Rezension.org - "Wilddiebe und Kritiker kennen keine Schonzeit"
rezensionen

‘Liebe’

Zeit des Glücks

Zeit des Glücks von

Nachdem ihre drei neugewonnenen Freundinnen Mallory und Dana bereits ihre Aufgabe des Rätsels um drei keltische Prinzessinen gelöst und den vermissten Schlüssel zur Auflösung des Fluchs gefunden haben, ist nun Zoe an der Reihe, mit dem Auffinden des letzten Schlüssel sendgültig die Prinzessinnen zu befreien.  Zoe ist alleinerziehende junge Mutter aus ärmlichen Verhältnissen, die sich trotz Kind weitergebildet und hochgearbeitet hat und als Kosmetikerin/Friseuse arbeitet. Sie wird jedoch am Anfang der Geschichte ungerechtfertigter Weise arbeitslos in dem Friseursalon in dem sie bislang gearbeitet hat.

Nun steht sie kurz davor, sich – gemeinsam mit Mallory und Dana in einem großen Haus, jede mit ihren jeweiligen Geschäften – selbeständig zu machen, eine aufregende Zeit. Dafür kann sie das Geld gut gebrauchen, das jede der drei Freundinnen von den beiden geheimnisvollen Wächtern des Rätsels, Rowena und Pitte, allein für die Teilnahme an dem Abenteuer erhalten hat. Diese beiden waren vor vielen hundert Jahren Lehrerin und Krieger und für den Schutz der drei Prinzessinen zuständig, konnten aber den Fluch nicht verhindern.

Auch Zoe bekommt ein Rätsel, das sie lösen muss; ihr Thema ist Mut. Das Rätsel ist – wie am Anfang auch für Mallory und Dana, zunächst völlig unverständlich und Zoe irrt suchend herum, fürchtend, dass ihre Anstrengungen völlig nutzlos sind. Aber nicht nur Mallory und Dana unterstützen sie, sondern auch ihre Verlobten Flynn und Jordan sowie dessen bester Freund Bradley Vane, Inhaber einer grossen Baumarktkette. Bradley hat schon seit dem Beginn der Suche ein Auge auf Zoe geworfen, die jedoch wegen ihrer schlechten Erfahrungen mit dem Vater ihres Kindes nie wieder etwas mit reichen Männern zu tun haben will. Da der Schlüssel für ihre Suche jedoch “Mut” ist, muss sie sich diversen Aufgaben stellen, die ihren ganzen Mut fordern, auch in Bezug auf die Vergangenheit. Dabei stört Kane, der böse Zauberer und Gegenspieler von Rowana und Pitte, ihre Suche nicht mehr nur durch Gedankenbeeinflussung, sondern greift Zoe auch tätlich an, da er unbedingt verhindern will, dass die drei jungen Frauen die Prinzessinen erlösen. Und hinzu kommt, dass Bradley Zoe immer weiter durcheinander bringt – dabei will sie sich doch gar nicht verlieben!

Hintergrundinformationen

Dieses Buch ist Teil 3 einer Trilogie (Teil 1 “Zeit der Träume”, Teil 2 “Zeit der Hoffnung”), ist jedoch aufgrund gut in den Text eingearbeiteter Erläuterungen der anderen Teile sehr gut als alleinstehende Geschichte zu verstehen, so dass der Leser die anderen Geschichten nicht lesen muss, aber kann, und dies auch in einer anderen Reihenfolge. Die Autorin Nora Roberts ist eine sehr erfolgreiche amerikanische Romance-Autorin, die in den letzten Jahren jedoch mehr und mehr von einfachen Liebesgeschichten abgekommen ist und nun auch- ebenfalls sehr erfolgreich und gut – Fantasygeschichten (vor allem vor dem Hintergrund keltischer Sagen) und Thriller schreibt. Dabei schreibt sie häufig Trilogien und/oder verwendet die Zahl drei als immer wiederkehrendes Thema: oft sind es drei Freundinnen oder drei Geschwister, die Abenteuer gemeinsam bestehen müssen.

Bewertung

Das Buch ist Unterhaltungsliteratur mit vielen Elementen, die eine Geschichte lesenswert machen: eine fantasievolle Geschichte mit Magie als Hintergrund, gewürzt mit Abenteuer, Spannung, Humor und Romantik. Die Charaktere sind unterhaltsam und sympathisch geschrieben; Nora Roberts versteht es immer wieder hervorragend, ihre Leser zu fesseln, auch wenn ein “Phantasyroman” sonst vielleicht nicht im Fokus des jeweiligen Interessengebietes steht.

Bedauerlich ist, dass sich bei der Übersetzung und/oder im Lektorat einige Fehler eingeschlichen haben, die vor allem auffallen, wenn man die drei Geschichten liest: so heisst es im ersten Band (Zeit der Träume) noch, dass die Freundinnen jeder 10.000 Dollar für die Teilnahme an dem Rätsel erhalten, im vorliegenden Band waren es jedoch angeblich 25.000. Das Haus, das die drei Freundinnen gemeinsam eröffnen wollen, wurde zunächst “Belohnungen” genannt, heisst jedoch nun “Luxus”. Hinzu kommen zahlreiche Übersetzungsfehler und unsauberes Deutsch, die leider die wirklich schöne Geschichte in ihrem Fluss stören, so beispielsweise die falsche Übersetzung von “eventually” auf Seite 136 mit “eventuell” statt “schliesslich” oder die Nichtübersetzung von “paperweight” auf Seite 206, anstatt das durchaus gebräuchliche deutsche Wort “Briefbeschwerer” zu verwenden.

