‘Liebe’
Mörderische Küsse von Linda Howard
Inhalt
Lily Parks, Tochter aus gutem Elternhaus, wurde noch als Teenagerin von der CIA als Spezialagentin angeworben, da sie einem Jagdverein ohne große Übung und Vorkenntnisse schnell durch ihre exzellente Treffsicherheit beim Schießen aufgefallen war. Seitdem erledigt sie für die USA offiziell Tötungsaufträge. Daher versteht sie sich nicht als Mörderin, sondern ihrer Auffassung nach steht sie im Dienst ihres Vaterlands. Mittlerweile ist sie jedoch sehr ausgebrannt; seit Jahren hat sie aufgrund ihres Berufes keinen Kontakt mehr zu ihren Eltern und ihre kleine Adoptivtochter, die – ebenfalls wegen ihres Berufs – bei ihren besten Freunden aufwuchs, wurde von dem Mafiaboss Salvatore Nervi umgebracht.
Nun möchte Lily die Mörder ihrer kleinen Tochter auf eigene Faust rächen. Mit Hilfe eines bereits in geringer Dosis tödlichen Gifts im Wein gelingt es ihr, Nervi zu töten, sie muss aber, um die Tarnung aufrechtzuerhalten, ebenfalls einen winzigen Tropfen des Gifts trinken, so dass sie selbst sterbenskrank wird. Die CIA erhält Nachricht, dass der Mafiaboss ermordet wurde und da Lilys Chef bereits gemerkt hat, dass die Top-Agentin psychisch angeschlagen ist, wird Lily zum potenziellen Sicherheitsrisiko. Lilys Boss schickt deshalb den Spezialagenten Lucas Swain, um Lily „aus dem Verkehr zu ziehen“.
Lily findet derweil heraus, dass zwei ihrer Freunde ermordet wurden, weil sie herausgefunden hatten, dass die Mafiagruppe an einem eigentlich guten Impfstoff gegen die Vogelgrippe arbeitet – gleichzeitig stellt die Mafiagruppe aber auch den Erreger für die Krankheit her. Deshalb sucht nun auch die Familie des getöteten Mafiabosses nach Lily, und es beginnt ein tödliches Katz- und Maus-Spiel. Lily gelingt es mit einem großartigen Trick, sich auf einem Flughafen „in Luft aufzulösen“, trotzdem gelingt es Lucas, sie aufzuspüren und ihr Vertrauen zu gewinnen. Ungeplant findet er sein Opfer sympathisch und hilft ihr sogar bei dem Versuch, die Geschäfte der Mafiafamilie zu durchkreuzen, behält seinen Auftrag dabei aber immer im Hinterkopf. Eine für alle Seiten sehr gefährliche Situation!
Hintergrund
Über die Autorin Linda Howard (bürgerlich: Linda Howington) ist nicht sehr viel bekannt, außer dass die Amerikanerin 1950 geboren ist und ca. seit dem Jahr 1980 Romane schreibt. Zunächst schrieb sie reine Liebesromane, später dann jedoch auch verstärkt Krimis und Thriller mit einer Liebesgeschichte. Damit ist sie bis heute sehr erfolgreich. „Mörderische Küsse“ ist eines ihrer neueren Werke (2004 als amerikanische Originalausgabe unter dem Titel „Kiss Me While I Sleep“ erschienen).
Fazit
Das Buch ist sehr spannend geschrieben und Leser, die nicht nur eine – ewig gleich aufgebaute – platte Liebesgeschichte suchen, sondern auch eine durchaus interessante Handlung zu schätzen wissen, kommen hier voll auf ihre Kosten. Trotz der geschilderten Handlung brauchen sich aber auch Freunde von Liebesgeschichten keine Sorgen zu machen, denn natürlich gibt es in „Mörderische Küsse“ ein Happy End.
Einige der Handlungsmotive in „Mörderische Küsse“ sind sicherlich recht weit hergeholt (so wird die Scharfschützin Lily sehr sympathisch und lebensnah und in ihrer Denkweise fast „bürgerlich“ dargestellt) – darüber wird der geneigte Leser allerdings wohl hinwegsehen können, schließlich ist eine solche Zeichnung der Charaktere im Bereich der Kriminalliteratur durchaus üblich. Etwas merkwürdig jedoch ist, dass in der Übersetzung einige Dinge komplett anders als im Original sind – allen voran der Nachname der Protagonistin Lily, die im amerikanischen Original Mansfield und in der deutschen Übersetzung Parks heißt, wofür es keinen ersichtlichen Grund gibt.
Auch die Beschreibung der Mietwagen, die sich Lucas im Laufe der Verfolungsjagd bei verschiedenen Mietwagenfirmen ausleiht, ist leider etwas oberflächlich und „typisch amerikanisch“ geraten – ein wenig Recherche hätte schnell gezeigt, dass man bei „normalen Mietwagenfirmen“ nicht einfach so einen Jaguar ausleihen kann…Sehr interessant ist indes die Darstellung der Ereignisse, die es Lily ermöglichen, sich auf einem mit zahlreichen Kameras gespickten Flughafen „unsichtbar zu machen“ und zu fliehen – dass genau diese Schilderung gar nicht so wirklichkeitsfern ist, haben die jüngsten Vorfälle vom Januar 2010 am Münchener Flughafen gezeigt. „Mörderische Küsse“ ist ein herrliches Lesevergnügen, denn das Buch bietet Spannung und die Garantie, dass letztlich doch noch alles gut ausgehen wird.
