Rezension.org - "Wilddiebe und Kritiker kennen keine Schonzeit"
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Rezensionen mit ‘Ullstein’

Bei Null bist du tot

Bei Null bist Du tot von

Inhalt
Jane ist eine 21 Jahre junge, intelligente Frau, die als Waisenkind jedoch in den Straßen leben und überleben musste. Daher ist sie ungewöhnlich reif und erwachsen für ihr Alter. Sie studiert an der Universität und recherchiert in ihrer Freizeit die Geschichte von Cira, einer römischen Sklavin, die vor 2.000 Jahren gelebt hat und deren Gesicht Janes zum Verwechseln ähnlich ist. Jane träumt auch regelmäßig von Cira und ihrem Schicksal. Eines Tages entkommt sie nur knapp einem Entführungsversuch, wobei Mike, ihre Art kleiner Bruder von der Straße, der von Eves Mutter adoptiert wurde, ums Leben kommt.

Jane möchte die Mörder fangen, aber plötzlich taucht Trevor auf und überzeugt sie, dass alles wieder mit Cira und dem sagenumwobenen Goldschatz zu tun habe und nimmt sie mit auf seinen gegenwärtigen Stützpunkt, eine Burg in Schottland. Dort haben der ebenfalls etwas undurchsichtige, arme Burgherr MacDuff sowie der Übersetzer Mario bereits damit begonnen, nach dem Goldschatz zu suchen. Mario übersetzt Schriftstücke von Cira, die Hinweise darauf geben können. Plötzlich wird Marios Vater brutal ermordet, von den gleichen Verbrechern, die auch Mike auf dem Gewissen haben, nämlich von dem brutalen Grozak und einem Mann namens Reilly.

Hintergrund ist, dass Grozak durch Selbstmordattentäter den USA mit radioaktiven Terroranschlägen schaden will – die Selbstmordkandidaten für diese Anschläge soll Reilly liefern, der durch Gehirnwäsche intelligente, normale amerikanische Männer umprogrammiert. Im Gegenzug soll Grozak Reilly den Goldschatz und Jane liefern. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt – schafft Mario es mit seiner Übersetzung, dass die Truppe um Jane und Trevor den Schatz zuerst finden und die Attentate verhindern können?

Hintergrund
Dieser Roman ist der sechste innerhalb der sogenannten „Eve Duncan-Reihe“, die jedoch alle für sich eigenständige, abgeschlossene Geschichten enthalten. Wie so oft bei der Autorin Iris Johansen, treten Charaktere aus ihren anderen Romanen mit auf. Hauptfigur dieses Romans ist – auch wenn der Roman als Eve Duncan-Roman angekündigt ist – ihre Zieh-/Adoptivtochter Jane sowie der undurchsichtige, aber reiche Mark Trevor. Eve Duncan und ihr Mann Joe Quinn kommen eher am Rande vor. Jane und Mark Trevor haben sich bereits 4 Jahre in dem Roman “Im Profil des Todes” (siehe Rezension ebenfalls hier auf www.rezension.org) kennengelernt.

Fazit
Innerhalb der Reihe um Eve Duncan ist dies, auch wenn der Roman sich durchaus leicht und gut liest, sicherlich der schwächste. Die Story klingt auf den ersten Blick interessant, bleibt jedoch leider sehr oberflächlich und wird nie richtig spannend. In diesem Sinne ist das Buch wirklich kein Pageturner, bei dem man nicht einschlafen kann, ohne das Buch zu Ende gelesen zu haben, aber dennoch ist es eine nette, abwechslungsreiche Lektüre.

Etwas schade ist dabei aber die Tatsache, dass die Dialoge zwischen Jane und Trevor sehr häufig recht proletenhaft geraten sind, was zwar auf der einen Seite demonstrieren soll, wie hart und selbständig Jane ist und dass sie eben auf der Straße aufgewachsen ist, aber dies passt andererseits nicht zu der intelligenten jungen Frau, die in Harvard studiert. Die Charaktere sind jedoch jeder für sich durchaus überzeugend dargestellt.  Die Charaktere sind jedoch jeder für sich durchaus überzeugend dargestellt. Für Fans von Iris Johansen ist das Buch sicherlich ein Muß, aber es gibt im Allgemeinen bessere Thriller für das gleiche Geld.

Bodenlose Tiefe

Bodenlose Tiefe von Iris Johansen

Inhalt
Melis Nemid lebt auf einer einsamen Insel und arbeitet dort mit Delphinen, als sie eine Nachricht ihres Ziehvaters Phil erhält, die sie alarmiert und nach Athen zu ihm aufbrechen lässt, wo dieser mit seinem Schiff unterwegs ist, um verschollene und gesunkene Schiffe und ebenfalls verschollene, sagenumwobene Städte zu finden. Er jedoch möchte sich nicht mit ihr treffen, um sie nicht in Gefahr zu bringen. Im Gegenteil, er lässt ihr einen Brief zukommen, indem er ihr sein Schiff und seine Insel im Todesfall vermacht. Und wirklich, als sie sich seinem Boot nähert, auf das er sich zurückgezogen hat, muss sie aus der Ferne entsetzt mit ansehen, wie es explodiert.

Verstört kehrt sie auf ihre Insel zurück. In der Zwischenzeit hat der reiche, abenteuerlustige und auch an Expeditionen interessierte Jed Kelby mit ihr Kontakt aufgenommen, da er kurz vorher von Pete angesprochen worden war, die verschollene Stadt Marinth gemeinsam zu entdecken. Da er sich sowohl auf dem fachlichen Gebiet auskennt als auch durch seine SEAL-Zeit Erfahrung – und das nötige Geld – bei der Bekämpfung von Verbrechern hat, nimmt sie sein Hilfsangebot an. Zu recht, wie sich bald herausstellt: Schon kurz danach wird ihre beste Freundin Carolyn, die gleichzeitig ihre Therapeutin ist, brutal ermordet, und der Killer macht ihr in einem ersten Telefonanruf klar, dass er sie auch umbringen will, aber vorher würde er Informationen über Marinth von ihr haben wollen und sie foltern.