Nichtsdestotrotz ist das Buch eine wunderbare Urlaubs- oder Bettlektüre, die Lust auf die anderen beiden Teile der Trilogie macht!

Wasserfarben

Thomas Brussigs , Adoleszenzroman mit DDR spezifischen Hintergrund!

Zum Autor

Thomas Brussig wurde 1964 in Berlin geboren und verbrachte einen Großteil seines Lebens im Ostteil Berlins. Nach seiner Schulausbildung studierte er zunächst Soziologie aber wechselte dann an die Filmhochschule in Babelsberg und erwarb den Diplomgrad in Film- und Fernsehdramaturgie. Seinen Debütroman Wasserfarben veröffentlichte er erst 1991 durch die sich hinziehende DDR Publikationsinstanzen, jedoch noch unter dem Pseudonym Cordt Berneburger. Seinen endgültigen Durchbruch erlangte er schließlich mit der Verfilmung seines Buches “Am kürzeren Ende der Sonnenallee”. Charakteristisch für Brussigs Romane sind die satirischen Darstellungen der DDR-Verhältnisse im Ostteil Berlins, welche dann auf die gesamte DDR projiziert werden können.

Weitere bekannte Werke Brussigs sind: Helden wie wir, Leben bis Männer, Wie es leuchtet u.a.

Zum Inhalt

Geschildert werden die typischen Verhaltens- und Denkweisen des pubertären Anton während der Abiturzeit, der sehr die Erwachsenen zynisch beurteilt und deren vorgegebenen Verhaltensmuster kritisch hinterfragt und sich dadurch viel Ärger und Missmut einhandelt. Sein eigenes Leben empfindet er stark eingeengt durch die stark reglementierende Gesellschaft der DDR, verkörpert durch die Schule und im speziellen dem Direktor. Durch die Einengung in seinem Leben reflektiert Anton, fast als einziger, die Verhältnisse der Jugend und probiert vielfach auch seine Klassenkameraden dazu anzutreiben mehr gegen das starre Sozialgefüge publik zu machen. Sein vorgehen erweist sich jedoch meist als zu impulsiv und nicht genug koordiniert um etwas erreichen zu können. Prägend für Anton werden die sich zerschlagenden Aussichten eines Journalistikstudiums aufgrund der Westverwandtschaft. Danach schwimmt er meist planlos durch die Gegend und gerät dadurch in Konflikt mit den staatlichen Instanzen. 2 Gespräche im Buch bilden die Haupthandlungsstränge, nämlich das Gespräch mit seinem Direktor der ihm klar zu verstehen gibt, dass nicht er machen kann wie er möchte sondern das er, wenn nötig auch dazu gedrängt werden kann das beste aus sich zu machen im Sinne des Staates. Das 2. Gespräch ist das Gespräch mit seinem Bruder Leff, der selbst sich eine Nische in der DDR-Gesellschaft gesucht hat und sich dort freier als vorher entwickeln kann. Jedoch gibt er ihm auch den Hinweis, dass er auch dafür bereit sein muss Opfer zu bringen. Letztlich bleibt der Schluß des Buches offen und entlässt den Leser mit dem Gefühl, dass Anton wahrscheinlich auch seine Nische in der Gesellschaft finden wird und vielleicht dann auch glücklich werden wird.

Fazit

Satirisch- ironische Jugenderzählung mit Adoleszenzproblemen die im Rahmen der DDR beschrieben werden. Wer also womöglich auch gerade sein Abitur macht oder gemacht hat wird sich vielfach in den Überlegungen und Gedankengängen wiederfinden und ihn verstehen.

Makellos um Mitternacht

Aygen-Sibel Çelik: Makellos um Mitternacht

Zuerst einmal ist zu loben, dass ein Jugendbuch, dass sich mit normalen Teenager-Problemen befasst, im Milieu türkischer Zuwanderer spielt, ohne dass dies zum Thema gemacht wird. Seçil ist zwar türkischstämmig, aber das ist kein Problem, sondern einfach normal, wie zum Beispiel braune Haare. Auch sonst ist sehr viel einfach “teenagernormal”.

Inhalt

Seçil ist, wie so viele in ihrem Alter, gar nicht zufrieden mit ihrem Aussehen. Ihre Mutter trägt immer noch Kleidergröße 36, Seçil ist da deutlich drüber. Und ihre Nase ist zu groß und die Pickel! Das geht gar nicht! Seçil ist so mit sich und ihren Problemen beschäftigt, dass sie kaum etwas anderes mitbekommt. Denn da gibt es André, der natürlich voll süß aussieht, aber, so meint Seçil in ihrem Leid, sie gar nicht beachtet: Speckröllchen, Pickel …

Diäten hält Seçil nicht durch, aber das hält sie nicht davon ab, sich jede Menge Frauenzeitschriften zu kaufen und alle Make up- oder Diättipps auszuprobieren. Zum Beispiel beim Zähneputzen den Po anspannen, der davon, wenn man es nur oft genug tut, rund und knackig wird!

Als Seçils Eltern nach Italien abreisen und ihre 15jährige Tochter endlich einmal aus der überfürsorglichen Überwachung entlassen, weiß das Mädchen mit der plötzlichen Freiheit gar nichts anzufangen. Dummerweise wird ja auch ihre – schlanke, gutaussehende – Tante nach ihr sehen. Sie darum zu bitten, kann sich die Mutter natürlich nicht verkneifen. Tante Fantoş ist so schön und gepflegt, wie Seçil es gern wäre, nur leider lässt sie das manchmal ganz gern raushängen.

