Rezension.org - "Wilddiebe und Kritiker kennen keine Schonzeit"
rezensionen

‘Natur’

Landleben

Hilal Sezgin: Landleben. Von einer, die raus zog

Traum oder Alptraum?

Ein Traum! Endlich einmal dem Stadtleben mit seiner Hektik, seiner Jagd nach Konsum, dem Versprechen auf unendlich viel Geselligkeit – dem man leider mangels Zeit nie nachkommen kann – seiner Naturferne und Fremdbestimmheit zu entfliehen.

Oder ein Alptraum! Einkochorgien, Schmutz und Schlamm, die Gummistiefel als tägliches Kleidungsstück, kein Theater, kein Kino in der Nähe, vom Frühstücken im angesagten Café ganz zu schweigen.

Und doch träumen viele, ich inklusive, vom Landleben, dem Kuckucksrufen (leider hat keiner dem Kuckuck gesagt, dass 100 Rufe pro Tag durchaus genug sind), der Nähe zu Wachsen und Vergehen, zur Natur, dem Leben mit den Jahreszeiten, mit Tieren, der Freude am Selbstgeschafften, am Leben vom eigenen Land, gesund leben und essen und was der Träume mehr sind.

Inhalt

Auch Hilal Sezgin, damals Ende 30 und als nach sieben Jahren Festanstellung endlich als freie Journalistin in Frankfurt lebend, war der Traum nicht unbekannt. Ein halbes Jahr lebte sie berufsbedingt in Hamburg, besuchte Freunde in der Lüneburger Heide und verliebte sich rettungslos in “weißes Fachwerk auf rotem Grund”. Geradezu häusersüchtig wurde sie. Eigentlich war die Frage nur noch, ob sie ein altes Haus erwerben und mit eigener Arbeit instand setzen sollte, oder ein schon gut restauriertes erwerben sollte. Viel zu viel Mut attestierten ihr ihre Freunde. Wer keine Ahnung hat, hat Mut, sagt ein türkisches Sprichwort. Mit einer gewissen Naivität – wer hätte die in dieser Situation nicht – fand Hilal Sezgin ihr Traumhaus, zur Miete, und übernahm nicht nur reichlich viel Grund und Boden damit, sondern auch Schafe. Zu denen später noch Hühner kamen! Mit leisem Humor und durchaus selbstkritisch beschreibt die Journalistin ihre Verwandlung von der Städterin, die gerne ausschläft, zur Landfrau, die weiß, was Krampen oder gülleresistente Gummistiefel sind, wie man einen raubvogelsicheren  Hühnerstall baut oder Schafen die Klauen schneidet, Moderhinke behandelt und Spritzen setzt. Welch eine Verwandlung! Nicht immer ging alles glatt, wie sollte es auch, nicht immer war alles eitel Sonnenschein, manches Mal haderte die Frau, die da rausgezogen war, auch ganz schön mit ihrem Schicksal und fragte sich, warum nur sie sich das alles aufgehalst hatte. Leichter wurde ihr vieles, weil sie im Dorf gute Freunde fand, die immer, wie auch ihre Vermieter, bereit waren zu unaufgeregter Hilfe, wann immer die benötigt wurde: im wahresten Sinne Hilfe mit Rat und Tat. Dazwischen musste natürlich auch noch als Journalistin und Autorin gearbeitet werden – nach dem Schafe füttern an den Laptop – um Geld zu verdienen für ihr Landleben.

Hilal Sezgin ist seit vielen Jahren Vegetarierin, kocht heute nur noch vegan, hält aber Nutztiere – die sie nicht nutzt. Ein nicht unbeträchtlicher Teil des Buches beschäftigt sich mit dem Verhältnis von Tier und Mensch, mit Ethik und Moral. Hilal Sezgin wägt genau ab, überlegt und schlägt vor, sie predigt weder, noch glaubt sie, die letztendliche Wahrheit zu kennen. Das macht diese “Entwicklungsgeschichte” auch zu einem ganz besonderen, anregenden Lesestoff.

Fazit

Eine herrliche Geschichte über die Verwirklichung eines Traumes, humorvoll geschrieben, voller Einblicke ins Landleben, voller Denkanstöße und mit ganz neuem Blick auf den Charakter von Schafen, Hühnern und Gänsen und die Freude, durch unberührten Schnee zu gehen.  Ein wunderbares Lesevergnügen für alle, die vom Landleben träumen, geträumt haben oder sich vorstellen könnten, davon zu träumen. Also für die meisten von uns.

Hinaus, ins Freie

Von der Lust, mit Büchern zu reisen, erzählt Horst Günther

In diesem Buch geht es um die Reise als Ganzes, um das Reisen. Es ist weniger ein Reiseführer, vielmehr ist es ein Reisebegleiter mit der Literatur.
Man liest Reisebücher zur Vorbereitung einer Reiseroute, zur Erinnerung nach einer Reise, um in der Phantasie zu reisen und seinen Gedanken freien Lauf zu lassen.

Magische Orte wie Fes, Meknes, Timbuktu, Karthago und das Katharinenkloster im Sinai lassen in der Phantasie Bilder von der Ferne, von Neuem und Exotischem entstehen. Dennoch fragt sich der Autor, woher das Gefühl von Heimat stammt, das ihn im Souk von Fes überkommt; sind es die frühen Legenden vom Orient wie Ali Baba und die vierzig Räuber oder Kalif Storch, die uns in den Märchenbüchern begegnen ?

