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‘Neofolk’

Mermaid Avenue – The Complete Sessions

Mermaid Avenue – The Complete Sessions

Im Jahr 1998 erschien die CD „Mermaid Avenue“, eine Kooperation des englischen Sängers (größter Hit: „A New England“) mit der damals noch aufstrebenden heute aber hoch angesehenen US-Band . Es handelte sich um ein ganz spezielles Projekt, denn Bragg und Wilco vertonten bis dato unbekannte Texte einer Legende.

Der Name dieser Legende ist Woody Guthrie. Dieser Folksänger, das größte Vorbild eines gewissen Bob Dylan, hat über 1000 Songtexte hinterlassen, zumeist ohne Musik dazu geschrieben zu haben. Hauptsächlich entstanden diese Lieder in den 40er und 50er Jahren in der Mermaid Avenue in Coney Island, Brooklyn, was den Titel der CD erklärt.

Seine Tochter Nora hat die hinterbliebenen Songlyrics in den 90er-Jahren entdeckt und wollte sie der Öffentlichkeit zugängig machen. Sie entschied sich Billy Bragg mit diesem Projekt zu betrauen. Und dies, obwohl dieser Engländer ist und kein Amerikaner.

Aber er spielte in seinen Konzerten immer wieder Guthrie-Songs und hatte wohl auch die gleiche politische Gesinnung wie Woody. Bragg wiederum tat sich mit Wilco zusammen, um die Songs zu vertonen und zu arrangieren.

Beide Parteien waren bei diesem Projekt gleichberechtigt. Später kam noch die in den 90’ern durchaus berühmte Sängerin Natalie Merchant (ihre Band hieß 10,000 Maniacs) als weibliche Stimme hinzu.

Nun erscheinen Mermaid Avenue 1 und 2 (ursprünglich im Jahr 2000 auf den Markt gebracht) mit weiteren Songs und einer DVD (Titel „Man In The Sand“) neu als kleines, feines Boxset. Der Grund ist simpel: Am 14. Juli wäre Woody Guthrie 100 Jahre alt geworden.

Der berühmte Folksänger, dessen „This Land Is Your Land“ in den USA so eine Art allgemeines Kulturgut ist, verstarb am 3. Oktober 1967 im Alter von nur 55 Jahren.

„Mermaid Avenue – The Complete Sessions” lohnt ohne Wenn und Aber die Entdeckung, nicht nur wegen der bisher unveröffentlichten Aufnahmen auf CD 3. Und auch nicht wegen des 1999 gedrehten Doku-Films “Man In The Sand” auf DVD. Es ist einfach tolle Musik.

Wer Wilco mag oder Billy Bragg muss hier zugreifen, besonders, wenn die Original-CDs noch gar nicht im Schrank stehen. Und wer einfach handgemachte Musik mag, Folk, sei es Dylan oder den ruhigen Bruce Springsteen, um einmal große Namen zu nennen, der sollte diese Veröffentlichung austesten.

Noch ein paar Worte zum Film. Billy Bragg wird bei diesem Projekt begleitet. Er besucht Guthries Wohnort, man bekommt Einblicke in die Studioarbeit und natürlich gibt es Interviews mit allen Beteiligten. Leider ohne Untertitel. Die Musik ist bei diesem Boxset wichtiger.

Fazit

„Mermaid Avenue – The Complete Sessions” gehört in die Sammlung jedes Musikfreundes mit einer Vorliebe für Folk. Für den aufgerufenen Preis wird einiges geboten: immerhin 47 Songs und eine 90minütige DVD.

Niels Frevert – Zettel auf dem Boden

Niels Frevert – Zettel auf dem Boden

Nicht gerade wenige gezielt musikhörende Menschen halten Niels Frevert für den besten deutschen Singer-Songwriter. Der Hamburger ist leider viel zu unbekannt, obwohl er einige tolle Alben herausgebracht hat. Allerdings auch nur vier seit Ende der 90’er, was nun wirklich nicht viel ist. Vor einigen Wochen erschien „Zettel auf dem Boden“ als Nummer 4 und ist wieder einmal äußerst empfehlenswert.

Frevert ist wesentlich ruhiger als in den 90’ern, als er in der Rockband Nationalgalerie spielte und mit „Evelin“ und „Tütensuppe“ auch Hits hatte. Die alten Alben seiner Band sollen bald neu aufgelegt werden. „Indiana“ und „Meskalin“ waren wirklich großartig, aber auch ganz anders als das eher ruhige und meist akustische Solowerk.

