‘Romane’
Junggesellenabschied von Matt Rudd
Inhalt
William Walker kann sein Glück kaum fassen: Er hat es tatsächlich geschafft, seine Traumfrau Isabel zu heiraten und ist nun der Meinung, dass seinem Glück nichts mehr im Wege steht. Doch er hat sich die Ehe einfacher vorgestellt, als sie ist. Denn nach der glücklichen Hochzeit kommt es für William „ganz schön dicke“, denn die noch junge Ehe bekommt es mit zwei Problemen zu tun, die William und Isabel gewaltig zu schaffen machen.
Das erste Problem: Alex, Isabels „bester Freund“ aus Kindertagen macht William das Leben zur Hölle. Nicht genug, dass er sich erdreistet, Isabel in einer Kutsche mit vier weißen Pferden zum Traualtar zu geleiten, Alex lässt es sich außerdem auch nicht nehmen, auf der Hochzeitsfeier „I will always love you“ zum Besten zu geben. Das zweite Problem: Saskia, Williams hysterische und leicht nymphoman veranlagte Ex-Freundin, die es partout nicht lassen kann, William immer wieder Annoncen zu machen und ihn mit zweideutigen Angeboten „auf die Palme“ zu bringen…
Ein stellenweise durchaus kurzweiliger Roman – „ganz nett“, mehr jedoch leider nicht
Matt Rudd erzählt in „Junggesellenabschied“ eine klassische Geschichte. Ein junges Paar geht den Bund der Ehe ein, und kaum ist die Ehe geschlossen, lassen die Probleme nicht auf sich warten. Noch bei der Hochzeitsfeier glaubt William, dass Alex wirklich nur Isabels „bester Freund“ ist, der bei der Hochzeit lediglich etwas übers Ziel hinausgeschossen ist – doch schon bald muss er erkennen, dass Alex in Isabel mehr sieht als nur seine „beste Freundin“.
Er terrorisiert William, und mit seiner kriecherischen Art sorgt er dafür, dass William bald genug hat von Alex angeblicher „Fürsorge“, seinen freundlich daherkommenden Kontrollanrufen und seiner merkwürdigen Eigenart, Isabel stets mit „Süße“ anzusprechen. Doch nicht nur Alex drängt sich in das Eheleben von William und Isabel, auch Saskia, Williams Ex, die mit ihren Reizen nicht gerade sparsam umgeht, treibt immer wieder einen Keil zwischen das junge Paar.
Und so bleibt es nicht aus, dass William schon bald eine ernüchternde Bilanz zieht – die Ehe verläuft nun so gar nicht gemäß seinen Vorstellungen. Isabel kann nicht nachvollziehen, warum William Alex so verabscheut, und von der einstigen Freiheit in der Beziehung spürt William auch nichts mehr. Seine liebsten Rituale wurden ihm von Isabel ersatzlos gestrichen, und zu allem Überfluss lässt sich Isabel auch nicht von der Idee abbringen, aufs Land zu ziehen.
Im neuen Haus auf dem Land bekommen William und Isabel es dann noch mit einer verschrobenen Nachbarin zu tun, die immer wieder mit mysteriösen Geschenken und dubiosen Verhaltensweisen auf sich aufmerksam macht. „Junggesellenabschied“ schildert somit die typischen Probleme einer Ehe, natürlich verzichtet Matt Rudd dabei nicht auf das Stilmittel der starken Übertreibung. Stellenweise mag man dem Autor zustimmen, und „Junggesellenabschied“ ist auch bei weitem kein „misslungener“ Roman, doch leider verflacht die Handlung mit der Zeit immer mehr.
Fazit
„Junggesellenabschied“ ist ein kurzweiliger Roman, und stellenweise glänzt der Roman wirklich durch äußerst skurrile Situationskomik. Doch viele Pointen nutzen sich im Verlauf der knapp 370 Seiten immer mehr ab, und so wirkt das Ganze dann letztlich doch etwas klischeehaft. Zwar gelingt es dem Autor, am Ende des Romans noch einmal einige unerwartete Wendungen in die Handlung einzubringen, doch die Geschichte ist zu diesem Zeitpunkt bereits am Ende angelangt.
Viele gelungene Pointen gehen deshalb auch aufgrund der teilweise (zu) langen Passagen, in denen nichts passiert unter. Somit ist „Junggesellenabschied“ ein Roman, der beim einmaligen Lesen sicher für einige „Lacher“ gut ist, mehr als durchschnittlich „leichte Kost“ bietet „Junggesellenabschied“ aber leider nicht.
Boston Run von Frank Lauenroth
Inhalt
„Boston Run“ erzählt die Geschichte von Brian Harding, einem Läufer, der alles daran setzt, den Boston Marathon zu gewinnen. Doch Brian Harding war noch nie ein außergewöhnlich guter Sportler – deshalb vertraut er während des Laufs auch nicht auf seine körperliche Leistungsfähigkeit, sondern verlässt sich stattdessen lieber auf ein neuartiges Dopingmittel, welches die Leistungsfähigkeit seines Körpers um ein Vielfaches steigern soll. Brian ist nicht daran interessiert, anderen oder sich selbst etwas zu beweisen, schließlich weiß er bereits im Voraus, dass er den Boston Marathon gewinnen wird – ihm geht es einzig und allein um die Siegprämie von 150.000 Dollar.