Melis, die als Kind traumatische Erfahrungen gemacht hat, ist zwar total verstört von den Drohungen des Killers, der sich dieses Wissen zunutze macht, aber gleichzeitig auch zornig und will ihn zur Strecke bringen – mit Hilfe von Jed. Im Gegenzug verspricht sie diesem, ihm bei der Suche nach Marinth zu helfen. In einer dramatischen Aktion werden die beiden fast zahmen Delphine, die bei Melis auf der Insel leben, nach Europa in die Nähe des vermuteten Marinth verschafft, damit diese bei der Suche helfen können. Doch der Killer ist ihnen dicht auf den Fersen und lässt sie nicht aus den Augen. Er schafft es, einen engen Mitarbeiter zu ermorden und macht Melis auch klar, dass er sich jederzeit an den Delphinen vergreifen könnte. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt, und Melis muss sich entscheiden, wie weit sie Jed trauen kann…

Hintergrundinformationen
Das Besondere am Schreibstil der amerikanischen Autorin Iris Johansen ist die Tatsache, dass viele ihrer Charaktere in mehreren Büchern auftauchen, wobei jedes Buch stets eine für sich abgeschlossene Geschichte darstellt. Es ist für das Verständnis der Handlung nicht notwendig, die anderen Geschichten auch zu kennen. Diese stilistische Vorgehensweise, die Charaktere mehrfach auftreten zu lassen, ohne dass es sich notwendigerweise um eine Reihe handelt, macht die Charaktere glaubwürdig und bringt sie den Lesern nahe. Die Protagonistin Melis hier in diesem Buch beispielsweise wurde erstmals eingeführt in dem Band „Was der Wind erzählt“ (Titel der Originalausgabe „Reap the Wind“) von 1991 und trat dann nochmals in „Geruch der Angst“ (2003 erschienen) auf.

Fazit
Wieder einmal ein absolut spannender Thriller von Iris Johansen! Die Geschichte ist spannend, die Charaktere interessant und sehr gut herausgearbeitet, die Übersetzung liest sich flüssig. Uneingeschränkt empfehlenswert!

Die Schuld des Tages an die Nacht

Die Schuld des Tages an die Nacht von

Inhalt
In diesem Jahr wird alles besser. Younes’ Vater hat es geschafft. Die Ernte wird gut, das Getreide steht hoch. Im Algerien der 1930er Jahre ist es nicht einfach als Bauer selbstständig zu sein. Krankheiten und die Schikane der französischen Großgrundbesitzer machen den unterdrückten Algeriern das Überleben schwer. Younes’ Vater redet nie viel, aber nun begibt er sich ins Dorf und fragt nach Erntehelfern. Doch drei Tage vor der Ernte brennen die Felder lichterloh. Neid und Verrat haben ihr Ziel erreicht. So bleibt dem Vater von Younes nichts mehr als sein Leben und das seiner Familie. So gedemütigt finden sie sich in einem dreckigen Vorort von Oran, einer alten Hafenstadt in Westalgerien wieder. Der Vater versucht vergeblich eine Arbeit zu finden, die die Familie, Younes Frau und zwei Kinder, ernährt. Ungerechtigkeit und Pech kleben an seinen Sohlen.

Younes neues Leben beginnt
Younes’ Onkel Mahi lebt schon länger in Oran. Er ist Apotheker und wohnt mit seiner Frau in einem französischen Viertel. Als die Situation immer dramatischer wird, bringt der Vater Younes zu seinem Bruder, um ihm eine Ausbildung und Zukunft zu geben, die der Vater nicht ermöglichen kann. Von seinem Onkel wird Younes warmherzig aufgenommen und für seine Tante, einer Französin, wird er zu Jonas. Von da an geht es Younes/Jonas besser, er geht zur Schule und hat ein besseres Leben als die Bewohner von Djenane Djato, dem heruntergekommenen Viertel, in dem seine Mutter und seine Schwester auf den Vater warten, der auf Arbeitssuche ist, und vergeblich auf bessere Zeiten hoffen.

Younes Onkel ist ein belesener, gelehrter Mann und neben seiner Apotheke engagiert er sich für sein Land. Als 1945 der Zweite Weltkrieg zu Ende geht, hofft die algerische Bevölkerung, nun von der französischen Kolonialherrschaft befreit zu werden. Bitter ist da die Erkenntnis, dass Frankreich „sein“ Algerien nicht aufgeben will. Am 8. Mai 1945 kommt es zu den bekannten Aufständen in Setif und anderen Orten, die auf algerischer Seite tausende Todesopfer forderten. Younes Onkel muss daraufhin im Gefängnis Verhöre unter Folter ertragen.

Das Leben in Rio Salado
Nach der Entlassung aus der Haft zieht der Onkel mit seiner Frau und Jonas nach Rio Salado, rund siebzig Kilometer westlich von Oran. Hier leben Spanier und in Algerien geborene Franzosen, die sogenannten „Pieds noir“ gemeinsam mit wenigen Algeriern vom Wein- und Obstanbau. Die Apotheke kommt in Schwung und Jonas wächst mit den Kindern des Ortes heran und lernt ebenfalls den Apothekerberuf. Die Jahre gehen dahin. Der Wein- und Obstanbau beschert Rio Salado reichliche Ernten und so geht es den Bewohnern gut, was sie mit vielen Festen und Bällen zum Ausdruck bringen.

