Rezension.org - "Wilddiebe und Kritiker kennen keine Schonzeit"
rezensionen

‘Reise’

Der verschleierte Völkermord

Der verschleierte Völkermord von Tidiane N’Diaye

Die Sklaverei wurde offiziell ab 1807 verboten. Trotzdem gibt es Staaten, wie zum Beispiel Mauretanien und Sudan, in denen es Gang und Gäbe ist, Sklaven zu halten, auch heute noch. In seinem Buch „Der verschleierte Völkermord“ klagt der Anthropologe Tidiane N’Diaye den arabomuslimischen Sklavenhandel in Afrika an.

Inhalt
Es gab mehrere Arten von Sklaverei und Sklavenhandel in Afrika, auf die der Autor näher eingeht. Den meisten Menschen ist der transatlantische Sklavenhandel vom 16. bis Anfang des 19. Jahrhundert bekannt. Von Westafrika, besonders Senegal (Insel Gorée) und das heutige Togo bzw. Benin (Sklavenküste), erlangten hierdurch traurige Berühmtheit, wurden Millionen Menschen nach Amerika, Brasilien und auf die Karibischen Inseln verschifft und dort zur Arbeit auf den Zuckerrohr- und Baumwollfeldern, später als Haussklaven und im Bergbau eingesetzt.

Sklavenhandel in den Orient
Dass es auch einen Sklavenhandel in den Orient gab und noch gibt, ist weniger bekannt.
Auch innerhalb Afrikas gab es eine Form der Sklaverei, die allerdings eher als Dienerschaft oder Knechtschaft betrachtet werden sollte. Denn diese Leute wurden nicht brutal zusammengeschlagen und in Ketten gelegt, im Gegenteil, wer seine Diener schlecht behandelte, war kein guter Herr. Auch hatten die Diener einige Rechte. In West- und Südafrika lebten die Gemeinschaften in sogenannten Krals zusammen mit ihren Sklaven und ihren Tieren. Die Herren sorgten für den Frieden zwischen den Gemeinschaften und ein gutes Ansehen, die Diener für das Vieh und bauten die Felder an. Sie erhielten anständige Kleidung und gute Behandlung. Oft wuchsen ihre Kinder gemeinsam mit denen des Herren auf. Auch erhielten sie einen Teil der Ernte für sich. Wurden sie schlecht behandelt, hatten sie Mittel, den Herren zu wechseln. Aber es wurde kein Handel mit ihnen getrieben !

Wege des Sklavenhandels in Afrika
Dass Sklaven geraubt und weiter verkauft wurden, dieses Phänomen wurde erst mit der Eroberung Afrikas bekannt. Und hier waren die, wie der Autor sie nennt, arabomuslimischen Eroberer ab dem 7. Jahrhundert bereits vor den europäischen Sklavenhändlern massiv unterwegs.
Eine der Hochburgen für diesen Handel war die Insel Sansibar mit der Hauptstadt Stonetown. Von hier wurden die Sklaven in den Orient bzw. in die arabischen Länder von der arabischen Halbinsel bis Syrien und Persien verschifft. Der zweite Weg führte durch den Sudan nach Ägypten. Auch durch die mittlere Sahara und über Mauretanien bis Marokko setzte mit der Eroberung Nordafrikas und Spaniens der arabomuslimische Sklavenhandel ein. Bis zu 17 Millionen Sklaven wurden bis heute aus Afrika mit grausamen Mitteln von ihren angestammten Lebensräumen entführt.
Einerseits wurde der Islam nach Afrika verbreitet. Dass aber Muslime einander nicht töten sollen, wie es im Koran steht, wurde schnell vergessen, denn schwarze Menschen waren von „niedrigerem Rang“.

Fazit
In neun Kapiteln zeigt der Autor Tidiane N’Diaye die „Geschichte des muslimischen Sklavenhandels in Afrika“ auf und bedient sich der Überlieferungen vieler Quellen, seien es Griots, die afrikanischen Übermittler, die die Geschichte mündlich weitergaben, frühe Reisende und Historiker wie Avicenna, Ibn Battuta oder Ibn Chaldun bis zu den Forschern im 19. Jahrhundert wie Henry Morton Stanley, David Livingstone oder Gerhard Rohlfs, der im Buch leider mit einem falschen Datum bedacht wurde. Er lebte von 1831 bis 1896, nicht wie im Buch angegeben von 1892 bis 1986!. Ein wichtiges Buch zur Aufklärung über die Sklaverei und den Sklavenhandel in Afrika.

Autor
Tidiane N’Diaye ist Athropologe und Wirtschaftswissenschaftler aus dem Senegal. Er hat mehrere Bücher zur Geschichte Schwarzafrikas und deren Kulturen geschrieben.

Drei Farben Grün

Drei Farben Grün: Über Irland, Schottland, Wales von Elsemarie Maletzke

Inhalt
Elsemarie Maletzke vereint in diesem Band eine Reihe von Reisereportagen aus Irland, Schottland und Wales. Neben Großbritannien (und seinen Gärten und Schriftstellerinnen) gehört ihre große Liebe den keltischen Ländern. Alle Essays sind mit viel Wärme und Verständnis für gewisse Eigenheiten und Eigentümlichkeiten geschrieben. Ob es sich dabei um eine ausgefallenen große Silvesterfete in Edinburgh handelt, um die irische und schottische Vergangenheit und den Blick Hollywoods darauf, eine Whiskey-Tour gesetzter Herren oder etwa um eine Walking & Talking-Tour ganz anderer Ausprägung.

Elsemarie Maletzke hat die Fähigkeit, Skurrilitäten zu entdecken – oder skurrile Exzentriker. Nie ist sie dabei verletzend, auch wenn sie sich einen kleinen Seitenhieb auf Mel Brooks Größe oder Prinz Charles Smalltalk nicht verkneifen kann. Der Leser grinst. In 18 kurzweiligen, amüsanten und kompetenten Reisefeuilletons schildert Elsemarie Maletzke Erlebnisse und Begegnungen. Ein Teil der Reportagen ist bereits 1996 in ihrem Band “Irish Times” beim Schöffling Verlag erschienen, ihrem Hausverlag, in dem auch ihre großen Biographien erschienen sind. Andere erscheinen hier erstmals in Buchform.

