‘Rezensionswettbewerb’
Die Bürde des Blutes von Sarah Pinborough
Inhalt
Ein Serienmörder geht in London um, der sich selbst Der Fliegenmann nennt. Nach und nach bringt er scheinbar wahllos Frauen um, die nichts miteinander zu tun haben. Außerdem führt er die Polizei an der Nase herum. Doch nicht nur diese Morde beschäftigen Detective Inspector Cass Jones, sondern auch noch ein Mord an zwei kleinen Jungen, die auf offener Straße niedergeschossen wurden. Zu guter Letzt bekommt es Cass auch noch mit einem sehr persönlichen Verbrechen zu tun.
Wer ist dieser Mr. Bright?
Die ganze Handlung ist verworren und anscheinend haben alle drei Fälle etwas miteinander zu tun. Denn immer wieder taucht ein gewisser Mr. Bright auf. Doch egal, in welche Richtungen Cass Jones ermittelt, er erhält keine Antworten auf die Frage, wer dieser Mr. Bright eigentlich ist. Es sieht fast so aus, als würde dieser gar nicht existieren. Außerdem findet Cass Jones heraus, dass die ganze Welt seit einiger Zeit von Der Bank beziehungsweise dem Netzwerk regiert wird. Sie haben schlicht und einfach die Kontrolle über alles. Zwar wird es nie wirklich in dem Buch erwähnt, aber man kann davon ausgehen, dass dieses Buch im London der Zukunft spielt, in der der Polizeidienst längst nicht mehr das ist, was es einmal war.
Fazit
Auf jeden Fall ist dieser Mysterythriller nichts für zartbesaitete Gemüter, wie der Leser bereits auf der ersten Seite des Prologs feststellen darf, auf der der Ekelfaktor schon sehr hochgeschraubt wird.
Der Schreibstil von Sarah Pinborough ist sehr gut, wodurch man dieses Buch sehr schnell und flüssig lesen kann. Vor allem achten Sie sehr auf Details, denn scheinbar kleine Nebensächlichkeiten werden später noch ihren großen Auftritt haben.
Die meist gedrückte, düstere und miesepetrige Stimmung wird vor allem durch Claire, der Assistentin von Cass Jones, und Josh, dem Assistenten des Gerichtsmediziners, aufgehellt. Sie bringen frischen Wind in die ganze Angelegenheit und vor allem Josh bringt den Leser des Öfteren zum Schmunzeln.
Bei Die Bürde des Blutes handelt es sich um den Auftakt zu einer Trilogie und man darf schon sehr gespannt sein, was den Leser in den beiden folgenden Bänden erwarten wird. Am Ende des ersten Teils ergibt sich schon eine kleine Vorahnung, was dies sein könnte. Apropos Ende: Bücher, die ein überraschendes Ende haben, sind im Allgemeinen sehr gut. Denn solche lassen sich einfach nicht vorausahnen. So war es auch bei diesem Buch. Es bietet dem Leser ein Ende, über das er mit Sicherheit nicht einmal nachgedacht hätte.
Malte am Meer von Doris Meißner-Johannknecht
Inhalt
In den Urlaub geht jeder gern, das ist klar! Und deshalb soll auch schon Kindern die Wartezeit auf den Urlaub verkürzt und die Vorfreude gesteigert werden. Was liegt da näher als ein Buch über das Meer zu kaufen?
In diesem Buch also geht es um einen siebenjährigen Jungen, der Malte heißt. Er geht mit seinen Eltern auf die Insel Malta und sie verbringen die ganze Zeit am Meer und die Eltern lassen sich bräunen. Doch Malte gefällt das nicht und langweilt sich. Nach einer Woche macht die dreiköpfige Familie zusammen einen Ausflug. Sie fahren mit einem Bus dorthin. Malte entdeckt in diesem Bus zwei ältere Jungen, die ihre Haare gefärbt haben und auch sonst recht “cool” aussehen: Malte ist von ihnen begeistert! Nach einer Weile endet die Busfahrt und alle steigen aus. Doch der Ausflug ist für Malte auch richtig langweilig: Man kann alte Steine ansehen!! Er setzt sich auf den Boden und stochert etwas im Boden herum. Plötzlich entdeckt er zwischen den Steinen eine Schildkröte! Sie gefällt ihm und er steckt sie in seinen Rucksack. Nach dem Anschauen der Steine fahren alle Besucher noch mit einem Schiff in eine Bucht! Dort angekommen hört Malte plötzlich einen Schrei von einer Frau und er sieht wie auf dem Bauch von ihr Maltes Schildkröte sitzt! Er bekommt Angst! Die Frau fragt, wer das ist, kann es sich aber gleich denken: Die coolen Jugendlichen vom Bus! Doch Malte ist stark und sagt, dass er es war, entschuldigt sich und will die Schildkröte wieder zurück bringen. Und die Jugendlichen helfen ihr sogar!
Meine Meinung
Ich finde dieses Buch wirklich richtig toll und kann es jedem Kind im Grundschulalter weiterempfehlen! Es überzeugt gleich in mehreren Aspekten, die ich nacheinander kurz behandeln möchte:
Zuerst einmal zur Geschichte selbst: Diese hat mir sehr gut gefallen! Es wird dabei nicht nur die Lust auf Urlaub verstärkt, sondern ich finde, dass auch noch eine andere Lehre erkennbar ist: Malte war nicht feige und hat weggeschaut, als die Schildkröte auf dem Bauch der Frau saß, sondern er ging und hat gesagt, dass er es war, der die Schildkröte mitgebracht hat! Ich finde, dass sich da manche Kinder sicher angesprochen fühlen und vielleicht es das nächste Mal – wenn sie in einer ähnlichen Situation sind – genauso handeln wie Malte! Somit wird mit dieser Geschichte nicht nur Unterhaltung und Spaß vermittelt, sondern Kinder lernen sogar noch was für ihr Leben!