„Was ist Zeit ?“ fragt der Autor. Am Beispiel von Karthago wird der Wandel der Zeit und die Vergänglichkeit der irdischen Reiche deutlich. Oft zerstört und wieder aufgebaut in verschiedenen Zeiten und Epochen bleibt die Erinnerung an die großen Reiche, der Phönizier, die Karthago gegründet haben, Rom, das es zerstörte, an die folgende römische Provinz, in der es wieder aufgebaut wurde, die Vandalen, die es wieder zerstörten, die Byzantiner, die es danach eroberten, die arabischen Reiter Mohammeds, die es endgültig untergehen ließen, die Osmanen und Franzosen fanden nur noch Ruinen.

Der Autor vergleicht die Art der Reisen. „Es geht um den Stil des Reisens, das langsame, mit allen Sinnen eine Landschaft erfassende Reisen.“ Nur wenn man langsam reist, sieht man etwas und nur, wenn man die Augen aufmacht, beobachtet man die Dinge in ihrem großen Zusammenhang. Eine Landschaft erfaßt man, wenn man sie spürt, riecht und langsam mit ihr vertraut wird, zu Fuß, mit dem Fahrrad, per Kamel oder Pferd. Forscher und Entdecker nahmen enorme Strapazen auf sich, um an ihr Ziel zu gelangen, eine Stadt wie Timbuktu zu erreichen. Mit einem Führer zu Fuß neben dem Kamel gehend, monatelang durch die endlose Weite der Wüste zu ziehen, nicht wissend, ob der nächste Brunnen noch Wasser führt.

Heute haben das bequeme Auto und das Flugzeug als Mittel zur Überwindung der Entfernungen die Wege schrumpfen lassen und die geführten Abenteuerreisen unterbrechen für zwei Wochen den tristen Alltag ohne mit dem Land wirklich vertraut zu werden.
Mit Gelassenheit lernt man auf Reisen andere Kulturen einfühlsamer kennen, wandert durch die Samaria-Schlucht auf Kreta, schlendert über Reisfelder auf Bali, durch abseits gelegene Gassen in Florenz, Rom und Venedig und wird per Zufall zu einem Familienfest eingeladen. Manchmal muss man verschlungene Pfade, wie durch Labyrinthe gehen, um zu sich selbst zu finden.

Fazit:
Der Autor verzichtet auf ein Inhaltsverzeichnis und unterteilt das Buch in (Lebens-) Abschnitte. Mit Hilfe der Literatur beschreibt er das Reisen in früheren Jahrhunderten, die Erfahrung der damaligen Reisenden, deren Anschauungen und Gefühle. Zitate von Ibn Battuta, Gustave Flaubert, Lady Mary Montagu, Fürst Pückler-Muskau und anderen finden Eingang. Die Berichte wollen das Reisen nicht ersetzen, vielmehr reist man mit offenerem Geist und wachem Auge, lässt die neue Umgebung auf sich wirken, nimmt Gerüche, Ansichten und Gefühle anderer Menschen auf und nimmt etwas für sein weiteres Leben mit nach Hause.
Zahlreiche Abbildungen von Gemälden, Lithographien, Photographien unterstreichen den Text. Ab dem 19. Jahrhundert reisten Maler, wie Eugène Delacroix, Paul Klee, August Macke, die mit ihren farbenfrohen Bildern die Welt und dieses Buch anschaulich machen.
Man sollte es öfter zur Hand nehmen und in ihm „stöbern“.
Ein gelungenes interessantes Buch, das zum Nachdenken anregt, vielleicht auch, um das eine oder andere Werk, aus dem zitiert wurde, selbst zu lesen z. B. Ibn Battuta, Reisen ans Ende der Welt oder Alexander von Humboldt, Ansichten der Natur.

Der Autor:
Horst Günther, geboren 1945, lehrt in Berlin als Privatdozent der Philosophie. Er forscht an der Maison des Sciences de l’Homme in Paris mit Schwerpunkt Geschichtsphilosophie, Ästhetik und politische Theorie. Er arbeitet als Autor, Herausgeber und Übersetzer in Berlin und Lyon. Er veröffentlichte „Das Bücherlesebuch“ (Wagenbach) und „Das Erdbeben von Lissabon“ (S. Fischer).

Der Verlag:
„Willkommen woanders“ begrüßt Corso, der neue Verlag aus Hamburg, den Leser. Reisen und Literatur verbindet Rainer Groothuis, der Verleger, mit Geschichten über Land und Leuten, Leben, Lust und Leidenschaft. Es entstehen schöne Bücher, die sich durch Qualität des Drucks und des Inhalts auszeichnen. Umfassend informiert die Internetseite corso-willkommen.de

Alphabet meines Lebens

: Alphabet meines Lebens
Das Alphabet, das der tschuktschische Autor hier aufblättert, richtet sich nach der russischen Schrift. Russisch war die erste Fremdsprache des am Polarkreis geborenen Autors, russische Kultur das erste Fremde, mit dem er fertig werden musste.

Geboren wurde Rytchëu, den russischen Vornamen erhielt er erst später, in einer traditionellen Fellhütte auf einer kiesübersäten Landzunge am Polarmeer. Er gehörte zum kleinen Volk der Tschuktschen, die nächsten Nachbarn waren Inuit, Eskimos, und über die Beringstraße zu den amerikanischen Eskimos bestand reger Kontakt. Russen hatten die Tschuktschen schon während der Zarenzeit kennen gelernt, die hatten unter anderem den Spiritus gebracht, sehr zur Begeisterung der trinkfreudigen Tundrabewohner. Zu Sowjetzeiten wird der Kontakt enger, die Kommunisten wollen den Fortschritt auch in diese entlegene Weltgegend bringen und junge begabte Tschuktschen erhalten Schul- und sogar Universitätsbildung.