Eigentlich möchte man nach der Lektüre gleich den Koffer packen und den herrlichen Beschreibungen hinterherreisen. Auch als Geschenkbuch für alle, die ebenfalls am keltischen Virus erkrankt sind, eignet sich das Insel Taschenbuch sehr gut. Allein das Coverbild ist die Quintessenz der keltischen Einsamkeit, eingebettet in Grün und Meerblau. Ich liebe an Elsemarie Maletzkes Art zu schreiben ihre kurzen treffenden kleinen Seitenhiebe, nonchalant hingeworfene Bemerkungen, die punktgenau treffen. Ein Beispiel aus der Reportage über irischen Tanz: „Jeder Landstrich (tanzte) seinen eigenen Stiefel…bis die üblichen Spielverderber, Kirche und Staat, dazwischenfuhren, die Tänzer bei Tee und Limo in ihren Tanzdielen kasernierten und die Eintrittskarten besteuerten.“

Oder: Floors Castle, ein Schloss in Schottland ist ein Museum, denn jede Generation der herzoglichen Familie hat gesammelt und die schiere Zahl der Schätze vermehrt. Elsemarie Maletzke kommentiert die Gründe der Sammelleidenschaft: „Aus Passion, Kennerschaft oder abgrundtiefer Langeweile?“ und die besonders eifrig aber ohne Kennerschaft sammelnde „Herzogin May kannte offenbar keine Schmerzgrenze“. Zwei Sätze, und Familie und Sammlung sind ausreichend kategorisiert. Aber manchmal ist die Autorin auch ungemein poetisch: „Waliser Regen besorgt das große Wolkentheater, die schiefergrauen Vorhänge, die übers Blau schleifen…“ Auch das ist ungemein treffend.

Elsemarie Maletzke wurde 1947 in Oberhessen geboren und studierte in Frankfurt. Sie stand der Studentenbewegung nahe, war Mitglied im Weiberrat und Freundin von Waechterm Traxler, Pit Knorr und anderen. Sie arbeitete als Journalistin, u.a. für das Satiremagazin Pardon, für Titanic, Pflasterstrand, aber auch für die Zeit, die Frankfurter Rundschau und Brigitte. 1974 ging sie als Deutschlehrerin nach Dublin. Seit dieser Zeit gehört ihre Liebe Großbritannien und Irland. Bekannt wurde sie in erster Linie jedoch nicht wegen ihrer Reisereportagen, sondern wegen ihrer großartigen Biographien von Jane Eyre, Elisabeth Bowen, George Elliot und den Bronte-Schwestern. In Eckhardt Henscheids Romantrilogie des laufenden Schwachsinns wurde sie selbst zur Romanfigur. Elsemarie Maletzke lebt als Journalistin und freie Autorin in Frankfurt am Main.

Fazit
Laut Klappentext „Reiseliteratur at its best“. Das stimmt und dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen.

Mit Kompass und Korsett

Mit Kompass und Korsett – Reisende Entdeckerinnen von Bärbel Arenz

Inhalt
Nicht nur den Herren waren die unbekannten „weißen Flecken“ der Welt viele Reisen wert, auch mutige Frauen haben sich auf ungekannte Wege gemacht um Neues zu entdecken. Mit Kompass und Korsett begeben sich die reisenden Entdeckerinnen, manchmal eher unfreiwillig, oft aber aus Neugierde auf das Reisen in die Fremde, um ihren Horizont zu erweitern oder aufopferungsvoll anderen zu helfen. Von diesen Entdeckerinnen berichtet „Mit Kompass und Korsett – Reisende Entdeckerinnen“ von Bärbel Arenz. Die geschilderten Lebensläufe sind gleichzeitig eine Zeitreise von 1754 bis 1969, also 215 Jahre, in denen sich die Französische Revolution, die Industrielle Revolution, die Erforschung Afrikas und Kolonialisierung, zwei Weltkriege und sogar die erste Mondlandung ereigneten.

Sechzehn mutige Frauen begeben sich auf Reisen. Nicht nur Forscherinnen sondern auch eine Opernsängerin, eine Lehrerin, eine Krankenschwester sowie Schriftstellerinnen und reiche Erbinnen entdecken die Welt, hauptsächlich zu Fuß und mit Karawanen, später auch per Zug. Sie sind stets aus gutem Hause und gebildet, aber häufig reichen die finanziellen Mittel gerade so aus, um wieder zurückkehren zu können. Oft werden die Berichte, Vorträge und Bücher zu Bestsellern, so dass die nächsten Vorhaben wieder finanziert werden können.

Die Engländerin Amelie Edwards reist 1874 nach Ägypten und nachdem 1869 der Suez-Kanal eröffnet wurde, besuchen zahlreiche Touristen das Land der Pyramiden und auch Amelie Edwards kommt um einen Kamelritt nicht herum. Ihr Reisebericht wird ein Bestseller und sie hat während ihrer Reise ihre Leidenschaft für Ägyptens Altertümer entdeckt. Sie mietet für ein halbes Jahr eine Dahabeya (großes ägyptisches Segelboot mit Kabinen) und genießt das Leben an Bord auf dem Nil und am Nassersee, wobei sie sich am liebsten in Abu Simbel aufhält, das damals noch an seinem ursprünglichen Platz steht. 1882 gründet sie mit anderen den „Egypt Exploration Fund“ zur Erhaltung der Denkmäler und Förderung professioneller Grabungen und widmet sich nun vollends der Forschung.