Der nächste Punkt ist die Spannung, auch mit dieser bin ich zufrieden! Meine Kinder haben das Buch immer sehr gerne gelesen; es war eines ihrer Lieblingsbücher! Und auch las es meinen Kindern immer gerne vor und finde, dass der Schreibstil und die Spannung der Autorin wirklich gut gelungen ist. Es ist eine für Kinder leicht verständliche Sprache und es werden keine Fremdwörter oder komplizierte Sätze verwendet!
Dieses Buch wird empfohlen ab sechs Jahren. Das finde ich ein angemessenes Alter. In diesem Alter lernen Kinder normalerweiße auch das erste Lesen und da kann dieses Buch mit seiner großen Schrift und den dazu passenden Bilder wirklich helfen!
Der letzte Punkt, den ich in meiner Bewertung betrachten möchte, sind die Bilder von Dorothea Ackroyd. Fangen wir mit dem Guten an: Die Bilder sind sehr groß, alle farbig und es kommen auf einer Seite immer mehrere Bilder vor. Kinder können sich das Gelesene so gut vorstellen und es schneller und einfacher merken! Leider gibt es auch einen kleinen Nachteil: Die Bilder selber nicht sonderlich prächtig gemalt: Es fehlt die Liebe zum Detail und auch sonst die Bilder meist einfach nur hingemalt, sie bewirken nichts weiter! Hier hätte man noch einiges verbessern können!
Fazit
Wie in meiner eigenen Meinung schon hervorgeht, bin ich von der Geschichte und dem gesamten Buch sehr zufrieden und meine Kinder können dies wirklich bestätigen! Nur die Bilder hätte man etwas liebevoller und kindergerecht malen können!
Insgesamt kann ich das Buch “Malte am Meer” an Sie und Ihre Kinder weiterempfehlen!
Mord im Gurkenbeet – von Alan Bradley, ein Krimi mit Flavia de Luce
Inhalt
Colonel de Luce und seine drei Töchter leben in dem Herrenhaus Buckshaw in England. Die Erinnerung an die Mutter, vor Jahren bei einem Unfall um’s Leben gekommen, wird nur noch vom Vater hochgehalten. Eines Morgens wird ein Toter im Gurkenbeet gefunden. Flavia, die dritte Tochter des Hauses, entdeckt ihn, steckt ihre Nase in das Geschehen und versucht, mit eigenen Recherchen ihren Vater zu entlasten, den man ausgerechnet als Hauptverdächtigen verhaftet hat. Wie sich herausstellt, ist auch das Vorleben des Vaters nicht ohne schwarze Flecken. Hilfe gibt es nur in Form des Gärtner-Chauffeurs, der überall in Haus und Hof herumwandert, alles Mögliche hört und sieht (auch das, was gar nicht vorhanden ist), Lebensweisheiten von sich gibt und schliesslich zu Hilfe eilt, als es brenzlig wird.
Beurteilung
Zu meiner grossen Freude ist es diesmal nicht ein Kommissar oder eine Kommissarin, die sich mit dem Mord befasst und versucht, ihn aufzuklären, sondern die jüngste Tochter des Hauses, eine vorwitzige 11jährige. Während die älteren Schwestern sich pflegen oder auf dem Sofa liegend den Tag lesend verbringen, stürzt sie sich vergnügt und aufmerksam in die Nachforschungen. Sie empfindet die ganze Angelegenheit als ein Abenteuer, was man sehr gut nachempfinden kann. Endlich einmal eine Abwechslung in dem öden Landleben.
Originale dürfen auch nicht fehlen: den nach dem Tod seiner Frau sehr schweigsamen Vater, fast immer in seinem Arbeitszimmer mit der Briefmarkensammlung beschäftigt, die Köchin, die es wohl auf jedem englischen Herrensitz gibt, und das Faktotum, das schon seit dem letzten Krieg – leicht psychisch gestört – anwesend ist. Klingt nach Klischee, ist vielleicht eins, aber das stört den schmunzelnden Leser gar nicht.
Flavia de Luce ist nicht nur ein neugieriges, sondern auch ein überaus intelligentes Wesen, das sich mit Chemie in seiner schönsten Form befasst, nämlich in einem eigenen Labor experimentiert. Sie verfügt ausserdem über ein gutes Gedächtnis und über einen erstaunlich erwachsenen Durchblick. Einem 11jährigen Mädchen glaubt man das anfangs nicht unbedingt, aber sie wird nun einmal so dargestellt, und mit der Zeit findet man sich ab.
Durch das Lesen dieses Buches bekommt man einen Einblick in chemische Grundsubstanzen und chemische Vorgänge, die man seit seinen eigenen Schulzeiten vergessen hatte. Auch über die Philatelie wird man sachlich gut informiert, und obwohl die Geschichte des Fehldrucks der Penny-Marke nicht der geschichtlichen Wahrheit entspricht, ist sie als Grundlage dieses Krimis sehr gut ausgedacht und durchaus mehrere Morde wert.