Seçil kauft sich eine Frauenzeitung und wendet sich den Diättipps zu, da fällt eine Probe rosa Glitzergel heraus. Großzügig cremt sich das Mädchen damit ein und – fällt in Tiefschlaf. Als sie erwacht, ist sie wunderschön, schlank, ein Model! In Mamas Sachen, die ihr jetzt sogar zu weit sind, begibt sich Seçil, die sich jetzt Jale nennt, auf die Piste. Jetzt klappt alles: André beachtet die schöne Cousine der unscheinbaren Seçil, endlich ist sie mit ihrem Traumprinzen zusammen. Auch entdeckt wird Jale und von einer Modelagentur unter Vertrag genommen. Alles sollte toll sein – ist es aber nicht. Logistisch wird es immer schwieriger für Seçil: Wenn sie sich zurückverwandelt, muss sie zuhause sein und möglichst ihre engen Sachen ausgezogen haben, die sonst gnadenlos zerreißen. Ihre Agentur drängt auf Kontakt mit ihren Eltern, Verträge sind zu unterschrieben und der neue Star am Modelhimmel ist noch minderjährig! Dass sich Seçil nach einiger Zeit gar nicht mehr rückverwandelt, hilft da auch nicht wirklich weiter: Wie soll sie das den Eltern erklären, die bald wieder da sind. Als ihr Agent darauf drängt, dass sich Jale ein Muttermal entfernen und die Ohren anlegen lässt, spitzt sich die Geschichte zu. Jale/Seçil wird langsam klar, dass sie einer zwar wunderschönen, aber knallharten Scheinwelt auf den Leim gegangen ist und dass sie eigentlich doch ihr altes Leben zurück möchte.

Die Auflösung ist leider etwas platt: Nicht das Glitzergel, dass völlig harmlos war, sondern die Zauberkünste der Tante – sie vergrub kleine Zettel mit Beschwörungen im Blumenkasten – hatten die wundersame Metamorphose ausgelöst. Ohne Zettelchen wird aus Jale wieder Seçil – und die Eltern sind entsprechend sauer auf den übereifrigen Modelagenten – und auf die Tante.

Fazit

Ein ganz nettes Jugendbuch, nicht uninteressant für Mädchen in pubertären Identitätskrisen. Alles in allem aber etwas platt, da auch die Auflösung nicht so recht überzeugt. In die Kategorie “Lesefutter” passt dieses Buch aber allemal. Und, siehe oben, auch türkische Mädchen quälen sich mit Hüftgold und Nasenpickeln und sind ansonsten auch nicht anders als ihre Klassenkameraden, auch wenn sie ungewohnte Namen wie Seçil oder Jale tragen.

Das stille Mädchen

von

„Alles ist subjektiv“ kann man gleich hinter dem Titelblatt in den Umschlag klemmen, und nach der Lektüre dort noch mal suchen. Das stille Mädchen erzählt von Essenz, von der Übersetzung dessen, was nicht beweisbar, aber dennoch zu spüren ist. Hoegs Versuch, diese Überzeugung in leicht verdaulichen Determinismus umzuwandeln, endet manchmal bemüht. Zumindest in der deutschen Übersetzung ist Hoeg kein Erzähler-Kapitän, der den Lesern Wellengang erspart. Das macht nichts, denn sein Wille die Geschichte ernst zu nehmen ist trotzdem ansteckend und macht Lust auf mehr.

Wie in allen Leidenschaften schwingt auch in dieser ihr Gegensatz mit: Klang braucht Stille. Die Welt des Clown Kaspar besteht aus Tönen, Klängen, Lauten, die andere Menschen auch dann nicht zu deuten wüssten, wenn sie sie hören könnten. Kaspar hört die vielfältigen Wesen seiner Mitmenschen. Er hat nie nichts zu sagen und bringt seine Geige gerne zum Singen, aber dennoch ist es der Klang seines Zuhörens, der die Geschichte erzählt. Als er zum ersten Mal einen Menschen trifft von dem allein Stille ausgeht, bringt ihn die Begegnung aus dem Gleichgewicht. Er kann dieses würdevolle Mädchen nicht erhören – wieso nicht? Als das Kind verschwindet, begibt er sich auf die Suche, die sich zu einer Begegnung mit Verdrängtem und Unerhörten entwickelt. Kraft als Weiblichkeit in Seele und Körper ist neben den Klängen das Thema der Suche. Kaspar selbst besitzt einen intensiven weiblichen Teil, dazu kindischen Trotz, und die nicht zu unterschätzend attraktive Fähigkeit zu fordern. Dem ist schwer zu widerstehen – Stine, die Geologin mit den breiten Füßen, tut es trotzdem, dafür liebt er sie.

Außer in der Weiblichkeit ist das Gute bei den Tieren zu finden, den Kindern, den Instinkten und der Kunst. Böses erscheint in Gestalt von Bewohnern gläserner Büros oder denen, die Wissenschaft als Lebensinterpretation missverstehen. Gefährlich sind Verkopfte mit verstümmeltem Körperbewusstsein und alle, die ihres dazu verwenden, kleine Knochen zu brechen. Wie in Fräulein Smillas Universum sind die Menschen in Kaspars Umgebung sensibel, intelligent, stark, menschlich und übermenschlich; mit Selbstironie und Hoffnung sind sie in ihren Klischees diesseits und in ihren Wesen jenseits des Durchschnitts. Sie sind schon ahnend, aber noch nicht weise, sie suchen und versuchen.