„Australiens Eingeborene können allen Unbilden der Natur widerstehen, den schlimmsten Dürreperioden wie auch reißenden Überschwemmungen…, aber der Zivilisation können sie nicht standhalten.“, so schreibt Daisy Bates (ca. 1859 – 1951), die irische Forschungsreisende, die 1884 im Rahmen des australische Besiedlungsprogramms zum ersten Mal ins Outback reist. Zwei Ehen und ein Kind können sie nicht davon abhalten, „das fremde, verborgene Leben dieser letzten Menschen, die wie in der Steinzeit leben“, zu erforschen. Und so lernt sie die Sprache der Aborigines und setzt sich, teilweise erfolgreich, für die Angelegenheiten der australischen Ureinwohner ein. Sie schreibt Berichte, dokumentiert Sitten und Bräuche. 1912 übergibt sie der australischen Regierung ihre umfangreichen Aufzeichnungen, die aber erst 1985 (!) veröffentlicht werden. Daisy Bates wurde 91 Jahre alt und lebte bis 1942 in der australischen Wildnis bei Ooldea.

Oft sind es persönliche Schicksalsschläge, die die Damen veranlassen, ihr Leben zu ändern. Mal stirbt der Liebste, mal ist es die unerfüllte Liebe, der falsche Partner oder das fehlende Geld für die Offizierskaution ihre Bräutigams, wie bei der Schweizer Lehrerin Lina Bögli (1858 – 1941), die sich selbst als eine Art Verbannung 10 Jahre auf Reisen begibt und so fast die ganze Welt kennenlernt. Dieses aufwändig gestaltete Buch besticht schon durch seine Aufmachung. Der farbige Schutzumschlag mit einem indischen Elefanten, einer Kokospalme und einem Ausschnitt einer antiken Karte lädt zum weiteren Entdecken ein. Die sechzehn Frauen werden von Bärbel Arenz und Gisela Lipsky ausführlich vorgestellt. Ergänzend zu ihren aufregenden und unterschiedlichsten Lebensläufen werden passende Passagen der Reiseberichte eingefügt. Jede Seite ist mit einen Kartenausschnitt und einem hübschen Dekor versehen. Die Literaturliste umfasst die herausgegebenen Bücher der Entdeckerinnen.

Fazit
Alles in allem liest sich das Buch sehr gut, leicht und verständlich. Der interessierte Leser kann sich so in die verschiedenen Situationen der Reisenden hineinversetzen. Die Herausgeberinnen haben sich bemüht auch weniger bekannte Forschungsreisende zu porträtieren und so kommen auch eine Niederländerin, eine Österreicherin und eine Französin zu Wort. Beschrieben werden neben den bereits erwähnten Weltreisen, Ägypten und Australien, auch Italien, Tibet, Sibirien, Neuseeland, Hawaii, der Wilde Westen der Rocky Mountains, Kenya in Ostafrika, Gabun in Westafrika und der Orient in Syrien, Persien, Libanon sowie der Maghreb (Libyen, Algerien) in Nordafrika. Das empfehlenswerte Buch weckt die Lust, fremde Länder auf den Spuren der Forscherinnen die Welt zu entdecken. Gisela Lipsky hat den Reiseroman „Schlaraffenträume“ und den Stadtführer „Jede Menge Leben“ veröffentlicht und Bärbel Arenz interessiert sich für Geschichte und studierte Kunst an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg.

Der Sieger bleibt allein

Der Sieger bleibt allein von Paulo Coelho

Inhalt
Die sogenannte Elite und die „oberen Zehntausend“ der Gesellschaft: Menschen, die ein glückliches Leben voller Vergnügungen und Abwechslung führen und sich dabei über so lästige Dinge wie etwa Geld oder Arbeit gar keine Gedanken machen müssen – so hat es zumindest den Anschein, und in unserer heutigen globalisierten Welt dreht sich fast alles um Stars, um den Klatsch und Tratsch rund um diese „Stars“, und so erscheint den meisten „normalen Menschen“ ein Leben, wie es die Superreichen und Prominenten führen als das „ultimative Glück“. Doch ist dies wirklich so? Paulo Coelho riskiert in „Der Sieger bleibt allein“ einen Blick hinter die sorgfältig aufgebaute Fassade und führt den Leser in die Welt der selbsternannten Elite ein, nicht ohne dabei so manche Illusion und manche Wunschvorstellung zu zerstören.

Ein gnadenlos offenes Porträt der oberflächlichen Scheinwelt von Stars und Sternchen und zugleich ein spannender und wendungsreicher Thriller
Mit „Der Sieger bleibt allein“ beschreitet der inzwischen weltbekannte brasilianische Schriftsteller Paulo Coelho gewissermaßen Neuland. Während seine bisherigen Romane meist vor allem tiefgründige Erzählungen waren, in denen der Leser sich immer wieder mit sich selbst und seinem eigenen Leben, seinen Wertvorstellungen und seinen Träumen auseinandersetzen musste, geht es in „Der Sieger bleibt allein“ nicht nur um Werte, Vorstellungen und um die Verlogenheit gesellschaftlicher Konventionen, sondern Coelho baut noch ein zusätzliches neues Element ein, was man so nicht unbedingt erwartet hätte. Er webt eine Geschichte um einen verzweifelten Mörder mit in den Handlungsverlauf ein, die Geschichte eines Mannes, der scheinbar alles hat – Geld, jeglichen Luxus, den diese Welt ihm bieten kann und ein sorgenfreies Leben – doch das eigentlich Wichtigste hat er verloren: Die Liebe.

