Rezension.org - "Wilddiebe und Kritiker kennen keine Schonzeit"
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‘Kultur’

Gesichertes

Gesichertes von Hanna Lemke

Inhalt
18 Geschichten, 18 Erzählungen, in denen es um junge Menschen geht, in dessen Leben, anders als der Titel des Erzählbandes von Hanna Lemke es vermuten ließe, überhaupt nichts „gesichert“ ist. Die Protagonisten in den Kurzgeschichten von Hanna Lemke sind gestrandete Menschen, die zwar nicht direkt am Leben gescheitert sind, aber dessen Leben alles andere als wunschgemäß verläuft.

Bei dem Großteil der verschiedenen Charaktere in „Gesichertes“ handelt es sich um Menschen, die irgendwo zwischen bestandenem Abitur, „daherplätscherndem“ Studium und anstrengendem Berufsleben stehen. All diese Charaktere kommen ursprünglich aus der Provinz, die sie nach der Schulzeit fluchtartig verlassen haben. An die Vergangenheit wollen sie nur ungern zurückerinnert werden, doch auch der Ausblick in die Zukunft ist bei ihnen wenig vielversprechend. „Gesichertes“ beschreibt somit vor allem, wie Träume zerplatzen, wie Menschen sich selbst keine große Chance mehr geben und sich letztlich im „Status quo“ einrichten.

Ein faszinierender Erzählband, der durch eine lakonische Sprache und sorgfältig gestreute Andeutungen „zwischen den Zeilen“ überzeugt
Der überwiegende Teil der Kurzgeschichten in „Gesichertes“ ist nicht einmal 10 Seiten lang. Dennoch gelingt es Hanna Lemke immer wieder aufs Neue, eine für sich geschlossene Geschichte zu erzählen, dessen Ende einerseits zwar völlig logisch wirkt, andererseits jedoch auch alle Fragen offen lässt.

Bei dem ersten Lesen der Geschichten mag die eine oder andere Geschichte deshalb vielleicht auch etwas banal erscheinen – die Autorin bedient sich sowohl in den Dialogen als auch bei der Beschreibung des Geschehens stets einer minimalistischen und lakonischen Sprache, dessen tiefgründige Zweideutigkeiten häufig erst beim zweiten Lesen auffallen und dem Leser eine völlig neue Perspektive eröffnen.

Die Figuren in „Gesichertes“ dämmern in gewisser Weise in einem Schwebezustand des Lebens, sie treffen sich auf WG-Partys und in Kneipen, doch sie wissen wenig voneinander, interessieren sich auch gar nicht besonders für das Leben der anderen und die eigene Unsicherheit und latente Verzweiflung wird konsequent durch vorgetäuschte Ignoranz, Arroganz, Gleichgültigkeit und Selbstsicherheit überspielt.

Letzten Endes ist daran auch die Intention der Autorin erkennbar: Sie zeigt auf, wie unfähig die einzelnen Charaktere sind, wahre Gefühle zu haben, geschweige denn diese zu zeigen und zuzugeben oder darauf basierend sogar Empathie zu entwickeln. Auf den ersten Blick mögen die Geschichten oft alltäglich und beinahe überflüssig erscheinen, denn die prekäre Situation vieler junger Menschen ist an sich kein Thema, welches nicht schon häufig in literarischen Werken behandelt und verarbeitet wurde. Doch wer sich mit den einzelnen Kurzgeschichten in „Gesichertes“ einmal etwas intensiver auseinandersetzt, wird schnell erkennen, wie viel Sinn, Weisheit und Melancholie in den Zeilen der verschiedenen Geschichten steckt, und wie viel wahres in den Beschreibungen der Protagonisten enthalten ist.

Fazit
„Gesichertes“ ist ein Erzählband, dessen Genialität sich den meisten Lesern wohl erst beim zweiten Lesen offenbaren wird. Da die einzelnen Geschichten jedoch selten länger als 10 Seiten sind, ist ein zweites Lesen auch für „Lesefaule“ nicht sonderlich schwierig umzusetzen – und die wiederholte Lektüre von „Gesichertes“ lohnt sich in jedem Fall. Ein kleines literarisches Kleinod – bedingungslos zu empfehlen!

Die Herrenausstatterin

Die Herrenausstatterin von Mariana Leky

Inhalt
Katja Wiesberg könnte eigentlich „rundum glücklich“ sein: Sie hat einen guten Job, hat gerade geheiratet und hat das Gefühl, sie wäre gerade endlich irgendwie „angekommen“. Doch dann bricht ihr plötzlich der Boden unter den Füßen weg: Ihr Mann verlässt sie und stirbt bereits kurz darauf an den Folgen eines Autounfalls. Katjas Chef Bengt drängt Katja einen Urlaub auf, um die Trauer zu verarbeiten, doch auf den Urlaub folgt für Katja der direkte Verlust ihres Jobs. Langsam verschwimmt Katjas Welt vor ihren Augen, und sie nimmt die Dinge in ihrem Alltag immer weniger wahr. Als Katjas Leben nur noch ein einziger Trümmerhaufen ist, tauchen plötzlich zwei Männer auf, denen es gelingt, Katja wieder etwas aufzumuntern.