Das Besondere an Brians Dopingmittel: Es baut sich während des Laufs im Körper ab, und nach etwa 2 Stunden wird die verbotene Substanz nicht mehr nachzuweisen sein – Brian hat also den scheinbar perfekten Plan. Doch Brian hat noch einen weiten Weg bis zur Siegprämie vor sich: Denn die NSA ist auf der Jagd nach der Formel des Dopingmittels und hängt sich an Brians Fersen. Und Brian muss erkennen, dass der NSA jedes Mittel recht ist, um an die Substanz in Brians Körper zu gelangen. Doch ist es wirklich nur Brian, der durch den Einsatz der Substanz triumphieren will?
Ein spannender Sport-Thriller mit überraschenden Wendungen
„Boston Run“ ist ein eher ungewöhnlicher Thriller. Die Intention des Autors Frank Lauenroth war es, einen Spannungsroman über ein Thema zu schreiben, welches so nur selten in der Literatur „beackert“ wird. Zu diesem Zweck schuf er den fiktiven Läufer Brian Harding, der gewillt ist, die Siegprämie des Boston Marathon einzustreichen und dabei auch nicht vor dem Einsatz eines Dopingmittels zurückschreckt.
Doch Brian Harding begibt sich nicht allein auf seine „Mission“: Im Hintergrund zieht ein hochintelligenter, aber jähzorniger ehemaliger NSA-Agent die Fäden. Dieser hat auch das Dopingmittel erfunden und verfolgt noch ein ganz anderes Ziel als Brian. Er will sich an seinen ehemaligen Kollegen bei der NSA rächen und seine Überlegenheit demonstrieren. Die Siegprämie ist für ihn zweitrangig, schließlich rechnet er mit geradezu gigantischen Einnahmen durch den Verkauf der Formel für das Dopingmittel.
Doch während des Laufs müssen Brian und sein „Mann im Hintergrund“ höllisch aufpassen. Brian immer wieder einzureden, dass er seine Kräfte einteilen muss, und möglichst unscheinbar auftreten soll, ist dabei noch eine der leichtesten Aufgaben für Chris, den Erfinder der Formel, der nun gemeinsam mit Brian den „Coup“ ausheckt. Chris hat deutlich mehr Probleme damit, sich selbst unter Kontrolle zu haben und die NSA immer wieder aufs Neue hinters Licht zu führen. Schließlich geschieht etwas völlig unerwartetes, und der Sieg beim Boston Marathon rückt für Brian Harding plötzlich in weite Ferne.
Fazit
Frank Lauenroth, der mit seinem Erstlingswerk „Simon befiehlt“ den Roman-Wettbewerb „Deutschland schreibt“ gewann, legt mit „Boston Run“ einen spannenden Thriller vor, der letztlich vor allem durch seine raffinierten und unerwarteten Wendungen überzeugt. An der einen oder anderen Stelle gleitet die Handlung etwas zu sehr in „klassische (amerikanische) Thriller-Klischees“ ab, was angesichts der mitreißenden Erzählweise und dem äußerst fesselnden Handlungsverlauf jedoch noch verzeihlich ist. Ein empfehlenswerter Thriller, der allen Liebhabern von kompromissloser Spannungsliteratur gefallen wird!
Kind 44 von Tom Rob Smith
Inhalt
Das Setting von „Kind 44“ ist überaus düster und ist in einer Ära angesiedelt, die in der Literatur nur selten beschrieben und behandelt wird: Die Sowjetunion der Stalin-Zeit. 1953 wird in Moskau ein Junge übel zugerichtet auf einem Bahngleis gefunden. Für die Behörden scheint der Fall klar: Im Russland der Stalin-Zeit gibt es offiziell keine Verbrechen, denn im Kommunismus hat ja angeblich niemand mehr einen Grund, Verbrechen zu begehen. Der Staat kümmert sich um jeden einzelnen Bürger und alle Menschen sind gleich. Verbrechen sind gemäß der kommunistischen Staatsdoktrin nur Ausdruck der Fehlentwicklungen in einer kapitalistischen Gesellschaft. Und so wird der Mord an dem kleinen Jungen kurzerhand zum Unfall erklärt.
Der MGB-Offizier Leo Demidow versucht sich selbst einzureden, dass es wirklich ein Unfall war, und auch wenn es ihm gelingt, die Angehörigen des Opfers davon zu überzeugen, dass es sich bei der Sache um einen Unfall und nicht um einen Mord handelt, versagt er bei dem Versuch, sein eigenes Gewissen zum Schweigen zu bringen. Doch seine Position erlaubt es Leo nicht, allzu kritisch zu sein. Aber Leo kommt einfach nicht zur Ruhe: Er stellt heimlich eigene Nachforschungen an, und macht sich damit selbst zum Staatsfeind. Langsam erkennt Leo, dass ein Serienkiller am Werk ist, und dass der kleine Junge Arkadi, der immerhin auch ein Sohn von einem Kollegen Leos war, nicht das einzige Opfer des Killers ist. Leo verfolgt die Spur des Serienkillers und bringt damit nicht nur sich selbst in Lebensgefahr…
Eine Reise in die dunkelste Episode der russischen Geschichte – absolut packend und alles andere als gewöhnlich
Der Debütroman von Tom Rob Smith avancierte in Deutschland binnen kürzester Zeit zum gefeierten Bestseller, der Thriller belegte unmittelbar nach seiner Veröffentlichung wochenlang Spitzenplätze in sämtlichen deutschen Bestsellerlisten. Dabei ist „Kind 44“ ein sehr ungewöhnlicher Thriller: Tom Rob Smith verzichtet komplett auf eine Identifikationsfigur, denn der Hauptprotagonist in Smiths Erstlingswerk, Leo Demidow, legt zwar im Verlauf der Handlung alte Verhaltensmuster ab und der Leser erlebt, wie sich ein regimetreuer, loyaler und unkritischer MGB-Offizier zu einem eigenständig denkenden Menschen entwickelt, der sich nur noch der Gerechtigkeit verpflichtet fühlt, doch Smith versteht es, den Hauptcharakter des Thrillers nicht durch eine übertriebene Persönlichkeitswandlung zu glorifizieren.