Die Beschreibung des Hauses, der Umgebung, der Personen, der Geschehnisse sind ausschweifend, manchmal übertrieben, besonders was die Vergleiche angeht. Und doch habe ich mich selten so amüsiert.
Fazit
Ein rundum witziges Buch, das sich aus der Reihe der Kriminalromane schon aufgrund der Hauptdarstellerin heraushebt. Für Erwachsene und Kinder gleichermassen zu empfehlen. Sie mögen sich an einem Regentag in eine Sofaecke kuscheln und kichern.
Wüstenblume von Waris Dirie
Wüstenblume ist die Geschichte eines Mädchen aus der Wüste Somalias und die einer emanzipierte Frau, die eine ein weltweit gefeiertes Topmodel, die andere ein junges Mädchen, dessen Leben von der kargen Landschaft und dem Willen der Familie abhängig ist. Unterschiedlicher kann man sich zwei Biografien kaum vorstellen. Und doch ist es ein und dieselbe Person,deren Lebenslauf hier erzählt wird. Ebenso jedoch ist es eine Geschichte, die aus tausenden anderen Mündern hätte erzählt werden können, von jenen Frauen und Mädchen nämlich, die ebenso wie die Autorin selbst einem grausamen, uralten Ritual zum Opfer gefallen sind: der Beschneidung.
Der lange Weg aus der Wüste
Waris, was soviel wie Wüstenblume bedeutet, wird 1965 in eine somalische Nomadenfamilie hineingeboren, in einen muslimischen Stamm, zu dessen Tradition es gehört, junge Mädchen zu beschneiden. Diesem grausamen wie uralten Ritual fiel die Autorin im Alter von nur fünf Jahren zum Opfer. Doch markiert dies nur den Anfang einer langen Odyssee. In diesem Kulturkreis obliegt die Biografie eines Mädchens der Familie und so wird beschlossen, dass die nur 13 – jährige Waris mit einem bedeutend älterem Mann verheiratet werden soll. Doch sie flieht vor dieser Zukunft mit einem Mann, den sie nicht liebt und einem Leben, das sie nicht führen will. Sie besitzt einen starken Willen, kämpft gegen diese widrigen Umstände und lässt sich nicht beugen, wie eine Wüstenblume. So flieht sie durch die Wüste in die Hauptstadt Mogadishu, wo eine Schwester und eine Tante von ihr leben. Über Umwege gelangt sie schließlich nach London zu einem Onkel, der für die somalische Botschaft arbeitet. Das Leben hier ist zwar auch von Entbehrungen geprägt, doch fühl tsie sich sicher. Mit dem Ausbruch des Bürgerkriegs in Somalia ändert sich jedoch alles, der Onkel muss London verlassen und so steht ihr eine neue Flucht bevor. Ahnungslos irrt sie in den Straßen dieser Millionen - Metropole herum, erhält zeitweise Hilfe von einer christlichen Organisation, arbeitet als Putzfrau bei Mc Donalds. Dieser schlecht bezahlte Job öffnet das Tor zu ihrem Glück, denn die mittlerweile 18 – jährige Waris wird von einem Fotografen entdeckt. Und so geschieht es, dass sie kurz darauf zusammen mit Naomi Campbell auf der Titelseite der Vogue erscheint. Von da an ist ihre Laufbahn von Erfolg gekrönt.
Abgeschminkt
Waris Dirie ist in der westlichen welt eine gefeierte Persönlichkeit, doch besinnt sie sich stets ihrer Wurzeln. Es sind zwiespältige Erinnerungen, die sie mit ihrer Heimat verbindet; einerseits die täglichen Schmerzen der verstümmelten Weiblichkeit, andererseits die unermessliche Liebe, mit der sie an ihre Mutter denkt und die ihr sehr fehlt. Aus diesem Grund wagt die junge Frau einen sehr mutigen aber notwendigen Schritt. Sie bricht das Tabu und erzählt von den Qualen, die sie als Fünfjährige erleiden musste, einem Schicksal, dem tausende Mädchen täglich machtlos gegenüberstehen. Damit wurde eine große Welle des öffentlichen Interesses losgebrochen und der Grundstein für einen breiten Kampf gegen Genitalverstümmelung gelegt.
Fazit
WarisDirie, diese bemerkenswerte Autorin, Menschenrechtlerin und zeitweilige UN – Botschafterin setzt mit ihrem Buch einen Meilenstein für die Rechte der Frau. Sie gibt einen oft schockierenden Einblick in diese so ferne und teilweise unverständliche Kultur, der sie entstammt. Ihre Beschreibungen sind oftmals drastisch genau, öffnen dem Leser die Augen und machen es unmöglich diese wieder vor den grauenhaften Tatsachen zu verschließen, die heute aktueller denn je sind.
Musk von Percy Kemp
Einleitung – Monsieur Emes alltägliches Leben
Wie wichtig ist der Duft einer Person? Enorm wichtig, ja anscheinend lebensnotwendig, seitdem wir Patrick Süskinds “Das Parfum” lesen durften. Während seine Hauptperson sogar zum Mörder wird, um sich die Gerüche seiner Opfer anzueignen, ist Monsieur Eme ein wirklich harmloser, aber sehr eigener älterer Gentleman, der ein Appartement im Pariser Viertel Montparnasse bewohnt. Sein allmorgendliches Ritual, einschließlich seiner akuraten Leibesübungen, seines präzisen Ankleidezeremoniells und seiner peniblen Morgentoilette werden nur von einem herausragenden Moment gekrönt: dem Parfümieren mit seinem Eau de Toilette Musk. Der gutaussehende Herr verwendet es schon seit vierzig Jahren und das nicht ohne Grund: es hat ihm schon so manchen Erfolg bei Frauen beschert und rundet seine stattliche Erscheinung ab. Sein Leben könnte noch Jahre so weiter gehen und es wäre sicher todlangweilig, darüber ein Buch zu schreiben, wenn nicht etwas passieren würde, was Monseur Emes Leben gehörig aus den Fugen geraten lässt: die Rezeptur seines Eau de Toilette wird geändert und seiner Geliebten fällt dies sofort auf. Nun könnte man meinen, das man sich damit wohl arrangieren und sich auch an diesen neuen durchaus angenehmen Duft gewöhnen könne – nicht jedoch Mr. Eme.