Saturday von Ian McEwan
Inhalt
Henry Perowne ist mit seinem Leben rundum zufrieden. Er ist in seinem Beruf als Neurochirurg gleichermaßen angesehen und erfolgreich, führt eine harmonische und glückliche Ehe und hat zwei intelligente Kinder. Sein Sohn ist ein vielversprechender Musiker, und Henry ist sich sicher, dass sein Sohn seinen Weg machen wird. Henrys Tochter Daisy ist eine äußerst talentierte Dichterin, und bereits mit Anfang 20 wurde sie mit einem begehrten Literaturpreis ausgezeichnet. Kurzum: Eigentlich gibt es nichts in Henrys Leben, was ihm übermäßig viel Sorge bereiten würde, und gelegentlichen melancholischen Gedanken misst Henry auch nie viel Bedeutung bei.
Dennoch beunruhigt ihn der „Zustand der Welt“ wie er es nennt, und der Samstag, der in „Saturday“ beschrieben wird, wird Henrys Leben nachhaltig beeinflussen. Denn an jenem Samstag findet in London nicht nur die größte Friedensdemonstration aller Zeiten statt, sondern Henry Perowne hat an diesem Tag auch noch eine Begegnung, die ihm jede Ruhe und Sorglosigkeit raubt. Und so wird dieser Tag, Samstag der 15. Februar 2003, für Henry Perowne und seine Familie zu einem schicksalhaften Tag, und eine winzige Begebenheit löst einen Strudel von Ereignissen aus, die das Leben der wohlhabenden Familie Perowne gründlich aus den Fugen geraten lassen.
Eine kritische Auseinandersetzung mit Gesellschaftsstrukturen, Terror und Krieg und den begrenzten Möglichkeiten zwischenmenschlicher Beziehungen
„Saturday“ setzt die Tradition zahlreiche britischer Romane fort: Der Autor Ian McEwan beschränkt sich in „Saturday“ auf die Beschreibung eines einzigen Tages. Der geschilderte Tag beginnt für den Hauptprotagonisten Henry Perowne zunächst sehr ungewöhnlich: Ohne erkennbaren Grund wacht er am frühen Morgen auf, und als er sich ans Fenster seines Schlafzimmers stellt, beobachtet er, wie sich ein kleines Flugzeug nur noch mühsam in der Luft halten kann und langsam aber sicher abstürzt.
Henry versucht, das Gesehene nicht zu nah an sich heranzulassen, und versucht, seine normale „Samstagsroutine“ abzuspulen: Er freut sich auf das nachmittägliche Squash-Spiel mit einem Kollegen, sieht dem abendlichen Dinner mit seiner Familie gelassen und mit Vorfreude entgegen, und versucht, die Berichte über die anstehende Friedensdemonstration aus seinen Gedanken zu verdrängen. Doch der Tag verläuft anders, als Henry es erwartet hätte: Morgens gerät Perowne mit einem Mann aneinander, als er verbotenerweise eine gesperrte Straße durchfährt. Henry erkennt, dass der Mann an einer unheilbaren Nervenkrankheit leidet, und dass er schon bald nur noch „dahinvegetieren“ wird. Um einer Schlägerei zu entgehen, lässt Henry sich dazu hinreißen, den Mann auf offener Straße verbal zu demütigen. Doch diese Unbedachtheit wird unvorhergesehene Konsequenzen haben.
Der Mann, mit dem Henry morgens aneinander geraten ist, dringt am Abend in Perownes Haus ein, und versucht, sich mit Waffengewalt an Henry und seiner Familie zu rächen. McEwans Verfasserintention wird insbesondere hier sehr deutlich: Die gewünschte Auseinandersetzung des Lesers bzw. Zuhörers mit den Entwicklungen der Gesellschaft, mit der ständigen Bedrohung durch Gewalt und Terror und der Hilflosigkeit des Einzelnen gegenüber dieser omnipräsenten Bedrohung. Auch der Zusammenhalt und Wert der Familie in Extremsituationen spielt in „Saturday“ eine wichtige Rolle. In der Hörbuchfassung, in der Jan Josef Liefers die Ereignisse um Henry Perowne mit klarer, weicher Stimme beschreibt, macht „Saturday“ noch einmal zu einem besonderen Vergnügen, denn Liefers gelingt es, mit so warmer und dennoch stets situationsgemäßer Stimme zu lesen, dass der Leser sich mitten ins Geschehen hineinversetzt fühlt.
Fazit
Mit „Abbitte“ gelangte Ian McEwan zu Weltruhm. Und auch „Saturday“ wurde von der Kritik begeistert aufgenommen. Sicher, der Roman hat durchaus seine Längen, insbesondere die detaillierten Beschreibungen des neurochirurgischen Berufsalltags gestalten sich mitunter etwas langatmig. Dennoch ist „Saturday“ ein durch und durch stimmiges Werk, und wer sich einmal auf die lange Hörbuchfassung eingelassen hat, wird mit mehreren Stunden reinsten Hörgenusses belohnt werden – „Saturday“ ist somit definitiv ein Glanzstück der zeitgenössischen britischen Literatur.
Lehrjahre im Schnitzelparadies von Khalid Boudou
Inhalt
Der 19 Jahre junge Nordip hat die letzten zwei Jahre seines Lebens verschlafen. In der niederländischen Provinzstadt Opwallen hat Nordip in den letzten zwei Jahren nichts anderes gemacht, als bis in den Nachmittag hinein zu schlafen und seiner verflossenen ersten großen Liebe nachzutrauern. Doch eines Tages beschließt Nordip, dass es mit dem Selbstmitleid und dem Dasein als Nichtsnutz nun ein Ende haben muss. Als junger und aufgeweckter Mann hätte Nordip wohl überall einen Neuanfang wagen können, doch Nordip entscheidet sich für die scheinbar Schlechteste aller Möglichkeiten: Er heuert als Spüljunge in einem zweitklassigen Schnitzelrestaurant einer großen Hotelkette an.