Jonas und Emilie
Jonas erlebt seine Jugendzeit unbeschwert mit seinen Freunden, bis die Liebe in ihre Welt einbricht. Alle vier Freunde erleben mit der Liebe ihr Schicksal, erfüllt und nicht erfüllt. Jonas Liebesleben will nicht so recht in Schwung kommen, bis eines Tages eine hübsche junge Französin nach Rio Salado kommt, Emilie. Jonas Leben nimmt eine neue Wendung. Was hat das Schicksal mit ihm vor?

Zeit der Veränderungen
Eigentlich hätte die Zeit im Glück für Rio Salado so schön weitergehen können. Doch das gute Leben der Einwohner von Rio Salado wurde auf dem Rücken der berberischen und arabischen Bevölkerung gebaut. Ihnen wurde ihr Land weggenommen als 1830 die Franzosen und mit ihnen andere Europäer in Algier einfielen und sie zu ihren Dienern machen. 1954 ist es endlich so weit und die unterdrückte algerische Bevölkerung beginnt sich zu wehren und erreicht unter großen Verlusten und Leid am 5. Juli 1962 ihre Unabhängigkeit. Auch Jonas spürt die Veränderungen und weiß manchmal nicht, ob er eher seinen Freunden oder seinen Landsleuten näher steht, bis Djelloul, einer der Unabhängigkeitskämpfer, seine Hilfe braucht.

Fazit
In dem Algerier Younes und der Französin Emilie spiegelt sich das Schicksal von Algerien und der einstigen Kolonialmacht Frankreich wieder. Neben dem persönlichen Leben von Younes schildert der großartige Autor Khadra die politische Situationen Algeriens von 1930 bis 1962 und gibt am Ende einen Rückblick auf das damalige Geschehen durch einen Sprung in das Jahr 2008. Er verwebt die Figuren des Romans mit der bewegenden und oft leidvollen Geschichte Algeriens.

Ein fesselnder, brillant geschriebener Roman eines Autoren, der das Leben in Algerien und Frankreich bzw. Europa kennt. Algerische Militärangehörige wurden verpflichtet, schriftliche Veröffentlichungen der Zensurbehörde vorzulegen. Deshalb schreibt Khadra auch unter dem Namen seiner Frau, denn als Offizier der algerischen Armee konnte Mohammed Moulessehoul seine Romane nicht veröffentlichen. Schon früh wird er von seinem Vater einem militärischen Umfeld anvertraut, um ihm damit eine Karriere in der Armee zu ermöglichen. Inzwischen werden seine Bücher in 39 Sprachen übersetzt. Für den Roman „Die Schuld des Tages an die Nacht“ erhielt Moulessehoul 2008 den wichtigsten Literaturpreis Frankreichs.

Der Geruch der Angst

Der Geruch der Angst von Iris Johansen

Inhalt
Die Fotoreporterin Alex Graham soll von einer Naturkatastrophe in Colorado, einem Dammbruch, berichten. Als Freundin von Sarah mit ihrem Leichenspürhund Monty hilft sie jedoch zunächst, die Verschütteten zu suchen und gerät dann in Gefahr und wird verletzt, weil sie bei der Suche nach eindrucksvollen Fotomotiven Verbrechern in die Quere kommt, die dann sie jagen. Ihre Freundin Sarah besucht sie im Krankenhaus und holt sie danach auch ab; auf der Fahrt nach Hause wird auf die beiden Frauen geschossen, Sarah wird schwer verletzt.

Ihr Ehemann Logan kommt nun auch an den Ort des Geschehens und achtet darauf, dass nun keiner mehr an Sarah herankommt. Um einerseits Alex zu schützen und andererseits von Sarah fernzuhalten, damit diese nicht mit in die Verstrickungen gerät, lässt er über seinen Freund Galen eine Art Bodyguard (Judd Morgan) organisieren, der dafür sorgen soll, dass Alex nichts passiert. Und in der Tat versuchen die Verbrecher Alex auszuschalten, so dass Judd mit einem Trick Alex entführt und dann gemeinsam mit ihr die Verbrecher jagt. Kompliziert wird es, als die auf höchster Ebene sitzenden Verbrecher plötzlich Alex zur Hauptverdächtigen machen, so dass nun sie auf der Flucht ist.

Hintergrundinformationen
Die Autorin Iris Johansen hat hier einen zunächst von der bekannten Eve Duncan Serie unabhängigen Roman vorgelegt. Leser dieser Reihe erkennen jedoch in Sarah und ihrem Ehemann Logan sofort die besten Freunde von Eve Duncan wieder, so dass sich die Geschichten hier auf interessante Weise miteinander verbinden. Aber auch Leser, die die Eve Duncan Reihe nicht kennen, können der Geschichte problemlos folgen. Zeitlich gesehen ist der hier vorliegende Roman 2003 im Original veröffentlicht worden, also etwa zur gleichen Zeit wie „Mädchensammler“ und „Knochenfunde“ aus der Duncan-Reihe.

Fazit
Es handelt sich (wie immer bei Johansen) um einen sehr lesenswerten, interessanten und spannenden Roman. Vor allem macht es Spaß, dass Johansen immer wieder bereits eingeführte Nebencharaktere aufgreift und aus diesen – unter Einbeziehung der alten und bekannten Charaktere – neue Geschichten strickt. In diesem Roman verarbeitet sie – wie auch viele andere US-amerikanische Autoren – auch die traumatischen Ereignisse des 11. Septembers 2001.