Wende – Monsieur Emes Kampf
Alles, was Monsieur Eme tut, hat einen Sinn, nichts überlässt er dem Zufall. Nachdem er also peinlich genau die Musk-Dosis ermittelt, die er täglich verwendet und sie in Relation zu seinem Altvorrat an Musk setzt, ohne dabei natürlich auch seine Lebenserwartung außer Acht zu lassen, kommt er zu dem Ergebnis, dass das Parfum höchstens für ein paar Monate ausreicht. Monsieur Eme setzt nun alles in Bewegung, um so viel wie möglich seines ursprüngliches Parfums zu ergattern. Er entwickelt sich zu einer erstaunlichen Kämpfernatur, keine Lösung scheint ihm zu umständlich, um in Besitz seines Lebenselixiers zu kommen. Die anfangs heitere Geschichte gewinnt mehr und mehr an Tiefgang je tiefer Monsieur Eme sich in seinen Eifer verstrickt und je bedrohlicher die Situation von ihm empfunden wird.
Spätesten hier wird dem Leser klar, dass eigentlich um viel mehr geht als um Eitelkeiten. Es geht um menschliche Ängste vor dem Vergänglichen, um verlorene Illusionen, ja um den Verlust seiner Persönlichkeit. Monsieur Eme wird klar, dass es so nicht weitergehen kann. Er scheint an seinem Schicksal zu zerbrechen und muss eine Entscheidung treffen…
Fazit
Der Roman Musk ist sehr amüsant und süffisant geschrieben und besticht durch seine einfache Sprache, die jedoch nie abgedroschen wirkt. Dies ist für die deutsche Fassung auch der ausgezeichneten Übersetzung von Veronika Cordes zu verdanken. Der Handlungsstrang ist übersichtlich gehalten und trotzdem nie langweilig. Trotz aller Schlichtheit – der Leser wird bis zum Ende des Buchs in Atem gehalten. Eine Kunst, die längst nicht jeder Autor beherrscht!
Autor
Musk ist der Erstroman des Autors Percy Kemp, der als Sohn einer Libanesin und eines Briten 1962 in Beirut geboren wurde und nun in Paris und London lebt.
Star Trek (2009)
Als Star-Trek-Fan der alten Schule war ich doch sehr zwiegespalten, was ich davon halten sollte, als unter der Regie von J.J. Abrams („Lost“, „Spritztour“, etc.) ein neuer Star-Trek-Film erschien. Vor allem der Name J.J. Abrams bereitete mir dabei doch gehörige Bauchschmerzen, hatte dieser doch bisher nicht unbedingt mit herausragenden Leistungen von sich reden gemacht; und er nahm dieses Projekt nicht aus freiem Willen oder Interesse an, sondern auf Druck von Paramount Pictures. Dann sagte Abrams in einem Interview auch noch, dass er persönlich kein Fan der Serie sei. Schlechte Voraussetzungen also für einen gelungenen neuen „Star Trek“.
Schauspieler und Effekte
„Star Trek“ (2009) ist ein äußerst zweischneidige Angelegenheit. Auf der einen Seite sind die Schauspieler und deren Rollenverständnis wunderbar authentisch und sehr nah an den alten Helden. Fast ohne Ausnahme ist der Film wunderbar besetzt und zieht aus den liebevollen Darstellern auch sein größtes Kapital. Besonders sei hier Zachary Quinto als Spock genannt, der eine sehr sehr starke Leistung bringt und automatisch im Mittelpunkt steht. Ich kann nicht abstreiten, dass es ein gewisses Vergnügen war, den jungen Kirk und den jungen Spock zu sehen, und einen Blick in ihre Kindheit zu werfen. Sozusagen eine Art „Making Of“ wurde hier inszeniert.
Weiterhin sieht die „Enterprise“ schick aus und allgemein sind die Spezialeffekte gut inszeniert. Nicht übertrieben und doch wirkungsvoll, ganz im Stile der alten Filme.