Besonders die Texte sind wie immer phantastisch. Die Single trägt den so schrägen wie genialen Titel „Ich würde Dir helfen eine Leiche zu verscharren wenn’s nicht meine ist“ und ist ein absoluter Ohrwurm. Leider darf man Zweifel haben, ob dieser Song im Radio gespielt wird. Einzelne TV-Einsätze gab es allerdings.

Eine Tourbescheinung ist „Zürich“. Ähnliches gab es bereits auf dem letzten Album mit „Der Typ der nie übt.“ Zürich und das anschließende, textlich so ungewöhnlich wie logische „Küchensee“ sind die wahren Highlights des Albums. Welcher deutsche Texter kommt auf Zeilen wie „Unter der Spüle, hinter Abwaschschwämmen, Glühbirnen und Waschmittel liegt verborgen der Weg zum Gasthaus am Küchensee?“ Es wäre irgendwie toll, jemanden diese Zeilen auf der Straße singen oder summen zu hören.

Das Album hat keine Schwächen. Das Hermann van Veen-Cover „Bis jemand mich hört“, fügt sich nahtlos ein und bildet mit dem einleitenden „Schlangenlinien“, dem prägnanten „1m2 Regenwald“, dem ungewöhnlichen „Frustrationstoleranz, Herr Frevert“, dem jenseitigen Liebeslied „Blinken am Horizont“ und dem poppigen „Wohin hat es deine Sprache verschlagen“ ein äußerst stimmiges Werk ohne Schwachpunkte.

„Zettel auf dem Boden“ gibt es auch in einer limitierten Version mit einer Pianoversion von „Blinken am Horizont“, einer Orgel-Version von „Ich würde Dir helfen eine Leiche zu verscharren wenn’s nicht meine ist“, einer Akustik-Fassung von „Wohin hat es deine Sprache verschlagen“ und zwei älteren Live-Stücken.

Fazit:
Wer den 44jährigen nicht kennt, aber gerne gute Musik mit deutschen Texten hört – also etwas anspruchsvolles, keinen billigen Pop oder gar Schlager –, der sollte Niels Frevert für sich entdecken. „Zettel auf dem Boden“ ist ein guter Anfang, aber das selbstbetitelte Debüt (mit dem kleinen Hit „Doppelgänger“), das Comeback „Seltsam öffne mich“ und das letzte Werk „Du kannst mich an der Ecke rauslassen“, sie alle gehören in jeden guten Plattenschrank. Und sollen dieser Tage tatsächlich auf Vinyl wiederveröffentlicht werden.

Gae Bolg – Aucassin Et Nicolette

Gae Bolg – Aucassin Et Nicolette

  1. Prélude
  2. Invocation I
  3. Le Diable Parle
  4. La Maladie D’Aucassin
  5. Chanson
  6. Sur Les Bords De L’Ille
  7. Dans La Loge
  8. Les Visions De Théophile
  9. Invocation II
  10. Danse
  11. Le Cygne Noir
  12. Ballade
  13. Passacaille
  14. Le Retour D’Aucassin
  15. Aucassin Et Nicolette

Aucassin Et Nicolette, das Album

Bei Gae Bolg handelt es sich um ein Projekt des Franzosen Eric Rogers, der sich vor allem als Trompeter bei der legendären Neofolkband Sol Invictus verdient gemacht hat. Ursprünglich war Gae Bolg als eine Art Nebenprojekt zu Eric Rogers Hauptformation Seven Pines, die rein stilistisch dem Dark Folk zuzuordnen ist. So überrascht es auch nicht das Gae Bolg über weite Strecken an den Stil von Seven Pines erinnert, wenn auch gerade die frühen Bolg-Scheiben weitaus reduzierter produziert sind.

Auch hat Eric Rogers Seven Pines nie wirklich auf Eis geleget, sondern veröffentlicht alle paar Jahre immer noch Alben unter diesem Namen, sodass gleich mehrere Projekte parallel existent sind. Die Musik von Gae Bolg zu beschreiben ist nicht gerade einfach, die Grundstimmung erinnert an mittelalteriliche Kirchenmusik, wobei ein spezielles Element von Gae Bolg hinzukommt und das sind brachiale Trommelklänge, die sehr schwer und martialisch sind. So hat die Musik von Gae Bolg auch etwas sehr apokalyptisches an sich, man fühlt sich oftmals an die spanische Inquistition erinnert, wo Unrecht und Unterdrückung zur Tagesordnung gehörten.

