn regelmäßig beim Verkauf von Souvenirs unterstützt.
Fazit
Während der Lektüre von „Im Herzen Beduinin: Eine Liebe, die alle Unterschiede überwindet“ wartet man förmlich darauf, die negativen Aspekte eines Beduinenlebens vor Augen geführt zu bekommen. Doch hier wird man auf positive Art und Weise enttäuscht, denn Marguerite van Geldermalsen versteht es, die Nachteile, die ihre Entscheidung mit sich bringt, gekonnt und charmant zwischen den Zeilen unterzubringen. Dieses Buch regt zum Nachdenken darüber an, ob die Reizüberflutung und der Konsum in unserer westlichen Kultur wirklich notwendig ist.
Das Engelsgesicht- Die Geschichte eines Mafia-Killers aus Deutschland
Inhalt
Als wahres Engelsgesicht mit teuflischen Abgründen erweist sich Giorgio Basile und dessen von Andreas Ulrich niedergeschriebene Lebensgeschichte, die tatsächlich genau dort endet, wo das Leben des Ex-Ndrangheta-Killers und Schwerverbrechers neu beginnt - nämlich bei seiner Verhaftung in Deutschland, seiner Entscheidung als Kronzeuge auszusagen und seinem Untertauchen in Italien im Rahmen des dort geltenden Zeugenschutzprogramms.
Von Mülheim zur Mafia
Der Journalist Andreas Ulrich stößt bei einer für den Spiegel verfassten Reportage über die kalabrische Ndrangheta – das faktische Festland-Pendant zur sizilianischen Mafia – auf Giorgio Basile, da dieser als beispielhafter Verbrecher im Sinne der bereits seit langer Zeit nach Deutschland ausgestreckten Tentakel der mafiösen Organisation gelten kann. Schließlich wächst der spätere Mörder, Drogenhändler und Erpresser Anfang der sechziger Jahre als Kind süditalienischer Gastarbeiter in Mülheim auf und bleibt der Stadt an der Ruhr auch in späteren Jahren eng verbunden bzw. bindet sie eng in sein kriminelles Geflecht ein. Die anfängliche Armut und Perspektivlosigkeit des jungen Giorgio entlädt sich nach und nach in zunehmenden kleineren und immer schwerwiegenderen Delikten. Als er als junger Mann wieder auf den lokalen Ndrangheta-Boss seines kalabrischen Heimatortes Corigliano Calabro - de Cicco – trifft, beginnt dieser ihn nicht zuletzt auch aufgrund der Tatsache, dass er der Geliebte von Giorgios Mutter ist, in die Organisation einzuführen. So arbeitet sich Giorgio Basile Jahr für Jahr höher und tiefer in die Strukturen der kalabrischen Mafiaorganisation ein. Er begeht Morde, Raubüberfälle und Einbrüche bzw. gibt solche in Auftrag, organisiert den europaweiten Drogenhandel, etabliert sich im deutschen Rotlichtmilieu, wird in Deutschland verhaftet, sitzt für einige Jahre ein und beginnt nach seiner Entlassung die Strukturen der herrschenden kalabrischen Bosse zu erschüttern, indem er kaltblütig und kalkuliert die Führung Stück für Stück an sich reißt, die aus seiner Migrantenbiografie resultierenden Brücken zwischen Deutschland und Italien nutzt, um die Ndrangheta auch jenseits des Appennin zu etablieren und letztendlich bei seiner Verhaftung 1998 im Allgäu beschließt, diese Verbindungen durch detaillierte Aussagen für immer zu kappen. Da die aufgrund seiner Angaben Inhaftierten die Verbindung zu ihm in jedem Fall erhalten möchten, um ihn als Verräter hinrichten zu können, ist er seitdem irgendwo in Italien untergebracht, versteckt, der Kontakt zu seiner Familie und eventuellen Freunden nicht mehr existent. Ob ihn letztendlich die Liebe zu seiner Frau und Tochter oder aber auch das schlechte Gewissen aufgrund seines letzten Mordes an einem langjährigen Weggefährten dazu bewegen, ein Pentito – also ein Kronzeuge zu werden und das Gesetz der Omertá, des eisernen Schweigens, zu brechen, lässt sich nicht genau sagen, fällt es doch schwer, Giorgio Basile aufgrund der vielen Verbrechen überhaupt ein Gewissen zu attestieren.
Fazit
Andreas Ulrich gibt in seinem Vorwort an, dieses Buch sei durch Tonbandaufzeichnungen von ca. 45 Stunden an Telefonaten entstanden. Dies stellt sicher keine einfache Grundlage dar, ein detailliertes Buch über eine quasi amorphe, weit verzweigte Organisation wie die Ndrangheta zu schreiben. Dabei muss man jedoch immer wieder aufpassen, aufgrund der vielen Namen und des ruhelosen Reisens zwischen Kalabrien, Toskana, Mülheim und den Niederlanden nicht den Faden zu verlieren, welcher in sich ja bereits in gewisser Weise den Spannungsbogen trägt. Mitunter missfällt, dass man zum Ende des Buches hin bzw. in zahlreichen Passagen quasi Mitgefühl und Sympathie für Giorgio Basile und sein Handeln entwickelt, wo er sich doch seinerseits nach wie vor für einen Ehrenmann hält.
Mit Hinblick auf die Morde in Duisburg und deren Verstrickung mit den Geschäften der Ndrangheta in Deutschland ist es in jedem Fall ein aktuelles Buch.
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