Schwache Regie und neues Zielpublikum
Auf der anderen Seite ist der Film aber eben furchtbar schwach. Die Story ist derartig konstruiert und unlogisch, dass man am besten gar nicht darauf achtet. Alternativer Zeitstrang hin oder her, Blödsinn bleibt Blödsinn. Eine logische, nachvollziehbare Story wird hier zugunsten von stumpfer Action vernachlässigt und die philosophischen Gedankenspiele der alten Teile sind gänzlich verschwunden. Der Gegner wirkt eindimensional und etwas dümmlich, keine Spur mehr von großartigen Schurken wie damals Khan oder auch den Borg. Star Trek wurde seiner Intelligenz beraubt und zu Massenware degradiert. Und das muss J.J. Abrams angelastet werden, der anscheinend weder Lust noch Zeit hatte, eine ausgereifte Story zu erschaffen und der auch keine Lust hatte mit dem Film wirkliche Science-Fiction zu erschaffen, sondern sich mit halbgarer Action begnügte. Schon im Vorfeld wurde gesagt, der Film solle mehr „Rock ’n’ Roll“ haben als seine Vorgänger. Das ist auch das Grundproblem des Films. Anscheinend wird dem Zuschauer nicht mehr zugetraut, einem Film zu folgen, in dem nicht aller fünf Minuten eine rasante Actionszene abgefeuert wird. Der Film versucht derart platt, sich an das „Star Wars“-Publikum anzubiedern, dass es eine Schande ist. Nun soll an dieser Stelle nicht gesagt werden, dass Star Trek früher hochgeistig war. Star Trek war schon immer Unterhaltung, aber eben intelligente Unterhaltung. Und das lässt das 2009er Prequel vermissen. Man scheint bei den Produktionsfirmen gemerkt zu haben, dass „Star Wars“ sich heute besser verkauft als das als tröge und langweilig verschriene Star-Trek-Franchise.
Aufmachung
Photographie und Maske gehen soweit in Ordnung, reichen aber eben auch nie über den Hollywoodstandard hinaus. Der Soundtrack hingegen hat schon den einen oder anderen Höhepunkt und ist durchaus als gelungen zu bezeichnen. Michael Giacchino zeichnet sich für den Score verantwortlich. Anders als bei seinen früheren Kollaborationen mit Abrams („Lost“ und „Mission: Impossible III“) setzt der Komponist mehr Themenvielfalt ein und orientiert sich stark an den Kompositionen John Williams’ und zieht damit eine weitere Parallele zum „Star Wars“-Universum. Hier aber keine schlechte.
Fazit
„Star Trek“ (2009) ist ein guter Actionfilm aber ein schlechter Star-Trek-Film. Die Actionszenen sind traditionell und liebevoll inszeniert und der Film ist durchaus spannend. Die Schauspieler erfüllen den Film mit frischem Leben und zeigen, dass Star Trek keineswegs unzeitgemäß oder veraltet ist. Der Film krankt aber extrem an schwacher Regie, einer Story, die des Öfteren an der kompletten Idiotie vorbeischrammt, und dem Fehlen jedweder Atmosphäre. Die Philosophie von Star Trek war nie eine actionorientierte. Star Trek wollte immer eine Story erzählen und dabei ab und zu etwas Kritik üben. Diese alten Maximen wurden hier ausgehebelt und sowohl das Fehlen starker Dialoge als auch einer intelligenten Story machen „Star Trek“ (2009) zu einem der schwächsten Star-Trek-Filme. Natürlich muss hier wie bei allen großen Sci-Fi-Franchisemarken gesagt werden, dass es immer Puristen geben wird, denen man es absolut nicht recht machen kann, aber man kann sich zumindest Mühe geben, der Serie nicht ihre Seele zu rauben. Und genau diesen Diebstahl versucht „Star Trek“ (2009), schafft ihn aber nicht. Hoffentlich.
Rico Keller
Schauspieler
Chris Pine – James T. Kirk
Zachary Quinto – Spock (jung)
Leonard Nimoy – Spock (alt)
Karl Urban- Dr. Leonard McCoy
Zoë Saldana – Lt. Nyota Uhura
Eric Bana – Nero
Hilal Sezgin: Landleben. Von einer, die raus zog
Traum oder Alptraum?
Ein Traum! Endlich einmal dem Stadtleben mit seiner Hektik, seiner Jagd nach Konsum, dem Versprechen auf unendlich viel Geselligkeit – dem man leider mangels Zeit nie nachkommen kann – seiner Naturferne und Fremdbestimmheit zu entfliehen.
Oder ein Alptraum! Einkochorgien, Schmutz und Schlamm, die Gummistiefel als tägliches Kleidungsstück, kein Theater, kein Kino in der Nähe, vom Frühstücken im angesagten Café ganz zu schweigen.
Und doch träumen viele, ich inklusive, vom Landleben, dem Kuckucksrufen (leider hat keiner dem Kuckuck gesagt, dass 100 Rufe pro Tag durchaus genug sind), der Nähe zu Wachsen und Vergehen, zur Natur, dem Leben mit den Jahreszeiten, mit Tieren, der Freude am Selbstgeschafften, am Leben vom eigenen Land, gesund leben und essen und was der Träume mehr sind.