Als unbezahlter Praktikant wird er dort von den bezahlten Kollegen nicht ernst genommen, und die Chefs begegnen ihm nur mit Misstrauen, scheint ihnen Nordip doch ein etwas „merkwürdiger Zeitgenosse“ zu sein – denn wer arbeitet schon freiwillig ohne Bezahlung als Spüljunge in einer stinkenden und schmierigen Restaurantküche in einer niederländischen Kleinstadt? Doch in der Küche des Restaurants „Blauer Geier“ geht es nicht nur in den Pfannen und Töpfen heiß her, sondern die Küche ist zugleich ein Sammelbecken für gestrandete Menschen und Leidenschaften aller Art. Und so macht Nordip während seiner Zeit als Spüljunge Erfahrungen, die ihn immer wieder grübeln lassen und dafür sorgen, dass er irgendwann weiß, wer er wirklich ist.
Eine amüsante Geschichte über die Suche nach sich selbst und über das „Hin- und Hergerissensein“ zwischen zwei Kulturen
„Lehrjahre im Schnitzelparadies“ erzählt die Geschichte des jungen Nordip, der im Alter von zehn Jahren gemeinsam mit seiner Familie aus Marokko in die Niederlande kam. Der Roman verzichtet jedoch weitestgehend darauf, mit erhobenem Zeigefinger die oft prekäre Situation von Migranten in Europa zu beschreiben. Vielmehr schildert der Roman auf leichte und amüsante Weise den Alltag eines „verrückten Haufens“ von Köchen, Küchenhilfen und Kellnern in einem eher zweitklassigen Restaurant, dennoch hat die Geschichte um Nordip und seine Freunde und Arbeitskollegen auch immer wieder tragische Momente, und die meisten Angestellten bzw. „Schwarzarbeiter“ im blauen Geier haben einen nordafrikanischen Hintergrund.
Doch auch wenn der Roman in Rückblenden und Tagträumen immer wieder den früheren Alltag von Nordip in seiner marokkanischen Heimat und die „europäische Integrationsproblematik“ schildert, beschreibt „Lehrjahre im Schnitzelparadies“ unterschwellig auch noch ein ganz anderes gesellschaftliches Problem, welches in Europa immer mehr zur Realität wird: Jahrelange unbezahlte Praktika in Berufszweigen, die längst nicht mehr ausschließlich sogenannten „Gastarbeiterkindern“ vorbehalten sind. Allerdings gelingt es Khalid Boudou, sich dabei nie in Sentimentalitäten zu verlieren oder allzu viel moralinsaure Gesellschaftskritik in den Roman „einzubauen“ – was für die Atmosphäre und die Intention des Romans durchaus von Vorteil ist.
Fazit
Der Debütroman von Khalid Boudou, der mittlerweile auch verfilmt wurde und unter dem Titel „Schnitzelparadies“ ins Kino kam, bietet vergnügliche Leseunterhaltung für Freunde der leichten, aber dennoch anspruchsvollen Literatur. Die Übersetzung aus dem Niederländischen ins Deutsche ist der Übersetzerin Franca Fritz außerordentlich gut gelungen, und die Geschichte um Nordip büßt auch in der übersetzten Fassung nichts von ihrem ursprünglichen Charme ein. Die Verfilmung des Romans war an den niederländischen Kinokassen ein voller Erfolg, der Roman selbst wurde von der deutschen Presse begeistert aufgenommen – so beurteilt Monika Carbe von der „Neuen Zürcher Zeitung“ Boudous Roman etwa als „laut und frech – und lesenswert“. Damit trifft sie den Nagel genau auf den Kopf – der Roman ist absolut zu empfehlen und wird dem geneigten Leser kurzweiliger zeitgenössischer Literatur viel Freude bereiten.
Pink Moon von Frank Goosen
Inhalt
Der Enddreißiger Felix Nowak führt ein sorgloses Leben, nach dem viele Menschen sich sehnen. Durch eine Erbschaft konnte er sich ein eigenes Restaurant finanzieren, und nun genießt er seine Tage ohne viel Arbeit als stiller Teilhaber des Restaurants und lässt sich ansonsten „treiben“. Dennoch ist Felix nicht glücklich: Er weiß, dass ihm irgendetwas fehlt, doch er weiß nicht, was denn eigentlich, und die Legenden, die seine Mutter ihm über seinen Vater erzählt hat, tun da ein Übriges für Felix Wohlbefinden.
Felix erinnert sich, dass seine Mutter ihm immer wieder Geschichten über seinen Vater erzählt hat, doch kennengelernt hat er ihn nie, und irgendwann hat die Mutter der Einfachheit halber behauptet, der Vater sei plötzlich verstorben. Doch irgendwann begegnet Felix seinem Vater scheinbar zufällig auf der Straße, doch dieser erkennt Felix nicht. Es bleibt zunächst einmal bei der flüchtigen Begegnung, doch Felix lässt nicht locker. Und im Verlauf der Suche nach Felix Vater entspinnen sich in „Pink Moon“ teils nachdenkliche, teils groteske und skurrile und teils tieftraurige Geschichten, die zeigen, dass im Grunde jeder der Protagonisten in Pink Moon auf der Suche ist nach etwas, was er doch nicht finden oder nicht haben kann.
Eine nachdenklicher und melancholischer Roman von Goosen – und eines der besten Werke des Ruhrgebiets-Literaten
Bei den Romanen des Wahl-Bochumers Frank Goosen lässt sich so etwas wie eine klare „Entwicklungslinie“ ausmachen – während seine ersten beiden Romane „Liegen lernen“ und „Pokorny lacht“ noch weitgehend von der Komik lebten und vor allem humorvoll die Befindlichkeiten der Generation der Anfang-Vierzigjährigen schilderten, überwiegen in „Pink Moon“ klar die melancholischen und nachdenklichen Töne. Im Mittelpunkt der Handlung steht der Enddreißiger Felix – ein Mann ohne finanzielle Probleme, der relativ sorglos in den Tag hineinlebt.