Der eine stellt sich Katja als „Dr. Blank“ vor, ehemaliger Professor für Latein, doch was noch viel wichtiger ist: Dr. Blank ist längst verstorben – aber für Katja ist er mehr als nur ein „gewöhnlicher Geist“. Und da Dr. Blank eigentlich tot ist, kann der zweite Mann, der plötzlich in Katjas Leben tritt, diesen ständigen Begleiter auch nicht wahrnehmen. Dennoch nimmt er ihn ernst, denn er erkennt, dass Katja der unsichtbare Begleiter gut tut. Um Katja, Dr. Blank und den Feuerwehrmann Armin (so der Name des zweiten Manns, der Katja unverhofft begegnet) entspinnt sich schließlich eine wunderbare Geschichte über Freundschaft, Lebensträume und tiefe Gefühle.

Ein traumhaft schöner Roman, der durch einen eleganten Erzählstil und durch einen leichten Hang zur Melancholie begeistert
Mariana Leky hat mit ihren Erzählungen bereits einige Preise gewonnen, und mit „Die Herrenausstatterin“ beweist sie erneut, dass sie all diese Preise absolut verdient hat. In „Die Herrenausstatterin“ geht es, anders als der Titel es vielleicht vermuten ließe, nur sehr entfernt um eine Herrenausstatterin oder um Kleidung. Der Roman erzählt die Geschichte von Katja Wiesberg, eine Geschichte, die an sich keine absolute Literaturneuheit darstellt, von Leky jedoch mit einer solchen Wärme und einem schier unglaublichen Einfühlungsvermögen erzählt wird, dass es dem Leser außerordentlich schwer fällt, die Protagonisten nach der letzten Seite einfach wieder zwischen die Seiten zu „verbannen“.

„Die Herrenausstatterin“ ist so bewegend geschrieben, und Leky erzählt so mitfühlend und fesselnd, dass einem zeitweise Tränen in die Augen steigen angesichts der Melancholie und der tiefen Traurigkeit der Hauptprotagonistin Katja. Man will sie aus ihrer Welt „herausholen“, weiß jedoch genau, dass dies, selbst wenn Katja eine reale Person wäre, nicht viel Sinn hätte. Aber schon im nächsten Moment gelingt es dem Roman dann, wieder ein Lächeln in das Gesicht des Lesers zu zaubern, welches unter die Oberfläche, ja im wahrsten Sinne des Wortes „unter die Haut“ geht. Und als „Die Herrenausstatterin“ dann nach etwa 200 Seiten endet, ist die Erzählung in sich zwar abgeschlossen, und man ist glücklich, dass Katja einer ungewissen, aber dennoch vielversprechenden Zukunft entgegengeht, trotzdem fällt es schwer, die angenehm lebensechten Figuren wieder ziehen zu lassen.

Fazit
Mariana Lekys zweiten „richtigen Roman“ kann allen Liebhabern von anspruchsvoller und tiefgehender aber dennoch nicht zu „schwerer“ deutscher Literatur nur wärmstens empfohlen werden – nur selten findet man noch derartige Werke, die nicht nur unglaublich viel Liebe und Mitgefühl enthalten, sondern darüber hinaus auch noch durch außerordentlich lebensechte Charaktere und eine gut konstruierte Geschichte überzeugen!

Bordeaux

Bordeaux: Ein Roman in vier Jahrgängen von

Inhalt
Frankie Wilberforce ist es bereits mit Anfang 20 gelungen, einen großen Softwarekonzern aufzubauen. Er ist so erfolgreich, dass für ein Privatleben, für Freunde oder gar für eine Familie keine Zeit mehr bleibt. Anfangs ist Frankie, der von seinen Arbeitskollegen und Bekannten stets nur „Wilberforce“ genannt wird, mit der Situation, in der er sich eingerichtet hat, durchaus zufrieden. Seine Pflegeeltern haben sich nie sonderlich für ihn interessiert, und so hat Frankie schon früh gelernt, sich einzig auf sich selbst und auf sein Talent für das Programmieren zu konzentrieren.

Doch durch eine einzige eher zufällige Begegnung beginnt Frankies Leben sich schließlich langsam immer mehr zu verändern. Er macht die Bekanntschaft von Francis Black, einem exzentrischen und charismatischen Landlord, der jedoch mit der Zeit immer mehr verarmt ist. Doch Francis Black scheinen materielle Dinge nicht sonderlich zu interessieren: Stets schart er einige Leute mit Geld, Einfluss und hohem gesellschaftlichem Status um sich und verbringt seine Tage so in seinem Landsitz, welcher sich schon seit Generationen im Besitz der Familie Black befindet. Francis Blacks vorrangiges Interesse gilt indes allerdings weniger gesellschaftlichen Vergnügungen oder Unternehmungen, als vielmehr seiner größten und gleichzeitig einzigen Leidenschaft: Dem Wein.