„Hier, dein Wohnungschlüssel…“

In Kaspars aphoristischer Sprache kommt etwas Verletzliches und Schönes zu Tage. Es hat mit der Freundlichkeit zu tun, dem kleinen Komplizen, der noch nicht schreiben kann, seinen Füller zu schenken sowie mit der Kreativität dem Killer ein hennarotes Köpfchen zu färben. Und mit dem Charme, einer Festnahme zu entkommen durch ein Drama, das die nie vorhanden gewesene Beziehung zu der Amtsmännin beendet. „Dieses Doppelspiel! All diese demütigenden Treffen. Ohne dass wir einander berühren dürfen. Das schaffe ich nicht. Dazu habe ich keine Kraft mehr.“ … Kaspar zieht seinen Schlüsselbund aus der Tasche, macht irgendeinen Schlüssel los und lässt ihn vor der Frau auf den Boden fallen. „Hier, dein Wohnungschlüssel. … Meinen Körper, Asta, kannst du trotz allem nicht zum Pfand nehmen.“

Entwaffnung ist möglich, immer wieder: wenn die Geschichte eine Botschaft hat, dann ist es diese. Entwaffnung des Bösen durch Liebe, Entwaffnung der Exgeliebten durch Ausdauer, Entwaffnung der Bürokratie durch Charme, Lügen, Komplimente, Entwaffnung der Welt durch Hinhören, Entwaffnung der Selbstkritik durch Kontext.

Entwaffnung des Klangs durch Stille

Die Verschränkung muss gegenseitig sein, nur durch Klang ist Stille möglich, und umgekehrt, denn erst Widerstand macht Entwaffnung möglich. Dass Freude an der Entwaffnung deshalb Freude an Widerstand bedeutet, kann Augen öffnend sein, und tatsächlich Sinn geben. Unter anderem dieses unmissverständliche Angebot der Sinnstiftung hat dem Autor international haufenweise schlechte Kritiken eingebracht: penetranter Pathos, Missionarismus, Pseudo-Religiösitat, New Age-Botschaften, Glorifizierung des Weiblichen, flache Figuren, unlogische Konstruktion. Es ist durchaus möglich, die literaturpolitisch unkorrekte Geschichte als esoterisches Hollywoodstückchen zu lesen, in dem NullNullKaspar noch mit Bauchschuss klugscheisst.

Der Berg von Dingen die man dem übelnehmen kann, ist groß, aber größer ist der Genuss, sich von ihm entwaffnen zu lassen.

Der Vorleser

„Der Vorleser“ von Bernhard Schlink.

. Erschienen im Jahre 1995,  Einband aus okkerfarbenem Leinen. Umschlagillustration: Ein Ausschnitt aus Ernst Ludwig Kirchners „Nollendorfplatz“, 1912.

Der Roman ist unterteilt in drei Abschnitte. Es ist eine personale Erzählung aus der Sicht eines erwachsenen Mannes, der sich an seine Jugendzeit erinnert.

Im ersten Teil lernt der Erzähler, Michael Berg, 15 jährig, eine 36-jährige Frau kennen, von der er verführt werden will und wird. Ihre Beziehung, die einen Sommer lang dauert, endet abrupt als Hanna ihn ohne ein Wort verlässt. Im zweiten Teil und Jahre später, Michael studiert Jura, sieht er Hanna in einem Gerichtssaal wieder. Sie ist Angeklagte in einem Prozess um nationalsozialistische Verbrechen und wird zu lebenslanger Haft verurteilt. Im dritten Teil des Romans  schickt Michael ihr, während ihrer Haft, von sich besprochene Kassetten auf denen er ihr aus Klassikern der Literatur vorliest. In Erinnerung an ihre gemeinsame Zeit, denn auch damals hat er ihr viel vorgelesen. Am Tag ihrer Entlassung will Michael sie abholen, doch Hanna hat sich in der vorigen Nacht erhängt.

Schlink fordert mit diesem Roman zur Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit auf. Er macht auf subtile Weise auf die Aufgaben der nachfolgenden Generationen aufmerksam.

Doch ist der Roman im Hinblick auf Aufklärungsliteratur nicht nur hilfreich bezüglich der Aufarbeitung der deutschen nationalsozialistischen Verbrechen, sondern auch für die Jugend, welche in einer Gesellschaft geprägt von Krisen, Ehescheidungen, Vernachlässigung durch die Eltern und „Kinder kriegen Kinder“-Nachrichten aufwächst. Die überwiegend liebevolle Beziehung zwischen Hanna und Michael schafft eine tiefgehende, bewusste Atmosphäre durch die intensiv erlebten Gedanken von Michael. Das schafft einen latenten Gegensatz zu der häufig schnelllebigen, oberflächlichen Lebensart von heute. Gegensätze sind in der Geschichte viele zu finden, so ist Michael jung und Hanna vergleichsweise alt, es geht um die Schuld von Hanna und die Unschuld von Michael. Es geht um seine Liebe und ihre Gleichgültigkeit.