Dieser Mann, Igor, ist einer der Hauptprotagonisten in „Der Sieger bleibt allein“ und Paulo Coelho gelingt es, die Jagd nach einem Mörder besser zu beschreiben und wiederzugeben, als dies so mancher Thrillerautor vermag, obgleich die Geschichte um Igor, der ohne Rücksicht auf das Leben anderer Menschen fieberhaft versucht, seine einzige Liebe zurückzugewinnen geschickt in die Haupthandlung mit einfließt. In der Haupthandlung beschreibt Coelho indes eine Woche in der französischen Stadt Cannes zu Zeiten des weltberühmten Filmfestivals, welches dort schon seit geraumer Zeit jährlich stattfindet. Er beschreibt die Träume, Illusionen und Vorstellungen verschiedener Charaktere – da sind zum einen die meist naiven jungen Mädchen, die von der großen Schauspielkarriere träumen und fast alles tun würden, um dieses Ziel zu erreichen, da sind die Regisseure, die nicht mehr weiter aufsteigen können und ihren Mitmenschen deshalb mit Ignoranz und Arroganz gegenübertreten und da sind die zahlreichen scheinbar bedeutungslosen Menschen, die ihren Idolen und Stars hinterherjubeln und sich vom Glamour blenden lassen.

Letztlich zerbrechen aber nicht nur die Träume der Jungschauspielerinnen, sondern auch diejenigen, die es bis ganz nach oben geschafft haben, stehen plötzlich vor einem Scherbenhaufen – doch an dem Starkult ändert dies alles nichts.

Fazit
„Der Sieger bleibt allein“ ist ein fesselndes Buch und genauso lesenswert wie alle anderen Werke Paulo Coelhos. Auch in „Der Sieger bleibt allein“ wirft Coelho wieder essentielle Fragen auf, und es wäre durchaus wünschenswert, wenn viele Menschen dieses Buch lesen würden, um sich nicht länger von falschen Idealen leiten zu lassen und sich vom Glamour einer Scheinwelt blenden zu lassen – auch wenn manches in „Der Sieger bleibt allein“ teilweise doch etwas weit hergeholt erscheint.

Durch den Sand: Schriftstellerinnen in der Wüste

Durch den Sand: Schriftstellerinnen in der Wüste von Florence Herve

Inhalt
Durch die Wüsten unserer Erde reisten nicht nur Forscher, Ethnologen, Geographen oder heute Touristen. Schon immer streiften auch Autoren, Reporter, Dichter und Schriftsteller durch den Sand und die unterschiedlichsten Landschaften der Wüsten. So vielfältig wie die Wüsten Asiens, Amerikas, Australiens und Afrikas sind, so zahlreich sind auch die Impressionen und Geschichten der 29 Schriftstellerinnen in diesem Buch. Im Vorwort gibt Florence Herve, selbst Journalistin und Herausgeberin dieser Anthologie, einen Überblick über die Geschichten und Auszüge der zitierten Bücher und Romane. Die Frauen haben die Wüsten in verschiedenen Epochen bis in das 17. Jahrhundert zurück bereist. Sie haben dabei ihre Erfahrungen in der Wüste Gobi, in der australischen Wüste, im Negev und in der größten Wüste der Erde, der Sahara, gemacht und notiert.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten sich der Wüste zu nähern. Im ersten Teil wird das „Leben in der Wüste“ beschrieben, durch eigene Erfahrungen der dort aufgewachsenen Schriftstellerinnen wie Malika Mokeddem aus Algerien oder Miral al Tahawi aus Ägypten oder der Deutschen Sabine Kebir, die längere Zeit in Algerien gelebt hat. Sieben Autorinnen geben ihre Eindrücke und Erlebnisse wieder. Der zweite Teil, „Träume der Wüste“ enthält Auszüge aus Romanen und Gedichten. Zehn Schriftstellerinnen, wie Annette von Droste-Hülshoff, Olive Schreiner oder Ingeborg Bachmann kommen hier zu Wort und lassen ihrer Fantasien und ihren Träumereien freien Lauf.

Im dritten Teil geht es um das „Reisen in der Wüste“. Zwölf Schriftstellerinnen schildern ihre Reiseerlebnisse und Erfahrungen. Gertrude Bell, die Engländerin erlebt in Syrien ihre „erste Nacht in der Wüste“. Christa Wolf beschreibt eine „Wüstenfahrt“ in heutiger Zeit, Annemarie Schwarzenbach ist an Bord eines „Nachtflugs über die Wüste“ von Damaskus nach Bagdad. In „Mein Wüsten-Alphabet“ beschreibt Lisette Buchholz ihre Reise im Sinai von A bis Z. Zum Teil sind es kurze Darstellungen des Augenblicks, in dem „das Feuer…“ für den Tee oder den Abend entfacht wird, von Odette du Puigaudeau in Mauretanien oder „Sahara-Kontraste“ von der Herausgeberin Florence Herve selbst.

Die Herausgeberin
Die Herausgeberin des Buches, Florence Herve, ist promovierte Germanistin, Autorin und Dozentin. Sie veröffentlichte im Aviva Verlag unter anderem den Band „Sehnsucht nach den Bergen“ über Schriftstellerinnen im Gebirge. Die Französin lebt in Düsseldorf und im Finistere.

Fazit
Schon immer haben die Wüsten, Orte der vermeintlichen Leere, die Bewohner von dichtbesiedelten Gebieten angezogen. Ob Traum oder Alptraum, Mythos oder Legende, Freiheit oder Gefahr, in der Wüste kann man alles erfahren. Auch die Autorinnen erlebten manche schwierige Situation. Gerade die europäischen Reisenden wie Gertrude Bell oder Isabelle Eberhard gerieten sogar unter Spionageverdacht, da sie während der Kolonialzeiten in die von Engländern bzw. Franzosen besetzten Gebiete reisten. Es ist interessant, die verschiedenen Schilderungen von romantisch bis leidenschaftlich zu lesen und man kann sich gut in die Situationen der Schriftstellerinnen hineinversetzen. Am Ende des Buches werden die Autorinnen mit einer kurzen Vita vorgestellt und die Quellen der Beiträge angegeben. Das 222 Seiten starke Buch wird dabei durch zahlreiche Schwarzweiß-Aufnahmen ergänzt.

Ein Fahrrad für die Flussgötter

Ein Fahrrad für die Flussgötter: Reportagen aus Afrika von Birgit Virnich

Inhalt
In ihrem Buch „Ein Fahrrad für die Flussgötter“ lässt die langjährige ARD-Korrespondentin Birgit Virnich die Afrikaner selbst zu Wort kommen. Dabei geht es ihr nicht um Klischees und negative Schlagzeilen sondern um Begegnungen mit den Menschen und ihren Schicksalen.