Doch wie alle Protagonisten in „Pink Moon“ ist er auf der Suche – und während ihn vordergründig die Suche nach seinem Vater umtreibt, ist er doch immer auch auf der Suche nach Geborgenheit, nach der wahren Liebe und nach dem „echten Leben“. Und so entwickelt sich „Pink Moon“ zu einem Roman über Menschen, die auf den ersten Blick alles haben und denen scheinbar nichts fehlt. Dennoch handelt es sich bei all diesen Personen in gewisser Weise auch um „verkrachte Existenzen“. Goosen schildert kristallklar und stets absolut treffend, warum diese Personen scheitern, wie sie mit ihrer eigenen Unzulänglichkeit umgehen, und wie Wohlstand und Oberflächlichkeit einen Menschen zerstören können.
Fazit
Fans von „Liegen lernen“ und „Pokorny lacht“ werden sich wohl etwas umstellen müssen – in „Pink Moon“ schlägt Goosen ungewohnt ernste und melancholische Töne an – doch das tut dem Roman selbst sehr gut. Goosen erweist sich auch in „Pink Moon“ erneut als brillanter Erzähler, der es versteht, menschliche Abgründe zu beschreiben, ohne den Finger dabei zu tief in die Wunde zu legen. Ein nachdenklicher und doch nicht zu „schwerer“ Roman – absolut lesenswert!
Spinner von Benedict Wells
Inhalt
Jesper Lier, 20, weiß nur noch eins: Sein Leben muss sich ändern, und das möglichst schnell und radikal. Nach dem Abitur ist er von Bayern nach Berlin gezogen, und er war anfangs fest davon überzeugt, es nach seiner Zeit als Zivildienstleister schnell zu viel Geld und Ruhm zu bringen, denn sein noch nicht ganz fertiggestellter Roman ist in Jespers Augen ein Meisterwerk. Leider ist Jesper jedoch der Einzige, der von der Genialität seines Romans „Der Leidensgenosse“ zutiefst überzeugt ist.
Durch das Schreiben an seinem Roman hat sich Jesper zunehmend von seiner Umwelt isoliert – zwar erstreckt sich die Geschichte „des Leidensgenossen“ mittlerweile über mehr als 1.000 Seiten, doch gleichzeitig kann Jesper die Zahl der Menschen, die ihm nahestehen, an einer Hand abzählen. Jesper lebt in einer kleinen, dunklen Kellerwohnung und verlässt diese nur, wenn es unbedingt nötig ist. Seinen Alltag bewältigt er schon seit Monaten nur noch mit besorgniserregenden Mengen an Alkohol und Schlafmitteln. Doch eines Tages tauchen aus heiterem Himmeln Gustav und Frank auf, Frank kennt Jesper bereits seit Kindertagen, und Gustav ist der einzige wirkliche Freund, den Jesper in Berlin hat. Gemeinsam versuchen die beiden, Jesper aus seinem Tief herauszuholen, und eine Reihe turbulenter Ereignisse nimmt ihren Lauf.
Eine tragikomische Geschichte über das Erwachsenwerden, die Angst vor falschen Entscheidungen und über das Zerplatzen von Lebensträumen
Der Hauptprotagonist in „Spinner“, Jesper Lier, ist nach dem Bestehen des Abiturs seelisch in ein Loch gefallen: Er hoffte, nun endlich frei sein zu können, und seine eigenen Entscheidungen treffen zu können, weshalb er kurzerhand von München nach Berlin zog. Bei der Gelegenheit nahm er sich auch gleich vor, sich nun voll und ganz auf das Schreiben an seinem ersten Roman zu konzentrieren, und sich dabei um die alten Schulfreunde nicht allzu viele Gedanken zu machen. Dies gelingt ihm auch relativ gut, allerdings will sich der literarische Erfolg noch nicht recht einstellen.
Die ersten 100 Seiten von „Spinner“ sind unglaublich komisch, und Wells zeichnet in gewisser Weise eine Karikatur des Hauptprotagonisten Jesper. Jesper ist nicht nur ein notorischer Lügner, sondern er schafft es auch nicht, in den entsprechenden Situationen die richtigen Worte zu finden – vor allem gegenüber Frauen wirkt Jesper sehr unsicher, was auch dafür sorgt, dass der erste Teil des Romans eher leicht zu lesen ist, und dem Leser dabei das eine oder andere Lächeln ins Gesicht zaubert. Umso wirksamer sind deshalb dann die letzten beiden Teile des Romans.
Wells gelingt es, eine ungemeine Tragik und Tiefe in die Geschichte von Jesper Lier hineinzubringen, dass der Leser sich manchmal fragen mag: Wo war dieser Charakter denn auf den ersten 100 Seiten? Dennoch wirkt die Charakterveränderung von Jesper nicht zu konstruiert, sondern sie erscheint vor dem Hintergrund von Jespers Lebensgeschichte und seinem „Werdegang“ in Berlin absolut glaubwürdig. Während auf den ersten 100 Seiten von „Spinner“ mehr die komischen, oberflächlichen und grotesken Charakterzüge von Jesper im Vordergrund stehen, lassen sich die letzten 200 Seiten als ein Blick hinter Jespers Fassade bezeichnen. Die Handlung selbst wird dabei tiefschürfender beschrieben und ausgestaltet, dennoch bietet „Spinner“ über 307 Seiten auch immer wieder komische Momente.
Fazit
„Spinner“ ist der zweite Roman des jungen Autors Benedict Wells (Jahrgang 1984) bei Diogenes. Mit „Becks letzter Sommer“ gelang Wells ein von der Presse gleichermaßen beachtetes und gefeiertes Debüt. Während „Becks letzter Sommer“ noch bis zu einem gewissen Grad als „Reiseroman“ bezeichnet werden konnte (vor allem deshalb, weil die Handlung zu etwa gleichen Teilen an verschiedenen Orten und Städten Europas spielt), handelt es sich bei „Spinner“ um einen „Berlin-Roman“. Trotz der in der Literaturwelt bereits zahlreich vorhandenen „Berlin-Romane“ und Berliner Autoren, ist „Spinner“ ein wirklich lesenswerter Roman.