Dabei hat Smith überaus gründlich recherchiert: Die Geschichte in „Kind 44“ wirkt erschreckend glaubwürdig, und der Autor legt Wert darauf, die Charaktere so zu zeichnen, dass sie unglaublich lebensecht wirken. Doch nicht nur die Charaktere wirken absolut authentisch, auch der Handlungsverlauf wurde von Smith so beeindruckend realitätsnah angelegt, dass dem Leser das eine oder andere Mal der Atem stockt. Smith seziert die Gesellschaftsstrukturen in der stalinistischen Sowjetunion und zeigt, wie Menschen aus Angst um das eigene Leben vor nichts mehr zurückschrecken und innerlich mit allem abschließen.
Smith schreibt glasklar, fesselnd und schnörkellos, und seine Erzählweise wirkt dabei niemals platt oder voyeuristisch. Er lässt den Leser mit all seinen Erwartungen und Gefühlen allein und vermeidet es, den moralischen Zeigefinger zu erheben oder die Geschichte mit einer eigenen Meinung zu verwässern. Dass es Smith darüber hinaus gelingt, einen relativ klassischen Krimiplot in eine Umgebung zu transportieren, die in der Literatur meist zu kurz kommt, ist wohl ein weiterer Grund für den großen Erfolg von „Kind 44“.
Fazit
„Kind 44“ ist zweifellos einer der erfreulichsten Krimis der letzten Jahre. Der Thriller bietet mehr als nur eine willkommene Abwechslung zu den oftmals klischee-überladenen und standardisierten Werken des Thriller-Genres. Smith schuf mit „Kind 44“ einen Thriller, der es schafft, den Leser über 500 Seiten zu fesseln, ohne dass Smith dabei auch nur einen einzigen wirklichen Nebenschauplatz oder gar einen „Helden“ benötigt – ein wahrlich meisterhaftes Stück Literatur!
Sonntagsgeld von Philip Snijder
Inhalt
Mit seinem ersten Roman „Sonntagsgeld“ stellt der niederländische Autor Philip Snijder ein Werk vor, in dem nicht die Handlung dominiert. Vielmehr schildert er das Leben, den Alltag, das Milieu der Insel Bickerseiland, dem „Arme Leute Viertel“ von Amsterdam. Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht eines 11-jährigen Jungen. Er wächst in der Familie seiner Mutter auf. Sein Vater gehört nicht dazu.
Er hat etwas gelernt, nämlich Schneider, und hebt sich dadurch von der Masse der Inselbewohner ab. Er kennt sich auch in der Musik ziemlich gut aus. Das hat ihm sein Lehrmeister beigebracht. Der knapp 200 Seiten umfassende Roman gliedert sich in acht Kapitel, nämlich „Das Schüttchen“, „Sonntagsgeld“, „Immer ‘hai’“, „Der Twist“, „Lumpen“, „Das Männchen ist der Jäger“, „Das Kanu“ und „Morgenstimmung“.
Alltag auf einer Insel
Die Kapitel sind jeweils in sich abgeschlossen und malen ein Bild vom Alltag der armen Leute, deren Lebensweise und zeigen auf wie sie wohnen und ihre Zeit verbringen. Im ersten Kapitel „Schüttchen“ findet der junge Erzähler ein solches, nämlich eine Ansammlung von Dreck und Abfall im Wasser, die zu einer kleinen Insel wird, die man betreten kann. Wenn man Pech hat, versinkt man im Schlamm. Der Junge schildert eine Hochzeit in der Großfamilie, die immer nach der gleichen Zeremonie abläuft. Familie wird ganz groß geschrieben und spätestens gegen Abend ist die Wohnung voll mit Tanten und Verwandten, oder die Mutter stattet selbst Besuche ab.
Er erzählt von der Schule, und dass er der Klassenbeste ist und eine höhere Schule besuchen wird. Als dies feststeht, gehört er plötzlich nicht mehr dazu. Er hat dasselbe Schicksal wie sein Vater. Er wird zum Außenseiter. Seine Verwandten gehen auf Distanz. Der Junge erzählt, wie er jeden Sonntag, frisch gestriegelt und herausgeputzt, bei seiner Tante das Sonntagsgeld abholt, was immer nach einem bestimmten Ritus abläuft und zwar ab Punkt 10:30 Uhr. Sie ist eine Art Patentante, die sich mehr oder weniger um ihn kümmert. Hier wird er zum ersten Mal mit dem weiblichen Geschlecht konfrontiert, und zwar durch ein Heft, welches Nacktfotos zeigt. Sobald seine Tante und der Onkel nicht mehr aufpassen, studiert er das Heft mit großem Interesse.