Das alles beschreibt Rytchëu voller Humor, verschmitzt, mit viel Sinn für das Komische, wenn einander fremde Kulturen aufeinandertreffen. Welchen weiten und gefahrvollen Weg die zwei zukünftigen Studenten auf dem Weg nach Leningrad auf sich nehmen müssen, wie naiv und unschuldig sie invielem waren, das greift ans Herz – und dann muss man wieder laut lachen, wenn der Autor beschreibt, wie er und sein Freund fast ihr letztes Geld für eine unbekannte Frucht ausgeben. Im Schulbuch hatten sie es schon gesehen, Melone heißt das Ding und sieht appetitlich aus. Aber wie isst man das? Muss man es kochen? Dörren? Kleine Schnipsel der Schale schmecken gar nicht und die glänzenden schwarzen Kerne im aufdringlich roten Inneren verheißen nichts Gutes. Also werfen die beiden die Frucht letztendlich doch lieber weg, eher sie krank werden von so gefährlichem Essen. So viel zum Stichwort Melone.

Manche Stichworte beschreiben Dinge, mit denen Rytchëu aufgewachsen ist, mit den Errungenschaften der Polarvölker, dem kalten Winter zu trotzen, Fellkleidung und Fellhütten zu bauen, mit Hygiene, die man so oder so interpretieren kann, erzählen von Sitten und Glauben, den Tieren des Nordens und immer wieder vom Essen – wie schmackhaft ein Robbenauge ist und wie man es isst, das ist da schon etwas schwer auszuhalten für den westlichen Leser. Andere Stichworte widmen sich den fremden Dingen, die auf einmal in den Norden kamen, die russische Sprache, Schule, Stempel, Buch, Kino aber auch Unterhosen, Kolchos und Korruption. Hausmeister, Zeitung, Dampfbad – und natürlich Schriftsteller. Denn Schriftsteller ist Juri Rytchëu ja geworden, der einzige seines Volkes und seiner Sprache, auch wenn er später fast nur in Russisch schrieb, schreiben musste, denn die Tschuktschen sind ein kleines Volk und meist damit beschäftigt, der rauen Natur den Lebensunterhalt abzutrotzen.

Fazit
So persönlich, wie in diesem letzten Buch hat der 2008 verstorbene Autor sonst nicht geschrieben, vieles in diesem Buch hat den Charakter einer Bilanz. Es ist ein Rückblick auf ein sehr bewegtes Leben von einem Fellpolog im äußersten Winkel Asiens aus in die Welt der Moderne, eine Geschichte beschreibt ein Erlebnis in Vietnam. Die große Weltgeschichte, auch Rytchëu war als junger Mann begeistert von der Idee des Kommunismus, schrumpft hier wieder auf ein menschliches Maß. Das Alphabet meines Lebens ist ein Reiselexikon in handlichen Abschnitten, ein Lexikon der Reise eines außergewöhnlichen Lebens.

Pflanzen der Kelten

Pflanzen der Kelten: Heilkunde, Pflanzenzauber, Baumkalender von Wolf-Dieter Storl

Inhalt
Mit „Pflanzen der Kelten: Heilkunde, Pflanzenzauber, Baumkalender“ bietet der bekannte Kulturanthropologe und Ethnobotaniker Wolf-Dieter Storl einen tiefen Einblick in die Pflanzenmythologie eines Volkes, das fast tausend Jahre lang zu den führenden Völkern in großen Teilen Europas gehörte und dessen Wurzeln unbemerkt noch heute in diversen Aspekten unserer Gegenwart verwoben sind. Gerade unter diesem Gesichtspunkt lässt sich das Buch mit großem Gewinn lesen, wobei man behutsam in Bezug auf Sprache, Bräuche und die damalige Organisation der Gesellschaft der Kelten eingeführt wird, so dass das grob umrissene Bild dazu dient die mythische Verarbeitung der Umwelt nachvollziehen und verstehen zu können.

Heilkunde und Pflanzenzauber
Die Kelten trugen noch das Wissen um die diversen Heilkräfte der Kräuter, Bäume und Sträucher, die grundlegend mit ihrem Dasein in Verbindung standen in sich und nutzten diese für die Heilung von Krankheiten, das Abwenden von Unglück und Schaden, sowie um ihren Göttern zu danken und sie weiterhin milde zu stimmen. Jedoch beschränkt sich Storl nicht auf einen einseitigen Blick, sondern er bezieht die Rolle der Elemente Feuer, Wasser, Luft und Erde mit ein. In dieser Einheit des Buches erfährt man viele interessante botanische Fakten, die aus einer kulturanthropologischen Sicht interpretiert werden, außerdem erhält man einen ausführliche und umfassende Einführung in spezielle Rituale, beispielsweise was die Sammelvorschriften, die richtige Zeit oder den spirituellen und praktischen Umgang mit Heilpflanzen anbelangt. In dieser Hinsicht bietet der Autor auch ein einladendes Angebot an Rezepten für diejenigen, die eigene Erfahrungen zu machen suchen.

Der keltische Jahreskreis und Baumkalender
Wolf-Dieter Storls Expedition in diese allumfassende Lebensweise unserer Ahnen vertieft in diesem Kapitel den Bezug der Menschen zum Kosmos, genauer gesagt die zeitliche Einteilung des Jahres anhand von den Gestirnen und der Vegetation. Beginnend mit einer für das Verständnis notwendigen Einleitung in den mythischen Glauben zeichnet der Autor den Verlauf der Zeit von Feiertag zu Feiertag, zieht im Zuge dessen einen Vergleich zu christlichen Feiertagen und erklärt die jeweiligen Rituale und deren Bedeutung. Resultierend aus diesen Ausführungen werden zwei Modelle eines jahreszeitlichen Medizinrades skizziert. Der keltische Baumkalender wird im folgenden beschrieben, zu jeder Baumart werden Erläuterungen im medizinischen, aber vor allem mythologischen Betrachtungsfeld geliefert, so dass jedem Baum die ihm übertragene Gottheit zugeordnet wird.