Er erzählt nicht nur eine klassische Geschichte über das Erwachsenwerden, sondern er regt zum Nachdenken über eigene Träume und Lebensperspektiven an. Zwar mag die teilweise verwendete Jugendsprache für ältere Leser manchmal etwas gewöhnungsbedürftig sein, doch eine wirklich gute Geschichte entschädigt bekanntlich für vieles. „Spinner“ ist deshalb als Lektüre (fast) vorbehaltlos zu empfehlen, und es bleibt zu hoffen, dass Benedict Wells die deutsche Literaturszene auch in Zukunft noch mit weiteren Romanen bereichern wird.
Mitsukos Restaurant von Christoph Peters
Inhalt
Achim und Wolf sind zwei Freunde, die gemeinsam zur Schule gegangen sind und durch die gemeinsame Schulzeit „Freunde fürs Leben“ geworden sind. Bereits zu Oberstufenzeiten verband sie ein gemeinsames Interesse für die Küche und Kultur Japans. Etliche Jahre nach den Abiturprüfungen führen die beiden ihr jeweiliges Leben so unterschiedlich wie nur irgend möglich, dennoch haben sie sich nie völlig aus den Augen verloren. Während Achim sich als Gelegenheitsschauspieler und -koch einigermaßen über Wasser halten kann, hat Wolf als plastischer Chirurg in einer renommierten Privatklinik angeheuert und muss sich über seine Finanzen nur wenig Gedanken machen.
Japan fasziniert Achim
Japan spielt in Wolfs Leben nur noch eine untergeordnete Rolle, während die geheimnisvolle und vielfältige japanische Kultur auf Achim nach wie vor eine ungeheure Faszination ausübt. Als Achim eines Tages auf einer seiner Wanderungen durch die rheinischen Wälder im rustikalen Vereinsheim der „Wanderfreunde Gurschenbach e.V.“ ein japanisches Spezialitätenrestaurant mit exzellenter Küche entdeckt, beflügelt ihn dieses Erlebnis förmlich und er erinnert sich an die „alten gemeinsamen Zeiten“ mit Wolf. Sofort setzt sich Achim mit Wolf in Verbindung, und nachdem dieser seine anfängliche Skepsis abgelegt hat, beginnt er, gemeinsam mit Achim, das japanische Lokal, welches eigentlich eine ganz und gar deutsche Atmosphäre ausstrahlt, zu erkunden. Doch aus den regelmäßigen Restaurantbesuchen entwickelt sich bald noch mehr: Achim heuert als Koch in dem Lokal an, und schon nach kurzer Zeit kann er seine Gefühle für die geheimnisvolle Restaurantbesitzerin Mitsuko nicht länger verbergen.
Ein wunderbar leichter Roman über die Herausforderungen in zwischenmenschlichen Beziehungen und über die Begegnung verschiedener Kulturen
Christoph Peters Roman „Mitsukos Restaurant“ bietet nicht nur aufgrund der zahlreichen detaillierten Essensbeschreibungen exzellente (Lese-)Kost. Die Handlung setzt relativ unspektakulär ein, die beiden Protagonisten Achim und Wolf werden kurz vorgestellt, ihre Faszination für Japan wird erläutert, und an dieser Stelle erfährt der Leser auch bereits, dass die Faszination für die japanische Kultur bei Achim deutlich stärker ausgeprägt ist als bei Wolf.
Achim versucht, die japanische Kultur, so weit ihm dies als Mitteleuropäer möglich ist, nachzuvollziehen, muss dabei jedoch immer wieder erkennen, dass er wohl nie in der Lage sein wird, auch nur einen Teil dieser so fremden Kultur völlig zu verstehen. Dennoch genießt er die unterschiedlichsten Speisen der japanischen Küche, und auch japanische Frauen haben es ihm angetan. Als er auf einer seiner Wandertouren durch das Rheinland schließlich das Restaurant der freundlichen und zugleich geheimnisvollen und verschlossenen Japanerin Mitsuko entdeckt, betrachtet er dies als „Wink des Schicksals“.
Nachdem er einige Male als Gast in Mitsukos Restaurant eingekehrt ist, heuert er dort, zunächst mehr aus Geldnot als aus Überzeugung, als Koch an. Schon nach kurzer Zeit kann sich Achim der Wirkung von Mitsuko nicht mehr entziehen, und seine erotischen Fantasien erschweren ihm zunehmend die Arbeit, zumal Mitsuko sich immer wieder verschiedener Gesten bedient, dessen tieferen Sinn Achim noch nicht richtig „einordnen“ oder verstehen kann…
Fazit
Mit „Mitsukos Restaurant“ legt Christoph Peters einen weiteren hervorragenden Roman vor. In seinem nun vorliegendem vierten Roman beschreibt er auf amüsante und dennoch sehr tief schürfende Art und Weise die Probleme, Kuriositäten und Höhepunkte in zwischenmenschlichen Beziehungen, insbesondere in Beziehungen von Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen. In die Beschreibung und Schilderung dieser „Beziehungsgeschichten“ lässt Peters eine gehörige Portion kulinarischer Raffinesse und Kulturgeschichte einfließen. Wer sich auf diesen Roman einlässt, wird schließlich mit einigen Stunden puren Lesevergnügens belohnt werden!