Durch die gelungene Verzierung mit zahlreichen rhetorischen Mitteln regt der Roman auch zum „Hinsehen“ an. So beschreibt Schlink zum Beispiel das Haus in dem Hanna wohnt sehr ausführlich als ansehnlich, sogar schön von außen, doch kurz als abgetreten und abgewetzt von innen. Auch eine vollendete Metapher ist zu entdecken als er seine Liebe zu Hanna auf den Flug eines Flugzeugs überträgt. Ein wenig Schuldgefühl streut er mit einem Chiasmus „Ich habe nichts offenbart, was ich hätte verschweigen müssen. Ich habe verschwiegen, was ich hätte offenbaren müssen.“ Und um ein wenig Dynamik in den eher gemächlichen Handlungsverlauf zu bringen, gibt es immer mal wieder ein Asyndeton „Die Nacht, die Kälte, der Schnee, das Feuer, das Schreien der Frauen in der Kirche, das Verschwinden derer, die den Aufseherinnen befohlen…“

Ein anderes Thema, man könnte sagen die Kehrseite der Medaille, auf das Schlink mit seinem Roman aufmerksam macht, ist dass Frauen ebenso grausame Rollen füllen wie Männer. Hanna als Wärterin im KZ, die sich durch besondere Grausamkeit hervorgehoben hat. Hanna als Sexualstraftäterin durch Verführung eines Minderjährigen. Hanna, die körperlich misshandelt indem sie Michael mit einem Lederriemen ins Gesicht schlägt und schließlich Hanna, die Michael seelisch misshandelt indem sie ihm rigoros die Rolle des Schuldigen aller Streitereien zwischen ihnen auferlegt.

Zurück bleibt ein Mann, der sein Leben dem Lesen von Geschichten verschrieben hat, einsam und beziehungsgestört. Der nicht wahrhaben will, dass er in seiner Liebe zu Hanna hängen geblieben ist und einem Mutterkomplex unterliegt. Dessen Persönlichkeit sich zu spalten scheint, als er erkennt dass er nicht immer nach seinen Entscheidungen handelt. „…ich erkenne heute im damaligen Geschehen das Muster, nach dem sich mein Leben lang Denken und Handeln zueinandergefügt oder nicht zueinandergefügt haben…Es, was immer es sein mag, handelt; es fährt zu der Frau, die ich nicht mehr sehen will,….“

Fazit

Insgesamt ist es ein gelungener Roman, der die Nähe auf Distanz bezeugt, einen Einblick in die Philosophie gewährt und auch Interesse für deutsche Literatur und griechische Mythologie zu wecken vermag. Er ließt sich fließend auch durch schöne Wortwahlen, ist eine Huldigung an die Literatur und da lesen bekanntlich eine dankbare Beschäftigung ist, allemal wert, ihn zu lesen.

Und die Moral von der Geschicht? Weise ist der, der weiß, dass er nichts weiß; aber Unwissenheit schützt vor Torheit nicht.

Die Teeprinzessin

Die Teeprinzessin von Hilke Rosenboom

Inhalt

Emden 1858: Betty Henningson ist vierzehneinhalb und lebt unbeschwert als Tochter eines Silberschmiedes in Norddeutschland. Während sich Anton, ihr bester Freund und Sohn des benachbarten Teehändlers, lieber mit Fotografie seine Zeit vertreibt, würde sie am liebsten alles über die Welt des Tees erfahren. Doch weil sie ein Mädchen ist, nützt ihr auch die feine Nase nichts.

Eines Tages lauschen die beiden Freunde dem Gespräch zwischen Antons Vater und dem jungen Teehändler John Francis Jocelyn, der seinen neuen Tee aus Darjeeling vorstellt. Als Betty erwischt wird, schenkt der Fremde ihr eine wunderschöne Haarspange. Doch unglückliche Umstände lassen Betty kurz darauf in Ungnade fallen und sie muss nach Hamburg gehen, um dort als Haustochter zu leben. Betty erlebt, was es heißt, weder Freunde noch Geld zu haben und schlägt sich mehr schlecht als recht durch das Leben. Als ihr das Angebot gemacht wird, als Junge verkleidet nach China zu reisen, um dort Tee einzukaufen, willigt sie daher schnell ein. In Indien fliegt Bettys Tarnung auf und sie muss von Bord gehen. Nun macht Betty sich auf nach Darjeeling am Rand des Himalaya, um Tee zu kaufen.

Betty ist Jocelyn mehrmals in Hamburg begegnet, aber die Umstände erlaubten ihr es nie, mit ihm zu sprechen. Als sie ihm in Darjeeling endlich wieder begegnet, erfährt sie von seiner Suche nach ihr, aber auch, dass er Geheimnisse vor ihr hat…

Eine Reise um die Welt

Liebe und Tee sind die zwei Dinge, die Betty antreiben und die den Leser auf eine abenteuerliche Reise rund um die Welt mitnehmen. In ernsten Tönen wird Bettys Leben in Hamburg als Hausmädchen geschildert, das für sie immer mehr zu einer gesellschaftlichen Talfahrt wird.  Ungeschönt, aber mit viel Feingefühl beschreibt Rosenboom das Leben junger Frauen, die nicht viel mehr haben als ihre Anstellung als Hausmädchen. Bettys Einsamkeit und Verzweiflung, die jedoch nicht ihren Stolz zu brechen vermochten, führen sie schließlich auf dem Weg nach Asien.

Während sich also die erste Hälfte des Romans mehr den sozialen Problemen junger Frauen im 19. Jahrhundert widmet, wird der zweite Teil eine bunte und abenteuerliche Fahrt um die Welt. Mit Klugheit, aber auch mit viel Glück gelangt Betty von einem Ort zum anderen, ohne dabei zu bemerken, dass sie nicht ganz so unbekannt ist, wie sie denkt.

Fazit

Der Schreibstil ist klar und einfach gehalten, ohne jedoch niveaulos zu sein. Dadurch lässt sich das Buch schnell und zügig lesen, so wie es auch die mitreißende Geschichte verlangt.