Kräuter der Heilung
Nicht zuletzt sind es auch die Wildkräuter, die einen wichtigen Faktor im Leben der Kelten darstellen. So werden auch heute unbeachtete Pflanzen wie die Brennnessel, Efeu oder Nieswurz näher beleuchtet und ihre Verarbeitung in Mythen, Märchen und Sagen erklärt, wodurch man eingeladen wird, seine Umwelt mit offenen Augen zu betrachten.

Fazit
Dieses Buch kann man guten Gewissens selbst lesen oder auch verschenken. Es ist nicht nur interessant für alle Botaniker, Ethnologen und Mediziner, sondern es ist nicht zuletzt auch für jeden geeignet, der sich für die Natur, alte Märchen und Sagen und vor allem für seine eigenen Wurzeln begeistern kann. Durch die verständliche Schreibsprache macht Wolf-Dieter Storl dieses Kleinod für jeden zugänglich, der sich dafür öffnen möchte.

Tuareg in Libyen

Tuareg in Libyen – Identitäten zwischen den Grenzen von Ines Kohl

Inhalt
Das vorliegende Buch beschäftigt sich mit den Tuareg in Libyen, die heute hauptsächlich im Südwesten in der Stadt Ghat und ihrer Umgebung, nahe der algerischen Grenze leben, und den Tuareggruppen, die aus dem Niger und Mali zugewandert sind. Beide Gruppen gemeinsam müssen sich mit dem Regime von Mu’ammar al-Qaddafi arrangieren, was nicht so einfach ist. Wie leben sesshafte Kel Azjer im Großraum Ghat und die ständig reisenden Imajeren oder manchmal als „Ishomar“ (von „chomeur“, französisch für „Arbeitsloser“) bezeichneten Immigranten aus dem Niger mit dem libyschen Staat, mit Mu’ammar al-Qaddafis Ideen der sozialistischen Gleichheit, Gerechtigkeit und der Einbindung von Minderheiten in den libyschen Staat? Dies ist das Thema dieser Feldforschungen, für die Ines Kohl zwischen 2004 und 2006 die Oase Ghat und die Familien der Tuareg besucht hat.

Die Tuareg versuchen sich weitgehend anzupassen, wenn es sein muss. Sie bleiben aber ihren Traditionen treu, wenn dies möglich ist, zum Beispiel im Haus, bei Festen, Hochzeiten und ähnlichen Anlässen. Die alteingesessenen Kel Azjer beäugen die zugewanderten Ishomar mit Misstrauen und verteidigen „ihre“ Bräuche als traditionell, während die Ishomar „modern“ sind. Genauso versuchen die Imajeren (Ishomar) aus dem Niger ihre Traditionen zu bewahren und zu leben. Sie erinnern sich mehr an Sprichwörter, Gedichte und Überlieferungen als die Kel Azjer, die zum Beispiel das Arabische und durch die Schule die libyschen Ansichten lernen. Allerdings sind sie flexibler durch ihre Reisen und passen sich an bzw. entwickeln „neue“ Traditionen.

Durch ihre Lebensweise als Nomaden ist die Gesellschaft der Tuareg (Imuhar in Algerien, Imajeren in Mali, Niger, Libyen) schon immer flexibel und anpassungsfähig gewesen. Ein Umstand, der heute bitter notwendig ist, um in den Saharaländern überleben zu können. Immer wieder leiden sie unter Wassermangel und Hungersnöten und haben es trotz allem geschafft, über Tausende von Jahren ihrer Heimat, der Sahara, zu trotzen. Die Tatsache, dass seit der Teilung der Sahara durch die Kolonialmächte die Tuareggruppen auf fünf Länder „aufgeteilt“ wurden (Algerien, Libyen, Burkina Faso, Mali und Niger), hat die Tuareg überall zu Minderheiten gemacht. Heute leben etwa 1 Million Tuareg auf diese Länder verteilt, in Algerien rund 30.000, die meisten in Niger und Mali.

Für ihre Dissertation am Institut für Kultur und Sozialanthropologie der Universität Wien schrieb Ines Kohl die vorliegende Studie über die Tuareg in Libyen. Dieses Buch ist eine Überarbeitung und Aktualisierung ihrer Forschungen zwischen 2004 und 2006. Ines Kohl hat von klein auf Ihre Eltern auf deren Reisen in die Sahara bzw. nach Libyen begleitet und ist so „zwischen den Zelten“ aufgewachsen. Schon ihr Vater hat Publikationen über Libyen verfasst, die ihn als Libyenkenner ausweisen.

Fazit
Für den fachlich interessierten Leser ein gut recherchiertes Buch über die Tuareggruppen, die in Libyen bzw. in der Oasenstadt Ghat leben – ein wissenschaftlicher Beitrag über 245 Seiten, ergänzt mit 51 Schwarz-Weiß Fotografien sowie 17 Tabellen, Kartenskizzen und Zeichnungen.

Japan – seine Städte und Provinzen

Japan – seine Städte und Provinzen von Yuko Kimura, Wilhelm Blassen, Hartmut Pohling und Kerstin Teicher

Inhalt
Der mehr als 600 Seiten umfassende Bildband „Japan – seine Städte und Provinzen“ gehört zu einer Reihe aus dem , in der unter anderem auch schon Bildbände zu den Ländern Vietnam, Russland und Südafrika erschienen sind. Der vorliegende Bildband zu dem im westlichen Europa doch nach wie vor relativ „unbekannten“ bzw. von weiten Teilen der Bevölkerung eher wenig beachteten Land Japan soll dem Leser und Bildbetrachter die Kultur und die Lebensweise der Japaner näherbringen, wobei sich der Bildband aber nicht nur auf kulturelle Eigenheiten und geographische Besonderheiten beschränkt sondern darüber hinaus auch immer wieder interessante Einblicke in die japanische Wirtschaft und Geschichte bietet.