Und so ist Francis froh, als er Wilberforce kennenlernt, der so ganz anders ist als die jungen Menschen, mit denen Francis sonst tagtäglich zu tun hat. Francis weiht Wilberforce in die Geheimnisse der Weinkultivierung ein, und als Francis eines Tages stirbt, überlegt Wilberforce nicht lange: Mehr aus einer Laune als aus einer festen Überzeugung heraus verkauft er kurzerhand sein millionenschweres Softwareunternehmen und widmet sich fortan einzig und allein Francis Blacks spektakulärem Weinkeller. Diese Entscheidung hat nicht nur für Wilberforce selbst dramatische Folgen…

Ein mitunter gruseliger und dennoch ungemein faszinierender Roman über die Gesellschaft, über Wein und über die Macht von Loyalität und Besessenheit
„Bordeaux“ erzählt die Geschichte eines Mannes, der nirgendwo so recht zuhause ist und sich aufgrund seiner eigenen Suche nach dem Lebenssinn, der Lebenserfüllung und einer sinnvollen Lebensgestaltung langsam immer mehr einer Leidenschaft zuwendet, die für ihn anfangs lediglich ein angenehmes und sinnvolles Hobby darstellte, ihn nun jedoch immer mehr in ihren Bann zieht und in gewisser Weise zum Diener der eigenen Besessenheit macht.

Diese Leidenschaft ist im Falle von Frankie Wilberforce der Wein, insbesondere der Rotwein. Und auch wenn „Bordeaux“ auf ebenso schockierende wie mitreißende Weise die Folgen jahrelangen Alkoholmissbrauchs skizziert und aufzeigt, welch verheerende Folgen die Alkoholsucht haben kann, so ist der Roman dennoch immer auch in gewisser Weise ein Sittengemälde, ein Roman über gesellschaftliche Strukturen und soziale „Fallstricke“, der anhand eines Einzelschicksals deutlich macht, wie stark ein einziges zufälliges Ereignis ein ganzes Leben oder sogar das Leben mehrerer Personen beeinflussen und unter Umständen sogar zerstören kann.

Der Autor Paul Torday, dessen Debütroman „Lachsfischen im Jemen“ bereits zum Weltbestseller avancierte, bedient sich dabei einer sehr klaren und präzisen Sprache, die im deutlichen Kontrast zur nicht immer klaren Erzählweise des Romans steht. Der Klappentext, in dem es heißt „Nur drei Jahre später ist er [Frankie Wilberforce] ein Wrack“ ließe vermuten, dass Tordays Erzählung einer klaren Linie, einem chronologisch verlaufenden „roten Faden“ folgt. Dem ist nicht so: So beginnt Torday seinen Roman im Grunde am „Ende des Weges“ von Frankie Wilberforce. Der Leser erfährt gleich zu Anfang, wie es um Frankie steht, und dass der exzessive Alkoholkonsum des einst erfolgreichen Unternehmers ihn wohl binnen kürzester Zeit ins Grab bringen wird.

Bereits an dieser Stelle wird dem Leser also einiges abverlangt – er bekommt es mit den wirren und dennoch stets irgendwo nachvollziehbaren Gedankengängen eines Alkoholikers zu tun, und nicht selten mischen sich surreale Elemente in die Erzählung, so dass es dem Leser schwer fällt, klar zuzuordnen, was nun Wirklichkeit ist und was lediglich (dem Alkohol geschuldete) Träume, Gedanken und Illusionen sind. Gerade dadurch ist der Roman ungeheuer spannend, und Tordays Konzept der gleichzeitig zurückblickenden und dennoch immer irgendwie vorausschauenden Erzählung geht voll und ganz auf.

Fazit
Mit „Bordeaux“ gelingt Paul Torday ein zweiter beeindruckender und ungemein fesselnder Roman, der mühelos an „Lachsfischen im Jemen“ heranreicht. „Bordeaux“ ist anspruchsvolle, zeitgenössische Literatur – eine ungewöhnliche und hervorragend erzählte Geschichte, ein bisschen „Horror“, eine große Portion Melancholie, und ein Protagonist, der dem Leser unheimlich nahe kommt und ihm dennoch immer irgendwo fremd bleibt. Kurzum: „Bordeaux“ ist bedingungslos zu empfehlen!

Himmel und Hölle

Himmel und Hölle von

Inhalt
Poesie zu lesen ist lebensgefährlich, dass muss Bardur schmerzlich erfahren. Schnell vor der Ausfahrt des Bootes am frühen Morgen läuft er noch einmal zurück in die Hütte, um sich noch ein paar Zeilen von Miltons „Das verlorene Paradies“ einzuprägen. Dann hat er etwas, um darüber nachzudenken in den Stunden vor dem Tag, wenn die sechs Männer in dem geradezu winzigen Fischerboot draußen auf dem winterlich kalten Meer sitzen und warten, dass der Dorsch anbeißt. In der Eile vergisst Bardur den Anorak. Als das Wetter umschlägt und hohe Brecher über das Boot herfallen, wird Bardur klatschnass – und erfriert in kürzester Zeit.

Als die Männer wieder anlanden, können sie nur noch Bardurs Leiche an Land bringen – und der Junge, die namenlose Hauptperson von Stefanssons Himmel und Hölle, hat den einzigen Freund verloren, den einzigen Menschen, der ihm etwas bedeutete und ihm im Leben hielt. Der Junge saß mit im Boot, aber er konnte seinen Freund nicht retten. Auch der Junge will nicht mehr leben, zuvor jedoch muss er noch das Buch, das ihn seinen Freund gekostet hat, seinem Besitzer zurückbringen. Für den Jungen eine Aufgabe der Ehre, auch wenn der Gang übers Hochland im tiefen Winter ebenfalls lebensgefährlich ist.