Die Charaktere in diesem Roman sind sogar besser beschrieben und man kommt ihnen näher, als dies in den Eve-Duncan-Romanen zunächst der Fall ist. Insbesondere in die Figur der Alex, aber auch von Judd, kann man sich schnell und gut hineinversetzen, sie wirken sehr glaubwürdig. Schwächen des Romans lassen sich leider wieder bei der Übersetzung finden, sei es, dass Adjektive in einen falschen Kontext gesetzt und als Modaladverb verwendet werden (Seite 252, „aber sie haben sich natürlich geothermische Quellen zunutze gemacht“), sei es, dass wie auf Seite 240 das Wort“brauchen“ nicht mit erweitertem Infinitiv verwendet wird, im Verlauf des Romans finden sich (leider) zahlreiche weitere Fehler.

So gibt es etwa für das Ministerium „Homeland Security“ eine offizielle deutsche Übersetzung, die man problemlos hätte verwenden können.  Schade, daß die Verlage heutzutage auf korrekte Sprache offenbar keinen Wert mehr legen – dabei leben Sie vom geschriebenen Wort! Sicherlich kommt der Übersetzung auch nicht gerade zu Gute, dass gleich 2 Übersetzer am Werk waren.

Wie in bisher allen Romanen, in denen Logan vorkommt, ist seine Figur die am wenigsten überzeugende und seine Handlungen sind oft unlogisch. Zugute halten kann man in diesem Kontext der Autorin jedoch, dass die Geschichten jeweils einen Geldgeber und „Strippenzieher“ auf höchster Ebene benötigen, da es ansonsten noch schwieriger wäre, die Hauptfiguren ihrer Romane, die ja nie Polizisten oder sonstige offizielle Organe sind, solch schwierige Situation meistern zu lassen. Insgesamt also ein wieder wirklich tolles Buch, spannend geschrieben ohne zu brutal zu sein.

Im Profil des Todes

Im Profil des Todes von Iris Johansen

Inhalt
In einer verlassenen Gegend werden mehrere Skelette, unter anderem von kleinen Kindern, gefunden. Joe, der jede Gelegenheit nutzt, um bei solchen Ereignissen dabeizusein, um Eve zu helfen, schafft es, dass Eve den Auftrag zur Gesichtsrekonstruktion erhält, um die Leichen zu identifizieren. Der leitende Profiler für die Funde ist Spiro, der sich mit Joe und Eve daran macht, den Mörder zu finden. Parallel wird die Handlung aus Sicht des (unbekannten) Mörders geschildert, der seit Jahren sein Unwesen treibt und quasi das „perfekte“ Verbrechen sucht und verübt.

Der Leser erfährt, dass er auch Eves Tochter ermordet hat und einen immer größer werdenden Hunger nach Spannung und Mord hat und sich daher immer komplexere Szenarien ausdenkt. Joe entdeckt aufgrund der jüngsten Morde und einiger Hinweise von der Polizei aus Europa, dass der Mörder offenbar ein gewisses Schema hat und die Kinder Eves toter Tochter Bonnie ähneln. Sie finden heraus, dass es in Atlanta ebenfalls ein kleines Mädchen namens Jane gibt, auf die es der Mörder abgesehen hat. Jane ist 10 Jahre alt, Waise und lebt bei einer Pflegefamilie. Sie hat – ähnlich wie Eve – eine schwere Vergangenheit in verschiedenen Pflegefamilien hinter sich, was sie jedoch sehr selbstbewusst und reif für ihr Alter gemeistert hat.

Joe und Eve schaffen es leider nicht, Eves nette Pflegemutter davon zu überzeugen, dass Jane in Gefahr ist, und so hat der Mörder leichtes Spiel, zunächst die Pflegemutter zu ermorden. Sie nehmen Jane – juristisch unbefugterweise – mit, um sie zu schützen, werden aber nun wegen Kindesentführung gesucht, was ihre Arbeit nicht gerade erleichtert. Nach und nach entsteht ein enges Band zwischen Eve und Jane – genau das, was der Mörder beabsichtigt hat, damit es Eve umso mehr weh tut, wenn er dann Jane ermordet…

Hintergrund
Dieses Buch ist der zweite Band aus der Reihe um Eve Duncan, eine der besten Gesichtsrekonstrukteurinnen der Welt. Er ist jedoch, wie auch die anderen Bände, auch allein verständlich, man muss also nicht den ersten Band gelesen haben, um die Story und die Hintergründe zu verstehen. Eves Tochter wurde, als diese noch ganz klein war, ermordet; ihre Leiche wurde bislang nicht gefunden was einer der Hauptgründe für Eve war, diesen Beruf zu ergreifen, sowohl um eines Tages ihre Tochter identifizieren und ordentlich begraben zu können als auch, um anderen Eltern verschwundener Kinder diese Möglichkeit zu geben. Hauptakteure neben Eve ist wieder vor allem Joe Quinn, Ex-FBI-Agent und ehemalige Navyseal, der Eve nicht nur als Freund zur Seite steht.

Fazit
Es ist wieder ein sehr spannender Roman mit interessanten neuen Wendungen, vor allem, weil man parallel immer wieder die Denkweise des Mörders erfährt und hofft, dass dies Eve und Joe auch erfahren, damit ihnen nichts zustößt. Alles in allem ist es wieder ein sehr empfehlenswertes Buch; das einzige, was mich in der Logik immer ein wenig stört, ist, dass die Identifikation der Leichen angeblich nur bzw. besser durch Gesichtsrekonstruktion möglich ist.