Inhalt
Auch Hilal Sezgin, damals Ende 30 und als nach sieben Jahren Festanstellung endlich als freie Journalistin in Frankfurt lebend, war der Traum nicht unbekannt. Ein halbes Jahr lebte sie berufsbedingt in Hamburg, besuchte Freunde in der Lüneburger Heide und verliebte sich rettungslos in “weißes Fachwerk auf rotem Grund”. Geradezu häusersüchtig wurde sie. Eigentlich war die Frage nur noch, ob sie ein altes Haus erwerben und mit eigener Arbeit instand setzen sollte, oder ein schon gut restauriertes erwerben sollte. Viel zu viel Mut attestierten ihr ihre Freunde. Wer keine Ahnung hat, hat Mut, sagt ein türkisches Sprichwort. Mit einer gewissen Naivität – wer hätte die in dieser Situation nicht – fand Hilal Sezgin ihr Traumhaus, zur Miete, und übernahm nicht nur reichlich viel Grund und Boden damit, sondern auch Schafe. Zu denen später noch Hühner kamen! Mit leisem Humor und durchaus selbstkritisch beschreibt die Journalistin ihre Verwandlung von der Städterin, die gerne ausschläft, zur Landfrau, die weiß, was Krampen oder gülleresistente Gummistiefel sind, wie man einen raubvogelsicheren Hühnerstall baut oder Schafen die Klauen schneidet, Moderhinke behandelt und Spritzen setzt. Welch eine Verwandlung! Nicht immer ging alles glatt, wie sollte es auch, nicht immer war alles eitel Sonnenschein, manches Mal haderte die Frau, die da rausgezogen war, auch ganz schön mit ihrem Schicksal und fragte sich, warum nur sie sich das alles aufgehalst hatte. Leichter wurde ihr vieles, weil sie im Dorf gute Freunde fand, die immer, wie auch ihre Vermieter, bereit waren zu unaufgeregter Hilfe, wann immer die benötigt wurde: im wahresten Sinne Hilfe mit Rat und Tat. Dazwischen musste natürlich auch noch als Journalistin und Autorin gearbeitet werden – nach dem Schafe füttern an den Laptop – um Geld zu verdienen für ihr Landleben.
Hilal Sezgin ist seit vielen Jahren Vegetarierin, kocht heute nur noch vegan, hält aber Nutztiere – die sie nicht nutzt. Ein nicht unbeträchtlicher Teil des Buches beschäftigt sich mit dem Verhältnis von Tier und Mensch, mit Ethik und Moral. Hilal Sezgin wägt genau ab, überlegt und schlägt vor, sie predigt weder, noch glaubt sie, die letztendliche Wahrheit zu kennen. Das macht diese “Entwicklungsgeschichte” auch zu einem ganz besonderen, anregenden Lesestoff.
Fazit
Eine herrliche Geschichte über die Verwirklichung eines Traumes, humorvoll geschrieben, voller Einblicke ins Landleben, voller Denkanstöße und mit ganz neuem Blick auf den Charakter von Schafen, Hühnern und Gänsen und die Freude, durch unberührten Schnee zu gehen. Ein wunderbares Lesevergnügen für alle, die vom Landleben träumen, geträumt haben oder sich vorstellen könnten, davon zu träumen. Also für die meisten von uns.
Der Zirkus und die Emanzipation der Frauen. Ein neues Buch aus dem TASCHEN Verlag
The Circus, 1870s-1950s
Linda Granfield, Dominique Jando, Fred Dahlinger, Noel Daniel
Hardcover, Schuber, 25.2 x 38.2 cm, 544 Seiten
Mehrsprachige Ausgabe: Deutsch, Englisch, Französisch
„The sky is the limit“, der Himmel ist die Grenze, denkt man sich schon beim ersten Blättern durch diese atemberaubende Publikation des Hauses TASCHEN, die jetzt neu zu einem erschwinglichen Preis aufgelegt wurde. Das Format sprengt schon mehr als den üblichen Rahmen, nicht nur was den Umfang (544 Seiten), sondern auch was das Format betrifft: 25.2 x 38.2 cm, zudem kommt diese Publikation in einem schmucken Kartonschuber und ist sogar dreisprachig. Auf einer der ersten Doppelseiten schwebt ein Hermes über den Zirkuszelten einer amerikanischen Industrielandschaft und breitet nicht nur seine Arme, sondern auch seine Flügel aus: einem Daedalus gleich, will er zur Sonne und das ist dort, wo die Scheinwerfer am hellsten strahlen: in der Manage.
Der Zirkus als Wegbereiter der modernen Unterhaltung
Was auf oben beschriebenem Werbeplakat eines New Yorker Zirkus noch aufwendig gemalt wurde, wird später durch immer mehr zeitgenössische Fotografien ersetzt, auch davon gibt es einige in vorliegendem Mammutwerk zu sehen. Trapezkünstler, Artisten oder wilde Bestien wie Löwen und Elefanten, aber auch Clowns gehören seit jeher zur Ausstattung eines klassischen Zirkus und nichts hat die Fantasie wohl je so beflügelt, wie der Ort, an dem die amerikanische populäre Kultur geboren wurde, wie Noel Daniel selbst in seinem Vorwort behauptet. „Für den Zirkus wurden jene Methoden erfunden, die heute in der Unterhaltungsindustrie auf der ganzen Welt Anwendung finden: sensationelle Werbekampagnen, weltweit tätige Talentjäger und Liveunterhaltung unter Einsatz der neuesten Technologien. Der Zirkus war Super Bowl, Olympiade und Hollywood-Actionfilm und brachte den Menschen die Unterhaltung bis vor die Haustür.“
Das moderne Nomadentum und seine Schattenseiten
Aber hinter dem Konzept des Zirkus versteckte sich auch ein fast antiquiertes Wanderleben der Aktivisten, die noch lange vor Jack Kerouacs Aufforderung zum „On the road“-Sein, also unterwegs sein, ein mehr oder weniger modernes Nomadentum lebten. Die oft beschwerlichen Bedingungen unter denen diese Künstler leben mussten wurde durch ein besonderes Gefühl der Gemeinschaft kompensiert, an der Stelle von Luxus wie fließendem Wasser oder einem geregelten Arbeitsalltag stand Improvisation und Spiel, aber auch sehr viel Arbeit und Training. Auf mehr als 650 Bildern, die Noel Daniel aus 30.000 (!) ausgewählt hat, wird der Alltag des Zirkuslebens gezeigt, die positiven und die negativen Seiten einer zutiefst amerikanischen Institution, auch wenn seine Ursprünge eigentlich aus dem alten Rom stammen. Noel Daniel schreibt tatsächlich die Geschichte des amerikanischen Zirkus neu, er bediente sich zahlreicher privater als auch öffentlicher Quellen wie Archiven, Kuratoren und Zirkusdirektoren, Kodakfarbdias und alten Zirkusplakaten.