Fazit
Der Roman lohnt sich auf jeden Fall. Wir lernen eine Seite aus einem Nachbarland kennen, die uns in einem Urlaub nicht unbedingt begegnet, die es aber trotzdem gibt. Für die Lektüre brauchen Sie Zeit. Der Roman ist nicht unbedingt als Bettlektüre gedacht. Er würde sich sicherlich etwas leichter lesen lassen, wenn der Autor in kurzen, nicht so verschachtelten Sätzen schreiben würde.
Heidelberger Requiem von Wolfgang Burger
Inhalt
Alexander Gerlach, die Hauptfigur des Romans „Heidelberger Requiem“, wird zum Chef der Heidelberger Kriminalpolizei befördert. Er freut sich über diesen Aufstieg und geht gleich auf Wohnungssuche und Entdeckungstouren in der Neckarstadt. Seine beiden Töchter – Zwillinge – sind vom bevorstehenden Umzug von Karlsruhe nach Heidelberg jedoch nicht begeistert. Doch Gerlach, dessen Frau vor einem Jahr verstorben ist, lässt sich nicht beirren.
Schon an seinem ersten Arbeitstag wird eine Leiche gefunden. Der Sohn eines bekannten Professors wurde auf grausamste Art ermordet. Er scheint in seinem Labor synthetische Drogen hergestellt und dann verkauft zu haben. Der Verdacht fällt auf einen Bekannten des Getöteten, zumal dieser zur Tatzeit in der Nähe des Tatorts war. Dieser bestreitet zwar die Tat, findet jedoch kein Gehör. Erst ein zweiter Mord entlastet ihn schließlich.
Auf der richtigen Spur
Per Zufall kommt die Truppe um Gerlach auf die richtige Spur. Eine Bekannte von Gerlach kann sich an eine ähnliche Geschichte erinnern, die allerdings schon einige Jahre zurückliegt. Ein Polizist, Volker Krahl, verlor zuerst seinen Sohn, der krank gewesen war, dann seine Tochter, die bei einem Autounfall ums Leben kam. Kurze Zeit später nahm sich seine Frau das Leben. Der Polizist wird immer unumgänglicher und wird schließlich versetzt.
Die Geschichte gerät in Vergessenheit. Als Krahl erfährt, dass er nicht mehr lange zu leben hat, beschließt er Rache an dem Mann zu nehmen, den er für den Tod seines Sohnes verantwortlich macht: Professor Grotheer. Er bringt zuerst dessen Sohn um, dann die Tochter. Die Polizei glaubt, er werde als nächstes Grotheers Frau umbringen und versucht, dies mit allen Mitteln zu verhindern. Aber sie irren sich. Krahl bringt die Geliebte des Professors um, ehe die Polizei ihn dingfest machen kann.
Fazit
Der Roman ist leicht zu lesen und verständlich geschrieben. Durch die beiden Zwillinge des Helden kommt Farbe und Atmosphäre in den Krimi. Gerlach muss sich mit den neuen Untergebenen und der Sekretärin arrangieren, was nicht immer leicht ist und auf gekonnte Art und Weise in den Roman eingeflochten wurde. Er möchte zu gerne wissen, warum die Wahl gerade auf ihn gefallen ist, zumal viele auf diesen Posten aus waren, so auch eine Untergebene von ihm – was die Zusammenarbeit nicht gerade vereinfacht.
Am Ende erfährt er es. Die Frau seines Chefs hat diese Entscheidung getroffen. Sie hat sich aufgrund von der Bewerbung, die ihr in die Hände kommt, in Gerlach verliebt. Kein Zufall, dass sie es auch schafft, diesen in ihr Bett zu bringen. „Heidelberger Requiem“ ist leichte Bettlektüre, die Sie sich nicht entgehen lassen sollten.
Zeit deines Lebens von Cecilia Ahern
Inhalt
Alles beginnt mit einem gefrorenen Truthahn, der die weihnachtliche Idylle zerstört, weil er unerhörterweise durch ein Fenster fliegt. Mit diesem ungewöhnlichen Ereignis am Weihnachtsfeiertag setzt die Handlung des Romans ein. Es geht um einen ganz normalen Menschen und sein ganz normales Leben als Familienvater und erfolgreicher Geschäftsmann. Doch in Lou Sufferns Leben ist einiges in die Schieflage geraten, eigentlich ist nur die Fassade intakt, perfekt bis ins I-Tüpfelchen. Lou ist attraktiv, hat einen guten und lukrativen Job, eine wunderbare Ehefrau und zwei wunderbare Kinder, wird geschätzt und lebt ein tolles Leben, ein Bilderbuchmensch vom Scheitel bis zur Sohle. Und trotzdem kann er das, was er hat, nicht genießen: Er intrigiert, um den Job seines Kollegen zu bekommen, betrügt seine Frau und kennt sein BlackBerry besser als seine Kinder. Lou kann alles, macht alles, will alles und das sogar gleichzeitig. Dass er dabei aber den Überblick verliert und alles nur halb erledigt zurücklässt, fällt ihm gar nicht auf.
Aber eines Tages, auf dem Weg zu seinem Büro, begegnet er dem Obdachlosen Gabe. Das ist das erste einer Menge voller ungewöhnlicher und wundersamer Ereignisse. Lou ist von Gabe gleichermaßen fasziniert wie irritiert. Aus einer Laune heraus gibt er dem mysteriösen Obdachlosen einen Job in seiner Firma und merkt, wie ihm nacheinander die Fäden seines scheinbar perfekten Lebens aus den Händen gleiten und seine Lebensgeschichte eine ganz eigene Dynamik entwickelt. Lou wird mit der Wahrheit konfrontiert. Lous Fassade beginnt zu bröckeln und er muss sich entscheiden, wie er sein Leben weiterleben möchte und welche Prioritäten wirklich für ihn entscheidend sind. Dabei bekommt er immer wieder Unterstützung von dem mysteriösen Gabe, der scheinbar über alles Bescheid weiß, und der Handlung unerwartete Wendungen durch sein Eingreifen verleiht. Lous Leben wird komplett auf den Kopf gestellt.