Wir befinden uns in Island, einem Island vor etwa 100 Jahren, als Fischfang und Seefahrt fast die einzige Möglichkeit des Lebensunterhaltes darstellten und die, die nicht aufs Meer hinausfuhren, in den Fischfabriken arbeiteten und Dorsch einsalzten. Das Land ist bitterarm und jede Familie hat Männer auf See verloren. Auch der Vater des Jungen starb, als er erst sechs Jahre alt war, er wurde zu Fremden gegeben, da die Mutter die drei Kinder nicht ernähren konnte. Das Meer ist der Horizont dieser Welt, nicht nur in der Wirklichkeit. Dass Bardur und der Junge lesen, das ist ungewöhnlich. Bücher leihen sie sich von Kolbeinn, dem alten, erblindeten Kapitän, der 400 Bücher hat – kaum zu glauben. Ihm gehört auch „Das verlorene Paradies“, das Buch, das er nur sehr selten verleiht. „Vielleicht ist die Hölle eine Bibliothek, und du bist blind“, murmelt einmal der verbitterte alte Kapitän.

Der Junge bringt das Buch zurück und bricht in der Gaststube, in der Kolbeinn immer sitzt, zusammen. Von den zwei Besitzerinnen des Gasthauses der Hafenstadt wird er gepflegt und sie bieten ihm auch eine Alternative zum Kältetod, den der Junge sich schon ausgemalt hatte. Wie findet man auch aus Trauer und Verzweiflung zurück ins Leben? Der Junge hatte ja weder ein Zuhause, noch eine Familie mehr, in der anderen Welt warteten sein Freund, sein ertrunkener Vater, und seine Mutter mit der kleinen Schwester auf ihn. Doch plötzlich stellt er fest, dass er leben will – was ihn selbst sehr verwundert. Auch das eine oder andere weibliche Lächeln trägt zu dem neuen Lebenswillen bei.

Der Autor
Jon Kalman Stefansson wurde 1963 in Reykjavik geboren. Er arbeitete in verschiedenen Berufen, wie viele isländische Schriftsteller u.a. in der Fischindustrie, als Maurer und als Polizist am Flughafen, bevor er Literatur studierte, was er jedoch nicht abschloss. Dann folgten Arbeiten als Lehrer, Journalist, Leiter einer Bücherei und zuletzt als freier Schriftsteller. Heute gehört er zu den wichtigsten Autoren seines Heimatlandes.

Fazit
Die Geschichte um den Jungen und seinen Freund ist nur eine Episode des Buches über das Leben zwischen Himmel und Hölle. Auf eine ganze Reihe weiterer Figuren, manchmal recht kauzige, vom Leben nicht unbedingt verwöhnte Menschen wirft Stefansson Schlaglichter. Sätze wie geschnitzt, poetische Schlaglichter, kleine Anekdoten erwecken diese vergangene Welt wieder zum Leben. Wer eine Ader hat für die Schönheiten von Sprache, von passgenauen Formulierungen, der wird Stefansson lieben.

Ramses Müller

Ramses Müller von Tex Rubinowitz

Inhalt
Schubal und Armin sind zwei hoffnungslose Gestalten in Berlin-Mitte und „mogeln“ sich durchs Leben. Eines Abends treffen sie in einem etwas heruntergekommenen Club auf Benjamin von Stuckrad-Barre und dessen hübsche Begleiterin. So weit, so gut denken Armin und Schubal und beginnen kurz darauf ein Gespräch mit Stuckrad-Barre – doch im Verlauf des Gesprächs behauptet dieser, er sei gar nicht Stuckrad-Barre, sondern nur jemand, der Stuckrad-Barre eben verdammt ähnlich sieht. Armin und Schubal stört das nicht weiter, im Gegenteil, sie fühlen sich nun besonders privilegiert, da der angeblich „falsche Stuckrad-Barre“ ihnen weisgemacht hat, dass er sein Geheimnis nur selten preisgebe.

Nach diesem „Geständnis“ bricht der falsche Stuckrad-Barre, der sich Armin und Schubal gegenüber als „Ramses Müller“ ausgibt, zu einer Party seines Freundes Christoph Schlingensief auf, und Armin und Schubal nimmt er kurzerhand mit. Noch ahnen Armin und Schubal nicht, auf was sie sich da eingelassen haben, doch als Schubal am nächsten Morgen ohne jegliche Erinnerung neben Ramses aufwacht, beginnt er zu ahnen, dass die „kleine Party“ bei Schlingensief noch Folgen haben wird. Es beginnt ein Tag, an dem eine zerbrochene Kloschüssel noch die harmloseste aller Tragödien ist und an dem Armin ein Lampenseil als Liane benutzt und auch sonst die Kontrolle über sich selbst und die Situation verliert.

Ein völlig abgedrehter, surrealer Roman, dem leider ein Stück weit die Entschlossenheit fehlt
Eines ist „Ramses Müller“ ganz sicher nicht: Ein gewöhnlicher Roman. Schon allein die Tatsache, dass Tex Rubinowitz in seinem Roman auf jegliche Form der Strukturierung, etwa durch eine Einteilung in Kapitel, verzichtet, macht deutlich, dass den Leser bei der Lektüre von „Ramses Müller“ eine Erzählung abseits der breit getretenen Pfade der „Berlin-Literatur“ erwartet. Die Hauptfigur in „Ramses Müller“ ist im Grunde Benjamin von Stuckrad-Barre, allerdings wird weniger von Stuckrad-Barre als vielmehr die gesamte „dekadente Berliner Prominenz und Halbprominenz“ aufs Korn genommen. Dabei kommt niemand der halbwegs „Rang und Namen“ hat zu kurz, Charlotte Roche und Leander Haußmann werden ebenso „ins Lächerliche gezogen“ wie Gregor Gysi oder Norbert Blüm.