Von Frauenfußball und Elefantenumzügen in Kenya
In Kenya, abseits von Safaris und weißen Sandstränden am Indischen Ozean, lebten jahrelang Kikuyu, Luos und Luya friedlich zusammen, aber nach der Präsidentschaftswahl 2007 kam es zu blutigen Auseinandersetzungen. Frauen wurden bei ihrer täglichen Hausarbeit von Polizeikugeln getroffen, Männer brutal ermordet. In Kibera, dem „größten Slum Ostafrikas“ wollten die Frauen den Gräueltaten ein Ende setzen und machten sich auf den Weg quer durch die Stadt zur Bezirksverwaltung, um zu demonstrieren. Seitdem treffen sich jeden Samstag die Frauen, diskutieren, besprechen Alltagsprobleme und spielen sogar Fußball zusammen. Sie organisieren sich und helfen einander auch bei finanziellen Problemen. So konnten sie einen Gemüsestand kaufen und kleine Gartenparzellen anlegen. Rund 2 Millionen Kenianer leben in den Slums rund um Nairobi.

Im bekannten kleinen Nationalpark Shimba Hills, unweit der Strände von Mombasa, müssen rund 400 Elefanten umgesiedelt werden. Sie dezimieren die Vegetation derart, dass sie kaum nachwachsen kann. In einem aufwendigen Projekt hat der „Kenya Wildlife Service“ einen „Containerservice“ eingerichtet, so dass ganze Elefantenfamilien in den Tsavo Nationalpark umgesiedelt werden können. Denn wenn ein Familienmitglied fehlt, könnte die Leitkuh wieder den Rückweg antreten.

Von viel Elend und einer Hochzeit in der Sahara

Mit dem Flüchtlingshelfer Emanuel und ihrem Team reist Birgit Virnich in den Norden des Tschad an die Grenze des Sudan. Seit 2003 herrscht Krieg in Darfur und die Flüchtlinge in den Lagern erleiden ein unvorstellbares Schicksal. Für das Öl und die Bodenschätze im Süden des Landes vertreibt die Regierung die Bevölkerung aus ihren Dörfern und Städten. Für die Hilfsorganisationen wird die Arbeit immer schwieriger und komplizierter. Die dramatische Situation dokumentiert die Autorin in dem Beitrag „Schrei in der Wüste“.

Schreie anderer Art erlebt Birgit Virnich in Mali, nämlich Jubelschreie, als sie mit dem Chauffeur Ahmed in seine Heimatstadt Timbuktu fährt, um an einer Tuareg-Hochzeit teilzunehmen. Verwandte aus der Umgebung treffen sich in der Wüste und feiern traditionell mit Kamelrennen und Teezeremonie. „Die Freiheit, einfach irgendwo unter freiem Himmel zu übernachten, gibt es sonst nirgendwo auf der Erde“ meint der Targi Ahmed.

Einfühlsame Reportagen
Neunzehn Reportagen mit einem Vorwort von Anne Will, der Sprecherin der Tagesthemen, die sich ebenfalls für Afrika einsetzt, zeigen den Kontinent abseits der allgemeinen Nachrichten, die oft mit Negativem behaftet sind. Die Geschichten hat Birgit Virnich aus den Ländern Äthiopien, Burkina Faso, Eritrea, Kenya, Kongo, Liberia, Mali, Mauretanien, Nigeria, Ruanda, Senegal, Sudan, Tschad und Südafrika mitgebracht und sie sind mit Schwarzweiß-Bildern ergänzt. Besonderes Augenmerk lenkt die Autorin mit drei Beiträgen auf den Kongo. Sie beschreibt unter anderem die schwierige Situation von Kindersoldaten, die wieder zu ihren Eltern zurückkehren. Der mächtige Kongofluss verlangt von den Benutzern Opfer für eine gute Fahrt, zuweilen kann es auch ein Fahrrad sein. Für ihren mutigen Journalismus wurde Birgit Virnich mit ihrem Film „Kongofieber – Mythos eines Stroms“ für den Grimme Preis nominiert.

Die Autorin
Birgit Virnich war von 2002 bis 2008 in Nairobi als ARD-Korrespondentin tätig und besuchte rund 40 Länder in Afrika. Sie wurde in Essen geboren, ging in Südafrika zur Schule, studierte Journalismus, Film und internationale Politik in Kanada, den USA und Großbritannien. Sie arbeitet als Autorin und Redakteurin beim Westdeutschen Rundfunk (WDR) und lebt mit ihrer Familie in Köln.

Fazit
Mit viel Einfühlungsvermögen begegnet die Autorin den Menschen in den bereisten Ländern und nimmt an deren Leben teil. Ein empfehlenswertes Buch mit einem etwas anderen Blick auf Afrika.

Das Ballettmädchen

Das Ballettmädchen: Eine Berliner Novelle von

Das Buch
Das hier vorliegende Buch (übrigens mit einem sehr schönen und aufwändigen Hardcoverband) beinhaltet nicht nur Mori Ogais Novelle „Das Ballettmädchen“, sondern auch Auszüge seines Deutschlandtagebuches, ein Nachwort und eine Bibliographie sowie Fotos von Berlin aus den Jahren in denen Ogai und auch der Hauptakteur des Buches diese Stadt gesehen haben.

Inhalt
Der junge Japaner Ota Toyotaro aus gutem Hause erhält ein Stipendium für ein Medizinstudium in Deutschland und lernt während seines Aufenthaltes in Berlin die junge Tänzerin Elis kennen. Es entwickelt sich eine Romanze, die jedoch aus den verschiedensten Gründen (Herkunft, 2 Kulturen/Länder) nicht sein darf. Elis wird auch schwanger, verliert das Kind jedoch, und Toyotaro muß sich entscheiden zwischen seiner Pflicht gegenüber dem Vaterland und der jungen Liebe, die er gefunden hat. Ogai schildert in bewegenden Worten, was dem jungen Japaner in der Fremde mit seinen Herzensqualen durch den Kopf geht.  Toyotaro schildert gleichzeitig das Berlin, das er kennenlernt – “Unter den Linden” usw.