Aucassin Et Nicolette durchbricht diese Stimmung etwas, ist es doch zum Teil ruhiger als die früheren Alben, gerade das Eröffnungsstück “Prélude” verzaubert den Zuhörer mit einer wunderschönen, sehr harmonischen Flötenmelodie, die von Glockenspiel und anderen Instrumenten begleitet wird und eine sehr dichte Atmosphäre erzeugt, die ihresgleichen sucht.

Doch fehlen auch hier die martialischen Stücke nicht, so gehen Titel wie das wunderbar diabolische “Les Diable Parle” oder  “Dans La Loge” wieder in eine härtere Richtung, zudem sorgt Eric Rogers opernhafte Gesang für eine gewisse Extravaganz, wie man sie nur auf sehr wenigen Neofolk-Veröffentlichungen findet.

Das Album weis sogar eine Geschichte zu erzählen, die lose an die Tragödie von Romea und Julia angelehnt ist und mit dem Unterschied, dass die Hauptakteure hier Aucassin und Nicolette heißen. Zwar scheint es sich bei dem Cover des Albums, um eine kleine Parodie zu handeln, und, wenn man ehrlich ist, wirkt es etwas grotesk mit diesem Ritter, der sich in den Schritt fässt, aber musikalisch ist das Album wirklich sehr schön und in sich schlüssig.

Fazit

Mit Aucassin Et Nicolette haben Gae Bolg ein kleines Meisterwerk geschaffen, zwar ist der Sound nicht mehr so brachial wie auf den Vorgängern, doch dafür erzeugt es eine sehr dichte Stimmung, die an das Mittelalter erinnert. Für Neofolk-Fans uneingeschränkt zu empfehlen.

Silver Lady – Inclus Concentre De Genie Avec Morceaux Dedans

Silver Lady – Inclus Concentre De Genie Avec Morceaux Dedans

  1. My Name Is
  2. Opéra Pas Mal (Part 1)
  3. Alexia
  4. Oumba Oumba
  5. Romance
  6. Silver Lady
  7. Ich Bin Müde
  8. My (Clean)
  9. Pop Song
  10. Loverats
  11. Dentaku N’Gaku
  12. Silver Lady (Instumental A La Bouche)

Silver Lady, Projekt

Bei Silver Lady handelt es sich um ein sehr eigenartiges Seitenprojekt des französischen Musikers Eric Rogers, der sich besonders als Trompeter bei der Neofolk-Legende Sol Invictus einen Namen gemacht hat und seine eigenen musikalischen Visionen in diversen eigenen Projekte verwirklicht. Die bekanntesten düften Seven Pines und sein eigentliches Solo-Projekt sein. Auf Silver Lady kollaboriert eben jener mit einem gewissen Dr Sin, über den es so überhaupt keine Informationen zu finden gibt. Ob und in welcher Weise Silver Lady weiterexistieren werden ist noch völlig unklar, vielleicht handelt es sich auch um eine einmalige Sache.

Inclus Concentre De Genie Avec Morceaux Dedans, das Album

Allein der Titel dieses Album ist schon Nobelpreisverdächtig, wer bitteschön soll sich so einen Namen merken? Da ist echt die Phantasie mit Herrn Rogers etwas durchgegangen. Doch hat man sich erst einmal an den unaussprechlichen Titel gewöhnt, hört man auf dem Album auch so einige interessante Sounds, die ich nicht gerade als alltäglich bezeichen würde. Wer die Werke von Gae Bolg kennt, die von einem schweren, orchestralen Klang geprägt sind, wird vielleicht etwas versötrt sein, ist doch Silver Lady ein sehr elektroniches Album, dass mit seinen minimalistischen Synthie-Sounds eine kleine Hommage an die 80er darzustellen scheint.

Gerade der Opener “My Name Is” beweist dies eindrucksvoll mit einer recht quirligen Melodie. Indes lassen sich die Einflüsse von Gae Bolg auch auf diesem Album nicht vollständig leugnen, so ist in Stücken wie “Opéra Pars Mal” Eric Rogers ganz typischer Operngesang zu vernehmen, der auch auf anderen Stücken des Albums immer mal wieder zum Einsatz kommt, musikalisch aber eindeutiger elektronisch.