Lila, Lila von Martin Suter
Inhalt
David ist Kellner in einer Bar und ein Mann, der in seinem Leben noch nicht viel erreicht hat. Dank seines Kellnerjobs kommt er einigermaßen über die Runden, ansonsten lebt er in den Tag hinein. Er ist fasziniert von einer Clique in der Bar, in der er arbeitet, und versucht, mit mäßigem Erfolg, von den Mitgliedern dieser Clique nicht nur als Kellner, sondern als ebenbürtiger Gesprächspartner wahrgenommen zu werden. Eines Tages sieht er Marie und verliebt sich sofort in sie. Gerne wäre David ein großer Schriftsteller, allein aus dem Grund, Marie damit beeindrucken zu können.
Als er eines Tages durch Zufall in den Besitz eines alten Manuskripts gelangt, schmiedet er einen Plan. Er gibt das Manuskript gegenüber Marie als sein eigenes Werk aus – und hat damit Erfolg. Doch als er mit Marie zusammenkommt, lösen sich Davids Probleme dadurch nicht auf – im Gegenteil, bald wird seine Einsamkeit durch ein noch größeres Problem ersetzt – denn Marie schickt Davids Manuskript ohne sein Wissen an einen großen Schweizer Verlag. Und dieser veröffentlicht den Roman. Der Roman wird ein Bestseller, doch eines Tages geschieht der „Super-GAU“:
Auf einer Lesung stellt sich David ein Mann vor, der behauptet, der wahre Autor von Davids Roman „Lila, Lila“ zu sein. Doch anstatt David bloßzustellen, will der Mann nur kräftig mitverdienen und gibt sich fortan als Davids Agent aus – auf die Beziehung von David und Marie wirkt sich dies alles andere als positiv aus.
Eine elegant geschriebene Parodie auf die Literaturbranche, eingebettet in eine berührende Liebesgeschichte
Martin Suters Roman „Lila, Lila“ beginnt als eine klassische Liebesgeschichte, die jedoch im Verlauf der Handlung immer mehr zu einer Parodie wird, welche einen schonungslosen Einblick in den Literaturbetrieb gewährt und sich schließlich doch wieder zur Liebesgeschichte entwickelt. David Kerns Leben verläuft relativ ereignislos. Er ist als Kellner in einer Bar hängen geblieben, erwartet von der Zukunft nicht mehr allzu viel und träumt heimlich davon, ein großer Autor zu sein. Als er sich eines Tages in die schöne Marie verliebt und er durch glückliche Umstände in einem alten Nachttisch ein Manuskript findet, scheint sich sein Schicksal zu wenden.
„Das ist die Geschichte von Peter und Sophie. Lieber Gott, lass sie nicht traurig enden“. So beginnt das Manuskript das David findet und daraufhin als sein eigenes ausgibt. Was als fixe Idee beginnt, mündet in eine Katastrophe: Davids Angebetete, Marie, ist von dem Manuskript so begeistert, dass sie der Meinung ist, es auch ohne Davids Einverständnis an einen Verlag schicken zu müssen, obwohl David immer wieder betont, dass das Manuskript nicht zur Veröffentlichung bestimmt sei, mit unterschiedlichen, teils glaubwürdigen, teils weniger glaubwürdigen Begründungen.
David befindet sich fortan in einer Zwickmühle: Einerseits könnte er den Schwindel, noch bevor er richtig begonnen hat, auffliegen lassen und dadurch sein Gesicht wahren und sich nicht dem Risiko aussetzen, als Betrüger entlarvt zu werden, andererseits basiert seine Beziehung zu Marie aber auf eben dieser kleinen Lüge, und David möchte Marie unter keinen Umständen verlieren. Er beginnt deshalb, das Spiel mitzuspielen und verstrickt sich dabei immer mehr in sein Lügengebilde, bis die Katastrophe zuletzt nicht mehr aufzuhalten ist.
Fazit
Martin Suters vierter Roman ist eine klassische Hochstaplergeschichte. Der erfolglose Kellner David Kern wird durch eine Reihe von Zufällen zum gefeierten Bestsellerautor – mit dem kleinen aber pikanten Detail, dass er den Roman, der sich zum Verkaufsschlager entwickelt, nicht selber geschrieben hat. Als der wahre Autor sich David zu erkennen gibt, ohne die Lüge publik zu machen, ist dies für David ein Rückschlag und eine Erleichterung zugleich. Denn fortan muss er zwar keine Angst mehr haben, in der Öffentlichkeit bloßgestellt zu werden, jedoch lässt sich der wahre Autor Davids Schweigen teuer bezahlen. Als Roman schon ein Erfolg, ist Suters Roman „Lila, Lila“ in der Hörbuchfassung noch einmal ein besonderer Genuss.
Daniel Brühls Stimme erweckt den Kellner David Kern für den Zuhörer zum Leben. Über geschlagene sechs Stunden gelingt es Brühl, die Spannung aufrecht zu erhalten, und ihm gelingt dies mit einer solchen Eleganz und Souveränität, dass die Charaktere in der Hörbuchfassung noch einmal eine Spur authentischer wirken, als schon im Roman. Eine Geschichte, die sich durch eine kristallklare und dennoch elegante Sprache auszeichnet und dabei den Literaturbetrieb auf unglaublich komische und groteske Weise parodiert. Eine Perle der zeitgenössischen deutschen Literatur!