Mori Ogai und sein Deutschlandaufenthalt
Mori Ogai ist ein sehr bekannter japanischer Schriftsteller und Arzt des 19. Jahrhunderts, der von 1884-1888 mittels eines Stipendiums in Berlin Medizin studiert hat – der hier vorliegende Roman trägt also sehr starke autobiographische Züge. Von sehr vornehmer Herkunft, war Ogai von Haus aus auch Literaturliebhaber und übersetzte im Laufe seines Lebens aufgrund seiner hervorragenden Deutschkenntnisse unter anderem Goethes Faust, Werke von Lessing, Schiller und vielen anderen Größen der Weltliteratur ins Japanische. Ogais eigenes literarisches Werk lehnt sich daher auch sehr stark an die deutsche Literaturtradition an und verarbeitet seine Deutschlanderfahrungen in seinen Werken, weswegen er auch in Zeitungen als „Japanischer Werther“ bezeichnet wird.

Man muss sich einmal vor Augen halten, dass eine Reise von Japan nach Deutschland vor 120 Jahren ein großes Unterfangen war – es gab keine Flugzeuge oder das Internet, die einen hätten vorbereiten können auf das, was man in einem völlig fremden Kulturkreis vorfindet. Wenn man weiterhin bedenkt, dass Ogai als ausländischer Wissenschaftler, der in Berlin vor allem das Hygienewesen studieren soll, große deutsche Wissenschaftler wie Robert Koch oder Virchow kennenlernt, dann bekommt man als Leser einen kleinen Eindruck nicht nur von dem Hintergrund des – medizinischen und schriftstellerischen – Wirken Ogais, sondern durch seine Novelle und die vom Verlag hinzugefügten Dokumentationen auch einen wunderbaren Eindruck vom Berlin des 19. Jahrhunderts!

Fazit
Für den normalen deutschen Leser ist japanische Literatur – auch in einer hervorragenden deutschen Übersetzung – sicherlich gewöhnungsbedürftig, zumal die hier vorliegende Novelle auch schon 120 Jahre alt ist. Genauso dürfte es jedoch diesen Lesern ergehen, wenn er Goethes Werke (die nur unwesentlich älter sind) liest. Dies sollte man also bei einer Beurteilung des Textes beachten. Es handelt sich daher naturgemäß nicht um einen reißenden Thriller, Krimi oder eine moderne Liebesgeschichte, sondern um eine Erzählung eines Japaners, der eine – zur damaligen Zeit – herzergreifende und unerfüllbare Romanze in einem fremden Land erlebt.

Es ist das große Verdienst des bekannten Übersetzers Jürgen Berndt, daß sich diese Erzählung auch heute noch in seiner deutschen Übersetzung gut, ja fast leicht, liest. Seine Worte sind nicht nur mit großer Präzision, sondern mit einer unglaublichen Treffsicherheit gewählt, daß trotz des modernen Stils und Satzbau der japanische Hintergrund und die Epoche, in der das Werk entstanden ist, nicht verloren gehen. Wenn man 6 oder mehr Punkte für Übersetzung vergeben könnte, dieses Buch hat es sicherlich verdient!

Auch die übrige Ausstattung des schönen Hardcoverbandes ist außergewöhnlich gut gelungen. Der Einband ist von sehr guter Qualität und der Verlag hat zu der Erzählung von Ogai einige sehr interessante Originaltagebucheinträge von Ogai aus seiner Deutschlandzeit hinzugefügt, Bilder aus dem Berlin, das Ogai kennengelernt hat, abgedruckt und mit dem Nachwort und der Bibliograpie weitere Elemente dem Buch hinzugefügt, so daß auch einem heutigen deutschen Leser die Besonderheit der Novelle und des Schriftstellers sehr schön nahegebracht wird. Gleichzeitig ist es wunderbar, als Leser das “alte” Berlin in den Augen eines japanischen Schriftstellers nahegebracht zu bekommen. Das Buch ist eine wundervolle Lektüre an sich und die beiden Elemente Japan und Berlin machen es sicherlich für viele interessierte Lesebegeisterte zu einer großartigen Ergänzung des Buchbestandes! Absolut empfehlenswert! Es ist toll, daß ein Verlag sich heutzutage noch solche Mühe macht!

Mit gespaltener Zunge

Mit gespaltener Zunge von

Inhalt
Der junge Engländer Adam Woods geht kurz vor dem endgültigen Ende seines Studiums nach Venedig, um dort als Nachhilfelehrer in einer wohlhabenden italienischen Familie zu arbeiten. Doch als Adam in Venedig ankommt, kann er den Job nicht annehmen – der Schüler, den Adam eigentlich unterrichten sollte, hat sich einen mittelschweren Fauxpas geleistet, indem er mit gerade einmal 16 Jahren mit einem 14-jährigen Mädchen ein Kind gezeugt hat. Die Eltern des Jungen, die eigentlich auch Adams Arbeitgeber sind, haben den Jungen deshalb nach New York geschickt, so dass Adam nun nicht mehr benötigt wird. Doch das Paar gibt Adam immerhin einen Tipp für einen neuen Job, und kurz darauf nimmt Adam eine Stelle als Assistent des gleichermaßen exzentrischen wie geheimnisvollen und berüchtigten ehemaligen Schriftstellers Gordon Crace an.