Fazit
Die Geschichte des Karrieremenschen Lou Suffern, der lernen muss, was im Leben wirklich wichtig ist, wird unterhaltsam, fantasievoll und lebendig erzählt. In vielen urkomischen, spannenden, berührenden und traurigen Situationen kann man als Leser mitverfolgen, wie Lou sich verändert und wie er sich Stück für Stück selbst erkennt. Trotzdem sind der Inhalt an sich und die Figuren im Grunde nichts Neues. Es gibt den karrieregeblendeten Geschäftsmann, der für seinen Erfolg die eigene Familie vernachlässigt. Die betrogene und enttäuschte Ehefrau versucht verzweifelt, die Familie zusammenzuhalten und die vernachlässigten Kinder sind ihrem Vater fremd geworden.
Figuren, die zwar sympathisch und verständlich dargestellt werden, aber dennoch stereotypisch sind. Doch dann kommt Gabe ins Spiel. Der rätselhafte Obdachlose lockert die Situationen auf und gibt der Geschichte eine mysteriöse und deshalb interessante Note. Gabe macht das Buch lesenswert. Er führt die stereotypen Figuren in ungewöhnliche Situationen voller Überraschungen. Das macht Lous Geschichte interessant und besonders. Auch wenn der moralische Hammer leider ziemlich deutlich geschwungen wird, ist die Geschichte an sich sehr interessant und bewegend.
Geheimauftrag in Wologizi von Vamba Sherif
Inhalt
Als William Mawolo, der Held des Romans, in Wologizi, einem Kaff im Nirgendwo, ankommt, ist es unglaublich heiß. Der „alte Mann“ hat ihn mit einem Geheimauftrag hier hergeschickt. Der „alte Mann“ ist der Diktator eines fiktiven afrikanischen Staates, ein Diktator, dessen Bilder überall hängen, dessen Schatten allmächtig ist. Geheim bleibt Mawolos Geheimauftrag nicht lange und auch seine Fähigkeiten als Ermittler in der ihm fremden archaischen Welt sind nicht sonderlich beeindruckend – dabei ist der „Fall“ allein schon verworren genug.
Auf der Suche
In der kleinen Grenzstadt ist der Kommandant namens Tetese samt seiner Miliztruppe plötzlich spurlos verschwunden. Mawolo beginnt seinen Auftrag, die Suche nach dem Verschwundenen, zuerst ganz klassisch mit der Befragung aller wichtigen Einwohner des Ortes. Doch niemand will ihm etwas sagen oder schlimmer, erzählt ihm plötzlich dies und das, Wahres und Gelogenes. Tetese, so stellt sich heraus, war keineswegs beliebt. Seine Geschichte ist bizarr. Ursprünglich von allen verachtet, ein Versager, verschwand er plötzlich, um ein Jahr später als Kommandant mit einer Miliz wieder aufzutauchen und ein Terrorregime zu errichten. Sein Hauptziel schien Rache zu sein, am Schwiegervater, der ihm die Tochter nicht gönnte, am abgesetzten alten Häuptling, dessen Platz er einnahm, an allen. Nur seine schöne Tochter Makemeh blieb von seinem Terror verschont, die Tochter, die er mit der begehrenswertesten Frau Wologizis gezeugt hatte.
Wie konnte das nur geschehen, wieso hatte sich die schönste Frau des Ortes ausgerechnet mit dem Versager, dieser Witzfigur, eingelassen ? Und hat Tetese seine schöne Frau nach seiner Rückkehr getötet? Tot ist sie jedenfalls. Und was verbindet Tetese mit dem libanesischen Ladeninhaber? Warum hat der Diener des Schreiners Angst um sein Leben? Und was bedeuten diese infernalischen Jammergeräusche, die Mawolo den Schlaf rauben, die aber kein anderer gehört haben will. Der Ermittler aus der Stadt weiß bald nicht mehr weiter, und dass er sich auch noch unsterblich in Makemeh verliebt hat, macht die Sache nicht leichter. Auch nicht, dass ihm eine der Frauen des Bürgermeisters nachstellt.
Nichts scheint so zu laufen, wie es sich Mawolo gedacht hatte, alles läuft aus dem Ruder. Wie soll er sich vor dem „alten Mann“ verantworten? Mawolo versucht es auch mit Gewalt, er versammelt ebenfalls eine Miliz um sich und versucht, als Ermittler, Richter und Henker in einem, den Fall noch zu lösen. Als Ermittler hat er versagt, als Richter verpatzt er es schließlich auch.
Ein anderes Afrika
Mawolo hat es in Wologizi mit einer anderen Welt zu tun, einem anderen Afrika, als er es kennt. Hier herrscht noch Magie, der Glaube an alte Kulte. Dieses fiktive afrikanische Land ist genauso wie die Heimat des Autors, Liberia, durch einen grausamen Bürgerkrieg unmenschlich geworden. Die Bewohner Wologizis sind einerseits grausam, andererseits seltsam unterwürfig, wollen ihre Ruhe, ducken sich weg und lügen ohne Hemmungen – gefährlich für den Ermittler, der Wologizi nicht mehr verlassen wird.