Die umfangreichen und in die Tiefe gehenden Beschreibungen des Bildbandes werden dabei, wie bei einem Bildband üblich, durch zahlreiche hochauflösende Bilder aufgelockert und veranschaulicht. Dabei unterscheidet sich „Japan – seine Städte und Provinzen“ allerdings an vielen Stellen recht deutlich von anderen Bildbänden. Ein Aspekt, der hierbei besonders hervorsticht, ist die außergewöhnliche Gliederung des Werks. So ist der Bildband nicht etwa in verschiedene Rubriken wie etwa „Geschichte“, „Kultur“ und Wirtschaft unterteilt, sondern in dem Bildband arbeiten die verschiedenen Autoren systematisch die wichtigsten japanischen Städte und Regionen „ab“ und stellen diese vor, so dass man sich während des Lesens immer an der Geographie Japans orientieren muss.

Ein außergewöhnlicher Bildband, für dessen Lektüre man viel Zeit mitbringen sollte
Der vorliegende Bildband ist ein Werk, welches dem Leser nicht nur beeindruckende Bilder bietet, sondern auch immer wieder die Denkleistung des Lesers einfordert. „Japan – seine Städte und Provinzen“ ist also kein Bildband, bei dem ganz besonders viel Wert auf künstlerisch anspruchsvolle Bilder gelegt wird, die dann lediglich mit kurzen Beschreibungen ergänzt und erklärt werden, sondern die Beschreibungen gehen so sehr in die Tiefe, dass man mitunter schon allein mit der Lektüre der Texte viel Zeit verbringen kann, um danach mithilfe der Bilder noch weiter in die japanische Welt „einzutauchen“.

Aber auch wenn „Japan – seine Städte und Provinzen“ ein vergleichsweise textlastiges Werk ist, rechtfertigen schon fast die Bilder allein den Kauf des Bildbands – hier hat man sich also offenbar sehr viel Mühe gegeben, um nicht nur einfach Orte und Sehenswürdigkeiten zu fotografieren und abzubilden, sondern dabei auch immer noch die jeweiligen Stimmungen der Menschen und Orte einzufangen.

So überzeugt der Bildband auch in vielerlei Hinsicht, und das Werk hat nur wenige Schwächen, die das Lesevergnügen geringfügig trüben. So haben sich an der einen oder anderen Stelle noch Rechtschreibfehler eingeschlichen, was bei einem Werk mit mehr als 600 Seiten aber verständlich und auch zu verschmerzen ist. Ein Manko, was leider etwas schwerer wiegt, ist die anfangs sehr gewöhnungsbedürftige Unterteilung des Werks in Städte und Regionen. Hier wäre eine kleine Einführung und Erläuterung am Anfang des Werks wünschenswert gewesen.

Fazit
„Japan – seine Städte und Provinzen“ entführt den Leser anhand von zahlreichen Bildern in die Welt Ostasiens und in die einzelnen Regionen Japans. Dabei bekommt man auf leicht verständliche Weise viele interessante Fakten nähergebracht, die sich so in fast keinem Reiseführer finden. Der Preis von 39,90 Euro ist für ein derart umfangreiches Werk mehr als gerechtfertigt, und wer sich einmal umfassend über Japan informieren möchte, ohne das Land direkt zu besuchen, bekommt mit dem vorliegenden Bildband die Chance dazu.

Afrika – Die 101 wichtigsten Fragen und Antworten

Afrika – Die 101 wichtigsten Fragen und Antworten von Asfa-Wossen Asserate

Was sollte man mindestens über Afrika wissen ? In seinem neuen Buch „Afrika – Die 101 wichtigsten Fragen und Antworten“ gibt der Autor Asfa-Wossen Asserate Einblicke in unseren südlichen Nachbarkontinent.

Afrika so nah und doch so fern
Dieser riesige Kontinent Afrika, der oft so fern, aber eigentlich so nah ist, nur vierzehn Kilometer trennen ihn von Europa, erscheint uns auch deshalb so weit entfernt, weil wir wenig darüber wissen und oft nur Kriege und andere Katastrophen von den Medien übermittelt werden. Gerade deshalb ist ein Buch, das wesentliche Fragen zu Afrika beantworten kann ein wichtiger Beitrag zum besseren Verständnis.

Aktuelles zur Fußball-WM in Südafrika
Die gerade beendete Fußball-WM zeigte ein fröhliches, buntes Bild von Südafrika mit seinen Bewohnern und den zahlreichen ausländischen Gästen, die insgesamt einen positiven Eindruck mit nach Hause nahmen. Der Autor geht auch darauf ein in seiner Frage Nummer 66: Was bedeutet die Fußballweltmeisterschaft 2010 für Südafrika im Besonderen und für Afrika im Allgemeinen ? Das Fernsehen bemühte sich im Vorfeld der Weltmeisterschaft um eine interessante Berichterstattung von verschiedenen Ländern und trug somit zu einem veränderten, neueren Afrikabild bei.