Adam ist zunächst froh über diese Fügung des Schicksals, ist er doch schließlich auch nach Venedig gekommen, um neben der Arbeit als Nachhilfelehrer seinen ersten Roman zu schreiben. Fortan ist Adam Craces Mädchen für alles, doch Crace hält Adam förmlich in dem von außen luxuriös erscheinenden, aber bereits verwahrlosten Palazzo gefangen, und wenn Adam nur für wenige Minuten verschwindet, ist dies für Gordon Crace bereits eine fast unerträgliche Tortur. Adam ahnt schnell, dass der alte Crace etwas zu verbergen hat – doch auch Adam selbst hat keineswegs eine „weiße Weste“…

Ein intensiver, furchterregender Kriminalroman über zwei Menschen, die sich ein psychologisches Duell liefern und einiges zu verbergen haben
„Mit gespaltener Zunge“ ist die Geschichte eines jungen, ambitionierten Menschen, der vom großen literarischen Erfolg träumt und dabei in einen Strudel von Ereignissen gerät, die sein eigenes Leben und das Leben anderer für immer verändern. Zu Beginn des Romans führt der Autor Adam Woods als einen relativ klassischen Charakter ein, der eigentlich leicht als Identifikationsfigur dienen könnte – ein junger, intelligenter Mann, der sein altes Leben und die ewig gleiche Routine satt hat und nun in einer neuen, atemberaubend schönen Stadt einen neuen Lebensabschnitt beginnen will. Allerdings erfährt der Leser hierbei natürlich schon im Klappentext, dass die Geschichte von Adam Woods und Gordon Crace alles andere ist als die Beschreibung einer Freundschaft zwischen zwei Menschen aus verschiedenen Generationen.

Andrew Wilson wartet dann auch gar nicht allzu lange, um das Bild des Protagonisten Adam Woods „gerade zu rücken“ – von der sympathischen, wenn auch etwas hinterlistigen Identifikationsfigur verwandelt sich Adam Woods im Verlauf des Romans schnell in einen skrupellosen, rücksichtslosen und egoistischen „Kerl“, der zwar intelligent wirkt, jedoch äußerst arrogant auftritt und die Vergewaltigung der eigenen Freundin in etwa für „sein gutes Recht“ hält. So schafft Wilson eine Atmosphäre, in der sich zwei Charaktere begegnen, denen der Leser keinerlei Sympathien entgegenbringt, und die Nebenprotagonisten spielen dabei eine so vergleichsweise unbedeutende Rolle, dass dem Leser angesichts der stets präsenten Kaltblütigkeit Adams einerseits und der mysteriösen Aura, die Gordon Crace umgibt, ein ums andere Mal ein kalter Schauer den Rücken hinunterläuft. Die eigentliche Handlung gerät dabei im späteren Verlauf des Romans immer mehr zur Nebensache, was zwar einerseits die Spannungskurve etwas abflachen lässt, den Roman andererseits jedoch zu einer beeindruckenden Parabel über Niedertracht, Betrug und Arglist werden lässt.

Fazit
„Mit gespaltener Zunge“ ist keiner dieser Thriller, die einen „Adrenalinkick“ nach dem anderen liefern, dabei jedoch auf einen realistischen Handlungsverlauf verzichten. Seine eigentliche Spannung zieht „Mit gespaltener Zunge“ vor allem aus der Beschreibung des packenden psychologischen Katz-und-Maus-Spiels zwischen den beiden Hauptprotagonisten – ein Roman, der vielmehr eine Charakterstudie und ein psychologisches Schauermärchen ist, als „nur“ ein „spannender Thriller“ und seine volle Wirkung somit auch erst nach mehrmaligem Lesen entfaltet. „Mit gespaltener Zunge“ hat dabei durchaus das Zeug zum Klassiker auf dem Gebiet der modernen Spannungsliteratur!

Wiedergänger

Wiedergänger von Alexandra Kui

Inhalt
In den Wirren des 2. Weltkrieges wird 1942 in Lübeck ein Mann lebendig begraben – und das von seinen eigenen Kindern. Als der Krieg vorbei ist, verschlägt es die Tochter dieses Mannes nach Island, wo sie sich eine neue Existenz aufbauen möchte und die Vergangenheit endlich hinter sich lassen will. Doch das Leben im unwirtlichen, kalten Island stellt Fritzi Hartmann (so der Name der Tochter), die in Island einen neuen Namen angenommen hat, vor scheinbar unlösbare Aufgaben und sie hat nicht nur mit dem harten Leben in der isländischen Einöde zu kämpfen, sondern es machen ihr auch merkwürdige Geistererscheinungen und der tief in der isländischen Kultur verwurzelte Aberglaube zu schaffen.

60 Jahre nach der schrecklichen Tat bekommt es Liv Engel, eine Nachfahrin des einst lebendig begrabenen Mannes mit den Folgen des Verbrechens zu tun. Ihr geliebter Großvater Tönges verschwindet und Liv macht sich auf die Reise nach Island – eine Reise, die ihr Leben und ihr Bild von sich selbst und ihrer Familie nachhaltig verändern wird…

Eine intensive Familiensaga – geschrieben von einer Thriller-Autorin
Dem Klappentext nach zu urteilen, erwartet den Leser in „Wiedergänger“ eine fesselnde Erzählung über ein ungesühntes Verbrechen, welches einen Fluch zur Folge hat und so das Leben der Protagonisten noch über Jahre hinweg belastet. Allerdings sollte man sich im Falle von „Wiedergänger“ nicht unbedingt auf den Klappentext verlassen – der Roman ist vielmehr eine intensive, tiefgründige Familiensaga, die den Leser in die Einöde der isländischen Provinz verschlägt als ein typischer Kriminalroman.

Die Lebenswege der Protagonisten sind zwar miteinander verbunden, dies jedoch auf verschlungene und teilweise schwer durchschaubare Weise, und die Autorin konzentriert sich in „Wiedergänger“ vor allem auf die Beschreibung der isländischen Kultur, der Eigenheiten der Bewohner dieser Insel und auf die genaue Analyse der isländischen Geistergeschichten und des Aberglaubens. Dies trägt dazu bei, dass der Roman sehr intensiv und tiefgründig erscheint, doch eine wirkliche Spannungskurve sucht man leider bis zum Schluss vergebens. Der Schluss ist überraschend und beantwortet viele ungeklärte Fragen, lässt den Leser aber doch an einem gewissen Punkt allein und beinahe ratlos zurück.