Fazit
Wer sich für ein Afrika abseits westlicher Klischees interessiert und auch mal etwas von einem afrikanischen Autor lesen will, kann mit „Geheimauftrag in Wologizi“ gut anfangen. Vamba Sherif erzählt eine Geschichte, ohne irgendwelche psychologischen Einsichten in die handelnden Personen. Das ist ungewöhnlich, wenn man sich aber darauf einlässt, ist dieser außergewöhnliche Krimi sehr interessant.
Alle sieben Wellen von Daniel Glattauer
Inhalt
Leo Leike und Emmi Rothner verbindet eine äußerst ungewöhnliche Freundschaft. Als Emmi Rothner eines Tages versucht, per E-Mail ihr Abonnement der Lifestyle-Zeitschrift „Like“ zu kündigen, landen ihre Kündigungs-Mails immer wieder irrtümlicherweise bei Leo Leike. Dieser entscheidet sich schließlich dazu, Emmi Rothner in kurzen Worten mitzuteilen, dass er nicht der richtige Ansprechpartner ist, was Emmis Kündigungsabsichten betrifft. Emmi entschuldigt sich für das Missverständnis, doch nicht nur der Leser ahnt an dieser Stelle bereits, dass es mit Leo und Emmi noch weitergehen wird…
Genau dort beginnt auch „Alle sieben Wellen“, genauer gesagt setzt die Handlung des Romans da ein, wo „Gut gegen Nordwind“ aufhört“. Trotzdem kann „Alle sieben Wellen“ auch als geschlossene Geschichte für sich selbst betrachtet werden. Nachdem Leo Leike am Ende von „Gut gegen Nordwind“ die E-Mail-Beziehung zu Emmi Rothner abrupt beendet hat, erfährt die mehr als ungewöhnliche und vielleicht auch gerade deshalb so faszinierende Freundschaft nun in „Alle sieben Wellen“ einen Neubeginn, der gleichzeitig Fortsetzung und Vertiefung einer wunderbaren Freundschaft zwischen zwei Seelenverwandten ist.
Eine klassische Geschichte – wunderbar einfühlsam erzählt und brillant umgesetzt
„Wie es mit uns weitergehen soll, Leo? – Weiter wie bisher. Wohin? – Nirgendwohin. Einfach nur weiter. Du lebst dein Leben, ich lebe mein Leben. Und den Rest leben wir gemeinsam.“ Soweit der Klappentext von „Alle sieben Wellen“. Diese wenigen Sätze bilden die Quintessenz von Glattauers zweitem „Leo-Emmi-Roman“. Doch diese wenigen Sätze vermögen nicht die Tiefe und Bedeutungsschwere der „Beziehung“ zwischen Leo Leike und Emmi Rothner wiederzugeben. Ihre „E-Mail-Freundschaft“ ist vielmehr als nur der elektronische Schriftwechsel zweier Freunde, die sich trotz aller Gemeinsamkeiten immer ein Stück weit fremd bleiben, sondern es ist eine innige Verbundenheit zweier Seelen, zweier Menschen, die trotz aller gegenseitigen Beteuerungen immer etwas im luftleeren Raum schwebt – und vielleicht gerade deshalb so reizvoll ist.
Für den Leser entfaltet „Alle sieben Wellen“ seinen besonderen Reiz vor allem dadurch, dass er die Gefühle der beiden Protagonisten hautnah miterleben kann – der Leser leidet mit Emmi, die Angst hat, Leo für immer zu verlieren, und er kann Leos Handeln nachvollziehen, der zwischen einer Beziehung zu einer „realen“ Person und der Verbundenheit zu Emmi hin- und herschwankt, und sich letztlich selbst nicht immer sicher ist, ob sein Verhalten richtig oder angemessen ist. „Alle sieben Wellen“ weckt tiefe Gefühle, die sich oft nur schwer in Worte fassen lassen, und besonders die Sätze „zwischen den Zeilen“ lassen nachempfinden, wie schwierig es manchmal sein kann, Zuneigung zu einem Menschen zu empfinden, der einem in gewisser Weise näher steht als jeder andere und der doch so weit entfernt ist – nicht nur die physische Distanz, sondern auch die zuweilen erkennbare emotionale Distanz zwischen Leo und Emmi bricht sich in „Alle sieben Wellen“ Bahn, und trotz des ständigen gegenseitigen Austauschs wissen beide Protagonisten mit diesem Umstand nicht so recht umzugehen.
Fazit
Mit „Gut gegen Nordwind“ und „Alle sieben Wellen“ hat Daniel Glattauer dem fast vergessenen Genre des „Briefromans“ neues Leben eingehaucht. „Alle sieben Wellen“ erzählt auf anspruchsvolle und fesselnde Weise eine mindestens ebenso wunderschöne Liebesgeschichte wie „Gut gegen Nordwind“. Christine Westermann schreibt über den Roman: „Reicht es, wenn ich bei allem was mir lieb ist, versichere, dass der neue E-Mail-Roman von Daniel Glattauer genauso schön ist wie sein erster? Das muss einfach reichen.“ Dieser Aussage ist dann auch nicht mehr viel hinzuzufügen. Nicht nur „Stammleser“ von Liebesromanen werden mit „Alle sieben Wellen“ viel Freude haben – der Roman ist allen Liebhabern von anspruchsvoller zeitgenössischer Literatur bedingungslos zu empfehlen!
