Rose Ausländer: Mein Venedig versinkt nicht

Autorenwertung
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  • Gesamt
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Rezension von: AndreasRuedig | Rezensionsdatum:

: Mein Venedig versinkt nicht

Das Buch ist im Jahre 1982 im Frankfurt am Main erschienen.

Eine Inhaltsangabe

Hier liegt einer der späten Gedichtbände der Ausländer vor. Die darin enthaltenen Werke bieten Erinnerungen an ihr eigenes Leben sowie „die Angst vor dem Tod zur falschen Zeit und von falscher Hand, Hoffung von Sinn und Glück schon im Diesseits und die ruhige Gewißheit, daß der Tod nicht das Ende, sondern die Wiederherstellung des angst- und schmerzfreien Zustands vor der Geburt ist,“ wie es der Klappentext auf dem hinteren Buchdeckel beschreibt.

Ein Wort über die Autorin

Ausländer wurde unter dem bürgerlichen Namen Rosalie Beatrice Scherzer am 11. Mai 1901 in Czernowitz, Österreich-Ungarn geboren. Ihr Vater Sigmund stammt aus der streng orthodoxen, vom Chassidismus und Mystik des Ostjugendtums geprägten Stadt Sadagora. Er bekannte sich aber zum Freidenkertum und arbeitete als Prokurist. Dieser geistig-geistliche Hintergrund ist den späten Gedichten der Ausländer durchaus anzumerken. Die Sekundärliteratur beschreibt das Elternhaus als „weltoffen, liberal-jüdisch, aber auch kaisertreu“.

1916 ging die Familie nach Budapst, von dort aus nach Wien. 1920 kehrte Rose nach Czernowitz, das nun zu Rumäien gehörte, zurück. Neben ihrer Tätigkeit in einer Rechtsanwaltskanzlei studierte sie als Gasthörerin an der örtlichen Universität Literatur und Philosophie. Als der Vater 1920 starb, brach sie ihr Studium aber ab.

Zusammen mit ihrem Studienfreund Ignaz Ausländer wanderte sie 1921 auf Anraten der Mutter in die USA aus. Neben ihrer Tätigkeit für Literaturzeitungen schrieb Ausländer dort ihre ersten eigenen Texte, die auch veröffentlicht wurden. 1923 heiratete sie Ausländer, ließ sich aber schon 1926 wieder scheiden. Die folgenden Jahre sind unruhige Zeiten für Ausländer.

Sie pendelt zwischen Europa und Amerika und übt – neben der Schriftstellerei – verschiedene Tätigkeiten aus. Als der Zweite Weltkrieg ausbricht, ist sie in der Heimat bei ihrer kranken Mutter. In den Jahren des Krieges muß sie religiöse und politische Verfolgung sowie Ghettoisierung  und Inhaftierung erfahren. Nach dem Krieg geht Ausländer dann wieder in die USA, wo sie bis 1964 bleibt. Über Wien kehrt sie nach Deutschland zurück; ab 1965 lebt sie bis zu ihrem Tod am 3. Januar 1988 in Düsseldorf.

Eine Beurteilung des Werkes

In der Literaturwissenschaft wird das Werk der Ausländer der hermetischen Lyrik zugerechnet. Ein Charakteristikum dieser Literaturgattung ist eine oft verschlüsselte Sprache, die sich dem Leser nur schwer, wenn überhaupt erschließt. Die hermetische Lyrik gilt als Reaktion auf die Erfahrungen des Dritten Reiches und des Holocaust.

Ausländer knüpft hier durchaus daran an. Dies wird schon an formalen Kleinigkeiten deutlich. Ein Versmaß ist nicht unbedingt erkennbar, ein Zeilenendreim nirgends sichtbar. Gelegentlich besteht eine Zeile nur aus einem Wort. Der Inhalt ist eben wichtiger als die Verpackung.

Und der Inhalt – was ist von ihm zu halten? Wie nicht anders zu erwarten bietet die Lyrikerin schwere geistige Kost. Das Gedich „Vater unser“ (auf Seite 62) ist für mich ein gutes Beispiel dafür.

Der Beginn, die ersten beiden Stroßen = die ersten sieben Zeilen erweckt den Eindruck, da beschäftigt sich jemand mit seinem eigenen christlichen Glauben.

Ab Zeile 8 kippt der Inhalt.  Ein neuer Interpretationsansatz könnte lauten: Ausländer schaut hier in ihre eigene und unsere deutsche Geschichte gleichermaßen. „Sie entlarvt Hitler und seine Bewegung als inhaltsleeren Schreihals“ ließe sich die Interpretation zusammenfassen und auch eine Begründung dafür liefern.

Bei diesem Gedicht würde mir persönlich die Interpretation noch einfach gfallen. Bei Gedichten wie „Du bist es“, „Niagara Falls III“, „Nicht Gold“ oder „Krieg“ sieht es schon anders aus. Hier wird der normale, durchschnittliche Leser schon Interpretationshilfen brauchen.

„Wirf dein Gewicht in die Wolken“, „In einem Kreis voller Ecken“ und „Wie Auferstandene vor usnerer Geburt“ – unter diesen Kapitelnamenm hat der Verlag die Gedichte zusammengestellt. Wie das gliederne, zusammenhaltende verbindene Element aussieht (ist es vielleicht der Inhalt) aussieht, wird der Verlag bestimmt besser sagen als ich; es ist für mich nicht ersichtlich. Es gibt ein Gedicht pro Seite. Orthographische oder wortspielerisch-grammatikalische Rafinessen fallen hier nicht auf.
Das Fazit

Ein Fazit fällt mir hier leicht. Das Buch bietet gute Lyrik auf hohem Niveau.

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