Liegen lernen von Frank Goosen
Inhalt
Anfang der 80er Jahre. Helmut ist 16, besucht die Oberstufe eines Gymnasiums im Ruhrgebiet und weiß nicht, was er mit seinem Leben einmal anfangen soll. Seine Eltern reden nicht mehr miteinander, seine Mutter wird aus Helmut nicht schlau und ist ratlos was die Zukunft ihres Sohnes betrifft, Helmuts Vater scheinen die meisten Dinge gleichgültig zu sein und das Leben rauscht an ihm vorbei. Das nahezu ganz normale Leben eines Jungen auf seinem Weg zum Erwachsenen. Helmut verliebt sich in die charismatische Schulsprecherin Britta, und als es mit der Schule zu Ende geht, ist Helmut zunächst wieder einmal ratlos. Britta geht erst einmal nach Amerika und Helmut schreibt sich halbherzig an der Uni ein, und da ihm Geschichte auch in der Schule leicht gefallen ist, entscheidet er sich für Geschichte als Hauptstudienfach, ohne diese Entscheidung vorher länger durchdacht zu haben. Die Beziehung mit Britta verläuft sich nach einer gewissen Zeit im Sand, und Helmut zieht sich immer mehr in sich selbst zurück, konzentriert sich im wesentlichen auf sein Studium und verliert sich in zahlreichen Affären. Er begibt sich auf die Suche nach Britta, und während der Suche lässt er seine eigene Jugend Revue passieren.
Eine unterhaltsame Reise in die Zeit der Kohl-Ära und zugleich eine berührende Geschichte über das Erwachsenwerden und die Suche nach der eigenen Identität
Frank Goosen erzählt in seinem Debütroman „Liegen lernen“ die Geschichte von Helmut, eines im Ruhrgebiet der 80er Jahre aufgewachsenen Mannes, der sich in schwierigen Zeiten zurechtfinden muss, ohne dass er sich überhaupt schon selbst gefunden hat. Goosen beschreibt mit seinem Roman die Lebenswirklichkeit einer ganzen Generation, nämlich die der heute über 40-jährigen, die in den 80er Jahren in der Bundesrepublik aufgewachsen sind. Helmut weiß nach dem Erreichen des Abiturs nichts mit sich anzufangen, er zieht von zuhause aus und beginnt Geschichte zu studieren.
Während der ersten 6 Jahre seines Studiums klammert er sich verzweifelt an die Erinnerung an Britta, seine erste große Liebe, die nach dem Abitur nach Amerika gegangen ist. Doch der Kontakt zu Britta verliert sich irgendwann, und Helmut flüchtet sich in einige amouröse Abenteuer mit Frauen, die wohl unterschiedlicher nicht sein könnten. Nach einigen kürzeren Affären lässt sich Helmut auf eine Beziehung mit der 6 Jahre älteren Sportreporterin Gloria ein, und der Leser bekommt das Gefühl, dass Helmut nun jemanden gefunden hat, mit dem er sein restliches Leben verbringen könnte. Doch auch die Beziehung zu Gloria geht „in die Brüche“. Helmut macht sich auf die Suche nach den Frauen, mit denen er einst zusammen war, und die Suche entwickelt sich zu einer Reise in Helmuts eigene Vergangenheit und macht ihm selbst klar, dass er vor einer Entscheidung steht, die den weiteren Verlauf seines Lebens bestimmen wird.
Fazit
Mit seinem Debütroman legt der Bochumer Autor Frank Goosen ein beeindruckendes Werk vor. Die Figuren sind absolut authentisch angelengt, und Goosen gelingt das Kunststück, das Gefühl eines Jahrzents einzufangen, ohne sich in sentimentalen Rückblicken zu verlieren. Außerdem schafft er es, gekonnt Musik in seinen Roman einzubinden, die für den Handlungsverlauf bedeutsam ist, ohne den Leser jedoch mit der Überbetonung der musikalischen Aspekte „zu überfallen“.
Hier könnten sich durchaus auch manche bekannte Autoren noch eine Scheibe von abschneiden. „Liegen lernen“ ist leicht zu lesen, aber trotzdem kein „seichter Stoff“. Die Geschichte des liebenswerten Hauptprotagonisten Helmut wird berührend erzählt, und Goosen verzichtet auf ein allzu klischeehaftes Happy-End, was dem Gesamteindruck positiv entgegenkommt. Deshalb sei dieses Buch all denen, die anspruchsvolle, neue deutsche Literatur schätzen, wirklich „ans Herz gelegt“.
Der Vorleser
Eine ungewöhnliche Geschichte
Der 15 jährige Michael übergibt sich auf dem Nachhauseweg von der Schule. Eine Frau, mittleren Alters , hilft ihm. Er ist für längere Zeit krank (Gelbsucht). Gegen Ende seiner Krankheit bringt er der Frau, auf Drängen seiner Mutter, einen Blumenstrauß. Sie ist nicht zuhause. ImTreppenhaus wartet er auf ihre Rückkehr. Er übergibt das Geschenk. Die Frau bittet ihn, auf sie zu warten. Sie wolle außer Haus. Durch die angelehnte Tür kann er sehen, wie sie sich umzieht. Er wird von der Frau magisch angezogen und besucht sie wieder. Dies ist der Beginn einer sexuellen Beziehung zwischen beiden.
Sie schlafen miteinander. Eines Tages bittet ihn Hanna, ihm etwas vorzulesen. Er kommt ihrem Wunsch nach. Sie schlafen miteinander und anschließend liest er ihr etwas vor, aus Büchern, die er kennt. Der Ablauf der Treffen hat ein festes Ritual, das sich täglich wiederholt. Hanna spornt ihn an, für die Schule zu arbeiten, um das Klassenziel, trotz längerer Krankheit, zu erreichen. Er schafft es. Doch eines Tages ist Hanna verschwunden. Er versucht vergeblich sie zu finden.
Jahre später
Die Jahre vergehen. Michael hat andere Beziehungen, heiratet, doch zu einer festen Bindung ist er nicht in der Lage. Die Ehe scheitert, ebenso wie alle anderen Beziehungen zum weiblichen Geschlecht. Michael ist Jurastudent und soll einen Prozess besuchen, bei dem Naziverbrechen auf der Tagesordnung stehen. Ausgerechnet hier trifft er Hanna wieder, als Angeklagte. Sie war Aufseherin in einem Lager. Er ist mehr oder weniger der Situation ausgeliefert. Hanna nimmt z.T. Schuld auf sich, die sie gar nicht begangen hat. Michael will ihr helfen, berät sich mit seinem Vater und läßt es dann sein.