Leider ist genau das auch die Schwäche des Romans. Der Roman verfügt über kein klares Konzept, er ist so skurril und surreal, dass der Leser sich an einigen Stellen fragt, was er da jetzt eigentlich genau vor sich hat. Dass Tex Rubinowitz sich nicht auf ein bestimmtes Genre festlegt, ist natürlich legitim und sicher auch nicht der Grund dafür, dass der Roman letztlich nicht ganz überzeugt. Die fehlende Struktur und die häufigen Perspektivwechsel sorgen jedoch dafür, dass es dem Leser äußerst schwer fällt, zwischen Äußerungen der Protagonisten, Kommentaren des Erzählers und Einstreuungen aus Theater, Film und Musik zu unterscheiden – schade, denn so kommt man immer wieder in die Versuchung, den Roman vorzeitig aus der Hand zu legen.

Fazit
„Ramses Müller“ wird allen Freunden von satirischer, surrealer und teilweise sogar obskurer Literatur gefallen. Der Roman bietet immer wieder unglaublich komische Momente, aber leider können diese nicht vollends für die vielen langen und dabei relativ belanglosen Passagen, dessen Sinn nie vollends klar wird, entschädigen. Dennoch: „Ramses Müller“ kann man Freunden von surrealen Werken empfehlen, allerdings sollte man ohne eine bestimmte Erwartungshaltung an den Roman herangehen und sich für die Lektüre durchaus etwas Zeit nehmen. Denn hin und wieder blitzt die Genialität von Tex Rubinowitz dann doch auch in „Ramses Müller“ auf.

Jive Talker

Jive Talker von

Inhalt
Der „Jive Talker“, das ist der Vater von Samson in dessen autobiographischem Roman. Der Vater von acht Kindern redet gern und viel, besonders dann, wenn er zu tief ins Glas geschaut hat. Zu allem hat er eine Meinung, breitet seine Belesenheit aus und erklärt seine Philosophie. Der größte materielle Schatz im Haus Kambalu ist das „Diptychon“, das Buchregal, in dem die bibliophilen Schätze gestapelt liegen. Aber nicht nur dort liegen Bücher, überall im Haus gibt es sie und selbst Nietzsche, Lieblingsautor von Vater Kambalu, liegt auf dem Klo.

Zwar muss der Jive Talker seinen Traum, ein richtiger Arzt zu werden, bald begraben und seine immer größer werdende Familie als Hilfsarzt über die Runden bringen, aber sein auch von den Wendungen des Schicksals nicht zu brechender Optimismus und seine Philosophie bestimmen das Leben in der Familie. Als schwarzer Arzt (auch wenn er nie sein Studium abschloss) gehört der Jive Talker zur Zeit des Diktators Hastings Kamuzu Banda in Malawi zur Elite seines erst vor kurzem selbständig gewordenen Landes, trotzdem ist das wirtschaftliche Auf und Ab der Familie besorgniserregend. Und – natürlich – wird ihm im entscheidenden Moment ein weißer Arzt vorgezogen.

Samson wächst in diesem Chaos auf, mal in einer Villa in der Stadt, mal abseits von allem in einer heruntergekommenen Behausung, mal mit eigenen Möbeln, mal mit Betten aus dem Krankenhaus. Die Literatur ist eine der wenigen Konstanten in diesem Leben, und schon das Kind Samson zitiert die Bibel – und Nietzsche. Mit zwölf entwickelt er gar seine eigene Religion, dessen wichtigstes Insignium ein mit herausgerissenen Bibelseiten rundherum beklebter Ball ist, der „Holy Ball“.

Der Autor
Kambalu lebt heute als gefeierter Künstler in London, sein Holy Ball existiert wirklich und er ist mit einer Schottin verheiratet. Aber sechs Angehörige seiner Familie, auch sein Vater der Jive Talker, starben an AIDS – auch das ist leider afrikanische Wirklichkeit.

Fazit
Mit viel Humor und einigem Irrwitz erfährt man in diesem immerhin 346 Seiten starken Buch so einiges über das unbekannte Malawi, über afrikanische Diktatur und über das Aufwachsen in einer Umgebung, die nur sehr wenig Sicherheit bietet. Samson Kambalu macht sich auf, Künstler zu werden, er besucht die renommierte Kamuzu Academy mit einem Stipendium und organisiert die erste Konzeptkunstausstellung in Malawi. Es folgen ein Kunststudium an der University of Malawi und der Nottingham Trent University in Großbritannien.Seine Beschreibung des Lebens auf einer staatlich geförderten Eliteuniversität, der Aberwitz schießt hier wildeste Bocksprünge, ist äußerst vergnüglich zu lesen, auch wenn hinter dem Witz manches Mal Tränen aufblitzen.