Doch obwohl sich die Geschichte ungeheuer spannend bis etwa zur Mitte des Buches entfaltet, wirkt die zweite Hälfte der Reise etwas konstruiert und hastet etwas zu schnell von einem Ort zum anderen. Spannungspunkte werden dabei nicht mehr ganz ausgeschöpft und verlaufen zudem nach einem gleichbleibenden Schema. Das Ende der Geschichte kommt dann auch Knall auf Fall und der Leser fühlt sich unsanft in die Realität entlassen. Wo ist ein zweiter Band? Man möchte noch mehr vom Tee und von der “Teeprinzessin” und ihrer großen Liebe erfahren!

Bestechend und mitreißend ist dagegen der erste Teil, der Bettys Niedergang von der Tochter eines Silberschmiedes zur Flüchtenden beschreibt. Der geheimnisvolle Jocelyn, dem man immer wieder über dem Weg läuft, scheint ebenfalls für Überraschungen gut zu sein. Doch auch hier liegt ein kleiner Schwachpunkt, denn die Auflösung seiner Geheimnisse sind etwas enttäuschend.

Betty ist ein sehr sympathischer Hauptcharakter und man muss einfach mit ihr mitleiden. Sie ist stark und tapfer kämpft sich durch ihr Schicksal und um die halbe Welt, ohne dass es aufgesetzt wirkt. Allein das macht das Buch sehr lesenswert. Wer zudem noch Begeisterung für die Welt des Tees mitbringt, ist hier genau richtig.

Die Wunschliste

Jill Smolinski – Die Wunschliste

Das Buch:
Verändere das Lebens eines Menschen, Küsse einen wildfremden Mann, sieh dir einen Sonnenaufgang an, nimm an einem Fünf-Kilometer-Lauf teil, Date einen fremden Mann – fünf  der zwanzig Aufgaben die Marissa sich selbst zum Ziel gesteckt hat. Diese wollte sie bis zu ihrem 25. Geburtstag erledigt haben.

Aber das Schicksal meint es nicht gut mit ihr. Marissa kommt bei einem tragischen Autounfall ums Leben.

June die Fahrerin des Wagens, macht sich seitdem schreckliche Vorwürfe und fühlt sich schuldig am Tod der jungen Marissa. Von diesem tragischen Tag an verliert June die Lust am Leben, sie lebt einfach nur noch verzweifelt und von Schuldgefühlen geplagt, von einem Tag in den nächsten. Bis ihr eine Liste mit den zwanzig Dingen in die Hände fällt, die Marissa bis zu ihrem 25. Geburtstag unbedingt erledigen wollte.

June beschließt die Liste für sie abzuarbeiten und somit Marissas Träume zu erfüllen. Dadurch findet June Ruhe vor den Schuldgefühlen und sie schöpft neuen Lebensmut. Denn auf der Liste stehen auch einige Dinge die June helfen ihr eigenes Leben besser in den Griff zu bekommen. Tag für Tag schafft sie es wieder besser mit ihrem Job klar zu kommen und auch ihr Privatleben bekommt neuen Schwung.

Doch es gibt auch schwierige Dinge auf Marissas Liste die erledigt werden wollen… Wer ist Buddy Fitch? Wie verändert man das Leben eines anderen Menschen?…diese und noch mehr Fragen bereiten June eine Menge Sorgen – kann sie es rechtzeitig schaffen alle von Marissas Träumen zu erfüllen? Die Zeit drängt, denn Marissas Geburtstag steht kurz bevor.

Fazit:
Man sollte sich nicht von der rosa Farbe des Buches verunsichern lassen, es handelt sich hier keinesfalls um einen dieser “Girlie-Romane”.

Die Wunschliste überzeugt durch charakterstarke Hauptfiguren, zum einen Marissa die in ihrem leider viel zu kurzen Leben eine Menge geschafft hat, und June die sich am Boden ihres Lebens befindet und nicht mehr weiß wie sie ihr Leben meistern soll.

Aber trotzdem schafft sie es sich aus ihrem Loch wieder zurück ins Leben zu kämpfen und sich selbst zu verwirklichen. Diese Einstellung kann man nur bewundern.

Der Schreibstil von Jill Smolinski ist sehr verständlich und flüssig, sie macht es ihren Lesern leicht die knapp 420 Seiten in einem Rutsch zu lesen.

Die Wunschliste ist ein sehr schöner , der unheimlich viele Emotionen freisetzt – man weint und lacht mit June. Dennoch ist die Wunschliste kein Kitschroman, sondern ein sehr starkes kurzweiliges Buch das zu Herzen geht, seinem Leser unheimlich viel Kraft geben kann und ein gutes Gefühl vermittelt.

Glückskekse

Anne Hertz – Glückskekse

Das Buch:
Jana wird von ihren Freund verlassen, und das ausgerechnet an ihrem 35. Geburtstag. Es ist
nicht ihre erste Trennung, schließlich sagt sie von sich selbst das ihre Beziehungen höchstens ein halbes Jahr halten. Aber die Trennung an ihrem Geburtstag tut ihr doch mehr weh als alles andere.

Ihre Freundinnen haben wie es scheint kein Pech mit den Männern. Plötzlich erkennt Jana das sie keine 20 Jahre mehr ist. Sie fühlt sich allein und  wie eine Art Restposten, auf den Männer nur zurückgreifen wenn gerade nichts besseres in in greifbarer Nähe ist.  Und deswegen stürzt sie sich in eine Art Lebenskrise, Jana zweifelt an sich und an der ganzen Welt, vor allem an der Männerwelt.