Fragen aus Politik, Gesellschaft, Kultur und Natur
Auch auf provozierende Fragen wie zum Beispiel bei Fragen aus der Politik (Sind afrikanische Staaten korrupter als europäische Staaten ?, Welchen Einfluß haben die ehemaligen Kolonialmächte heute in Afrika ? Welche Regimes sollte man weder finanziell noch dadurch unterstützen, dass man in den betreffenden Ländern Urlaub macht ?) und Ausblick (Welche Probleme muß Afrika vordringlich lösen ?) gibt der Autor seine Meinung wieder.
Das vorliegende Buch „Afrika – Die 101 wichtigsten Fragen und Antworten“ von Asfa-Wossen Asserate, dem äthiopischen Historiker und Großneffen des letzten Kaisers von Äthiopien ist ein gutes Buch gelungen, das sich mit vielen, auch aktuellen Themen auseinandersetzt.

Nachschlagewerk für den schnellen Überblick
Man kann es als Nachschlagewerk nutzen, um sich einen groben Überblick zu verschaffen, denn auf 192 Seiten kann man nicht wirklich auf alle Themen vertiefend eingehen. Es ist auch schwierig in einer kurzen Zusammenfassung eine Frage für Gesamtafrika zufriedenstellend zu beantworten, denn oft genug haben die Länder Nordafrikas (Tunesien, Algerien, Marokko usw.) einen komplett anderen Ansatz als die Länder südlich der Sahara (Benin, Liberia oder Kenya, Mosambik).
Logischerweise sind die Antworten oft auf Äthiopien bezogen und als Beispiel wird oft Äthiopien angeführt.

Fazit
Der Autor kann geschickt Vorurteile ausräumen und Klischees begegnen und die Fragen bzw. Antworten regen zum weiteren Lesen und vertiefen an.
Sicherlich könnte man noch mehr als 101 Fragen über Afrika beantworten, aber das würde den Rahmen dieses Büchleins wohl sprengen.

Drei Farben Grün

Drei Farben Grün: Über Irland, Schottland, Wales von Elsemarie Maletzke

Inhalt
Elsemarie Maletzke vereint in diesem Band eine Reihe von Reisereportagen aus Irland, Schottland und Wales. Neben Großbritannien (und seinen Gärten und Schriftstellerinnen) gehört ihre große Liebe den keltischen Ländern. Alle Essays sind mit viel Wärme und Verständnis für gewisse Eigenheiten und Eigentümlichkeiten geschrieben. Ob es sich dabei um eine ausgefallenen große Silvesterfete in Edinburgh handelt, um die irische und schottische Vergangenheit und den Blick Hollywoods darauf, eine Whiskey-Tour gesetzter Herren oder etwa um eine Walking & Talking-Tour ganz anderer Ausprägung.

Elsemarie Maletzke hat die Fähigkeit, Skurrilitäten zu entdecken – oder skurrile Exzentriker. Nie ist sie dabei verletzend, auch wenn sie sich einen kleinen Seitenhieb auf Mel Brooks Größe oder Prinz Charles Smalltalk nicht verkneifen kann. Der Leser grinst. In 18 kurzweiligen, amüsanten und kompetenten Reisefeuilletons schildert Elsemarie Maletzke Erlebnisse und Begegnungen. Ein Teil der Reportagen ist bereits 1996 in ihrem Band “Irish Times” beim Schöffling Verlag erschienen, ihrem Hausverlag, in dem auch ihre großen Biographien erschienen sind. Andere erscheinen hier erstmals in Buchform.

Eigentlich möchte man nach der Lektüre gleich den Koffer packen und den herrlichen Beschreibungen hinterherreisen. Auch als Geschenkbuch für alle, die ebenfalls am keltischen Virus erkrankt sind, eignet sich das Insel Taschenbuch sehr gut. Allein das Coverbild ist die Quintessenz der keltischen Einsamkeit, eingebettet in Grün und Meerblau. Ich liebe an Elsemarie Maletzkes Art zu schreiben ihre kurzen treffenden kleinen Seitenhiebe, nonchalant hingeworfene Bemerkungen, die punktgenau treffen. Ein Beispiel aus der Reportage über irischen Tanz: „Jeder Landstrich (tanzte) seinen eigenen Stiefel…bis die üblichen Spielverderber, Kirche und Staat, dazwischenfuhren, die Tänzer bei Tee und Limo in ihren Tanzdielen kasernierten und die Eintrittskarten besteuerten.“

Oder: Floors Castle, ein Schloss in Schottland ist ein Museum, denn jede Generation der herzoglichen Familie hat gesammelt und die schiere Zahl der Schätze vermehrt. Elsemarie Maletzke kommentiert die Gründe der Sammelleidenschaft: „Aus Passion, Kennerschaft oder abgrundtiefer Langeweile?“ und die besonders eifrig aber ohne Kennerschaft sammelnde „Herzogin May kannte offenbar keine Schmerzgrenze“. Zwei Sätze, und Familie und Sammlung sind ausreichend kategorisiert. Aber manchmal ist die Autorin auch ungemein poetisch: „Waliser Regen besorgt das große Wolkentheater, die schiefergrauen Vorhänge, die übers Blau schleifen…“ Auch das ist ungemein treffend.

Elsemarie Maletzke wurde 1947 in Oberhessen geboren und studierte in Frankfurt. Sie stand der Studentenbewegung nahe, war Mitglied im Weiberrat und Freundin von Waechterm Traxler, Pit Knorr und anderen. Sie arbeitete als Journalistin, u.a. für das Satiremagazin Pardon, für Titanic, Pflasterstrand, aber auch für die Zeit, die Frankfurter Rundschau und Brigitte. 1974 ging sie als Deutschlehrerin nach Dublin. Seit dieser Zeit gehört ihre Liebe Großbritannien und Irland. Bekannt wurde sie in erster Linie jedoch nicht wegen ihrer Reisereportagen, sondern wegen ihrer großartigen Biographien von Jane Eyre, Elisabeth Bowen, George Elliot und den Bronte-Schwestern. In Eckhardt Henscheids Romantrilogie des laufenden Schwachsinns wurde sie selbst zur Romanfigur. Elsemarie Maletzke lebt als Journalistin und freie Autorin in Frankfurt am Main.