Die Sterne des Himmels
Ein eigenes Kapitel widmet der Herausgeber auch der Emanzipation weiblicher Künstler. In dem damals noch ziemlich prüden Amerika durften die Artistinnen wohl als erste Frauen in der Öffentlichkeit „Bein zeigen“. Die knapp geschnittenen Kostüme dienten natürlich vor allem der Bewegungsfreiheit und waren gar nicht für den männlichen Blick gedacht, aber sicherlich verdankte der Zirkus seinen Erfolg zumindest bei den männlichen Zusehern der Freizügigkeit seiner Akteurinnen. Es gab nämlich z. B. auch einen amerikanischen Zirkus, der seine Artistinnen in historischen Kostümen auf Tournee schickte, ausgerechnet im progressiven Frankreich, wo seine Vorstellungen nicht gerade von großem Erfolg ausgezeichnet wurden. Die Menschen wollten vor allem Frauen und wilde Bestien sehen, am besten beides zusammen, wie in einem anderen Kapitel beschrieben wird. „Les vraies etoiles des circus est eté les femmes“: die wahren Sterne des Zirkus waren diese teilweise halsbrecherischen Frauen in ihren aufregenden Kostümen, ihren Kopf im Hals eines wilden Löwen oder hoch über den Köpfen der Besucher in der Luft, ohne Netz.
Fazit
Den Leser erwartet eine fantastische Reise in die Welt der Fantasie, die mit unglaublichen und teilweise erstmals veröffentlichten Quellen vor dem geistigen Auge ersteht und zum Greifen nahe wird, natürlich auch dank des Formats dieser den üblichen Rahmen sprengenden Publikation aus dem TASCHEN Verlag.
Arno Geiger
“Der Alte König in seinem Exil”
Roman im Hanser Verlag
Im Hanser Verlag erschienen die Romane: Kleine Schule des Karusselfahrens (1997), Irrlichterloh (1999), Schöne Freunde (2002), Es geht uns gut (2005) Alles über Sally (2010), Der Alte König in seinem Exil (2011) und der Erzählband: Anna nicht vergessen (2007)
Arno Geiger gewährt seinem Vater ein liebevolles Exil
Arno Geiger beschreibt mit Österreichischem Charme und Humor ein Familiendrama in dessen Mittelpunkt der an Alzheimer erkrankte Vater steht. Die Kreativität, die das Gehirn des Vaters zunehmend kongenial zu dem Verlust seiner Erinnerung, leistet, weil der sie täglich, stündlich und zum Schluss minütlich verliert, macht ihn zu einem Verbündeten seines Sohnes. Der Vater zieht den Sohn in seine kreative Beobachtungsgabe hinein. Sie finden so eine gemeinsame Überwindung der Krankheit mit skurrilen und witzigen Begebenheiten und Situationen. Die Beiden erreichen im Krankheitsverlauf eine Innige liebevolle Freundschaft. Der Vater wird immer mehr zum Kind und gleichzeitig verliert er die Vitalität eines Erwachsenen. Der bemerkenswert genaue Blick des Autors verliert zu keiner Zeit seine Objektivität. Er vermag Zustand, Achtung und Sensibilität immer wieder aufs Neue auszuloten und kann diese Augenblicke wunderbar leicht beschreiben. Arno Geigers Entwurf für Nächstenliebe ist vorbildlich aufbereitet. Er kann als Anleitung für Angehörige von Alzheimer Kranke funktionieren und einer verrohten Gesellschaft ein Model der Menschlichkeit vorführen ohne den Moralischen Zeigefinger ins Spiel zu bringen. Der Autor scheut thematisch kein Risiko, ist keinem Genre unterworfen, erzählt ein tagebuchartiges Vor- und Rückblenden, um der Gesamtheit Willen und wählt einen Entwurf für ein Ringen um Wahrheit in einer in Frage gestellten Realität. Das Vor und Zurück, die Zyklen des langsam sterbenden Vaters betrachtet er ebenso wie eine Mutter ihr Kind bei den ersten selbständigen Schritten; nur dass ihre laute Freude hier in ein stilles Staunen versinkt. Auch der Humor klingt leise und respektvoll. “Der Alte König in seinem Exil” ist ein durch und durch Österreichisches Buch.
Fazit:
Aus der Sicht eines liebevollen Sohnes gelingt Arno Geiger eine Hommage an seinen Vater. Der Autobiografische Roman “Der Alte König in seinem Exil” ist viel mehr als nur eine Anleitung für den Umgang mit Alzheimer Kranke, er ist sicherlich auch eine Studie für kreatives Leben. Bravo! – Dieser Roman ist ein Beweisstück für gute Literatur.
zum Autor:
Arno Geiger wurde 1968 in Bregenz, Österreich geboren. Nach dem Abschluss seines Studiums in den Fächern: Deutsche Philologie, Alte Geschichte und Vergleichende Literaturwissenschaft in Wien und Innsbruck, wurde er 1996 zum Ingeborg Bachmann-Wettbewerb eingeladen.