Sie fragt sich jeden Tag, was ist der Sinn des Lebens und wie geht es weiter. Hätte sie ihre besten Freundinnen Steffi und Miriam nicht würde Jana wahrscheinlich entgültig durchdrehen. Beruflich läuft es auch nur schleppend. sie betreibt, zusammen mit Miriam ein kleines Reisebüro das nicht besonders gut läuft. Die meiste Arbeit bleibt  an Jana hängen, weil Miriam es vorzieht sich lieber mit Männern zu amüsieren.

Eines Abends sitzen die drei Freundinnen zusammen, das Alkohol fließt in Strömen und plötzlich hat Miriam eine Idee. Jana könnte doch eine SMS mit den Worten: ” Was kann ich endlich tun um endlich glücklich zu werden? SIE” an eine fremde Handynummer verschicken. Dank zu viel Alkohol im Blut folgt Jana Miris Idee, aber sie bleibt skeptisch und rechnet nicht damit jemals Antwort zu bekommen.

Etwas später passiert genau dass womit Jana nicht gerechnet hat, ein Fremder antwortet mit folgenden Worten auf ihre SMS: ” Ich weiß es nicht. Aber das frage ich mich auch sehr oft. ER”.

Hiermit beginnt eine witzige, wahnsinnig romantische Liebesgeschichte zweier Menschen, die sich eigentlich schon selbst aufgegeben haben und sich näher sind als sie denken…

Fazit:
Glückskekse von Anne Herz ist eine wunderbare und lustige Liebesgeschichte mit sehr vielen Gefühlen. Das Buch ist von Anfang bis Ende romantisch und ziemlich chaotisch, jedoch ohne dabei auch nur einmal kitschig zu wirken.

Die Protagonisten wirken normal und Lebensecht, und genau dieser Faktor macht die Geschichte sympathisch.

Auch wenn man schon von der ersten Seite ahnt wie das Buch ausgehen wird, bietet Glückskekse einen enormen Wohlfühlfaktor à la “Schlaflos in Seattle”,  eine große Portion Unterhaltung und ist empfehlenswert für alle die romantisch veranlagt sind, gerne träumen oder sich auch die Frage stellen ” Was brauche ich um glücklich zu sein”.

Besuch in Kala oder Wie ich eine Braut einfing

Mongo Beti: Besuch in Kala oder Wie ich eine Braut einfing
Ein afrikanischer Schelmenroman, der noch während der Kolonialzeit in Kamerun spielt.

Inhalt
Gar nicht glücklich sitzt der junge Jean-Marie Medza im Bus auf dem Weg nach Hause: Er ist durch die Abiturprüfung gerasselt und kann sich lebhaft ausmalen, wie sein cholerischer Vater darauf reagieren wird. Zum Glück ist der aber bei seiner Ankunft gerade in Geschäften unterwegs. Aber Freiheit und Ruhe kann er auch nicht genießen, Jean-Marie wird vom Dorfrat mit einer heiklen Mission beauftragt. Einem seiner vielen Vettern, einem Nichtsnutz, ist die Frau davongelaufen. Jean-Marie soll sie zurückholen. Die Reise geht nach Kala, in den „unzivilisierten“ Busch.

Ausgestattet mit dem neuen Fahrrad des Dorfvorstehers macht sich der junge Mann auf den Weg – und betritt in Kala eine neue Welt. Die Fortgelaufene ist nicht da, unterwegs, also bleibt Jean-Marie im Dorf und wartet auf sie. Für ihn ist das eine Bewährungsprobe. Der „city boy“ hat so gar keine Ahnung von den Normen, Werten und Gesetzmäßigkeiten im Dorf und muss sich ganz auf die aus zweifelhaften Gründen dargebotene Hilfe seines Onkels und die freundschaftliche Unterstützung eines Triumvirates junger Männer um seinen Cousin Sambo verlassen.

Auskunftsbüro der Kolonialmacht
Die Dörfler behandeln den jungen Mann als eine Art Auskunftei für alle Belange der Kolonialmacht, er muss die Weißen und ihre Welt erklären und wird wie eine Trophäe von Haus zu Haus, von Trinkgelage zu Trinkgelage weitergereicht. Die Alten laden ihn ein und schicken dem Onkel dafür Schafe als Gastgeschenke – dessen Herde wächst – und die Frauen verschlingen ihn mit den Augen. Ein gebildeter Junge, der obendrein in der Stadt wohnt! Sambo organisiert erotische Treffen für seinen jungen Freund, der als Städter sicher sehr erfahren und wählerisch sei – und der sich größte Mühe gibt, seine totale Unerfahrenheit zu verbergen. Ehe er sich versieht, hat er nicht nur das Trinken gelernt, sich das erste Mal verliebt und seine Jungfräulichkeit verloren, schwupps ist er auch verheiratet!

Die Ungetreue taucht auf, die Gnadenfrist ist verstrichen, erneut muss er heimkehren zu seinem hartherzigen Vater, diesmal mit noch mehr zu beichten als einer nicht bestandenen Prüfung! Aber dann stellt er fest, dass er ein anderer geworden ist, plötzlich trägt er den Keim zum Widerstand in sich. Auch Sambo erweist sich als treuer Freund und zusammen brechen sie auf in ein eigenes Leben.