Die Autorin baut zwar immer einen Grund in die Geschichte mit ein, warum die viel logischer und sicherer erscheinende DNA-Analyse in diesem Fall nun gerade nicht möglich ist, aber es bleibt doch immer etwas Restskepsis. Andererseits sind die Geschichten von Iris Johansen gerade dadurch spannend und abwechslungsreich, dass es eben kein typischer Krimi ist, in dem ein genialer Polizist, Profiler oder Kriminalist den Fall löst, sondern eine mit Alltagsproblemen belastete „Privatperson“.

Komm, dunkle Nacht

Komm, dunkle Nacht von Iris Johansen

Hintergrund
Dieses Buch ist ein Roman aus der Reihe um Eve Duncan, einer bekannten Gesichtsrekonstrukteurin, die ihre Tochter verloren hat, als diese 7 Jahre alt war. Seitdem hat sie sich aus einer schwierigen Vergangenheit mit einer cracksüchtigen Mutter und einem schlechtem sozialen Umfeld hochgearbeitet und versucht, mit Hilfe ihrer Tätigkeit, anderen Eltern ihre Kinder „zurückzugeben“ (indem sie bei unbekannten Leichen die Gesichter rekonstruiert). Gleichzeitig versucht sie, ihre ebenfalls noch immer vermisste Tochter wiederzufinden. Der hier vorliegende Roman ist der dritte aus der Reihe um Eve Duncan. Jede Folge ist, dank Rückblenden und geschickt eingebauter Erläuterungen aber immer auch für sich einzeln problemlos zu verstehen, so dass man kein Problem hat, in die jeweils in sich abgeschlossenen Handlungen einzutauchen.

Die Hauptakteure entwickeln sich weiter und tauchen immer wieder auf, und auch der rote Faden um Eve Duncans tote Tochter Bonnie, mit der sie noch immer Zwiesprache hält und die Suche nach ihrer Leiche, bleibt bestehen. Auch Joe Quinn und Logan, ersterer mittlerweile Eves Lebensgefährte und letzterer ein guter Freund und hilfreicher Unternehmer-Millionär, sind stets mit von der Partie. Obwohl der Klappentext des Buches nur von Sarah Patrick, einer Hundeführerin, mit ihrem Suchhund „Monty“ spricht, ist es ein Eve-Duncan-Roman, auch wenn weite Teile der Geschichte von Sarah und ihrem Hund handeln.

Inhalt
Logan macht in einem seiner geheimen Forschungslabors in Santo Camaro die Entdeckung, dass sein Erzfeind Rudzak (dieser hat unter anderem Logans erste Frau Chen Li getötet) dieses gesprengt und viele seiner Mitarbeiter getötet oder verletzt hat. Logans Mitarbeiter Bassett wurde entführt, und diesen möchte er wiederfinden, bevor Rudzak bei weiteren seiner Einrichtungen noch mehr Schaden anrichten kann. Da er stets nur die besten Spezialisten eines Faches auswählt (so hat er auch damals Eve kennengelernt), fällt seine Wahl auf Sarah Patrick und ihren Hund Monty – er muss sie nur noch überzeugen.

Beide sind gerade erst von einem Einsatz in der Türkei zurück, wo Monty nach vermissten Menschen nach einem Erdbeben gesucht hatte. Der Golden Retriever Monty hat eine besonders feine Nase und ist daher stets sehr erfolgreich, auch wenn es ihn stark mitnimmt, wenn er Leichen findet. Zunächst jedoch treffen sich alle Akteure bei der Beerdigung von Bonnie, da diese anhand der DNA-Analyse, die Joe Quinn von der Leiche des letzten Abenteuers hat machen lassen, identifiziert wurde. Eve kann nun beruhigt endlich ihre Tochter gehen lassen und sich auf ihre Adoptivtochter Jane besser konzentrieren, die sie diese aus einem schwierigen sozialen Milieu mit verschiedenen Pflegeeltern geholt hat.

Nachdem Logan Sarah „überzeugt“ hat (eher mithilfe von Erpressung), fliegen die beiden in den Dschungel, um Basset zu suchen. Rudzak hat jedoch einen Maulwurf in Logans Team eingeschleust, und so müssen die beiden und der Hund zahlreiche Fallen überstehen, eine davon ist sogar ein Erdrutsch in Taiwan, bei dem Monty ebenfalls eingesetzt wird.

Fazit
Der Roman ist wiederum sehr spannend geschrieben (auch wenn natürlich, wie bei solchen Thrillern üblich, viele Ereignisse deutlich dem Reich der Fantasie entspringen) und es ist eine sehr schöne Abwechslung bzw. Erweiterung der Serie, diesmal Sarah Patrick und Logan die Haupthandlungen zu überlassen. Der Hund Monty und seine wirklich liebenswerten Interaktionen mit seinem Frauchen werden sicherlich viele Leserherzen erweichen können. Jeder, der Hunde hat, wird mit Monty sich freuen und mitleiden und mitfiebern bei der Suche nach vermißten Menschen, die eventuell noch zu retten sind.

Die verschiedenen Plätze der Handlung sind geschickt miteinander verwoben, auch die Geschichte um Eve und ihre Adoptivtochter entwickelt sich weiter und natürlich gibt es am Ende ein Happy End, wenn auch nicht für alle Personen… Erfrischend ist, daß es sich nicht um einen klassischen Detektiv- oder Ermittlerroman handelt, auch wenn Joe Quinn als ehemaliger SEAL natürlich Polizeiarbeit einfließen läßt, sondern eben verschiedene “normale” Personen in gefährliche Situationen geraten und sich diesen stellen. Alles in allem kann man das Buch sehr empfehlen – als Teil der Reihe um Eve Duncan, aber auch sehr gut allein.