Hirngespinste von Markus Orths
Inhalt
Ein junger Autor steht vor einer scheinbar unlösbaren Aufgabe: Er soll endlich seinen zweiten Roman fertigstellen. Der Name des Schriftstellers: Kranich, Lehrer für Englisch und Deutsch – den Lesern von Markus Orths erstem Roman „Lehrerzimmer“ wird Kranich bereits bekannt sein. Doch nachdem Kranich mit „Lehrerzimmer“ seinen ersten Erfolg als Literat hatte, fällt er in ein Loch. Zwar ist er selbst von der Genialität seines zweiten Werks „Schreib, Maschine!“ absolut überzeugt, doch Kranichs Verleger ist unglücklicherweise völlig anderer Meinung: „Schreib, Maschine!“ sei Schrott, und da auch der Verleger selbst in Kranichs neuem Roman nicht besonders gut wegkommt, ist Kranichs Verleger noch weniger gewillt, Kranichs zweiten literarischen Versuch zu veröffentlichen.
Doch von einem Misserfolg lässt sich Kranich noch nicht abbringen: Er entschließt sich zu einem Umgebungswechsel und zieht bei seiner Tante Erna ein – zwar hatte Kranich sich die „neue Umgebung“ etwas anders vorgestellt, doch seine finanzielle Situation ließ ihm nicht viele Wahlmöglichkeiten, denn seinen Job als Lehrer an einem Frankfurter Gymnasium hat er bereits nach kurzer Zeit wieder an den Nagel gehängt, und das Geld, welches er dank des Erfolgs von „Lehrerzimmer“ zurücklegen konnte, ist mittlerweile auch aufgebraucht. Nun versucht Kranich verzweifelt, in der kleinen Dachwohnung seiner Tante Erna seinen zweiten (eigentlich ja schon seinen dritten, denn der zweite wurde ja nur nicht veröffentlicht) Roman zu Papier zu bringen.
Plötzlich hat Kranich eine geniale Idee und bereitet sich auf den großen Erfolg vor – Kranich ist der Meinung, dass er schon bald in die Riege der internationalen Bestsellerautoren aufsteigen wird. Er ist von seiner Idee so überzeugt, dass er sich bereits ausmalt, wie sich seine Idee zu einem Epos entwickelt, wie jährlich neue Fortsetzungen der gefeierten Erzählungen um einen unsterblichen Grafen erscheinen, und wie schließlich der Veröffentlichungstermin eines jeden neuen Bandes der „Kranich-Erzählungen“ zum nationalen Feiertag erklärt wird. Das einzige Problem an der Sache: Nach Wochen hat Kranich immer noch nicht mehr als den ersten Satz seiner Erzählung um den Grafen geschrieben, und bald ist Kranich selbst nicht mehr von seinem „genialen Einfall“ überzeugt.
Seine finanzielle Lage nimmt derweil immer „ernstere Züge“ an, und zu allem Überfluss nistet sich in der Zwischenzeit auch noch Kranichs schwangere Schwester Tamara bei ihm ein. Kranich weiß nur eins: Er braucht dringend einen „literarischen Quickie“, einen Roman, den er schnell schreiben kann und mit dem er ebenso schnell Geld verdienen kann. Um seine Schreibblockade zu überwinden, nimmt Kranich die Hilfe eines Neurowissenschaftlers in Anspruch, der versucht, Kranichs Hirn mithilfe einer experimentellen Methode auf Trab zu bringen und in neue Bewusstseinssphären vordringen zu lassen. Ein Versuch, dessen Ergebnis eher zweifelhafter Natur ist…
Ein wahnwitziger Roman, der mit viel Sprachwitz und Einfallsreichtum begeistern kann
Die Figur des Lehrers Kranich lehnt sich an den Verfasser Markus Orths selbst an, ohne dass die Romane von Markus Orths autobiographisch sind oder so wirken. „Hirngespinste“ beschreibt, wie es mit Kranich nach dem Erfolg von „Lehrerzimmer“ weitergeht, und die fixen Ideen und abstrusen Vorstellungen mit denen sich Kranich in „Hirngespinste“ beschäftigt – von einer „Auseinandersetzung“ mit den Gedanken kann wahrlich keine Rede sein, denn Kranich ist von seinem eigenen Können stets überzeugt – sind ungemein skurril, ohne unglaubwürdig zu wirken. Orths gelingt es stets, die Balance zwischen der teils schon ins Groteske abdriftenden Situationskomik auf der einen Seite und der beeindruckend authentischen Erzählweise auf der anderen Seite zu halten.
Dabei vermittelt schon der Klappentext einen ersten Eindruck von dem, worum es in „Hirngespinste“ geht: „Ein anderer, sagte V., dieser Eberhardtner, der hat mir mal, das ist ja schon zwanzig Jahre her, da hat der mir ein Manuskript geschickt: 354 leere Seiten. Einfach leer. Nichts drauf. Das Ganze hatte sogar einen Titel: Der Tanz der weißen Buchstaben. Wenn du willst, hat Eberhardtner gesagt, kann ich den Text noch kürzen.“ In Markus Orths zweitem „Kranich-Roman“ gibt es noch einige solcher Passagen. Der Roman vermittelt auf äußerst amüsante Weise einen Eindruck vom häufig so „angestrengt ernsten“ Literaturbetrieb und erzählt die Geschichte eines Schriftstellers, der auf der Suche nach der Freiheit ist und dabei immer wieder in den Wirrungen des Alltags verloren geht.