Der Autor
Kaum zu glauben, aber diese humorvolle Geschichte ist bereits fast ein halbes Jahrhundert alt! Mongo Beti, der eigentlich Alexandre Biyidi hieß, schrieb diesen 1957 in Frankreich. In gewissem Sinne ist Jean-Marie Betis alter Ego, auch er wurde von den Weißen erzogen, ist dem Leben im Dorf entfremdet. Beti wurde 1932 in Kamerun geboren, 19jährig reiste er zum Studium nach Frankreich, wo er – mit Unterbrechungen – 32 Jahre lang lebte. 1954 erschien sein erster „Ville cruelle“,  1992 kehrte er nach Kamerun zurück und eröffnete in Yaounde eine ambitionierte Buchhandlung. Im Oktober 2001 verstarb Mongo Beti im Krankenhaus in Yaounde an Hepatitis und Nierenversagen.

Fazit
Mongo Beti hat hier einen leichtfüßig daherkommenden, liebenswerten Roman voller Witz, Poesie und sogar Slapstick geschrieben, ironisch zuweilen, zuweilen gewollt naiv. Ein absolutes Lesevergnügen.

Die Madonna im Pelzmantel

Sabahattin Al: Die Madonna im Pelzmantel
2007 erschien in der „Türkischen Bibliothek” des Unionsverlages Sabahattin Alis  Istanbul- Der Dämon in uns, im 2008 der zweite ins Deutsche übersetzte Roman des hierzulande leider immer noch weitgehend unbekannten Autors  Die Madonna im Pelzmantel. Auch in der Türkei gehörte Ali Jahrzehnte lang nicht zum Literaturkanon, wegen seiner abenteuerlichen, nicht konformen Lebensgeschichte.

Inhalt
Die Madonna im Pelzmantel ist ein Großstadtroman. Eingebettet wird die Liebesgeschichte zwischen dem Sonderling Raif Effendi und der deutschen Jüdin Maria Puder in eine Rahmenhandlung, einen „Büroroman“. Der Ich-Erzähler, ein arbeitslos gewordener Büroangestellter, erhält durch Protektion eine neue Arbeit in einem Büro, das er sich mit einem älteren Übersetzer teilt. Dieser Raif Effendi, von Kollegen und Vorgesetzten schikaniert, unterbezahlt und unterfordert, ist eigentlich ein begnadeter Übersetzer, aber seltsam lebensuntüchtig. Sein Büropartner beginnt sich für diesen unspektakulären Menschen zu interessieren, hinter dessen Passivität er eine Geschichte wittert, was sich bestätigt, als er dem häufig erkrankten Kollegen Material aus seinem Schreibtisch nach Hause bringt. Darunter ist zum Schluss auch ein schwarzes Heft mit Raif Effendis Liebesgeschichte.

In den 20er Jahren war dieser Raif Effendi von seinem Vater nach Berlin geschickt worden, um die Duftseifenproduktion zu erlernen. Der junge Türke, ziellos und schüchtern, wendet sich jedoch eher der Kunst zu als den profanen Dingen wie etwa der Seifenherstellung. In einer Ausstellung, die er besucht,  fasziniert ihn das Selbstportrait einer Künstlerin als Madonna im Pelzmantel. Immer wieder steht er vor dem Bild, erkennt jedoch die Künstlerin, die Jüdin Maria Puder, nicht, als sie ihn anspricht. Trotzdem kommt es zu einer Beziehung zwischen den beiden, die nicht an ihrer kulturellen Unterschiedlichkeit leidet, beide sind moderne Großstadtmenschen, sondern eher an den hohen Erwartungen an die Liebe, die der Wirklichkeit nicht standhalten, an der Schwierigkeit, die Distanz zu überwinden, an den Fragen, was Liebe eigentlich sei.

Spröde erzählte Liebesgeschichte
Die sehr spröde, trocken und zurückhaltend erzählte Liebesgeschichte birgt Sätze über die Liebe, die man sich als Leser auf rote Zettel herausschreiben möchte. „Ich hatte noch nicht begriffen, dass das wirkliche Leben nie so wunderbar sein kann wie unsere Träume”, kommentiert Raif Effendi seine Liebe, die scheitern muss an seiner Unsicherheit, seiner Einsamkeit und seiner Unfähigkeit, in dieser Welt irgendwie zuhause zu sein. Auch Maria, die stärkere von beiden, kommentiert das Scheitern ihrer Liebe nach der ersten gemeinsam verbrachten Nacht: „Ich hatte tatsächlich geglaubt, dass ich, wie von einer Zauberhand berührt, ganz und gar verändert würde, dass ich mich tief in meiner Seele unschuldig wie ein kleines Kind und gleichzeitig stark genug fühlen würde, um mein Leben zu meistern, kurz, dass ich mich heute Morgen beim Erwachen in einer völlig neuen Welt wiederfinden würde.”

Eine gemeinsame Zukunft gelingt den beiden nicht. Raif Effendi gibt sein Leben auf, in dem er sowieso nie wirklich angekommen war und ergibt sich seiner Melancholie, dem „Hüzün“, das Orhan Pamuk als Istanbuler Gefühl klassifiziert. Bei lebt Hüzün im Berlin der 20er Jahre, einer Metropole im Schatten kommenden Unheils. Die Madonna im Pelzmantel erschien zuerst 1940/41 als Fortsetzungsroman in einer Zeitung und 1943 in Buchform, das Berlin der 20er Jahre existierte da schon nicht mehr.

Fazit
Ein Roman über die Liebe, oder besser darüber, dass Liebe nicht gelingen kann, wenn man zu viel von ihr erwartet. Ein Roman über Melancholie, über das Leben im Schatten verpasster Gelegenheiten – aus der Feder eines verkannten türkischen Literaten, aber trotz so viel Negativen ein ganz wunderbarer, bitter-süßer Roman.

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