Der Mädchensammler

Der Mädchensammler von Iris Johansen

Hintergrund
Dieses Buch ist der fünfte Roman um die Gesichtsrekonstrukteurin Eve Duncan, die gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Joe Quinn und ihrem Freund und Unternehmermillionär Logan sowie ihrer mittlerweile fast erwachsenen Adoptivtochter Jane gefährliche Abenteuer besteht.

Inhalt
In diesem Buch ist Jane, die mittlerweile 17-jährige Adoptivtochter von Eve, Hauptgegenstand der Handlung. Ein geistesgestörter, aber dennoch sehr intelligenter Mann namens Aldo tötet Frauen und zieht ihnen mit einem Skalpell das Gesicht ab. Sein Vater war Archäologe und besonders von der antiken „Cira“ so besessen, dass er darüber seinen Sohn vernachlässigte. Daher ermordet Aldo nun Frauen, die dieser „Cira“ ähnlich sind (daher der Titel „Der Mädchensammler“), um die Welt von „Cira“ zu befreien. Unglücklicherweise sieht Jane am meisten nach Cira aus und hat zudem eine starke Aura, strahlt Selbstbewusstsein aus und soll daher das „Meisterstück“ von Aldo werden.

Der attraktive Lebemann Trevor, der Aldo von früher kennt und diesen vernichten will, macht sich daher mit der Familie bekannt, um Aldo zu stellen. Jane bekommt bereits seit einiger Zeit Alpträume um einen dunklen Tunnel und einen Vulkanausbruch, und es stellt sich heraus, dass sie auf irgendeine Weise mit „Cira“ verbunden ist. Sie will sich von Aldo nicht einschüchtern lassen, sondern überlegt sich zusammen mit Eve, Joe und Trevor, wie sie ihm eine Falle stellen kann (hier kommt Eves Spezialgebiet, die Gesichtsrekonstruktion, ins Spiel). Trevor, der von Jane sehr fasziniert ist, aber versucht, ein rücksichtsloses und geldgieriges Bild von sich selbst zu präsentieren, reist daher nach Italien in die Gegend des Vesuvs, wo „Cira“ vor 2000 Jahren gelebt hat, und bereitet die Falle vor. Aldo weiß jedoch so viel von Jane und ihrer Familie und ist stets aktuell über deren Schritte informiert, dass es sehr gefährlich für alle wird.

Fazit
Wiederum ein sehr gelungener Roman um Eve Duncan. Was an den Romanen um Eve Duncan immer wieder gefällt, ist, dass es nicht jedes Mal nur Geschichten um Eve sind, sondern dass Eve jeweils zwar eine wichtige Rolle spielt, die Handlung aber nach und nach auf andere Hauptakteure ausgeweitet wird. So kommt stets ein anderer Aspekt mit in die Bücher, die sowohl in Serie gelesen als auch jedes für sich interessant und problemlos verständlich sind.

Etwas schade und ärgerlich ist, dass es jeweils andere Übersetzer in der Reihe sind, so dass am Anfang des Buches der Eindruck entsteht, dass der Übersetzer die Folgen vorher nicht kennt, da auf dem Klappentext die Rede davon ist, dass Eves tote Tochter, die im Band „Komm, dunkle Nacht“ beerdigt wurde, noch immer vermisst sei. Erst nach zahlreichen Seiten klärt sich auf, dass Joe damals, als das Skelett gefunden wurde, die Beweismittel bzw. die Analyse, die bestätigten, dass es sich um Bonnie handelte, manipuliert hat, um Eve endlich die Ruhe zu geben, ihre Tochter gefunden zu haben und beerdigen zu können. Dies hätte man deutlich besser am Anfang darstellen können, um dem Leser unnötige Verärgerung zu ersparen. Ansonsten ist „Der Mädchensammler“ wieder ein absolut lohnender Thriller von Iris Johansen.

Boxhagener Platz

Boxhagener Platz von Torsten Schulz

Inhalt
Oma Otti hängt der zweifelhafte Ruf an, die Männer ins Grab zu bringen. Schließlich war sie schon fünfmal verheiratet, und alle ihre Ehemänner hat Oma Otti überlebt. Nun ist sie bereits zum sechsten Mal verheiratet, doch der „aktuelle“ Ehemann von Oma Otti, Rudi, hat seine besten Zeiten auch schon hinter sich. Ist es da verwunderlich, dass Oma Otti sich schon einmal „umschaut“? Doch Oma Ottis Suche nach einem neuen Mann wird eines Tages jäh unterbrochen: Der alte Fischhändler Winkler wird umgebracht – mit einer Bierflasche.

Im Viertel rund um den Boxhagener Platz geht es daraufhin drunter und drüber, und die Spekulationen um den Tod von Fisch-Winkler schießen alsbald wild ins Kraut. Wurde Fisch-Winkler aus Eifersucht umgebracht? Oder handelt es sich bei dem Mord gar um ein Komplott aus dem Westen? Einige Bewohner des Viertels, darunter Karl Wegener, der neue Liebhaber von Oma Otti, versuchen Holger, dem Ich-Erzähler des Romans jedenfalls weiszumachen, dass für den Mord nur die „wahren Kommunisten“ aus dem Westen verantwortlich sein können.

Wer diese „wahren Kommunisten“ eigentlich genau sind, weiß Holger selbst nicht so genau, er hat nur gehört, dass die Studentenrevolten in West-Deutschland von diesen Leuten angeführt werden. Von all diesen Dingen erzählt „Boxhagener Platz“ – es geht um einen mysteriösen Mord, um die politischen Zustände im Ost-Berlin der späten 60er Jahre und nicht zuletzt um viele skurrile Gestalten, die sich in diesem Ost-Berlin eingerichtet haben.