Chinesen spielen kein Mao-Mao

Chinesen spielen kein Mao-Mao: Geschichten aus meinem Land von

Die Autorin
Xinran, 1958 in Beijing geboren, arbeitete viele Jahre als Radiomoderatorin. 1997 verließ sie China und lebt seitdem mit ihrem englischen Mann Toby und ihrem Sohn PanPan in London. Sie hat mehrere Bücher geschrieben, im Westen wurde sie vor allem durch ihre gesammelten Lebensgeschichten chinesischer Frauen bekannt, die unter den Titeln „Verborgene Stimmen“ und „Die namenlosen Töchter“ veröffentlicht wurden. 2005 folgte „Himmelsbegräbnis“, die Geschichte einer Chinesin, die in Tibet ihren verschollenen Mann sucht und dabei die tibetische Lebensart und Kultur kennenlernt.

Wie China wirklich ist
Wie China wirklich ist, sollen die in diesem Buch gesammelten Essays und Geschichten erklären. Der Anspruch ist ein bisschen zu hoch gegriffen. Die einzelnen Geschichten sind ihre gesammelten Radiobeiträge, locker-flockig erzählte Geschichtchen zu kulturellen Unterschieden und zu Begebenheiten, die die Autorin erlebte. Sicher sehr schön als Textbeiträge im Radio, unterhaltsam, zum Teil auch erhellend, mancher Aha-Effekt ist dabei, aber alles in allem ist der Band zu nachlässig zusammengestellt und zu belanglos. Es fehlt der rote Faden, warum sind diese Geschichten ausgewählt worden für den Sammelband, warum nicht andere?

Zwei Geschichten zum Beispiel befassen sich mit den Unterschieden von westlicher und chinesischer Kunst bzw. Malerei und verweisen auf Ausstellungen, die vor Jahren (in einem Fall 2005) in London zu sehen waren. Das ist heute nicht sehr hilfreich. In vielen Erzählungen weist Xinran auf die von ihr gegründete Hilfsorganisation MLB hin, The Mothers’ Bridge of Love, eine in England registrierte Organisation (im Anhang finden sich Adresse, Registriernummer und Bankverbindung), die sich um kulturelle Kontakte von adoptierten chinesischen Kindern und ihrer Adoptiveltern im Westen mit China kümmert. Die mehrfache Nennung und immer wieder neue Erklärung verstimmen den Leser, so etwas hat in Radiobeiträgen aber sicher seine Berechtigung. Ein sorgfältiges Lektorat hätte hier vieles verbessern können.

Fazit
Man merkt dem Buch an, dass es ein „Schnellschuss“ ist, der ganz offensichtlich auf der Chinawelle anlässlich des Gastlandauftritts von China bei der letzten Frankfurter Buchmesse mitschwimmen sollte. Schade, dass hier einiges an Möglichkeiten verschenkt wurde, denn beispielsweise die Erkenntnis warum Chinesinnen auch bei größter Hitze Strümpfe tragen ist interessant, amüsiert den Leser und sagt eine Menge über chinesisches Lebensgefühl aus. Die Merkwürdigkeiten des chinesischen Alltags sind es doch, die den Leser interessieren – und die Schwierigkeiten, die sich ergeben, wenn man in eine fremde Kultur eintaucht. Witzig ist hier die Beschreibung der ersten Taxifahrt zweier Chinesinnen in London – und das gründliche Missverstehen der Absichten des Taxifahrers.

Erhellend für den Leser ist auch, wie stark die Propaganda in China die Anschauungen der Menschen prägt, so stark, dass selbst im 21. Jahrhundert eine gebildete, im Westen lebende Chinesin es nicht fertigbringt, Maos Gesicht auf dem Geldschein absichtlich zu manipulieren. Für solche Einblicke in das wirkliche China ist man Xinran dankbar und dafür lohnt es sich auch, dieses Buch zu lesen. Aber es fällt wegen seiner oben genannten Mängel eher unter die Rubrik „leichte Bettlektüre“ – und das ist eigentlich schade.

Das Wochenende

Das Wochenende von Bernhard Schlink

Inhalt
Ein ehemaliger linksradikaler Terrorist wird nach 20 Jahren Haft vom Bundespräsidenten begnadigt. Die Schwester des ehemaligen Terroristen plant für das erste Wochenende in Freiheit ein großes „Wiedersehens-Treffen“ mit alten Freunden und Weggefährten. Während das Leben von Jörg, dem einst in linken Kreisen respektierten „Revolutionär“ mit der Verurteilung stehengeblieben ist, ist das Leben der alten Bekannten inzwischen weitergegangen. Das gemeinsame Wochenende auf dem Land entwickelt sich schließlich zur „Erinnerungsfeier“ – niemand kann die Ereignisse von damals einfach vergessen und ohne weiteres zum aktuellen Tagesgeschehen übergehen.

Ein wichtiger und kluger Roman zur Ära des „Deutschen Herbstes“
Der Autor Bernhard Schlink machte sich mit zahlreichen Kriminalromanen international einen Namen. Sein Roman „Der Vorleser“ wurde mit David Kross und Kate Winslet in den Hauptrollen verfilmt und avancierte zum Welterfolg. Die Zeit des Nationalsozialismus und die Ära des linken Terrors im Deutschland der 70er Jahre sind dabei immer wieder Themen, die Schlink in seinen Romanen aufgreift.