1997 erschien sein erster Roman: Kleine Schule des Karusselfahrens. Neben der “Schriftstellerei” arbeitete er bis 2002 als Videotechniker bei den Bregenzer Festspielen. Es folgten schon bald weitere Romane und ein Erzählband für die er 2005 mit dem Friedrich Hölderlin-Förderpreis, dem Deutschen Buchpreis und 2008 mit dem Johann Peter Hebel-Preis ausgezeichnet wurde. Arno Geiger lebt in Wien und Wolfurt im Vorarlberg Österreich, dort wo sein Autobiografischer Roman “Der Alte König in seinem Exil” angesiedelt ist.
Anna Staffel
Geschichte eines “Helden wie wir”
Wer letztens nichts Interessantes oder schon alles gelesen hat, soll nach dem Buch von Thomas Brussig greifen. Solch eine eigenartige Geschichte hat wohl kaum jemand früher gelesen. Ein Mann, mit einem schwerauszusprechenden Namen Klaus Uhltzscht, erzählt sein ganzes Leben, um uns am Ende zu verraten, wie er zum Einsturz der Berliner Mauer geführt hat. Seine Kindheit ist stark von seinem Vater, dem Außenseiter einer Außerstelle beim Außenhandel geprägt. Er erzählt auch über seine Mutter, die Hygienegöttin, die ihm ständig daran erinnert, dass die Welt voller Gefahren ist, wobei Einbrecher, Tätowierte und Schokoladenvergifter nur die Spitze des Eisbergs darstellen. Sich selbst bezeichnet er als einen scheißklugen Klugscheißer und ist von einem Gedanken besessen: Titelseiten! Klaus stellt sich als Titelbild, Nobelpreisträger und Straßenname vor. Noch wichtiger ist nur eine Sache: sein Penis. Alles dreht sich um ihn, was wir genau aus seinem Lebenslauf entnehmen können.
Uhltzschteske Geschichte
Diejenigen, die sich für die gegenwärtige Geschichte Deutschlands interessieren und die hoffen, neue Informationen in dem Buch darüber zu finden, werden enttäuscht. Vielleicht würden sie sogar sagen, dass es auf den Index kommen sollte, weil sie die allgemein bekannte Geschichte verfälscht und die Leser auf Abwege führt. Die einzige Geschichte, die hier beschrieben wird, handelt von einem Versager, Flachschwimmer, Inhaber von fünf Bibliothekausweisen, Totensonntagsfick, von einem Mann mit Toilettenbrillenkomplex … Die Bezeichnungen, mit denen Klaus Uhltzscht sich selbst charakterisiert, kann man unendlich anführen. Von der Geschichte können wir nur wenig erfahren, sie steht nicht im Zentrum des Geschehens. Die damaligen Verhältnisse, die in der DDR herrschen, sehen wir mit Augen eines kleinen Jungen, der alles auf die Rote und Blaue Welt zurückführt. Letztendlich dreht sich doch alles um den Puller.
Das Buch liest sich gut, obwohl alles sich hier wiederholt. Das ermöglicht aber dem Leser eine genaue Vorstellung von dem Haupthelden. Wir wollen ihn bemitleiden aber er bringt uns zum Lachen. Das ist aber ein bitteres Lachen, weil jeder von uns hier einen Teil von seinem eigenen Leben findet. Als Klaus klein war, hat er immer als der Letzte alles erfahren, z.B. wie groß der Pennis ist oder woher die Kinder kommen. Seltsamerweise ist er auch als Erwachsener wieder schlechtinformiert. Er weiß nicht, ob er bei echter Stasi arbeitet. Er kann sich in der Welt voller OV und IM nicht zurechtfinden. Der Held ist ein Mensch, der keinen Unterschied zwischen Mikrofischen und Ejakulation versteht, dessen Leben sich aber vorwiegend auf seinen Penis beschränkt.
Klaus Uhltzscht hat eine seiner Abenteuer als kafkaesk bezeichnet. Nach der Lektüre des Buches möchte man noch einen Schritt weiter gehen und das ganze Buch als quasi kafkaesk beurteilen. Oder eher als uhltzschtesk.
Lektüre für Helden
Das Buch kann verschiedene Reaktionen erwecken. Manche werden empört, andere erstaunt aber humorvolle Menschen werden mit diesem Buch bestimmt zufrieden. Es ist voll von lustigen Beschreibungen, wie z.B. die Erzählung über Kinder, die ein Weitpissen machen, um jeden Streit zu beenden. Man kann sich aber sehr nützliches Wissen aneignen. Für Frauen ist das Buch ein Beweis dafür, dass Männer auch viele Probleme haben. Den Jungen bietet es Sicherheit, dass sie ganz normal sind und die Schwierigkeiten, mit denen sie jeden Tag kämpfen, ganz üblich sind. In Männern weckt es eine Erinnerung, die nach vielen Jahren, schön zu bewahren ist. Das Buch kann auch ein guter Hinweis für alle Eltern sein, wie sie seine Kinder auf keinen Fall erziehen sollen.
Nach der Geschichte des „Helden wie wir” sollen vor allem diejenigen greifen, die bisher nur Goethe oder Mann gelesen haben, um den Wortschatz in anderen Sphären erweitern zu können. Auch diejenigen, die erfahren wollen, was die Begriffe: Puller, Zombismus und Negation der Negation bedeuten oder wie man auf einmal Pädophilie, Zoophilie und Nekrophilie begehen kann, sollen unbedingt die Geschichte lesen. Wem aber selbst diese Rezension zu kühn oder sogar unanständig vorkommt, sollte die Finger von dem Buch lassen.
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