Fazit
„Hirngespinste“ ist ein leicht zu lesender, vergleichsweise kurzer Roman, der mehr bietet als nur „solide Unterhaltung“ – der Roman ist so unfassbar komisch, dass man ihn besser nicht in Gesellschaft lesen sollte – die Mitmenschen könnten sich sonst aufgrund von unerwarteten Lachanfällen erschrecken. Markus Orths beweist mit seinem zweiten „Kranich-Roman“ einmal mehr, dass er die zahlreichen Preise, mit denen er seit dem Jahr 2000 ausgezeichnet wurde, absolut verdient hat.
Ruhm von Daniel Kehlmann
Inhalt
Ein bekannter Schauspieler wird von einem auf den anderen Tag nicht mehr angerufen – er bekommt keine Angebote mehr, und immer mehr nagen Selbstzweifel an ihm. Er begreift nicht, was er falsch gemacht haben könnte, und muss erkennen, dass das Schicksal manchmal grotesk sein kann. Ein verwirrter und völlig orientierungsloser Angestellter eines Mobilfunkkonzerns wünscht sich nichts sehnlicher, als einmal als Figur in einem Roman vorzukommen – in der Zwischenzeit vertreibt er sich seine Zeit damit, andere User von dubiosen Internetforen wüst zu beschimpfen.
Ein Schriftsteller, der weltweit als Esoterik-Guru gefeiert wird, verzweifelt an sich selbst und steht kurz vor dem Suizid. Währenddessen begibt sich eine Schriftstellerin auf eine Reise nach Zentralasien und bleibt dort unfreiwillig „hängen“. Eine alte Dame hadert mit ihrem Schicksal und beklagt sich bei dem Schriftsteller, der sie erfunden hat, über ihren unwürdigen Tod. All diese Figuren treffen in „Ruhm“ mehr oder weniger direkt aufeinander. Daniel Kehlmann verbindet die Einzelschicksale seiner Protagonisten zu einem großen Ganzen, bei dem der Leser selbst erkennen muss, wie alle Schicksale unweigerlich miteinander verbunden sind – ohne dass die Charaktere in „Ruhm“ dies selbst bemerken.
Ein meisterhafter „literarischer Episodenfilm“
„Ruhm“ ist kein klassischer Roman, vielmehr knüpft das nunmehr zehnte Werk von Daniel Kehlmann, der unter anderem mit dem Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung und dem Literaturpreis der Tageszeitung „Die Welt“ ausgezeichnet wurde, an die Tradition von Episodenfilmen an. Kehlmann hält sich in „Ruhm“ nicht lange mit der Einführung der Figuren auf, sondern der Roman steigt direkt ins Geschehen ein. Nur langsam wird dem Leser klar, wie die Geschichten der einzelnen Figuren miteinander verbunden sind.
Kehlmann kokettiert dabei gekonnt mit dem Einfluss des Schicksals auf das Leben der Protagonisten – oft ist nur zwischen den Zeilen erkennbar, wie hilflos die einzelnen Charaktere dem über alles erhabenen Schicksal ausgeliefert sind, und wie sie häufig gar nicht bemerken, dass sie ihr Leben schon seit geraumer Zeit nicht mehr selbst in der Hand haben.
Der Schreibstil von Kehlmann bewegt sich dabei zwischen tiefer Melancholie und schwebender Leichtigkeit, wobei stets deutlich erkennbar ist, wie schnell sich die Situation ändern kann, und wie zerbrechlich die einzelnen Charaktere sind – der Roman zeigt auf beeindruckend präzise Weise, wie bedeutungslos der Einzelne ist und wie selbst bekannte und „gefeierte“ Persönlichkeiten binnen kürzester Zeit in Vergessenheit geraten können.
„Ruhm“ kann mit außergewöhnlichen Perspektivwechseln aufwarten, die sich auch im Wechsel der Erzählstile vollziehen. Während in der einen Geschichte ein auktorialer Erzähler noch über das Geschehen wacht und die Ereignisse sogar kommentiert, wird die nächste Geschichte aus der Sicht eines einzelnen Protagonisten erzählt, der der Situation völlig hilflos ausgeliefert ist. Kehlmanns ganzes Können zeigt sich dabei insbesondere in der Geschichte „Ein Beitrag zur Debatte“, in der ein völlig verwirrter, übergewichtiger und absolut unsympathisch wirkender Büroangestellte völlig zusammenhanglos seine Lebenswirklichkeit wiedergibt und kommentiert. Auf den ersten Blick erscheint dies skurril, doch schon bald wird dem Leser klar, wie sich gerade diese Geschichte auf den gesamten Verlauf des Romans auswirkt.
Fazit
Die „Süddeutsche Zeitung“ schreibt über den Autor von „Ruhm“: „Bei Daniel Kehlmann scheint sich der Genieverdacht zu erhärten“. Und mit „Ruhm“ tritt Kehlmann den Beweis für diese These an. Der Roman überzeugt durch eine präzise Schilderung der Ereignisse, einen absolut mitreißenden Erzählstil und einen Handlungsverlauf, der alles andere als alltäglich ist. Kurzum: „Ruhm“ ist ein weiteres exzellentes Werk von einem der wichtigsten deutschsprachigen Autoren der Nachkriegszeit.
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