In „Das Wochenende“ wirft Schlink die Frage auf, was nach Jahrzehnten noch vom Terror und von einstigen politischen Idealen übrig geblieben ist. Schlink erfindet die Figur des „Jörg“, um die sich in „Das Wochenende“ zwar letztlich alles dreht, dennoch ist der ehemalige Terrorist nicht die Hauptperson des Romans. Er bildet lediglich den Ausgangspunkt der Handlung, alle Protagonisten in „Das Wochenende“ agieren in gewisser Weise als „gleichberechtigte Nebencharaktere“. Diese ungewöhnliche Art der Erzählung sorgt dafür, dass der Leser immer wieder mit seinen eigenen Erwartungen konfrontiert wird, und förmlich dazu gedrängt wird, mehr „zwischen den Zeilen“ zu lesen, und die Äußerungen, die Beschreibungen, Denkmuster und Auffassungen der einzelnen Protagonisten selbst zu reflektieren.

Der Verlauf der Handlung in „Das Wochenende“ erfordert gleichermaßen eine Auseinandersetzung mit politischen Vorstellungen und Idealen als auch eine Beschäftigung mit moralischen Ideen und Dogmen. Schlink wirft Fragen auf, die zunächst banal erscheinen, die jedoch bei genauerer Betrachtung ihren äußerst tiefgründigen Kern offenbaren. Rechtfertigt ein „hehres Ziel“ den Einsatz von Gewalt? Darf die Umsetzung einer Ideologie Opfer fordern? Und was bleibt letztlich übrig von Zielen, die nie erreicht wurden?

Fazit
„Das Wochenende“ erzählt in klaren, schlichten und klugen Sätzen eine Geschichte, die im Hinblick auf die Bewältigung der Ära des linken Terrors der 70er Jahre mehr leistet als manches umfangreiche Sachbuch. Das Setting in „Das Wochenende“ ist dabei recht minimalistisch gehalten, die einzelnen Figuren sind von der Umwelt isoliert und müssen sich ganz auf sich selbst und ihre Mitmenschen konzentrieren.

Auch wenn der Roman dann bereits nach etwas mehr als 200 Seiten sein Ende findet, hat der Leser das Gefühl, durch die Lektüre einiges gelernt zu haben, und die Kürze des Romans ist dabei weniger „Manko“ als vielmehr bewusst gewähltes Stilmittel. Schlink beschränkt sich auf das Wesentliche, und die entscheidenden Dinge brechen sich letztlich nicht im Roman selbst, sondern vielmehr in der Reflexion des Lesers Bahn. Ein empfehlenswerter, fesselnder Roman, der zur Bewältigung der jüngsten Vergangenheit beiträgt.

La nonna – La cucina – La vita

La nonna – La cucina – La vita: Die wunderbaren Rezepte meiner Großmutter von Larissa Bertonasco

Inhalt
Es erscheint nicht nur regelmäßigen Schlemmertempelpilgern selbstverständlich, dass sich die Gastronomie in Astronomie verwandelt, sobald man den dort töpfernden Köchen Sterne verleiht. Dass dies nicht zwangsläufig auch für entsprechende Literatur gilt, ist indes ein zu beklagendes Manko. So hätte beispielsweise die Hamburger Illustratorin Larissa Bertonasco ohne Zweifel einige dieser stellarischen Auszeichnungen verdient, wenn es um die etwas andere (und vor allem kreativere) Art geht, Rezepte für alle Sinne appetitanregend aufzubereiten.

In ihrem Buch „La nonna – La cucina – La vita: Die wunderbaren Rezepte meiner Großmutter“, welches weit mehr als nur eine bloße Rezeptsammlung ist, beschreibt sie liebevoll und voller Wärme ihr inniges Verhältnis zu ihrer nonna, ihrer Großmutter und deren Liebe zur lokalen Küche, zur kulinarischen Tradition Liguriens. Es sind dabei vor allem jene geheimnisvollen und dennoch so vertrauten Düfte, welche Bertonascos Reise nach Finale Ligure in der Nähe von Genua begleiten und ihre Erinnerungen an die Sommerferien der Kindheit und Jugend nicht nur olfaktorisch, sondern mithilfe aller Sinne untermalen.

Die Vielzahl der detailgetreu aufgezeichneten Rezepte ist dabei ebenso überraschend, wie deren unverfälschte Ehrlichkeit, was die Zutaten und die Zubereitung angeht. Wenn wohl auch unbewusst, reiht sich diese frische Rezeptsammlung in die ebenso aus Italien kommende Slow-Food-Bewegung ein, bei der es darum geht, dem Essen als kulturellem Ereignis wieder den entsprechenden Raum und vor allem auch die notwendige Zeit zu geben bzw. sie sich zu nehmen.

Dies fällt bei „La nonna – La cucina – La vita – Die wunderbaren Rezepte meiner Großmutter“ wirklich leicht, ist man als Leser doch gefangen in einem duftenden Netz köstlicher Rezepte, Geschichten und Anekdoten und umgeben von frischen Bilder, die Lust auf Mee(h)r machen, weil sie ohne Zweifel auch in die Tiefe gehen.

Schließlich überzeugt ihr aufwendig gestaltetes und spritzig-inspirierendes Buch durch originelle Collagen, literarische Zitate und natürlich durch original italienische Rezepte made in Ligurien bzw. made by nonna. Um an diesen Schatz zu gelangen, verbrachte Larissa Bertonasco einige Monate bei ihrer Großmutter in Ligurien. Dadurch finden sich nicht nur kulinarische, sondern auch kulturelle Ingredienzien in jedem der originellen und traditionellen Rezepte. Eine wahre Rezep-Tour also, deren Etappen die erfolgreiche Grafikdesignerin mit Bravour zu Papier gebracht hat, dass einem nicht nur im Sinne von Bildungshunger das Wasser im Munde zusammenläuft.