„Wiedergänger“ überzeugt somit als Familiensaga, wer jedoch einen echten Spannungsroman oder gar einen Thriller erwartet, wird wohl etwas enttäuscht sein. Dies mag zu einem gewissen Teil auch an den Unterschieden zwischen der deutschen und der isländischen Kultur liegen, denn der durchschnittliche deutsche Leser wird von der Existenz von Geistern und Untoten, die so gar nicht dem „Zombie-Klischee“ entsprechen, wohl wenig überzeugt sein. Das Manko des Romans ist dabei im Wesentlichen die Tatsache, dass oftmals die Realität mit den Wahnvorstellungen der einzelnen Protagonisten verschwimmt und man als Leser deshalb so etwas wie eine „klare Linie“ vermisst.

Fazit
Wer angesichts des geografischen Hintergrunds von „Wiedergänger“ einen klassischen „nordischen Krimi“ erwartet, wird enttäuscht werden, denn an die „Wallander“-Krimis von Henning Mankell oder auch an die düsteren, packenden Kriminalromane von Asa Larsson erinnert in „Wiedergänger“ nur sehr wenig. Wer jedoch bereit ist, sich auf eine tiefgründige, oft zweideutige und sehr intensiv erzählte Familiensage einzulassen, wird an „Wiedergänger“ Freude haben.

All die traurigen jungen Dichter

All die traurigen jungen Dichter von Keith Gessen

Inhalt
„All die traurigen jungen Dichter“ erzählt die Geschichte von drei Männern zwischen 20 und 30, dessen Leben umhertreiben, die sich verlieben und mit wenig lukrativen Nebenjobs über Wasser halten und dabei ihre ganz eigene Philosophie vom Leben, von der Politik und vom Gesamtzustand der Welt entwickeln. Da ist zum einen Mark, der zwar schon geschieden ist, aber immer noch studiert und über seiner Doktorarbeit sitzt und nicht recht vorankommt, zum anderen ist da noch Sam, der schon seit Jahren versucht, den einen, den großen, den phänomenalen „zionistischen Roman“ zu schreiben, sich dabei jedoch immer wieder nur um sich selbst dreht und dabei von einer verkorksten Beziehung direkt zur nächsten von vornherein zum Scheitern verdammten Liebe taumelt.

Und zu guter Letzt spielt auch noch Keith in „All die traurigen jungen Dichter“ eine gewichtige Rolle – der Alter Ego des Autors Keith Gessen ist als Sohn russischer Einwanderer trotz Harvard-Studium und gutem Ruf in der akademischen Welt nicht recht sicher, wo er hingehört, und anstatt im Leben und bei seiner Karriere wirklich bedeutend voranzukommen, verliert er sich in Überlegungen und Philosophien zur Russischen Revolution und bezieht die Vergangenheit der Bolschewiki und Menschewiki und die Ära kurz vor Gründung der Weimarer Republik allzu oft auf  sein eigenes Leben.

Ein außergewöhnlicher, tragikomischer Roman, bei dem die Charaktere so lebendig wirken, dass sie förmlich aus den Seiten herausspringen
Der Autor Keith Gessen behandelt in „All die traurigen jungen Dichter“ einen Themenkomplex, der so in der Literatur sicher nicht besonders neu oder innovativ ist. Die Selbstfindungsprobleme junger Menschen, die sich im Zwiespalt zwischen Karrierestreben und Selbstverwirklichung befinden und dabei immer wieder auch über die Irrungen und Wirrungen der Liebe stolpern, ist in der Welt der Literatur ein bekanntermaßen immer wieder behandeltes Thema. Doch „All die traurigen jungen Dichter“ ist viel mehr als nur ein amüsanter Roman, welches dem Leser die mitunter nichtigen Probleme junger Erwachsener näherbringt, denn trivial oder anspruchslos wirkt der Roman zu keiner Zeit.

Keith Gessen wechselt gekonnt die Schauplätze und Perspektiven, lässt die Protagonisten zu Wort kommen, ohne dabei auf einen auktorialen Beobachter und Erzähler zu verzichten, welcher das Geschehen immer wieder auf skurrile, teils zynische und bitterböse, jedoch niemals herablassende Weise kommentiert. Ein weiterer Aspekt, der den Roman so besonders macht, ist die gekonnte Schilderung der sozialen Milieus und vor allem der „akademischen Schicht“, in der sich die drei Hauptprotagonisten Sam, Keith und Mark samt den Nebenfiguren aufhalten und bewegen.

Neben dem gekonnten Perspektivenwechsel versteht Gessen es auch, seine Protagonisten stets als Reisende darzustellen, die sich nicht nur auf rein physischer Ebene immer auf der Reise irgendwohin befinden (freilich ohne jemals wirklich auch an einem bestimmten Ort tatsächlich „anzukommen“), sondern die auch in ihrem Inneren nirgendwo wirklich heimisch sind und auf der Suche nach dem eigenen Ich nach einem neuerlichen Rückschlag immer wieder aufstehen, um den selben Fehler, teils unabsichtlich, teils aus voller Überzeugung, erneut zu machen.

Fazit
Die Protagonisten in „All die traurigen jungen Dichter“ stellen sich unbequemen Wahrheiten und sorgen damit dafür, auch den Leser immer wieder zur Reflexion über das eigene Leben anzuregen – teilweise mit einer gewissen Portion Melancholie, jedoch niemals depressiv, sondern immer gekonnt balancierend zwischen Zynismus und Traurigkeit auf der einen Seite und der Fähigkeit, auch über sich selbst lachen zu können auf der anderen Seite. Kurzum: „All die traurigen jungen Dichter“ ist der absolut gelungene Debütroman eines außerordentlich talentierten jungen Autors, mit dem auch in Zukunft zu rechnen sein wird.

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