Die Stücke in denen Eric Rogers die Stimme ergreift gehören zu den besten des Albums, dann gibt es aber noch den gewissen Dr Sin und hier sieht es leider nicht so rosig aus. So können seine gesanglichen Darbietungen auf Stücken wei “Silver Lady” oder “Ich Bin Müde” nicht wirklich überzeugen, da er im Grunde über gar keine Singstimme verfügt, sondern nur irgendetwas in seinen Bart nuschelt. Von diesem kleinen Dämpfer abgesehen, kann Silver Lady doch die eine oder andere musikalische Perle an Land spülen.

Fazit

Silver Lady ist ein sehr interessantes Seitenprojekt Eric Rogers. Der Sound ist elektronischer als auf seinen Alben als Gae Bolg und manchmal nicht ganz ernst zu nehmen, könnte aber für Leute, die offen für außergewöhnliche Musik sind, genau das Richtige sein.

Werkraum – Unsere Feuer Brennen!

Werkraum – Unsere Feuer Brennen!

  1. Nocturne
  2. Die Letze Jagd
  3. Chanson De La Plus Haute Tour
  4. Einsamer Nie
  5. Legion
  6. Steh Auf, Nordwind!
  7. Dignitas Dei
  8. Ewigland
  9. Heilige Krieg
  10. Hohezeit
  11. Civitas Dei

Werkraum

Werkraum ist das Projekt des deutschen Musikers Axel Frank, der schon in den frühen 90er Jahren seine ersten Soundexperimente kreiert hat. Die Musik von Werkraum lässt sich am besten als eine Mischung aus typischen Neofolk, Military Pop und elektronischen Sounds beschreiben, wobei gerade auf den späteren Werken der traditionelle Folk im Vordergrund steht.

Unsere Feuer Brennen!, das Album

Unsere Feuer Brennen! kann getrost als typisches Neofolk-Album bezeichnet werden, enthält es doch alle Ingredenzien, die diese Musikrichtung so ausmachen: akustische Gitarren, leicht pathetische Texte und eine gesunde Brise experimenteller Klänge, die das Ganze etwas abwechslungsreich gestalten. So gibt es neben den  Folksongs auch experimentelle Stücke zu hören, die von elektronischen Spielereien durchsetzt sind.

Das Album beginnt mit “Nocturne”, das mit seiner düsteren Soundkulisse recht schwer daherkommt und an das Mittelalter erinnert. Die nächsten beiden Stücke “Die Letzte Jagd” und “Chanson De La Plus Haute Tour” sind wunderschöne Neofolk-Songs, die eine sehr mitreißende Stimmung erzeugen, gerade der letztgenannte Song kommt mit weiblicher Stimme sehr gefühlvoll rüber. “Einsamer Nie” passt mit seinen Orgelklängen und den Kanonenschüssen wieder sehr gut in die Kategorie Military Pop. Bei “Legion” hört man typischen Neofolk, der von so allerlei merkwürdigen elektronischen Sounds untermalt ist und anfangs eher irritiert als begeistern kann. “Steh Auf Nordwand” leidet leider an lyrischen Schwächen, so benutzt Axel hier den Paarreim, was auf die dauer etwas eintönig ist und bei einem Text wie “lass dein Brausen auf mich sausen” einfach unfreiwillig komisch ist,  ganz abgesehen davon wirkt Axel Franks Stimme sehr dünn und etwas unbeholfen.

Mit “Dignitas Dei” und “Civitas Dei” haben wir dann auch noch zwei Stücke, bei denen der Einsatz elektronischer Spielereien vielleicht etwas übertrieben wurde, das Ganze klingt einfach viel zu dissonant, sodass jeder gute Ansatz im Keim erstickt wird. Der stärkste Titel auf der zweiten Albumhälfte ist vielleicht noch “Heiliger Krieg”, bei dem Herr Frank zwar nicht jeden Ton trifft, aber dennoch eine gewisse Atmosphäre transportieren kann, die sehr gut zum Gesamtkonzept der Platte passt.

Fazit

Werkraum alias Alex Frank hat mit Unsere Feuer Brennen! ein recht interessantes Album abgeliefert, das ein paar gute Neofolk-Songs besitzt über weite Strecken jedoch recht ungar klingt, wozu vor allem Axel Franks schwacher Gesang und der ausschweifende Einsatz elektronischer Effekte, die wie Fremdkörper wirken, beitragen. So empfehle ich, dieses Album ein paar Mal zu hören, bis man sich an die störenden Elemente gewöhnt.

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