Fazit
Dieses Buch sollte unbedingt und am besten sorgsam geschützt in jedem (Koch)Bücherregal seinen festen Platz haben. Zu fest sollte er jedoch nicht sein, will man doch schließlich immer wieder nachschlagen und neu entdecken, welche leckeren Überraschungen die nonna noch so für uns Leser gesammelt hat.

Triffst du Buddha, töte ihn!: Ein Selbstversuch

Triffst du Buddha, töte ihn!: Ein Selbstversuch von Andreas Altmann

Inhalt
Martialischer Titel, unblutiger Inhalt: Andreas Altmann wagt in „Triffst du Buddha, töte ihn!“ einen Selbstversuch. Ohne Sprengstoffgürtel, dafür mit klarem Verstand. Herausgekommen ist ein berührendes literarisches Roadmovie über eine Reise nach Indien – und eine Reise ins Innere des menschlichen Geistes.

Buddhismus ist mega-in: Seit Jahren werden wir von fernöstlichem Devotionalien-Ramsch überschwemmt. Ob als Statue oder Kühlschrankmagnet, Buddha gibt’s beim Discounter ebenso wie beim Kaffeeröster um die Ecke. Da ist es nur folgerichtig, dass Deutschlands bekanntester Reiseschriftsteller Andreas Altmann jetzt ein Buch zum Thema veröffentlicht. Allein der Titel macht stutzig: „Triffst du Buddha, töte ihn!“.

Was nach Anstiftung zum Gewaltverbrechen klingt, hat einen gänzlich buddhistischen Hintergrund: Vor Jahren hörte Altmann in Indien den Satz „Triffst du Buddha auf der Straße, dann töte ihn“. Und ließ ihn sich erklären: „Buddha soll dir Hebamme sein, Guru und Mentor. Um das in dir schlummernde Potential zu wecken, es zur Welt zu bringen. Aber wenn es geweckt ist, dann musst du dich verabschieden, ihn von dir weisen, ihn ‚töten’“.

Das Buch ist ein Abschied. Ein definitiver, ohne Totschlag, dafür inklusive Abschiedsgeschenk. Im ersten Teil der Reise folgt Altmann den Spuren Buddhas und begibt sich zu den „heiligen Stätten“: seinem Geburtsort Lumbini, Bodhgaya, dem Ort, an dem er „erleuchtet“ worden sein soll, Kushinagar, dem Sterbeort. Dort findet er – nichts. Außer toten Steinen und erstarrtem Personenkult, das Ganze in Kombination mit pseudoreligiösem Massentourismus.

Die wahren Schätze finden sich unterwegs: Das Buch lebt von den Menschen, die Altmann unterwegs trifft. Sie teilen mit ihm ihre Geschichten und ihre Erfahrungen. Und Altmann teilt sie mit dem Leser. Er erzählt vom 18-jährigen Ishan, der jeden Tag nach der Schule zwei Stunden Weg zurücklegt, um mit Gleichgesinnten über Gedichte zu sprechen, von dem Zugpassagier, der den französischen Präsidenten wegen seiner Frau nicht mag („Er hätte jemanden aus seinem Dorf nehmen sollen“), vom stakselbeindürren Riksha-Fahrer Malulal, der behutsam ein blindes Paar über die Straße führt. Der reportage-artige Erzählton wechselt von nonchalanter Nachlässigkeit über ätzende Ironie bis ins Poetische: „Das leise Quietschen der Naben, das Holpern der Räder, der Atem von Jeevan, dem Fahrer. Wie durch Milch tauchen wir, wie Watte liegt die Welt vor uns.“

Die Reise endet im zweiten Teil, auf einem Meditationskissen im Dhamma Chakka Vipassana Center. Hier wird eine der ältesten Meditationstechniken Indiens gelehrt: Vipassana. Zehn Tage sitzen, zehn Tage den eigenen Atem beobachten – isoliert, wortlos – um zu geistiger Klarheit, innerem Frieden und zum eigenständigen Denken und Handeln zu kommen. Mit eingeschmuggelten Schreibutensilien notiert der Autor, was ihm beim stundenlangen Sitzen tagsüber durch den Kopf ging und wie er näher an Buddha und seine Weltanschauung herankommt. Um sich am Schluss dankbar von ihm zu verabschieden: „Der spirituelle Lehrer ist nur Wegweiser. Du musst dein eigener Meister werden“.

Fazit
„Triffst du Buddha, töte ihn!“ ist das dreizehnte Buch von Andreas Altmann, dem bekanntesten deutschen Reiseschriftsteller. Ein gutes Buch, das einen – lässt man sich auf die radikal unspirituelle, gänzlich erleuchtungsfreie Erzählweise ein – nachdenklich macht. Die Unmittelbarkeit der Sprache wirkt an manchen Stellen ebenso verstörend wie wohltuend, das Weltwissen, das Altmann auf 256 Seiten vor dem Leser ausbreitet, macht neugierig – auf eigene Erfahrungen, aufs eigene – eigenständige – Denken und Handeln.

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