Fazit
Laut Klappentext „Reiseliteratur at its best“. Das stimmt und dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen.

Mit Kompass und Korsett

Mit Kompass und Korsett – Reisende Entdeckerinnen von Bärbel Arenz

Inhalt
Nicht nur den Herren waren die unbekannten „weißen Flecken“ der Welt viele Reisen wert, auch mutige Frauen haben sich auf ungekannte Wege gemacht um Neues zu entdecken. Mit Kompass und Korsett begeben sich die reisenden Entdeckerinnen, manchmal eher unfreiwillig, oft aber aus Neugierde auf das Reisen in die Fremde, um ihren Horizont zu erweitern oder aufopferungsvoll anderen zu helfen. Von diesen Entdeckerinnen berichtet „Mit Kompass und Korsett – Reisende Entdeckerinnen“ von Bärbel Arenz. Die geschilderten Lebensläufe sind gleichzeitig eine Zeitreise von 1754 bis 1969, also 215 Jahre, in denen sich die Französische Revolution, die Industrielle Revolution, die Erforschung Afrikas und Kolonialisierung, zwei Weltkriege und sogar die erste Mondlandung ereigneten.

Sechzehn mutige Frauen begeben sich auf Reisen. Nicht nur Forscherinnen sondern auch eine Opernsängerin, eine Lehrerin, eine Krankenschwester sowie Schriftstellerinnen und reiche Erbinnen entdecken die Welt, hauptsächlich zu Fuß und mit Karawanen, später auch per Zug. Sie sind stets aus gutem Hause und gebildet, aber häufig reichen die finanziellen Mittel gerade so aus, um wieder zurückkehren zu können. Oft werden die Berichte, Vorträge und Bücher zu Bestsellern, so dass die nächsten Vorhaben wieder finanziert werden können.

Die Engländerin Amelie Edwards reist 1874 nach Ägypten und nachdem 1869 der Suez-Kanal eröffnet wurde, besuchen zahlreiche Touristen das Land der Pyramiden und auch Amelie Edwards kommt um einen Kamelritt nicht herum. Ihr Reisebericht wird ein Bestseller und sie hat während ihrer Reise ihre Leidenschaft für Ägyptens Altertümer entdeckt. Sie mietet für ein halbes Jahr eine Dahabeya (großes ägyptisches Segelboot mit Kabinen) und genießt das Leben an Bord auf dem Nil und am Nassersee, wobei sie sich am liebsten in Abu Simbel aufhält, das damals noch an seinem ursprünglichen Platz steht. 1882 gründet sie mit anderen den „Egypt Exploration Fund“ zur Erhaltung der Denkmäler und Förderung professioneller Grabungen und widmet sich nun vollends der Forschung.

„Australiens Eingeborene können allen Unbilden der Natur widerstehen, den schlimmsten Dürreperioden wie auch reißenden Überschwemmungen…, aber der Zivilisation können sie nicht standhalten.“, so schreibt Daisy Bates (ca. 1859 – 1951), die irische Forschungsreisende, die 1884 im Rahmen des australische Besiedlungsprogramms zum ersten Mal ins Outback reist. Zwei Ehen und ein Kind können sie nicht davon abhalten, „das fremde, verborgene Leben dieser letzten Menschen, die wie in der Steinzeit leben“, zu erforschen. Und so lernt sie die Sprache der Aborigines und setzt sich, teilweise erfolgreich, für die Angelegenheiten der australischen Ureinwohner ein. Sie schreibt Berichte, dokumentiert Sitten und Bräuche. 1912 übergibt sie der australischen Regierung ihre umfangreichen Aufzeichnungen, die aber erst 1985 (!) veröffentlicht werden. Daisy Bates wurde 91 Jahre alt und lebte bis 1942 in der australischen Wildnis bei Ooldea.

Oft sind es persönliche Schicksalsschläge, die die Damen veranlassen, ihr Leben zu ändern. Mal stirbt der Liebste, mal ist es die unerfüllte Liebe, der falsche Partner oder das fehlende Geld für die Offizierskaution ihre Bräutigams, wie bei der Schweizer Lehrerin Lina Bögli (1858 – 1941), die sich selbst als eine Art Verbannung 10 Jahre auf Reisen begibt und so fast die ganze Welt kennenlernt. Dieses aufwändig gestaltete Buch besticht schon durch seine Aufmachung. Der farbige Schutzumschlag mit einem indischen Elefanten, einer Kokospalme und einem Ausschnitt einer antiken Karte lädt zum weiteren Entdecken ein. Die sechzehn Frauen werden von Bärbel Arenz und Gisela Lipsky ausführlich vorgestellt. Ergänzend zu ihren aufregenden und unterschiedlichsten Lebensläufen werden passende Passagen der Reiseberichte eingefügt. Jede Seite ist mit einen Kartenausschnitt und einem hübschen Dekor versehen. Die Literaturliste umfasst die herausgegebenen Bücher der Entdeckerinnen.

Fazit
Alles in allem liest sich das Buch sehr gut, leicht und verständlich. Der interessierte Leser kann sich so in die verschiedenen Situationen der Reisenden hineinversetzen. Die Herausgeberinnen haben sich bemüht auch weniger bekannte Forschungsreisende zu porträtieren und so kommen auch eine Niederländerin, eine Österreicherin und eine Französin zu Wort. Beschrieben werden neben den bereits erwähnten Weltreisen, Ägypten und Australien, auch Italien, Tibet, Sibirien, Neuseeland, Hawaii, der Wilde Westen der Rocky Mountains, Kenya in Ostafrika, Gabun in Westafrika und der Orient in Syrien, Persien, Libanon sowie der Maghreb (Libyen, Algerien) in Nordafrika. Das empfehlenswerte Buch weckt die Lust, fremde Länder auf den Spuren der Forscherinnen die Welt zu entdecken. Gisela Lipsky hat den Reiseroman „Schlaraffenträume“ und den Stadtführer „Jede Menge Leben“ veröffentlicht und Bärbel Arenz interessiert sich für Geschichte und studierte Kunst an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg.