Ein reichlich turbulenter und zum Brüllen komischer Ostberlin-Roman
Torsten Schulz legt mit „Boxhagener Platz“ einen Debütroman vor, dessen Handlung zwar ausschließlich in Ost-Berlin stattfindet, jedoch grenzt sich der Roman dabei wohltuend von den momentan populären, aber häufig leider nicht wirklich lesenswerten „Ostalgie-Werken“ ab. Dem Autor gelingt es immer wieder, die politischen Verhältnisse und Ereignisse in Ost- und West-Deutschland am Ende der 60er Jahre mit spitzen Bemerkungen zu karikieren, doch Schulz versteht es, niemals zu tief in den Bereich der Politik „abzudriften“.

Die Geschichte rund um die Familie von Holger, die im Wesentlichen aus seinen Eltern und der spitzzüngigen Oma Otti besteht, steht dabei stets im Mittelpunkt der Erzählung, und die Bemerkungen über die politische Situation des Landes sind vielmehr „Einordnung“ als Analyse oder Bewertung. Desweiteren ist der Roman im Grunde auch viel zu skurril und urkomisch, um als „gesellschaftskritisches Werk“ durchgehen zu können. Wie Schulz die Kindheitserlebnisse von Holger und seinen Freunden auf beeindruckend authentische und dennoch äußerst amüsante Weise beschreibt, wie er die einzelnen Charaktere gleichzeitig lebensecht und drastisch überspitzt darstellt und wie er einem relativ tristen Viertel Leben einhaucht – das ist große Kunst.

Fazit
Dem Roman „Boxhagener Platz“ gelingt das, was der Verfilmung des Romans leider nicht gelingt: Er beschreibt ein Stück ostdeutsche Zeitgeschichte, ohne dabei auf den „ausgelutschten Ostalgie-Zug“ aufzuspringen. Eine willkommene literarische Abwechslung zum üblichen „Ostberlin-Revival-Einheitsbrei“, kurzum: Ein leicht zu lesender, amüsanter und abwechslungsreicher Roman – empfehlenswert!

Sonntagsgeld

Sonntagsgeld von

Inhalt
Mit seinem ersten Roman „Sonntagsgeld“ stellt der niederländische Autor Philip Snijder ein Werk vor, in dem nicht die Handlung dominiert. Vielmehr schildert er das Leben, den Alltag, das Milieu der Insel Bickerseiland, dem „Arme Leute Viertel“ von Amsterdam. Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht eines 11-jährigen Jungen. Er wächst in der Familie seiner Mutter auf. Sein Vater gehört nicht dazu.

Er hat etwas gelernt, nämlich Schneider, und hebt sich dadurch von der Masse der Inselbewohner ab. Er kennt sich auch in der Musik ziemlich gut aus. Das hat ihm sein Lehrmeister beigebracht. Der knapp 200 Seiten umfassende Roman gliedert sich in acht Kapitel, nämlich „Das Schüttchen“, „Sonntagsgeld“, „Immer ‘hai’“, „Der Twist“, „Lumpen“, „Das Männchen ist der Jäger“, „Das Kanu“ und „Morgenstimmung“.

Alltag auf einer Insel
Die Kapitel sind jeweils in sich abgeschlossen und malen ein Bild vom Alltag der armen Leute, deren Lebensweise und zeigen auf wie sie wohnen und ihre Zeit verbringen. Im ersten Kapitel „Schüttchen“ findet der junge Erzähler ein solches, nämlich eine Ansammlung von Dreck und Abfall im Wasser, die zu einer kleinen Insel wird, die man betreten kann. Wenn man Pech hat, versinkt man im Schlamm. Der Junge schildert eine Hochzeit in der Großfamilie, die immer nach der gleichen Zeremonie abläuft. Familie wird ganz groß geschrieben und spätestens gegen Abend ist die Wohnung voll mit Tanten und Verwandten, oder die Mutter stattet selbst Besuche ab.

Er erzählt von der Schule, und dass er der Klassenbeste ist und eine höhere Schule besuchen wird. Als dies feststeht, gehört er plötzlich nicht mehr dazu. Er hat dasselbe Schicksal wie sein Vater. Er wird zum Außenseiter. Seine Verwandten gehen auf Distanz. Der Junge erzählt, wie er jeden Sonntag, frisch gestriegelt und herausgeputzt, bei seiner Tante das Sonntagsgeld abholt, was immer nach einem bestimmten Ritus abläuft und zwar ab Punkt 10:30 Uhr. Sie ist eine Art Patentante, die sich mehr oder weniger um ihn kümmert. Hier wird er zum ersten Mal mit dem weiblichen Geschlecht konfrontiert, und zwar durch ein Heft, welches Nacktfotos zeigt. Sobald seine Tante und der Onkel nicht mehr aufpassen, studiert er das Heft mit großem Interesse.

Fazit
Der Roman lohnt sich auf jeden Fall. Wir lernen eine Seite aus einem Nachbarland kennen, die uns in einem Urlaub nicht unbedingt begegnet, die es aber trotzdem gibt. Für die Lektüre brauchen Sie Zeit. Der Roman ist nicht unbedingt als Bettlektüre gedacht. Er würde sich sicherlich etwas leichter lesen lassen, wenn der Autor in kurzen, nicht so verschachtelten Sätzen schreiben würde.