Hanna wird verurteilt, kommt in ein Gefängnis. Er schickt ihr Kassetten zu, die es besprochen hat. Während dem Prozess ist Michael klar geworden, daß seine Freundin nicht lesen und schreiben kann, und deshalb diesen Job angenommen hat. Eines Tages erhält er einen Brief von ihr. Sie hat schreiben gelernt. Er freut sich. Als Hanna entlassen werden soll, wendet sich die Gefängnisleiterin an ihn, ob er ihr nicht eine Wohnung und Arbeit beschaffen könnte. Beides erledigt er. Als er Hanna am Tag der Entlassung abholen will, wird ihm mitgeteilt, daß sie sich das Leben genommen hat.
Fazit
Bernhard Schlink, der Autor des Bestsellers thematisiert hier zwei Themen: Geschlechtsbeziehungen zu Minderjährigen, die bei uns eigentlich unter Strafe stehen, und die Naziverbrechen. In beiden Fällen hat sich Hanna schuldigt gemacht, obwohl sie nur wegen ihrer Nazivergangenheit angeklagt wird. Bei dem ganzen Prozess zeigt sie keinerlei Einsicht, Unrecht begangen zu haben, etwas falsch gemacht zu haben, und der Autor kennt dafür nur eine Lösung: den freiwilligen Selbsttod. Das Böse darf nicht überleben, rottet sich in diesem Falle selbst aus.
Ein Buch, das auch verfilmt wurde, das man in einem Zug durchliest. Die Lektüre lohnt sich auf jeden Fall und regt zum Nachdenken an.
Gut gegen Nordwind von Daniel Glattauer
Inhalt
Daniel Glattauers Roman „Gut gegen Nordwind“ handelt von den Widrigkeiten und Problemfeldern der zwischenmenschlichen Kommunikation, der Leichtigkeit und Unbeschwertheit einer Konversation mit einem fremdem Menschen und der virtuellen Kommunikation als Rückzugsort für von Sehnsüchten erfüllte Menschen. Als Emmi Rothner eines Tages per E-Mail ihr Abonnement einer Zeitschrift kündigen möchte, landen Ihre E-Mails mehrmals beim falschen Empfänger. Bei der dritten irrtümlich an ihn gerichteten E-Mail beschließt Leo Leike, der ihm unbekannten Emmi Rothner zu antworten. Aus dem anfänglichen Irrtum entwickelt sich eine tiefgehende Freundschaft mit weitreichenden Folgen, sowohl für Emmi als auch für Leo.
Von Menschen, die nicht ohne einander sein können, der Angst vor der eigenen Courage und einigen Gläsern französischen Landweins
Daniel Glattauer beschreitet in seinem nunmehr achten Roman Wege, die zuvor noch nicht von vielen Autoren der zeitgenössichen Literatur beschritten wurden. Zwar lässt sich sein Roman durchaus als eine modernere Form des vor allem im 19. Jahrhundert beliebten „Briefromans“ verstehen, jedoch wird die gesamte Handlung des Romans in Form von E-Mails erzählt, ein reales Treffen der beiden Protagonisten Leo und Emmi, soviel sei an dieser Stelle bereits verraten, findet im Verlauf des Romans nicht statt. Es kommt zwar zu einer zufälligen Begegnung der beiden Hauptfiguren Leo und Emmi, jedoch ohne dass die beiden wissen oder erkennen können, wer der bzw. die jeweils andere ist.
Die Handlung setzt zunächst relativ unspektakulär und unvermittelt ein, doch bereits nach den ersten paar Seiten wird dem Leser klar, in welche Richtung sich der Handlungsverlauf entwickeln wird, ohne dass dabei jedoch der weiteren Entwicklung der Geschichte zu weit vorgegriffen wird. Zu Beginn handelt es sich bei der „Beziehung“ zwischen Emmi und Leo um eine rein platonische Bekanntschaft zwischen zwei Personen, die voneinander nicht viel mehr wissen, als die E-Mail-Adresse des jeweiligen Gegenübers. Hieraus entwickelt sich mit der Zeit jedoch viel mehr – was sich zunächst zu einer tiefen Freundschaft entwickelt, wird im späteren Verlauf der Handlung zu Liebe und Zuneigung.
Da vor allem Leo sich jedoch vor einem persönlichen Treffen scheut, aus Angst, die bis dahin unverbindliche aber dennoch intime Beziehung zu zerstören, wird dieses Treffen deshalb von beiden Figuren immer weiter in die Zukunft verschoben, bis zu dem Zeitpunkt, an dem es schließlich zu spät ist.
Fazit
Die in gewisser Weise „innovative“ Schreibweise in diesem Roman von Daniel Glattauer hat mir persönlich sehr gut gefallen, obgleich ich es auch nachvollziehen kann, dass andere mit einem ganzen Roman, der ausschließlich aus einer E-Mail-Korrespondenz besteht, nicht viel anfangen können. Wie Glattauer es jedoch gelingt, seinen Figuren allein durch die E-Mails und durch den Verzicht auf jegliche „beschreibenden Begleitsätze“ und ähnliches „Beiwerk“ eine solche Menschlichkeit in die Charaktere der Protagonisten hineinzutransportieren und dem Leser damit die Identifikation mit den beiden Protagonisten zu ermöglichen, das ist tatsächlich „Kommunikationskunst auf höchstem Niveau“ (Die Literarische Welt).
Dem Leser, der dazu bereit ist, sich auf diesen Roman einzulassen, bietet sich ein unterhaltsamer und kurzweiliger Roman, der dem Leser darüber hinaus viel Interpretationsspielraum für seine eigene Fortsetzung der Geschichte lässt.
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