Ein Fahrrad für die Flussgötter

Ein Fahrrad für die Flussgötter: Reportagen aus Afrika von Birgit Virnich

Inhalt
In ihrem Buch „Ein Fahrrad für die Flussgötter“ lässt die langjährige ARD-Korrespondentin Birgit Virnich die Afrikaner selbst zu Wort kommen. Dabei geht es ihr nicht um Klischees und negative Schlagzeilen sondern um Begegnungen mit den Menschen und ihren Schicksalen.

Von Frauenfußball und Elefantenumzügen in Kenya
In Kenya, abseits von Safaris und weißen Sandstränden am Indischen Ozean, lebten jahrelang Kikuyu, Luos und Luya friedlich zusammen, aber nach der Präsidentschaftswahl 2007 kam es zu blutigen Auseinandersetzungen. Frauen wurden bei ihrer täglichen Hausarbeit von Polizeikugeln getroffen, Männer brutal ermordet. In Kibera, dem „größten Slum Ostafrikas“ wollten die Frauen den Gräueltaten ein Ende setzen und machten sich auf den Weg quer durch die Stadt zur Bezirksverwaltung, um zu demonstrieren. Seitdem treffen sich jeden Samstag die Frauen, diskutieren, besprechen Alltagsprobleme und spielen sogar Fußball zusammen. Sie organisieren sich und helfen einander auch bei finanziellen Problemen. So konnten sie einen Gemüsestand kaufen und kleine Gartenparzellen anlegen. Rund 2 Millionen Kenianer leben in den Slums rund um Nairobi.

Im bekannten kleinen Nationalpark Shimba Hills, unweit der Strände von Mombasa, müssen rund 400 Elefanten umgesiedelt werden. Sie dezimieren die Vegetation derart, dass sie kaum nachwachsen kann. In einem aufwendigen Projekt hat der „Kenya Wildlife Service“ einen „Containerservice“ eingerichtet, so dass ganze Elefantenfamilien in den Tsavo Nationalpark umgesiedelt werden können. Denn wenn ein Familienmitglied fehlt, könnte die Leitkuh wieder den Rückweg antreten.

Von viel Elend und einer Hochzeit in der Sahara

Mit dem Flüchtlingshelfer Emanuel und ihrem Team reist Birgit Virnich in den Norden des Tschad an die Grenze des Sudan. Seit 2003 herrscht Krieg in Darfur und die Flüchtlinge in den Lagern erleiden ein unvorstellbares Schicksal. Für das Öl und die Bodenschätze im Süden des Landes vertreibt die Regierung die Bevölkerung aus ihren Dörfern und Städten. Für die Hilfsorganisationen wird die Arbeit immer schwieriger und komplizierter. Die dramatische Situation dokumentiert die Autorin in dem Beitrag „Schrei in der Wüste“.

Schreie anderer Art erlebt Birgit Virnich in Mali, nämlich Jubelschreie, als sie mit dem Chauffeur Ahmed in seine Heimatstadt Timbuktu fährt, um an einer Tuareg-Hochzeit teilzunehmen. Verwandte aus der Umgebung treffen sich in der Wüste und feiern traditionell mit Kamelrennen und Teezeremonie. „Die Freiheit, einfach irgendwo unter freiem Himmel zu übernachten, gibt es sonst nirgendwo auf der Erde“ meint der Targi Ahmed.

Einfühlsame Reportagen
Neunzehn Reportagen mit einem Vorwort von Anne Will, der Sprecherin der Tagesthemen, die sich ebenfalls für Afrika einsetzt, zeigen den Kontinent abseits der allgemeinen Nachrichten, die oft mit Negativem behaftet sind. Die Geschichten hat Birgit Virnich aus den Ländern Äthiopien, Burkina Faso, Eritrea, Kenya, Kongo, Liberia, Mali, Mauretanien, Nigeria, Ruanda, Senegal, Sudan, Tschad und Südafrika mitgebracht und sie sind mit Schwarzweiß-Bildern ergänzt. Besonderes Augenmerk lenkt die Autorin mit drei Beiträgen auf den Kongo. Sie beschreibt unter anderem die schwierige Situation von Kindersoldaten, die wieder zu ihren Eltern zurückkehren. Der mächtige Kongofluss verlangt von den Benutzern Opfer für eine gute Fahrt, zuweilen kann es auch ein Fahrrad sein. Für ihren mutigen Journalismus wurde Birgit Virnich mit ihrem Film „Kongofieber – Mythos eines Stroms“ für den Grimme Preis nominiert.

Die Autorin
Birgit Virnich war von 2002 bis 2008 in Nairobi als ARD-Korrespondentin tätig und besuchte rund 40 Länder in Afrika. Sie wurde in Essen geboren, ging in Südafrika zur Schule, studierte Journalismus, Film und internationale Politik in Kanada, den USA und Großbritannien. Sie arbeitet als Autorin und Redakteurin beim Westdeutschen Rundfunk (WDR) und lebt mit ihrer Familie in Köln.

Fazit
Mit viel Einfühlungsvermögen begegnet die Autorin den Menschen in den bereisten Ländern und nimmt an deren Leben teil. Ein empfehlenswertes Buch mit einem etwas anderen Blick auf Afrika.

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