Airport

Airport von Arthur Hailey

Inhalt
Die Geschichte spielt sich innerhalb von nur 6 Stunden auf dem (fiktiven) Flughafen Lincoln International in Illinois, USA ab. Der Flughafen ist zu diesem Zeitpunkt – wie auch der größte restliche Teil des Landes – in tiefem Schneechaos versackt, was natürlich Konsequenzen hat. Angefangen bei verspäteten Flügen über blockierte Landebahnen bis hin zu überarbeiteten Mitarbeitern – kurzum: An diesem Tag herrscht der Ausnahmezustand. Hauptdarsteller des Thrillers ist Mel Bakersfeld, der Generaldirektor des Flughafens, der sich wegen seiner privaten Eheprobleme lieber auf dem Flughafen als zu Hause aufhält, ansonsten jedoch ein sehr intelligenter, gradliniger und diplomatischer Mensch ist.

Mel erlebt zusammen mit Tanya, der Kundenbetreuerin von „Trans America“, Keith, einem Fluglotsen (der zufällig sein depressiver und überarbeiteter Bruder ist), Joe Patroni, einem Techniker sowie seinem Schwager Vernon Demerest, Pilot bei Trans America, einen Abend am Flughafen, an dem die Lage schon allein aufgrund des Wetters ernst genug ist. Die Lage spitzt sich zu, als der Leser erfährt, dass ein Passagier, der finanziell am Ende ist und keinen Ausweg mehr sieht, auf Kredit einen – damals sehr seltenen – Direktflug (mit Vernon als Pilot) nach Rom bucht, um über dem Wasser eine Bombe zu zünden, damit seine Familie dank einer zuvor abgeschlossenen Reiseversicherung versorgt ist.

Gleichzeitig spitzt sich die Situation aufgrund einer blockierten Lande- und Abflugbahn weiter zu. Die blockierte Lande- und Abflugbahn sorgt dafür, dass eine naheliegende Gemeinde, die sowieso schon über den Fluglärm erbost ist, mehr als sonst von Fluglärm betroffen ist und ausgerechnet an diesem Tag am Flughafen demonstriert. Da der Leser außerdem noch die persönlichen Probleme aller beteiligten Personen erfährt, spitzt sich die Situation mehr und mehr zu, zumal die Bombe tatsächlich gezündet wird und die Piloten an Bord darum kämpfen, die Maschine trotz der großen Schäden am Flugzeug noch sicher zu landen…

Hintergrund
Arthur Hailey, geboren 1920 in England und selbst ehemaliger Royal Air Force Pilot und späterer Mitarbeiter des britischen Luftfahrt-Ministeriums, hat diesen bekannten Roman bereits 1968 geschrieben. „Airport“ ist eine Mischung aus Krimi, Thriller und dezent eingefügten Fakten über die Luftfahrt, ihre Hintergründe und die Probleme im Luftverkehr. Trotz seines Alters ist der Roman auch heute noch sehr spannend und bietet einen sehr interessanten Einblick in die Luftfahrt von vor mittlerweile fast 40 Jahren. Der Leser wird entführt in eine Welt, in der es noch keine Computer gab, in der Sicherheit zwar ein Aspekt auf dem Flughafen war, aber – insbesondere in den USA als Spielort der Handlung – noch nicht ansatzweise im heutigen Sinne berücksichtigt wurde.

So konnten damals auch Nicht-Reisende noch ins Flugzeug steigen und sich etwa von Verwandten verabschieden, es gab noch keine Röntgenkontrollen und auch sonst wurde auf Flugsicherheit bzw. auf Terrorismusprävention kein gesteigerter Wert gelegt. Fast alle Probleme des Romans sind jedoch auch heute noch hochaktuell: So geht es in „Airport“ beispielsweise um Lärmschutzbestimmungen, Sicherheitskontrollen und Attentate. Das Sich-Hineinversetzen in die Verkehrsluftfahrt von vor 40 Jahren bietet dabei auch einen Einblick in längst vergessene Zeiten, in denen zweistellige Flugnummern und das manuelle Verschieben von Plastik-Flugzeugnummern auf den Radarschirmen noch selbstverständlich waren.

Fazit
Das Buch ist auch nach mehr als 40 Jahren noch sehr interessant und lesenswert, wenn man nicht unbedingt einen atemberaubenden rasanten Thriller a la Dan Brown oder John Grisham erwartet. Hailey verwendet noch einen Schreibstil der alten Schule, in der viel Wert auf die Beschreibung der Charaktere und die Genauigkeit der Beschreibung gelegt wird, während die einzelnen Handlungsstränge rund um die Katastrophen an und um den Flughafen auf der einen Seite und die Einzelschicksale der Protagonisten auf der anderen Seite unaufhörlich vorangetrieben werden. „Airport“ ist also auf seine eigene Art und Weise ein echter Page-Turner.

Auch für Technik-Laien sind die dezent eingearbeiteten Hintergrundinformationen über den Ablauf in einem Flughafen und den Arbeitsablauf bei den Fluglotsen und Piloten leicht zu lesen und nachzuvollziehen. Die vorliegende Übersetzung von Wilm W. Elwenspoek ist ebenfalls fast 40 Jahre alt und weist leider einige Mängel auf. So übersetzt er amerikanische Längenmaße (Meilen, Fuß) leider nur, anstatt sie in die für Deutsche einfacheren Maße wie Kilometer zu übertragen.

Darüber hinaus sind einige der verwendeten Fachbegriffe leider veraltet, und auch der damals noch gebräuchliche Begriff „Neger“ hätte in den neueren Auflagen geändert werden können, ein paar ärgerliche Rechtschreibfehler hätten in der Neuauflage von 1999 ebenfalls korrigiert werden können. Nichtsdestotrotz ist das Buch aufgrund seiner spannend geschriebenen Geschichte sowie der beunruhigend aktuellen Thematik äußerst empfehlenswert!

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